Die neuesten Inflationsdaten liefern eigentlich starke Argumente für steigende Bitcoin-Kurse. Trotzdem bleibt die Käuferschaft aus. Deshalb ergibt sich die Frage: Welcher Faktor wiegt derzeit schwerer als die Inflation?
Die jüngsten Daten aus den USA haben viele Marktteilnehmer schockiert. Mit 4,2 Prozent liegt die US-Inflation auf dem höchsten Niveau seit dem Frühjahr 2023. Grund hierfür ist vor allem der höhere Energiepreis. Die Kerninflation hat mit 2,9 Prozent deutlich niedriger gelegen.
Für Anleger entsteht daraus ein gemischtes Bild. Die Gesamtinflation steigt auf ein Mehrjahreshoch. Der zugrunde liegende Preisdruck wirkt dagegen deutlich moderater. Steigende Energiepreise können die Inflationsrate kurzfristig nach oben treiben. Für die langfristige Entwicklung ist jedoch wichtiger, ob sich Preissteigerungen über weite Teile der Wirtschaft ausbreiten. Die jüngsten Daten liefern darauf bislang keine absolut klare Antwort.
Anleger müssen deshalb einschätzen, ob die höheren Preise vor allem auf einen temporären Energieschock zurückzuführen sind oder ob sich daraus eine neue Inflationswelle entwickelt. Solange diese Frage unbeantwortet bleibt, fehlt Bitcoin ein klarer makroökonomischer Rückenwind.
Mit jeder höheren Inflationszahl wächst der Druck auf die Währungshüter. Steigende Verbraucherpreise erhöhen das Risiko, dass Notenbanken länger an einem restriktiven Kurs festhalten müssen.
Noch deutlicher zeigt sich der Preisdruck auf Unternehmensebene. Die Erzeugerpreise haben zuletzt um 6,5 Prozent zugelegt und den höchsten Stand seit Ende 2022 erreicht. Solche Entwicklungen werden von Zentralbanken genau beobachtet, weil sie häufig mit Verzögerung bei den Verbrauchern ankommen.
Die Europäische Zentralbank hat ihren Leitzins bereits angehoben und ihre Inflationsprognosen nach oben angepasst. Auch an den US-Märkten rechnen Investoren wieder mit einer höheren Wahrscheinlichkeit zusätzlicher Zinskorrekturen.
Für Bitcoin verändert sich dadurch die Ausgangslage massiv. Höhere Zinsen beeinflussen die Bewertung nahezu aller Anlageklassen und gerade solcher, die auf billiges Geld angewiesen sind, respektive maßgeblich davon profitieren.
An den Finanzmärkten steht derzeit eine Größe im Mittelpunkt, die oft wichtiger ist als die Inflationsrate selbst: die Realzinsen. Diese zeigen, welche Rendite Anleger nach Abzug der Inflation tatsächlich erzielen. Steigen diese Werte, werden Staatsanleihen und andere festverzinsliche Anlagen attraktiver. Investoren erhalten höhere reale Erträge, ohne zusätzliche Risiken eingehen zu müssen.
Hier beginnt der Wettbewerb um Kapital. Bitcoin wirft keine laufenden Erträge (Cashflows) ab. Gold ebenfalls nicht. Beide Anlageklassen leben von Knappheit, Vertrauen beziehungsweise Misstrauen und der Erwartung zukünftiger Wertsteigerungen.
Wenn Anleger wieder attraktive Renditen am Anleihemarkt erhalten, verschiebt sich die Allokation des Kapitals. Ein Teil des Geldes wandert aus alternativen Vermögenswerten zurück in klassische Zinsanlagen. Das erklärt, warum die jüngsten Inflationsdaten nicht direkt eine neue Kaufwelle ausgelöst haben. Noch interessanter ist jedoch, dass sich dieses Muster nicht nur bei Bitcoin beobachten lässt.
Auf den ersten Blick wirkt die Entwicklung widersprüchlich: Die Inflation steigt und Gold fällt, Bitcoin fällt ebenfalls. Dieses Muster sorgt für Diskussionen unter Investoren. Schließlich gelten beide Anlageklassen seit Jahren als Schutz vor Kaufkraftverlusten.
In der Praxis reagieren Gold und Bitcoin jedoch häufig auf dieselben makroökonomischen Faktoren. Dazu gehören Realzinsen, Liquidität und Erwartungen an die Geldpolitik. Steigen die Renditen am Anleihemarkt, geraten beide Anlageklassen oft gleichzeitig unter Druck.
Ein ähnliches Bild hat sich bereits während früherer Zinserhöhungszyklen gezeigt. Nicht die Inflation selbst hat die Kursentwicklung bestimmt. Ausschlaggebend ist häufig die Reaktion der Zentralbanken auf die Inflation gewesen. Das wirft eine weitere Frage auf: Handelt es sich um eine vorübergehende Marktphase oder verändert sich die Rolle von Bitcoin grundlegend?
Die aktuelle Kursentwicklung liefert zumindest Hinweise darauf, dass Bitcoin derzeit anders gehandelt wird als in früheren Inflationsphasen. Die Kryptowährung hält sich zwar weiterhin oberhalb wichtiger Kurszonen. Gleichzeitig orientiert sich die Preisentwicklung jedoch deutlich stärker an Zinserwartungen, Liquidität und Risikobereitschaft als an den Verbraucherpreisen selbst.
Das bedeutet nicht automatisch, dass die These vom Inflationsschutz gescheitert ist. Finanzmärkte werden selten nur von einem Faktor bestimmt. Je nach Marktphase rücken unterschiedliche Themen in den Vordergrund. Aktuell dominieren Zinsen und Geldpolitik. Das erklärt auch, weshalb selbst deutlich höhere Inflationswerte bislang keinen nachhaltigen Kaufdruck erzeugen konnten.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, was Bitcoin in den vergangenen Wochen gemacht hat. Wichtiger ist, was passieren müsste, damit sich das Bild wieder dreht.
Für die kommenden Monate richtet sich der Blick vor allem auf die Entwicklung der realen Zinsen. Sollten die Energiepreise nachgeben und die Kerninflation weiter sinken, könnte auch der Druck auf die Zentralbanken nachlassen. In diesem Szenario würden die Erwartungen an weitere Zinserhöhungen zurückgehen. Gleichzeitig könnte die Attraktivität von Anleihen wieder sinken. Das würde den Wettbewerb um Kapital entschärfen und die Rahmenbedingungen für Gold und Bitcoin verbessern.
Knappe Vermögenswerte würden dann wieder stärker von Inflationssorgen profitieren können. Die bekannte Marktlogik könnte zurückkehren. Bis dahin bleibt das Bild jedoch unverändert. Die jüngsten Inflationsdaten haben gezeigt, dass steigende Verbraucherpreise allein nicht mehr ausreichen, um eine neue bullishe Rallye auszulösen. Der Markt schaut derzeit vor allem auf die Reaktion der Notenbanken.
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