´Erster Krieg des 21. Jahrhunderts´
Nach den Terroranschlägen bereiten sich die USA auf einen Vergeltungsschlag vor. US-Präsident George W. Bush sprach von einer neuen Art von Krieg.
Bush hat eine militärische Antwort auf die Terrorangriffe in New York und Washington angekündigt und vom "ersten Krieg des 21. Jahrhunderts" gesprochen. In Gesprächen mit mehreren Staats- und Regierungschefs habe er Unterstützung für jede Art von Vergeltung erhalten, die er anordnen werde, sagte Bush am Donnerstag.
"Ich bin fest entschlossen, diesen gegen Amerika erklärten Krieg zu gewinnen", erklärte Bush. "Es ist eine neue Art von Krieg." Seine Regierung werde sich darauf einstellen und andere Staaten bitten, sich den USA anzuschließen.
Anzeichen für Militärschlag verdichten sich
In den USA verdichten sich die Anzeichen für einen bevorstehenden Vergeltungsschlag. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagte in einer Botschaft an die Truppen: "Sehr, sehr viel wird von euch in den nächsten Wochen und Monaten verlangt werden. Das gilt vor allem für diejenigen draußen im Feld. Wir stehen mächtigen und schrecklichen Feinden gegenüber, und wir haben die Absicht, diese Feinde zu bezwingen."

Wo US-Truppen stationiert sind
Die Regierung habe "aggressiv" mit den diplomatischen und militärischen Vorarbeiten für einen Schlag, wahrscheinlich gegen den mutmaßlichen Terroristenführer Osama Bin Laden und Afghanistan, begonnen, schrieb die "Washington Post" am Donnerstag.
Wie verlautete, arbeiteten Regierung und Abgeordnete an einem Gesetz, das den Einsatz von militärischer Gewalt nach dem Kriegsrecht (War Powers Act) genehmigt. Wann eine Abstimmung im Kongress zu erwarten sein würde, war nicht bekannt. Sowohl Demokraten als auch Republikaner äußerten sich aber zustimmend.
Pakistan sagt Unterstützung zu
Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf hat den USA seine "volle Zusammenarbeit" im Kampf gegen den Terrorismus zugesagt. Dies habe Musharraf am Donnerstag bei einem Gespräch über den "Terrorismus in der Region" versprochen, sagte die US-Botschafterin in Islamabad, Wendy Chamberlin. Beide Länder hätten dieselben Ansichten zu dem Problem, sagte sie nach der 45-minütigen Unterredung.
Die Nato sieht nach Angaben britischer Sicherheitskreise im Angriff auf Afghanistan eine Option, sollte sich der Islamist Osama Bin Laden als Drahtzieher der Terroranschläge in den USA erweisen. "Es gibt zurzeit viele Spekulationen, aber dies ist eine Option", hieß es am Donnerstag aus den Kreisen. Es wird vermutet, dass der saudiarabische Millionär Bin Laden unter dem Schutz der radikal-islamischen Taliban-Regierung in Afghanistan steht.
Nato dementiert Notfallpläne
Die Nato dementierte jedoch Berichte, sie bereite Notfallpläne für einen möglichen Angriff auf Afghanistan auch nur vor. "Wir weisen dies absolut zurück", sagte ein Nato-Sprecher. Es gebe keine Anweisung, entsprechende Pläne auszuarbeiten.
Der deutsche Botschafter bei der Allianz, Gebhardt von Moltke, sagte, dass die Nato keine Operationen im Zusammenhang mit den Terroranschlägen plane. Solche Schritte würden eines entsprechenden Wunsches der USA bedürfen. Dieser sei noch nicht geäußert worden, sagte Moltke am Donnerstag in Brüssel.
Araber verlassen Kabul
Aus Angst vor möglichen Vergeltungsschlägen haben Staatsbürger arabischer Länder die afghanische Hauptstadt Kabul verlassen. Es sei unklar, wie viele Araber in Kabul lebten, doch fast alle hätten die Stadt verlassen, berichteten Einwohner am Donnerstag. Zudem hätten Menschen begonnen, um Kabul herum Schutzgräben auszuheben. Einem Zeitungsbericht zufolge haben arabische Extremisten in Afghanistan ihre Lager geräumt. Am Donnerstag verließen auch die Kontaktleute der acht inhaftierten Ausländer, die wegen christlicher Missionierung festgenommen wurden, die Stadt. Zuvor hatte die Uno ihr Personal abgezogen.
