Hochinteressanter Artikel aus der heutigen Zeit!
"Katastrophal gescheitert"
»Katastrophal gescheitert«
Das allgemein sinkende Zinsniveau habe sich auch bei Studienkrediten niedergeschlagen
Die Zeit
Datum: 13.06.2013
In einem Hotel in Bonn brüten in dieser Woche Manager und Arbeitnehmervertreter der Commerzbank abgeschottet über Sparplänen. Es geht um den Abbau von 4000 bis 6000 Stellen. ´ Das allgemein sinkende Zinsniveau habe sich auch bei Studienkrediten niedergeschlagen, heißt es in einer Studie des CHE Centrums für Hochschulentwicklung. Für Vorstandschef Martin Blessing wäre dies der zweite Erfolg - wenige Wochen nach einer Kapitalerhöhung, mit der die Bank dem Staat den Rest seiner stillen Einlage zurückzahlte. Seither ist der Bund nur noch mit Aktien beteiligt, und das auch nur mit 17,2 Prozent. Mehr Kapital, weniger Staat, ein Sparprogramm beschlossen - nach diesen Meilensteinen könnte die angeschlagene Commerzbank sich darauf konzentrieren, Geld zu verdienen. "Die Bank sollte endlich einmal in Ruhe vor sich hinarbeiten. Sie sollte einfach Geschäft machen können", sagt Mark Roach, der für die Gewerkschaft ver.di im Aufsichtsrat des Instituts sitzt. "Das Problem ist nicht die Kostenbasis, sondern die Erlösseite." Bis 2016 will der Vorstand die Privatkundensparte profitabler machen, Problemgeschäfte abbauen und die Rendite steigern. Manche spekulieren, dass der Bund Blessing loswerden will, vor der Bundestagswahl aber wird dies kaum geschehen. So weit die gängige Lesart. Es gibt aber auch Beobachter, die damit rechnen, dass es bald knallt. Die Pläne des Vorstands reichten nicht aus. Radikalere Maßnahmen seien erforderlich. Und dann gibt es solche, die glauben, Blessing könnte auch freiwillig gehen. Das klingt nicht nach ruhigem Fahrwasser, das klingt nach Zäsur. Die Vorgeschichte: Ende 2008 übernahm die Commerzbank die Dresdner Bank. Zwei Wochen später folgte die Pleite von Lehman Brothers in den USA, auch die Commerzbank taumelte, und nur eine Kapitalspritze des deutschen Staates von 18,2 Milliarden Euro rettete die Bank vor dem Untergang. Zwar zahlte sie 2011 einen Großteil des Geldes zurück, doch anders als erhofft geriet dies nicht zum Befreiungsschlag. Denn es folgten Abschreibungen wegen Griechenland, ein Stresstest, neuer Kapitalbedarf und immer wieder schlechte Zahlen. In einer Roadmap hatte sich die Bank zum Beispiel zum Ziel gesetzt, 2012 einen operativen Gewinn von vier Milliarden Euro einzufahren - es wurden nur 1,2 Milliarden Euro; unterm Strich blieben sogar nur sechs Millionen Euro. Zugleich fielen die Kosten höher aus als geplant. Vergangenen November hat der Vorstand Ziele für 2016 verkündet, aber das Vertrauen der Investoren ist weg. Der Aktienkurs ist unter Blessing um fast 95 Prozent gefallen, eine Dividende liegt in weiter Ferne. Viele attestieren Blessing und seinem Team ehrliches Bemühen und sympathisches Auftreten, doch da die Hiobsbotschaften nicht abreißen und nach inzwischen fünf Jahren keine echte Perspektive zu erkennen ist, fällt ihr Zeugnis schlecht aus. Griechenland und das schwierige Umfeld reichen als Entschuldigung nicht mehr. Andere Banken leiden auch darunter und kommen besser klar. Blessing und Co. haben wiederholt Ziele verfehlt und Aktionäre verprellt. Nicht zuletzt durch ihre erratischen Entscheidungen: 2012 etwa erklärten sie die Finanzierung von Schiffen und Gewerbeimmobilien zu wichtigen Geschäftsfeldern - und ordneten nur