Dabei spielten wie schon bei der ersten Zinserhöhung seit fünf Jahren im Dezember die Konjunktur- und Inflationsprognosen des EZB-Stabes eine entscheidende Rolle, erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters aus den europäischen Notenbankkreisen. In einer Reuters-Umfrage hatten unlängst die Analysten darauf getippt, dass der EZB-Leitzins noch im ersten Quartal 2006 um einen Viertelprozentpunkt auf dann 2,5 Prozent und im dritten Quartal um weitere 25 Basispunkte steigt.
Auf die Möglichkeit einer Zinserhöhung im März und im September angesprochen sagte ein mit den Diskussionen in der EZB vertrauter Vertreter einer nationalen Notenbank: "Das ist sehr wahrscheinlich. Sie werden springen - eine jetzt (am 1. Dezember), eine im März und eine im September." Ein anderer Notenbanker sagte, die insgesamt dritte Zinserhöhung könnte schon im Juni anstehen. Besonderes Gewicht gebe EZB-Chef Jean-Claude Trichet dabei den Inflationserwartungen. Trichet werde die Zinsen schnell erhöhen, wenn die Inflationserwartungen wieder steigen sollten. Die quartalsweise aktualisierten Prognosen der EZB würden jeweils eine gute Begründung liefern.
Schon die erste Zinserhöhung im Dezember hatte auf den neuen EZB-Projektionen basiert, dass die Inflation sowohl 2006 als auch 2007 über der EZB-Stabilitätsmarke von knapp unter zwei Prozent liegen wird. Zuletzt starke Konjunkturdaten vor allem aus Deutschland haben die Erwartung genährt, dass die EZB in den ersten Monaten 2006 zumindest noch einmal die Zinsen erhöht.
Ein weiterer Notenbanker betonte ebenfalls die Bedeutung der EZB-Projektionen. "Sie müssen sehr vorsichtig sein und sie müssen auf Nummer Sicher gehen." Der Bezug zu den Prognosen würde keine Zweifel an der Berechtigung für eine Erhöhung aufkommen lassen. Diese dritte Person rechnet mit einem Leitzins von drei Prozent am Ende des kommenden Jahres.
Der Zinsschritt im Dezember war auf heftige Kritik von Gewerkschaftern und Politikern gestoßen, die nun die EZB mit Nachdruck vor weiteren Erhöhungen warnen. EZB-Präsident Trichet hat wie eine Reihe von Ratsmitgliedern klar gemacht, dass dem ersten Zinsschritt nicht automatisch eine Serie von Anhebungen im Stile der US-Notenbank Fed folgen wird. Allerdings haben vor allem die Verfechter einer strikteren Geldpolitik - darunter Otmar Issing und Axel Weber - betont, dass die Notenbank jederzeit handeln werde, wenn sie die Preisstabilität in Gefahr sieht.
Die EZB halte sich noch alle Möglichkeiten offen, weil die Datenlage noch nicht sicher genug sei, sagte der dritte Notenbank-Vertreter. "Sie wollen die Tür nicht verschließen." Für den Fall, dass die Konjunkturdaten schwächer als erwartet kämen, wolle sich die EZB nicht die Rückzugsmöglichkeit verbaut haben.
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