2003: Sieben DAX-Unternehmen wechseln den Vorstand aus
Gleich sieben DAX-Konzerne bekommen 2003 einen neuen Chef. Anleger interessiert dabei vor allem eines: Macht der Neue alles anders oder hält er am Kurs des Vorgängers fest?
von Thorsten Schüller
Wolfgang Reitzle versteht zu feiern. Der Top-Manager, verheiratet mit der ZDF-Journalistin Nina Ruge, ist ein oft gesehener Gast auf den Partys der High Society. Gleich zwei Gründe zum Anstoßen gibt es für Reitzle in der kommenden Silvesternacht: Neben dem Jahreswechsel kann er auf seinen neuen Job trinken. Ab 1. Januar ist der frühere BMW- und Ford-Manager Vorstands-Chef des Wiesbadener Mischkonzerns Linde.
Auch Dieter Rampl darf sich in der Neujahrsnacht ein Gläschen Champagner extra genehmigen. Denn mit Beginn des neuen Jahres wird er als Nachfolger von Albrecht Schmidt das Chefbüro der HypoVereinsbank, das zweitgrößte deutsche Geldinstitut, beziehen. Reitzle und Rampl sind die ersten von insgesamt sieben Managern, die 2003 ihre Karriere mit einem Sprung an die Spitze eines der 30 DAX-Konzerne krönen. Den beiden folgt am 1. Februar Harry Roels, der bei dem Essener Energieriesen RWE das Ruder übernimmt. Am 29. April tritt Michael Diekmann an die Spitze der Allianz, ab Anfang Mai wird Wulf Bernotat Chef des Düsseldorfer Energiekonzerns E.ON. Nur wenige Tage später, am 6. Mai, macht der Vorstands-Chef von Europas größtem Chemiekonzern BASF, Jürgen Strube, seinem Nachfolger Jürgen Hambrecht Platz. Am 18. Juni 2003 schließlich zieht sich der seit 1991 amtierende Lufthansa-Boss Jürgen Weber an die Spitze des Aufsichtsrates zurück und lässt seinen Vize, Wolfgang Mayrhuber, ran. Obwohl alle diese Personalwechsel lange geplant sind, stellen sie mehr als ein routinemäßiges Austauschen von Köpfen dar. Die neuen Männer an der Spitze prägen die künftige Strategie dieser Konzerne. Mitarbeiter, Kunden und Anleger fragen sich daher, welchen Führungsstil sie pflegen werden. Trifft der Neue den Nerv der Märkte, steigert er Umsatz, Gewinn und damit letztlich den Aktienkurs? Niemand weiß, wohin die Unternehmen nach dem Chefwechsel steuern werden. Ein Blick in die Biografie der Neuen verrät aber viel über Stil und Strategie.
Partys, Golf, Luxus-Autos und Maßanzüge - all das scheint das Leben des Wolfgang Reitzle (52), der schillerndsten Figur unter den Aufsteigern 2003, zu beherrschen. Doch im Gegensatz zu seinem Äußeren, das manche für zu geckenhaft halten, steht seine steile berufliche Karriere: Mit 25 Jahren hatte Reitzle den Doktortitel in der Tasche, mit 38 war er bei BMW Vorstandsmitglied für Forschung und Entwicklung, mit 49 wurde er bei Ford Chef der Premier Automotive Group. Dort bündeln die Amerikaner ihr Geschäft mit Nobelkarossen wie Jaguar und Aston Martin.
Mitarbeiter schildern Reitzle als energiegeladenen, motivierenden Manager. Bei BMW hat er mit diesen Qualitäten den Roadster Z3 entwickelt. Auch bei Linde dürfte er einiges bewegen. Die Mitarbeiter sollen nach seinen Vorstellungen keine Befehlsempfänger sein, sondern kreativ und eigenverantwortlich handeln. Der bisherige Linde-Chef, Gerhard Full, gibt sich überzeugt, in Reitzle den idealen Kandidaten für den Gas- und Engineering-Konzern gefunden zu haben: "Einen besseren Nachfolger könnte ich mir nicht vorstellen." Auch der Karrieresprung des künftigen HypoVereinsbank-Chefs Dieter Rampl wird innerhalb des Unternehmens von Sympathie begleitet. Der 55-jährige gebürtige Münchner und bisherige Vorstand für das Firmen- und Privatkundengeschäft gilt als anpackender Workaholic, der sich vom Lehrling der früheren Bayerischen Vereinsbank hochgearbeitet hat. Seine Macherqualitäten wird Rampl in seiner neuen Funktion auch gut gebrauchen können. Die Bank hat zu viele faule Kredite in ihren Büchern stehen, die Kosten sind zu hoch, der Aktienkurs hat schwer gelitten. Allein im dritten Quartal hat das Geldinstitut fast eine halbe Milliarde Euro Verlust eingefahren. Rampl skizzierte angesichts dieser Lage seine ersten Aufgaben so: Die Immobiliengeschäfte der HVB will er in einem eigenen Institut, der HVB Real Estate, bündeln. Und im Privatkundengeschäft droht angesichts einer zu geringen Profitabilität ein weiterer Stellenabbau.