Der Chef der afghanischen Taliban-Miliz, Mullah Mohammad Omar, hat den moslemischen Fundamentalistenführer Osama bin Laden als unschuldig bezeichnet und seine Auslieferung an die USA strikt abgelehnt. Bin Laden könne die Anschläge in New York und Washington gar nicht organisiert haben, weil er keine ausgebildeten Piloten befehle, sagte Omar am Donnerstag in Pakistan. Die Art der Anschläge sei Beweis für die Unschuld des saudiarabischen Milliardärs. Der Westen behaupte nur deshalb das Gegenteil, um vom Versagen seiner Geheimdienste abzulenken.
Russland stellt sich an die Seite der Nato
Russland hat der Nato seine Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus zugesagt. Beide Seiten seien "geeint in ihrer Entschlossenheit, die Verantwortlichen solch unmenschlicher Akte nicht ungestraft zu lassen", hieß es am Donnerstag in einer Erklärung des Nato-Russlandrats. Die internationale Gemeinschaft müsse sich nun "im Kampf gegen den Terrorismus zusammenschließen". Das Gremium war in Brüssel zu einer Sondersitzung zusammengekommen.
Die US-Regierung hatte am Mittwochabend die offizielle Unterstützung der Nato bekommen. Nato-Generalsekretär George Robertson teilte am Mittwochabend nach einer Sondersitzung des Nordatlantikrates in Brüssel mit, die Allianz betrachte die Terroranschläge als Angriff auf das gesamte Bündnis. Damit wären zum ersten Mal alle Nato-Mitglieder zur gemeinsamen Verteidigung verpflichtet. Voraussetzung ist, dass die Anschläge von einem fremden Staat aus eingeleitet wurden.
China schließt Beteiligung nicht aus
China hat eine Beteiligung an einer möglichen US-Vergeltungsoperation nicht ausgeschlossen. Voraussetzung sei jedoch, dass ein solcher Militäreinsatz durch ein breites internationales Votum, etwa der Vereinten Nationen, gestützt werde, sagte der chinesische Vize-Außenminister Wang Guangya in Peking. Die internationale Gemeinschaft müsse "resolut" auf den internationalen Terrorismus antworten.
Auch Japan hat den USA wegen der Terroranschläge Unterstützung für den Fall von Vergeltungsmaßnahmen zugesagt. Diese Maßnahmen müssten jedoch mit der japanischen Verfassung übereinstimmen, sagte ein Regierungssprecher.
Australien kündigte an, Washington im Rahmen des gemeinsamen Verteidigungsbündnisses militärisch zu unterstützen. Ähnlich wie bei der Nato verpflichtet der ANZUS-Pakt Australien und Neuseeland bei einem Angriff zum gegenseitigen Beistand. Der nationale Sicherheitsrat befasse sich derzeit mit dieser Frage, teilte Vize-Regierungschef John Anderson am Donnerstag in Canberra mit.
Der UN-Sicherheitsrat verurteilte einstimmig die "entsetzlichen Terroranschläge". "Jede Form von internationalem Terrorismus" sei eine "Gefährdung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit", hieß es in einer am Mittwoch verabschiedeten Resolution. Alle Staaten müssten zusammenarbeiten, um die Täter, Organisatoren und Unterstützer der Anschläge vor Gericht zu bringen. Auch jene, die den Tätern geholfen hätten, würden zur Verantwortung gezogen.
Hektik bei Krisenmanagern
Furcht vor einem unmittelbar bevorstehenden US-Vergeltungsschlag haben unter Krisenmanagern Hektik ausgelöst. Mit Hochdruck versucht die Bundesregierung derzeit, die Kontrahenten im Nahen Osten zum Dialog und Afghanistan zur Freilassung der festgesetzten Ausländer zu bewegen. Die Anschläge auf das Herz Amerikas gelten als Zäsur. Die formelle Nato-Feststellung des Bündnisfalls ist danach nur der erste Schritt einer grundlegenden Neuorientierung der Außenpolitik.
Das im Westen lange bestehende Verständnis für mühevolles und behutsames Engagement in Krisengebieten wie dem Nahen Osten könnte nach Einschätzung von Sicherheitsexperten angesichts der Schwere des Angriffs bald verflogen sein.