drei Monate später die Abwicklung an. Die Glaubwürdigkeit hat stark gelitten. Die Kritik an Blessing und Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller wächst mit jedem Jahr. Die Hauptversammlung im April glich einem Trommelfeuer. "Die Herren dürften beide nicht mehr im Amt sein", sagt Dieter Hein, Analyst bei Fairesearch. "Blessing und Müller haben mit der Übernahme der Dresdner Bank erst die Bank ruiniert und sind dann mit ihren Sanierungsplänen katastrophal gescheitert. " So zahlreich seien die Fehlprognosen des Duos, "das zieht einem die Schuhe aus". Selbst die Mitarbeiter stöhnen. Da ist die Serie schlechter Nachrichten. Das Schmähwort von der "Staatsbank". Und jetzt wieder ein neuer Sparplan. Kenner des Instituts, von denen kaum einer offen reden mag, diagnostizieren eine Sinnkrise: "Die Aufbruchstimmung ist völlig verloren gegangen." - "Die Leute leiden massiv, ausnahmslos. Die wollen wieder stolz sein auf ihre Bank." - "Die Bank ist müde." - "Im Markt wird sie als verzweifelt wahrgenommen, ihre Preispolitik als aggressiv." Aus der Bank selbst hört man von sehr viel Unruhe und Unzufriedenheit, von großer Enttäuschung und Ratlosigkeit. Lange genoss Blessing intern den Nimbus des Engagierten, der es schon alles schaffen werde, doch dieser Nimbus schwindet. Ein Neustart scheint da kaum mehr möglich. Es ist auch unklar, ob der 49-Jährige seinen Job überhaupt noch mag. Es gebe Zweifel, dass er noch über die Kraft und den Willen verfüge, die in den nächsten Jahren nötige Kärrnerarbeit zu leisten, ist aus der Bank zu hören. Zynischer, weniger zupackend, erschöpft - so wird Blessing in diesen Wochen von manchen beschrieben. In der Bank wird bis in die Führungsetagen spekuliert, dass der Chef noch 2013 seinen Abgang verkünden könnte. Spekulationen sind aber Spekulationen. Sobald es handfester würde, müsste die Bank ohnehin an die Öffentlichkeit gehen. Von offizieller Seite heißt es, Blessing plane seinen Vertrag zu erfüllen und sei weiter mit Leidenschaft dabei. Gerade erst sei er nach einem Vorstandstreffen am vergangenen Wochenende motiviert bei der Arbeit gewesen. Von Amtsmüdigkeit könne keine Rede sein. Die Erwägungen hinter den Spekulationen sind indes plausibel: Speziell die Kapitalerhöhung böte Blessing einen guten Zeitpunkt, um unter Wahrung des Gesichts zu gehen. Mit der Geldaufnahme hat Blessing die Umklammerung durch den Staat, die das Haus unter seiner Ägide hinnehmen musste, so weit gelöst, wie es ihm möglich ist. Auf den Aktienanteil des Bundes und dessen Verkauf kann die Bank nur mittelbar Einfluss nehmen, indem sie den Aktienkurs nach oben bringt. Dann erinnern manche an Eric Strutz: 2011 verkündete der damalige Finanzvorstand völlig überraschend, seinen Vertrag nicht verlängern zu wollen - zwei Monate nach der Kapitalerhöhung, mit der die Commerzbank den Großteil der Staatshilfen zurückzahlte. Die Übergabe erfolgte dann mit Auslaufen des Vertrags. Bei Blessing ginge das nicht gar so elegant: Sein Vertrag endet im Oktober 2016. Befeuert hat die Spekulationen auch eine Äußerung von Aufsichtsratschef Müller. Dieser sagte der Wirtschaftswoche im Februar: "Aber eines ist klar: Wenn der Vorstand seine Ziele ohne sehr triftige Gründe verfehlt und die erwartete Leistung nicht bringt, muss der Aufsichtsrat handeln. Das ist ja ein ganz normaler Vorgang." Man kann darin, wie die Bank, eine Selbstverständlichkeit sehen, geäußert ohne Hintergedanken. Man kann