News - 28.08.07 21:20
Das Kapital: Das plötzliche Ende des Carry-Trade
Die neueste an den Aktienmärkten herumgereichte Beruhigungspille ist schon köstlich. Ein weiteres Thema in diesem Kapital ist Versatel.
Nachdem die Währung Japans von 169 auf 156 Yen je Euro gestiegen ist, sei das Gros der berüchtigten spekulativen Yen-finanzierten Wertpapierkredite (Carry-Trades) aufgelöst, die Gefahr eines weiteren Verkaufsdrucks auf europäische Aktien von dieser Seite inzwischen also weitgehend gebannt, heißt es.
Das ist schon insofern blendend, als die Abwertung des Yen seit dem Herbst 2000 von 89,5 auf eben 169 Yen je Euro im Juli 2007 damit praktisch wettgemacht ist. Und wenn nun keine bösen Spekulanten mehr am Werk sind, entspricht der augenblickliche Wechselkurs sicher dem angemessenen Niveau. Den quirligen japanischen Hausfrauen, die neben den Finanzhasardeuren für die Yen-Schwäche verantwortlich gemacht werden, weil sie auf der Suche nach Rendite am liebsten in Europa investieren, wird schon nicht auffallen, dass die Mittelmeeranrainer höchstens noch bei Wein, Käse und Schinken mit den Japanern konkurrieren können.
Denn von den fallenden industriellen Lohnstückkosten in Japan kriegen sie ja ebenso wenig mit wie von den steigenden in Italien oder Spanien. Dass die realen Exporte Italiens seit Anfang 2000 quasi stagnieren und auch jene Frankreichs und Spaniens kaum überzeugen, während die japanischen um drei Fünftel zugelegt haben, bleibt den japanischen Privatanlegern sicher genauso verborgen wie der japanische Leistungsbilanzüberschuss von mehr als fünf Prozent des BIP.
Mangels heimischer Alternativen kaufen die japanischen Hausfrauen also am liebsten europäische Auto-, Elektro- oder Maschinenbauwerte. Auch die hiesigen Wachstumsbranchen Versorger, Telekom und Pharma sind immer gern genommen - und selbst die soliden Finanzwerte und die krisenresistenten spanischen Bautitel. Auch angesichts der in Europa erhältlichen realen Bondrenditen von satten 2,2 Prozent nimmt man schließlich jedes Währungsrisiko in Kauf. Was soll schon passieren, solange Europa ein inflationsfreies Wachstum vorweist, während die Japaner nicht mal eine Leitzinsanhebung auf 0,75 Prozent zuwege bringen? Doch war das nicht die Frage, die sich neben den Hausfrauen auch die Finanzhasardeure immer gestellt hatten? Letztere werden ihr Weltbild doch nicht binnen Wochen über den Haufen geworfen haben. Immerhin ist der Yen-Kurs jetzt in einem ähnlich stabilen Gleichgewicht wie der US-Immobilienmarkt.
Versatel
Vor rund einem Monat fragte Versatel die Leser in ganzseitigen Anzeigen: "Warum mehr als 30 Euro zahlen?" Das zeugt nun entweder von angenehm ironischen Werbeschaffenden oder aber davon, dass ihnen die Börse gänzlich fremd ist. Denn die Preisspanne beim Börsendebüt Versatels vor nicht einmal fünf Monaten war 29 bis 36 Euro. Doch die Erstzeichner nahmen die Werbebotschaft vorweg, Ausgabekurs war 29 Euro. Heute stehen Anleger kurz vor der Frage: "Warum eigentlich zweistellig bezahlen?" Derweil zeigen sich die Analysten von der Entwicklung der Zahlen und dem zugrundeliegenden Marktzustand unbeeindruckt - alle sieben Beobachter rieten bis Dienstag zum Kauf, Kursziel 30 Euro, die Mehrzahl wird an ihrer Empfehlung festhalten.