Ein Start mit Hindernissen zeichnet sich für den künftigen RWE-Vorstandsvorsitzenden Harry Roels (53) ab. Kurz vor dem Amtsantritt des Niederländers Anfang März 2003 will der noch amtierende Chef des Energieriesen, Dietmar Kuhnt, die künftige Führungsstruktur des Konzerns festzimmern.
Der weit gereiste Roels ist allerdings Profi genug, mit dieser Brüskierung zurechtzukommen. 30 Jahre lang hat er beim Erdölkonzern Royal Dutch/Shell in sechs verschiedenen Ländern Karriere gemacht. 1999 wurde der Energie-Experte schließlich Vorstandsmitglied der Royal Dutch Petroleum Company und der Royal-Dutch-Shell-Unternehmensgruppe.
Roels internationale Erfahrung kann RWE jetzt gut gebrauchen. Standen die drei Buchstaben bislang bei vielen für "Ruhe, Wohlstand, Erholung", ist es an Roels, die von Kuhnt erworbenen ausländischen Wasser- und Stromkonzerne zu integrieren, die Kosten zu senken und die nicht zum Kerngeschäft gehörenden Unternehmensbeteiligungen wie Hochtief oder Heidelberger Druck zu verkaufen. Nicht zuletzt muss er den aus ehemaligen Stadtwerken entstandenen Energieriesen aus den Fängen der Politik befreien. Noch immer haben die Kommunen ein gewichtiges Wort bei RWE mitzureden.
Viel zu tun für den Vorstandsvorsitzenden gibt es auch bei der Allianz. Für die Börsianer war es jedoch eine Überraschung, als vor wenigen Tagen bekannt wurde, dass Henning Schulte-Noelle, der langjährige Chef des Versicherungsriesen, die Arbeit an der Spitze des Unternehmenes nur noch bis April machen wird. Michael Diekmann, der Nachfolger, ist in der Öffentlichkeit bislang kaum in Erscheinung getreten. Diekmann war zuletzt für die Personalentwicklung des Konzerns sowie das Geschäft in Nord- und Südamerika zuständig. Der Neue übernimmt den ehrwürdigen Versicherer in schweren Zeiten: Die Börsenflaute und der Kauf der Dresdner Bank 2001 haben in der Bilanz deutliche Spuren hinterlassen. Beobachter rätseln deshalb, ob der Neue das Allfinanzkonzept seines Vorgängers fortsetzen oder sich wieder ganz auf Versicherungen konzentrieren wird.
Arbeit für zwei wartet auf Wulf Bernotat (53). Denn wenn er am 1. Mai 2003 zum Vorstandschef des Düsseldorfer Energiekonzerns E.ON befördert wird, übernimmt er den Job von Ulrich Hartmann und Wilhelm Simson, die das Unternehmen bislang gemeinsam führten. Doch Bernotat weiß, wie man eine Firma managt. Als Vorstand von Veba-Oel und als Stinnes-Chef hat er die Fachwelt bereits überzeugt. Hinzu kommt, dass Bernotat internationale Erfahrung mitbringt - eine Qualität, die in dem weltweit aufgestellten Konzern besonders wichtig ist. Beliebt ist Bernotat auch, weil er zuhören und scharf analysieren kann. Mitarbeitern verlangt er zwar Höchstleistungen ab. Zugleich schätzen sie seinen Teamgeist und klaren Führungsstil. Legendär ist der "Mittagstisch", den Bernotat bei Stinnes eingeführt hatte. Regelmäßig setzte er sich mit Mitarbeitern verschiedenster Ebenen zusammen. Bernotat damals: "Ich will ein ehrliches Feedback der Mannschaft auf das, was wir im Elfenbeinturm entscheiden." Ein Prinzip, das auch der viel größeren E.ON gut tun würde. Auf Kontinuität setzt man beim Ludwigshafener Chemiekonzern BASF. Mit dem 55-jährigen Jürgen Hambrecht löst nach der Hauptversammlung am 6. Mai 2003 ein Chemiker und international erfahrener Manager den bisherigen Konzernlenker Jürgen Strube ab, der den schweren Chemie-Dampfer BASF eher mit feinen Korrekturen denn harten Ruderausschlägen auf Kurs gehalten hat. Zu erwarten ist, dass Hambrecht ebenfalls keine scharfe Wende einleiten wird. Der gebürtige Reutlinger ist mit den Gepflogenheiten und Geschäften des Konzerns bestens vertraut. Nach seiner Promotion begann Hambrecht seine berufliche Laufbahn 1976 im BASF-Kunststofflabor. 1985 wurde er Leiter für Forschung und Einkauf bei der BASF Lacke und Farben in Münster, der heutigen BASF Coatings. Anfang der 90er-Jahre verantwortete er schließlich den Bereich Technische Kunststoffe, 1995 verschlug es ihn als Leiter des Länderbereichs Ostasien nach Hongkong. Mit Hambrecht komme ein erfahrener Manager an die Spitze, loben Konzernkenner die Personalwahl.
