"Amerika und die rauschhafte Schuldenspirale"
(Handelsblatt, London Times)
Eine ähnlich schonungslose Darstellung der angloamerikanischen Wirtschaftslage veröffentlichte jetzt auch das in Düsseldorf erscheinende Handelsblatt. Das ist umso erstaunlicher, als die deutschen Finanzmedien sich in den letzten Jahren stets an die "New Economy"- und Aktienhysterie angehängt haben und nüchterne Analysen kritischer Stimmen wie die des amerikanischen Ökonomen und Oppositionspolitikers Lyndon LaRouche, oder die von Dr. Kurt Richebächer, dem ehemaligen Chefökonomen der Dresdner Bank, systematisch verschwiegen haben. Nun, da sich die häßliche Wahrheit über das "US-Wirtschaftswunder" nicht länger verheimlichen läßt, ändern die deutschen Medien ihre Gewohnheiten.
Am 3. Mai veröffentlichte das Handelsblatt einen Gastkommentar Richebächers mit dem Titel "Amerika und die rauschhafte Schuldenspirale". Er erwähnt die routinemäßigen Buchhaltungstricks, mit denen die US-Regierung den Schwindel vom Aufschwung fabriziere. Dennoch lasse sich die Wirklichkeit nicht verbergen, insbesondere das Mißverhältnis zwischen BIP und Verschuldung. "Im Jahr 2001 stand [in den USA] dem Anstieg des Bruttosozialprodukts von 235,4 Mrd.$ ein Zuwachs der Schulden von Konsumenten und Unternehmen von 1002 Mrd.$ gegenüber. Zugleich verschuldete sich der Finanzsektor mit weiteren 916 Mrd.$." Im 4. Quartal sei die Neuverschuldung von Haushalten, Unternehmen und Finanzsektor um zusammen 1916 Mrd.$ gestiegen, das nominelle Sozialprodukt demgegenüber aber nur um ganze 38,4 Mrd.$. "Bei näherer Betrachtung schwimmen Konsumenten und Unternehmen nicht in Liquidität, sondern in maßloser Verschuldung", schreibt Richebächer.
Er schließt: "Was sich in den USA abspielt, ist offensichtlich nicht der übliche Konjunkturzyklus, sondern eine Strukturkrise, die sich primär in einer Gewinn- und Investitionskrise äußert... Es ist die schwerste Gewinn- und Investitionskrise der Nachkriegszeit, die ihre tiefergehende und anhaltende Ursache in einer maßlosen Schuldenvermehrung vor allem für den Konsum und für finanzielle Spekulationen hat." Richebächer gehörte neben LaRouche zu den Rednern des Berliner EIR-Seminars letzten November über ein "Neues Bretton Woods".
Doch auch in der Londoner City zeichnet sich ein deutlicher Stimmungswandel in Bezug auf die US-Wirtschaftslage ab. Am 28.4. stellte der bekannte Kolumnist Anatole Kaletsky in einem Editorial in der Londoner Times die ketzerische Frage: "Schwindet Amerikas Überlegenheit?" Kaletsky schreibt, obwohl die US-Regierung für das 1. Quartal ein Wachstum ankündigte, sei die Wall Street deutlich gefallen und der Dollar gegenüber Euro und Pfund auf den niedrigsten Stand seit Dezember gesunken. Offensichtlich hätten die Investoren ihr Vertrauen in die langfristige Stärke der US-Wirtschaft verloren und dächten ernsthaft daran, das globale Kapital nach Europa und Japan zu verlagern. Amerikas Wirtschaftspolitik gehe in eine gefährliche Richtung, fährt er fort, weil Steuersenkungen und Rüstungsausgaben Handel und Haushaltsdefizit zusätzlich belasten. Auch die amerikanische Politik werde immer ungewisser, da Präsident Bush gegenüber Israel ohne jede Wirkung lospoltere und seinen Drohungen gegenüber dem Irak und der "Achse des Bösen" keine Taten folgen lasse. Kaletsky fügt hinzu, möglicherweise "wird Präsident Bush bis Ende des Jahres sogar politisch eine lahme Ente".
Kaletsky gesteht: "Das ganze letzte Jahr über wandte ich mich gegen die ,Untergangspropheten', wie ich sie nannte, die vorhersagten, daß auf die Technologieinvestitionsorgie der späten 90er Jahre ein Absturz ähnlich wie in Japan folgen werde." Aber es gebe "mehrere Gründe, die Stärke der US-Wirtschaft infrage zu stellen". Kaletsky schließt: "Eine Veränderung der relativen Anziehungskraft der amerikanischen, europäischen und japanischen Volkswirtschaften hätte große Auswirkungen auf Währungen und Finanzmärkte. Es könnte das Ende der Periode der Überlegenheit bedeuten, die Dollar und Wall Street den größten Teil des letzten Jahrzehnts genossen haben."
bye