Man hat sich wohl zu sehr von Versatels ständig wiederholten Einschätzungen verleiten lassen, wonach erstens Versatel im deutschen Markt am besten aufgestellt und zweitens der deutsche Breitbandmarkt so attraktiv ist. Nun scheint zwar der erste Punkt, zumindest was die Neukundenakquise in Q2 angeht, bestätigt worden zu sein. Doch dass Deutschland aufgrund der noch geringen Breitbandpenetration so ein attraktiver Markt sei, hat sich erneut als Trugschluss erwiesen. Nützt es doch wenig, wenn das Volumenwachstum durch Preiserosion neutralisiert wird.
Was sollen die Preise erst in einem gesättigten Markt machen? Dass die Citibank noch im Juni, nach den bereits schwachen Preisvorgaben von Q1, mit einer Stabilisierung der Preise rechnete, mag man verzeihen (die von Citi anvisierte ARPU von 44,50 Euro per Ende 2007 wurde mit 45,46 Euro schon fast in Q2 erreicht). Dass es der Versatel-Vorstand nicht besser wusste und noch im Juni an seinen Prognosen festhielt, ist deutlich ärgerlicher, da dies entweder auf schlechte Marktkenntnis und -gespür oder auf Irreführung der Anleger zurückzuführen ist. Pest oder Cholera.
Genauso wenig vertrauensfördernd ist die Art der Quartalsberichterstattung. Das Dreiseitenpapier informiert zwar in aller epischen Breite über Kundenzugänge, Umsatz- und Ebitda-Steigerungen im ersten Halbjahr und natürlich die wichtigen Investitionen in die Zukunft. Davon, dass der Umsatz im Quartalsvergleich rückläufig und das Nettoergebnis mit stattlichen 56,6 Mio. Euro in den Miesen war, erfährt der Leser aber nichts.
Kommunikationsprobleme bei einer Kommunikationsfirma, die den eigenen Markt permanent zu optimistisch sieht - da hilft auch eine optisch niedrige Bewertung wenig.
Quelle: Financial Times Deutschland
News druckenName Aktuell Diff.% Börse
Versatel AG Namens-Aktien o.N. 10,50 -28,47% XETRA
Das Kapital: Das plötzliche Ende des Carry-Trade
Die neueste an den Aktienmärkten herumgereichte Beruhigungspille ist schon köstlich. Ein weiteres Thema in diesem Kapital ist Versatel.
Nachdem die Währung Japans von 169 auf 156 Yen je Euro gestiegen ist, sei das Gros der berüchtigten spekulativen Yen-finanzierten Wertpapierkredite (Carry-Trades) aufgelöst, die Gefahr eines weiteren Verkaufsdrucks auf europäische Aktien von dieser Seite inzwischen also weitgehend gebannt, heißt es.
Das ist schon insofern blendend, als die Abwertung des Yen seit dem Herbst 2000 von 89,5 auf eben 169 Yen je Euro im Juli 2007 damit praktisch wettgemacht ist. Und wenn nun keine bösen Spekulanten mehr am Werk sind, entspricht der augenblickliche Wechselkurs sicher dem angemessenen Niveau. Den quirligen japanischen Hausfrauen, die neben den Finanzhasardeuren für die Yen-Schwäche verantwortlich gemacht werden, weil sie auf der Suche nach Rendite am liebsten in Europa investieren, wird schon nicht auffallen, dass die Mittelmeeranrainer höchstens noch bei Wein, Käse und Schinken mit den Japanern konkurrieren können.
Denn von den fallenden industriellen Lohnstückkosten in Japan kriegen sie ja ebenso wenig mit wie von den steigenden in Italien oder Spanien. Dass die realen Exporte Italiens seit Anfang 2000 quasi stagnieren und auch jene Frankreichs und Spaniens kaum überzeugen, während die japanischen um drei Fünftel zugelegt haben, bleibt den japanischen Privatanlegern sicher genauso verborgen wie der japanische Leistungsbilanzüberschuss von mehr als fünf Prozent des BIP.
