Schach-WM: Schneller denken in kurzen Zügen
Von Hartmut Metz, Baden-Baden
23.01.2002
AP
Schach-WM: Schneller denken in kurzen Zügen
Von Hartmut Metz, Baden-Baden
Ruslan Ponomarjow führt im Finale der Schach-WM gegen seinen ukrainischen Landsmann Wassili Iwantschuk mit 4:2. Ein Remis fehlt dem 18-Jährigen aus noch zwei ausstehenden Partien, um jüngster Weltmeister aller Zeiten zu werden. Ausgerechnet der Titelgewinn des Spielers, der ihm diesen Rekord abknöpfen wird, ist Wasser auf die Mühlen von Garri Kasparov. Der 1985 im Alter von 22 Jahren auf den Schach-Thron gelangte Russe geißelt bevorzugt den Weltverband FIDE, speziell dessen Präsidenten Kirsan Iljumschinow.
Besonders Ponomarjow, das neue Lieblingskind des kalmückischen Staatsoberhauptes, bereitet Kasparov Verdruss. Der Weltranglistenerste ereifert sich über die „katastrophale Bedenkzeitverkürzung“, die der Verband den 128 Teilnehmern der WM in Moskau aufzwang.
Iljumschinow reduzierte die Bedenkzeit von zwei Stunden für die ersten 40 Züge und eine weitere Stunde für die nächsten 20 Züge auf 90 Minuten plus zusätzliche 30 Sekunden für
jeden weiteren Zug eigentlich in bester Absicht. Schach müsse „sportlicher“ werden, um bei den Olympischen Spielen über den Status eines Demonstrationswettbewerbes
hinauszukommen, außerdem versprächen kürzere Partien mehr Fernsehübertragungen.
Letzteres ist allerdings Humbug. Auch fünf Stunden lange Denkduelle animieren keinen Sender zu Live-Übertragungen. Das Medium für das königliche Spiel bleibt das Internet, in
dem Millionen Fans die WM verfolgen.
Nach seiner Grippeerkrankung, die ihn zur Absage des gerade laufenden Topturniers im niederländischen Wijk aan Zee zwang, zeigt sich Kasparov schon wieder erstaunlich giftig.
Können sich Hobbyspieler kaum vorstellen, worüber sie überhaupt 30 Sekunden lang pro Zugbrüten sollen, sieht der 38-Jährige das „klassische Schach zerstört“. Die Qualität der Begegnungen sinke dramatisch. Kasparov schlägt folglich vor, wieder eine „Spielergewerkschaft“ zu gründen, um den Werteverfall beim Schach zu stoppen.
Dass es sich nicht um einen reinen Unkenruf Kasparovs handelt, der sich 1993 mit der FIDE überworfen hatte und den WM-Titel bis zumVerlust im Herbst 2000 an Wladimir Kramnik (Russland) selbst vermarktete, belegt das derzeitige Finale des Weltverbandes.
„Das Niveau war niedrig“, räumt auch Ponomarjow ein, „womöglich wegen des erhöhten Stresses.“ Kontrahent Iwantschuk klagt: „Ich komme einfach nicht in Gang.“ Nachdem der 32-Jährige zum Auftakt ein Desaster in nur 23 Zügen erlebt hatte, übernahm die bisherige Nummer eins der Ukraine die Regie. Aber der zähe Verteidiger Ponomarjow rettete zwei Verluststellungen auf wundersame Weise.
Im fünften Vergleich ließ Iwantschuk einen simplen Gewinn aus. Im so genannten Endspiel, in dem wenige verbliebene Steine die Lage auf dem Brett kalkulierbarer machen, fehlte dem Großmeister aus Lwow die Z stehenden 30 Sekunden müssen die Spieler auch noch die Züge notieren. Das Adrenalin im Blut sinkt nicht mehr wie früher, als es nach 40 Zügen eine weitere Stunde Bedenkzeit hinzugab. Die Zeitnot hält bis zum Ende an. Der Druck führt zu manchem Aussetzer.
Großmeister Rainer Knaak, der das WM-Finale auf www.Chessbase.de kommentiert, sagt: „Die fragwürdige Bedenkzeitregelung der FIDE verhinderte, dass Iwantschuk die Partie sauber nach Hause fuhr. Schade auch für das Match, das nun wohl entschieden ist.“
Inzwischen hat Ponomarjow übrigens die WM gewonnen.
Gruß Dr. Broemme