News - 07.06.07 21:01
Das Kapital: Das Dax-KGV sagt fast gar nichts
Den meisten Anlegern ist intuitiv bewusst, dass mit dem KGV wenig anzufangen ist, wenn die Gewinne einer Firma oder einer Volkswirtschaft im Keller sind. Weitere Themen in diesem Kapital: Vodafone und Fehlgeschlagene Börsengänge.
Den wenigsten ist allerdings klar, dass das auch im umgekehrten Fall gilt, dann nämlich, wenn die Gewinne auf zyklischen Spitzenmargen beruhen.
Würden, um ein Beispiel zu machen, die Gewinne im Dax auf das trostlose Niveau der frühen 2000er-Jahren zurückfallen - etwa wegen einer Rezession -, notierte der Index plötzlich mit einem KGV von 50. Niemand würde im diesem Falle ernsthaft ein angemessenes KGV von 15 postulieren - respektive einen fairen Wert von 2250 Zählern, der sich eben dann ergäbe, wenn man den unterstellten Rezessionsgewinn schlicht mit 15 multipliziert.
Ebenso abenteuerlich ist es indessen, einmal erreichte Spitzenmargen einfach in die Zukunft fortzuschreiben, wie es derzeit geschieht. In Europa sind Rentabilitätsdaten dünn gesät. Als Indiz mag jedoch dienen, dass der Anteil der Unternehmens- und Vermögenseinkommen am deutschen Volkseinkommen zuletzt sogar noch eine Spur größer war als im Hoch Anfang der 70er. Seit dem Tief von 24,9 Prozent 1980 ist er nunmehr auf satte 35,4 Prozent gestiegen. Der "Gewinnanteil" bewegt sich damit um ganze sechs Prozentpunkte über dem Durchschnitt seit 1970. In den USA liegt die Gewinnspanne der Kapitalgesellschaften um fast die Hälfte über dem Mittel seit 1970. Bei "normaler" Rentabilität notierten US-Aktien also mit einem KGV von 23,5.
Irgendwo in dieser Gegend dürfte auch das "normalisierte" KGV in Deutschland liegen. Der aus demografischen Gründen zu befürchtenden Verknappung des Faktors Arbeit zum Trotz und in dem ökonomischen Irrglauben, die Firmen könnten von nun an für immer das fast Doppelte der Kapitalkosten einfahren - etwa wegen der Globalisierung -, haben die Anleger es also längst etwas zu weit getrieben. Ähnlich wie Anfang der 70er setzen sie darauf, dass die alten Margenrisiken - Wettbewerb, Regulierung, Angebotsschocks, Rezession, Überhitzung, Überinvestition, Inflation, Deflation - in Zukunft keine Rolle mehr spielen. Zwischen Anfang 1970 und 1982 war der MSCI Deutschland real um gut die Hälfte gefallen.
Dazu muss es diesmal nicht kommen. Dennoch haben die Investoren völlig aus dem Blick verloren, dass Aktien an Umsatz, Buchwert, Cashflow oder Dividenden gemessen extrem teuer geworden sind. Und das gilt trotz der niedrigen Realzinsen, der Quelle der Hausse, die langsam zu versiegen droht.
Vodafone
Die Aufgabe des Hofnarren war ursprünglich nicht, seinen Herren zu belustigen, sondern ihn daran zu erinnern, dass auch er in Sünde fallen könne und darin sterben werde; er war also eine Institution zulässiger Kritik.
So sehr der Brandbrief von Efficiency Capital Structures (ECS) - 38 Mrd. Pfund Wertsteigerung durch 1-2-3 Bilanzzauberei - sowohl das Kriterium der Belustigung als auch das der Kritik enthält, ist dennoch anzunehmen, dass sich diese Investoren irrtümlicherweise nicht als Hofnarren sehen. Dazu nimmt sich einer der Anführer, John Mayo, zu wichtig. Und das trotz des Treppenwitzes, dass ausgerechnet er Vodafone Vorschläge über Firmen- und Kapitalstruktur macht, der gerade über diese zwei Hebel die britische Industrie-Ikone GEC/Marconi fast vollständig gegen die Wand gefahren hat.