diese Sätze aber auch wie Frankfurts Finanzgemeinde als Abrücken Müllers von seinem Ziehsohn Blessing lesen. Müller rutsche so etwas nicht raus, der wisse genau, was er sage, versichern Personen, die ihn gut kennen. Das Problem ist: Wer könnte auf Blessing folgen? Von den acht anderen Vorständen wird keinem zugetraut, an die Spitze zu rücken. "Der Vorstand ist hauptsächlich groß", spottet jemand von der Konkurrenz. Also ein Externer? "Als attraktiv wird der Posten nicht wahrgenommen", heißt es dazu. Die andere Frage lautet: Was könnte der Neue tun? Sehr viel härter durchgreifen, sagen viele. Die Privatkundensparte kommt kaum voran, die schwächelnden Filialen und die erfolgreiche Onlinetochter comdirect werkeln nebeneinanderher. Das Mittelstandsgeschäft zeigt Schwächen und wird - anders als bei der Deutschen Bank - separat geführt. Die Abwicklungseinheit ist noch satte 143 Milliarden Euro groß und ein Klotz am Bein der Bank. Schon kleinere Wertberichtigungen hier können die ganze Bank ins Minus ziehen. Die Kosten gelten als zu hoch, insbesondere wenn die aktuellen Gespräche zu einem Abbau von weniger als 4000 Stellen führen sollten. Erst jüngst stuften die Rating-Agenturen Moody's und Standard & Poor's die Kredit würdigkeit der Bank herab, sprachen von "ineffizienten Kostenstrukturen", einer "operativen Schwäche, die erheblich die Fähigkeit einschränkt, intern Kapital zu generieren", einem "unausgewogenen Geschäftsmodell". Irgendwann komme man an den Punkt, an dem man radikaler denken müsse, sagt einer, der die Bank gut kennt. Eine härtere Restrukturierung ist die eine denkbare Lösung. Eine Zerschlagung die andere. Die Summe der Teile sei wertvoller als das Ganze, heißt es aus kundiger Quelle. Ein Wettbewerber sagt: "Man hört aus der Bank selbst, dass sie sich solchen Überlegungen stellen. Das müssen sie auch." Die Bank verneint dies auf Anfrage. Anderswo heißt es, es sei "ganz eindeutig", dass "alle Wettbewerber sich diese Gedanken machen und darauf hoffen". Mit Interesse registriert wird in Frankfurt, dass die Commerzbank seit einiger Zeit ins Visier von Hedgefonds geraten ist. Hedgefonds sind bekannt dafür, dass sie den Wert ihrer Investments steigern wollen, oft Druck auf das Management ausüben und auch Zerschlagungen in Betracht ziehen. Sie könnten die Impulse geben, die aus dem Aufsichtsrat nicht gekommen sind. Der große Unbekannte in allen Diskussionen ist der Bund. Würde er sich gegen eine noch schärfere Restrukturierung oder gar Zerschlagung stemmen? 2008 wollten die Regierenden, dass neben der Deutschen Bank ein zweites Großinstitut entsteht. Mehrere Jahre und Milliarden später könnte dieses Interesse aber dem Wunsch nach einem guten Preis für den Ausstieg gewichen sein. Der aktuelle Wert des Aktienpakets im Staatsbesitz liegt jedenfalls weit unter dem, was der Bund einst dafür bezahlt hat (siehe Kasten). ## Staatsmilliarden >> Erster Verlust: Im Zuge der jüngsten Kapitalerhöhung hat der Bund das erste Mal einen Teil seiner Aktien verkauft. Aus den öffentlichen Zahlen errechnet sich ein Verlust von rund 2,5 Milliarden Euro, den der Staat dabei realisiert hat. Äußern will sich die zuständige Bundesanstalt dazu nicht. // Weitere Lücken: Für den verbleibenden Anteil von 17,2 Prozent hat der Staat über die Jahre 5,1 Milliarden Euro hingelegt. Aktuell ist der Anteil an der Börse aber nur rund 1,5 Milliarden wert - dies entspricht einem Wertverlust von 3,6 Milliarden Euro.