Auch bei der Deutschen Lufthansa übernimmt ein Mann das Steuer, der den Konzern in- und auswendig kennt. Allerdings muss Wolfgang Mayrhuber (55), bislang stellvertretender Vorstands-Chef der Kranich-Linie, schneller als erwartet in das Amt des Konzernlenkers schlüpfen. Der bisherige Vorstandsvorsitzende Jürgen Weber will sein Amt bereits zur Hauptversammlung im Juni 2003 aufgeben, obwohl sein Vertrag noch bis Ende nächsten Jahres läuft. Mayrhuber, der seit 1970 bei Lufthansa tätig ist, 1994 die Verantwortung für den Bereich Lufthansa Technik übernahm und seit 2001 das größte Lufthansa-Geschäftsfeld "Passage" leitet, übernimmt einen gut aufgestellten und profitablen Konzern.
Dennoch warten auf ihn Herausforderungen: Vor allem muss er eine Antwort auf die Billigflieger finden. Die 24,9-prozentige Beteiligung der Lufthansa an Eurowings, die die Aldi-Airline Germanwings betreibt, kann noch nicht die endgültige Lösung dieses Problems sein. «
Wolfgang Mayrhuber übernimmt ein Jahr eher als geplant den Steuerknüppel bei der Lufthansa. Ein Knochenjob für den 55-Jährigen: Die Airlines sind weltweit wegen der schwachen Konjunktur und der Angst vor einem Irak-Krieg unter Druck.
Wolfgang Reitzle: Der künftige Linde-Chef ist eine der schillerndsten Figuren der Managerszene. Problemlos verbindet der stets elegant gekleidete Manager Partys und beruflichen Erfolg. Gut möglich also, dass in der Konzernzentrale in Wiesbaden bald ein frischer Wind weht.
Jürgen Hambrecht: Kontinuität in der bedächtigen Konzernstrategie dürfen Anleger erwarten, wenn der Chemiker im Mai Chef der BASF wird. Hambrecht kennt das Unternehmen seit 26 Jahren. Beobachter erwarten, dass der 55-Jährige die Strategie von Vorgänger Jürgen Strube im Wesentlichen fortführen wird.
Wulf Bernotat: Der frühere Stinnes-Chef löst am 1. Mai bei E.ON die Doppelspitze Hartmann-Simson ab. Bernotat gilt als Team-Mann und hat sein Ohr nah an der Belegschaft: Bei Stinnes pflegte er den Mittagstisch mit Mitarbeitern. Der 53-Jährige wird die Strategie der Internationalisierung von E.ON vermutlich fortführen.
Dieter Rampl: Ab Januar 2003 steht der Mann mit den ausgewiesenen Macherqualitäten an der Spitze der HypoVereinsbank. Rampl kennt das zweitgrößte deutsche Kreditinstitut gut - seine Laufbahn begann er als Lehrling der Bayerischen Vereinsbank. Zuletzt war er im Vorstand für das Firmen- und Privatkundengeschäft zuständig.
Michael Diekmann: In der Öffentlichkeit ist der 48-Jährige bislang kaum in Erscheinung getreten. Doch das dürfte sich schon sehr bald ändern. Der Posten an der Spitze des Münchner Versicherungs- und Finanzriesen Allianz ist einer der wichtigsten und einflussreichsten, die in Deutschland zu vergeben sind.
Harry Roels: Anfang März übernimmt der ehemalige Royal-Dutch-Shell-Manager den Vorstandsvorsitz bei RWE. Für die Essener ist das eine kleine Revolution: Der Niederländer Roels ist der erste Ausländer auf dem Chefsessel.