Bezeichnend auch für ECS' Börsenverständnis der Vorwurf, dass der 28-prozentige Kursabschlag der Aktie gegenüber dem englischen Markt innerhalb der letzten fünf Jahre vor allem mit der Kapitalstruktur Vodafones zusammen hinge. Was stört's ECS, dass die ganze Branche von einer Bewertungsblase runterkam und das Wachstum in Europa zum Erliegen und die Marge durch Wettbewerb und EU-Regularien unter Druck gekommen sind?
Immerhin - dafür gebührt den Narren Dank - haben sie es geschafft, ausgerechnet einem Analysten von Goldman Sachs den Satz zu entlocken: "Wir glauben nicht, dass eine höhere Verschuldung per se den Firmenwert steigert." Na, na, wenn da mal nicht die Kunden, oder die Banker von Goldman selbst, für ein Erratum sorgen werden. Wo bliebe sonst die Grundlage der meisten heutigen Private-Equity-Deals?
Fehlgeschlagene Börsengänge
Wie ist es zu bewerten, dass in Europa im zweiten Quartal Börsengänge im Volumen von rund 11 Mrd. $ abgeblasen wurden? Die Ausrede der Fast-Debütanten und ihrer Banken, es läge am Marktumfeld, zieht nicht. Die Börsen sind bis dato im Plus und viele IPOs entwickeln sich prächtig. Das scheint wohl einige Kandidaten bei der Preisgestaltung übermütig gemacht zu haben. Dafür wurden sie, wie etwa Versatel, anschließend mit Kursverlusten bestraft. Die Anleger sind im Gegensatz zur Blase 2000 bei dieser Hausse selektiver und kritischer und das bei allen Branchen. Es wäre nützlich, wenn die Börsenneulinge und ihre Berater ähnlich realistisch zu Werke gingen.
Quelle: Financial Times Deutschland
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Das Kapital: Das Dax-KGV sagt fast gar nichts
Den meisten Anlegern ist intuitiv bewusst, dass mit dem KGV wenig anzufangen ist, wenn die Gewinne einer Firma oder einer Volkswirtschaft im Keller sind. Weitere Themen in diesem Kapital: Vodafone und Fehlgeschlagene Börsengänge.
Den wenigsten ist allerdings klar, dass das auch im umgekehrten Fall gilt, dann nämlich, wenn die Gewinne auf zyklischen Spitzenmargen beruhen.
Würden, um ein Beispiel zu machen, die Gewinne im Dax auf das trostlose Niveau der frühen 2000er-Jahren zurückfallen - etwa wegen einer Rezession -, notierte der Index plötzlich mit einem KGV von 50. Niemand würde im diesem Falle ernsthaft ein angemessenes KGV von 15 postulieren - respektive einen fairen Wert von 2250 Zählern, der sich eben dann ergäbe, wenn man den unterstellten Rezessionsgewinn schlicht mit 15 multipliziert.
Ebenso abenteuerlich ist es indessen, einmal erreichte Spitzenmargen einfach in die Zukunft fortzuschreiben, wie es derzeit geschieht. In Europa sind Rentabilitätsdaten dünn gesät. Als Indiz mag jedoch dienen, dass der Anteil der Unternehmens- und Vermögenseinkommen am deutschen Volkseinkommen zuletzt sogar noch eine Spur größer war als im Hoch Anfang der 70er. Seit dem Tief von 24,9 Prozent 1980 ist er nunmehr auf satte 35,4 Prozent gestiegen. Der "Gewinnanteil" bewegt sich damit um ganze sechs Prozentpunkte über dem Durchschnitt seit 1970. In den USA liegt die Gewinnspanne der Kapitalgesellschaften um fast die Hälfte über dem Mittel seit 1970. Bei "normaler" Rentabilität notierten US-Aktien also mit einem KGV von 23,5.