Mangels heimischer Alternativen kaufen die japanischen Hausfrauen also am liebsten europäische Auto-, Elektro- oder Maschinenbauwerte. Auch die hiesigen Wachstumsbranchen Versorger, Telekom und Pharma sind immer gern genommen - und selbst die soliden Finanzwerte und die krisenresistenten spanischen Bautitel. Auch angesichts der in Europa erhältlichen realen Bondrenditen von satten 2,2 Prozent nimmt man schließlich jedes Währungsrisiko in Kauf. Was soll schon passieren, solange Europa ein inflationsfreies Wachstum vorweist, während die Japaner nicht mal eine Leitzinsanhebung auf 0,75 Prozent zuwege bringen? Doch war das nicht die Frage, die sich neben den Hausfrauen auch die Finanzhasardeure immer gestellt hatten? Letztere werden ihr Weltbild doch nicht binnen Wochen über den Haufen geworfen haben. Immerhin ist der Yen-Kurs jetzt in einem ähnlich stabilen Gleichgewicht wie der US-Immobilienmarkt.
Versatel
Vor rund einem Monat fragte Versatel die Leser in ganzseitigen Anzeigen: "Warum mehr als 30 Euro zahlen?" Das zeugt nun entweder von angenehm ironischen Werbeschaffenden oder aber davon, dass ihnen die Börse gänzlich fremd ist. Denn die Preisspanne beim Börsendebüt Versatels vor nicht einmal fünf Monaten war 29 bis 36 Euro. Doch die Erstzeichner nahmen die Werbebotschaft vorweg, Ausgabekurs war 29 Euro. Heute stehen Anleger kurz vor der Frage: "Warum eigentlich zweistellig bezahlen?" Derweil zeigen sich die Analysten von der Entwicklung der Zahlen und dem zugrundeliegenden Marktzustand unbeeindruckt - alle sieben Beobachter rieten bis Dienstag zum Kauf, Kursziel 30 Euro, die Mehrzahl wird an ihrer Empfehlung festhalten.
Man hat sich wohl zu sehr von Versatels ständig wiederholten Einschätzungen verleiten lassen, wonach erstens Versatel im deutschen Markt am besten aufgestellt und zweitens der deutsche Breitbandmarkt so attraktiv ist. Nun scheint zwar der erste Punkt, zumindest was die Neukundenakquise in Q2 angeht, bestätigt worden zu sein. Doch dass Deutschland aufgrund der noch geringen Breitbandpenetration so ein attraktiver Markt sei, hat sich erneut als Trugschluss erwiesen. Nützt es doch wenig, wenn das Volumenwachstum durch Preiserosion neutralisiert wird.
Was sollen die Preise erst in einem gesättigten Markt machen? Dass die Citibank noch im Juni, nach den bereits schwachen Preisvorgaben von Q1, mit einer Stabilisierung der Preise rechnete, mag man verzeihen (die von Citi anvisierte ARPU von 44,50 Euro per Ende 2007 wurde mit 45,46 Euro schon fast in Q2 erreicht). Dass es der Versatel-Vorstand nicht besser wusste und noch im Juni an seinen Prognosen festhielt, ist deutlich ärgerlicher, da dies entweder auf schlechte Marktkenntnis und -gespür oder auf Irreführung der Anleger zurückzuführen ist. Pest oder Cholera.
Genauso wenig vertrauensfördernd ist die Art der Quartalsberichterstattung. Das Dreiseitenpapier informiert zwar in aller epischen Breite über Kundenzugänge, Umsatz- und Ebitda-Steigerungen im ersten Halbjahr und natürlich die wichtigen Investitionen in die Zukunft. Davon, dass der Umsatz im Quartalsvergleich rückläufig und das Nettoergebnis mit stattlichen 56,6 Mio. Euro in den Miesen war, erfährt der Leser aber nichts.
Kommunikationsprobleme bei einer Kommunikationsfirma, die den eigenen Markt permanent zu optimistisch sieht - da hilft auch eine optisch niedrige Bewertung wenig.
Quelle: Financial Times Deutschland
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Versatel AG Namens-Aktien o.N. 10,50 -28,47% XETRA