Irgendwo in dieser Gegend dürfte auch das "normalisierte" KGV in Deutschland liegen. Der aus demografischen Gründen zu befürchtenden Verknappung des Faktors Arbeit zum Trotz und in dem ökonomischen Irrglauben, die Firmen könnten von nun an für immer das fast Doppelte der Kapitalkosten einfahren - etwa wegen der Globalisierung -, haben die Anleger es also längst etwas zu weit getrieben. Ähnlich wie Anfang der 70er setzen sie darauf, dass die alten Margenrisiken - Wettbewerb, Regulierung, Angebotsschocks, Rezession, Überhitzung, Überinvestition, Inflation, Deflation - in Zukunft keine Rolle mehr spielen. Zwischen Anfang 1970 und 1982 war der MSCI Deutschland real um gut die Hälfte gefallen.
Dazu muss es diesmal nicht kommen. Dennoch haben die Investoren völlig aus dem Blick verloren, dass Aktien an Umsatz, Buchwert, Cashflow oder Dividenden gemessen extrem teuer geworden sind. Und das gilt trotz der niedrigen Realzinsen, der Quelle der Hausse, die langsam zu versiegen droht.
Vodafone
Die Aufgabe des Hofnarren war ursprünglich nicht, seinen Herren zu belustigen, sondern ihn daran zu erinnern, dass auch er in Sünde fallen könne und darin sterben werde; er war also eine Institution zulässiger Kritik.
So sehr der Brandbrief von Efficiency Capital Structures (ECS) - 38 Mrd. Pfund Wertsteigerung durch 1-2-3 Bilanzzauberei - sowohl das Kriterium der Belustigung als auch das der Kritik enthält, ist dennoch anzunehmen, dass sich diese Investoren irrtümlicherweise nicht als Hofnarren sehen. Dazu nimmt sich einer der Anführer, John Mayo, zu wichtig. Und das trotz des Treppenwitzes, dass ausgerechnet er Vodafone Vorschläge über Firmen- und Kapitalstruktur macht, der gerade über diese zwei Hebel die britische Industrie-Ikone GEC/Marconi fast vollständig gegen die Wand gefahren hat.
Bezeichnend auch für ECS' Börsenverständnis der Vorwurf, dass der 28-prozentige Kursabschlag der Aktie gegenüber dem englischen Markt innerhalb der letzten fünf Jahre vor allem mit der Kapitalstruktur Vodafones zusammen hinge. Was stört's ECS, dass die ganze Branche von einer Bewertungsblase runterkam und das Wachstum in Europa zum Erliegen und die Marge durch Wettbewerb und EU-Regularien unter Druck gekommen sind?
Immerhin - dafür gebührt den Narren Dank - haben sie es geschafft, ausgerechnet einem Analysten von Goldman Sachs den Satz zu entlocken: "Wir glauben nicht, dass eine höhere Verschuldung per se den Firmenwert steigert." Na, na, wenn da mal nicht die Kunden, oder die Banker von Goldman selbst, für ein Erratum sorgen werden. Wo bliebe sonst die Grundlage der meisten heutigen Private-Equity-Deals?
Fehlgeschlagene Börsengänge
Wie ist es zu bewerten, dass in Europa im zweiten Quartal Börsengänge im Volumen von rund 11 Mrd. $ abgeblasen wurden? Die Ausrede der Fast-Debütanten und ihrer Banken, es läge am Marktumfeld, zieht nicht. Die Börsen sind bis dato im Plus und viele IPOs entwickeln sich prächtig. Das scheint wohl einige Kandidaten bei der Preisgestaltung übermütig gemacht zu haben. Dafür wurden sie, wie etwa Versatel, anschließend mit Kursverlusten bestraft. Die Anleger sind im Gegensatz zur Blase 2000 bei dieser Hausse selektiver und kritischer und das bei allen Branchen. Es wäre nützlich, wenn die Börsenneulinge und ihre Berater ähnlich realistisch zu Werke gingen.
Quelle: Financial Times Deutschland
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