Quanten-Aktien stürzen ab: Börsengang von Honeywell-Star Quantinuum wird zum Stresstest
Markus Weingran
Markus Weingran
Markus Weingran ist seit mehr als 20 Jahren als Kapitalmarkt-Stratege und Aktien-Experte aktiv. Geprägt durch die langjährige Zusammenarbeit mit dem Finanzexperten Hans A. Bernecker verfolgt er einen klaren Anspruch: in jeder Börsenphase das Beste für Anleger herauszuholen. Weitere Einschätzungen und Trading-Ideen teilt er auch täglich in der wallstreetONLINE Börsenlounge auf YouTube.
Kurz vor dem Nasdaq-Debüt von Quantinuum geraten Quanten-Aktien unter Druck. Rigetti, D-Wave, IonQ, Arqit und andere Werte fallen deutlich. Dabei ist der Börsengang eigentlich ein Triumph für die Branche: Bis zu 1,46 Milliarden US-Dollar will die Honeywell-Tochter einsammeln, die Bewertung könnte auf 14,3 Milliarden US-Dollar steigen. Doch genau diese Euphorie wird jetzt zum Problem.
Für dich zusammengefasst:
Quantinuum plant einen Börsengang mit 26,5 Millionen Aktien.
Der Börsengang unter Druck setzt bereits gelistete Quantenwerte.
Quantinuum erzielte 2025 einen Umsatz von 30,9 Millionen US-Dollar.
Der Hype um Quantencomputer bekommt seinen bisher härtesten Börsentest. Kurz vor dem geplanten Nasdaq-Debüt von Quantinuum unter dem Tickersymbol QNT geraten zahlreiche Aktien aus dem Quantenumfeld deutlich unter Druck. Der Markt sortiert die gesamte Branche neu.
Quantinuum, mehrheitlich im Besitz von Honeywell (Honeywell Aktie), will 26,5 Millionen Aktien zu einem Preis zwischen 53 und 55 US-Dollar verkaufen. Im oberen Bereich der Spanne würde das Unternehmen rund 1,46 Milliarden US-Dollar einnehmen. Die Bewertung könnte auf bis zu 14,3 Milliarden US-Dollar steigen. Für ein Quantenunternehmen ist das ein gewaltiger Schritt an dwe Börse und ein Signal, dass Investoren weiter bereit sind, enorme Summen auf die Zukunft der Technologie zu setzen.
Doch ausgerechnet dieser Börsengang setzt die bereits gelisteten Quantenwerte unter Druck. Denn mit Quantinuum kommt ein Unternehmen auf den Markt, das nicht wie viele frühere Quantenwerte über eine SPAC-Transaktion an die Börse geht, sondern über einen klassischen IPO. Das macht die Bewertung transparenter, die Vergleichbarkeit größer und den Druck auf kleinere Konkurrenten höher.
Am Mittwoch verloren mehrere Quanten- und quantennahe Aktien deutlich. Rigetti Computing, D-Wave Quantum, Quantum Computing, IonQ, Arqit Quantum, Infleqtion und SEALSQ standen allesamt unter Druck. Besonders hart traf es Infleqtion, Arqit und Rigetti, aber auch die prominenteren Namen IonQ und D-Wave kamen nicht ungeschoren davon.
Das ist bemerkenswert, weil der Quantinuum-IPO eigentlich als positives Signal für den Sektor gelesen werden könnte. Wenn Investoren bereit sind, ein privates Quantenunternehmen mit einer zweistelligen Milliardenbewertung an die Börse zu bringen, müsste das theoretisch auch den börsennotierten Wettbewerbern helfen. Doch an der Börse funktioniert Hype selten geradlinig.
Der Börsengang von Quantinuum kann für die Konkurrenz auch ein Problem sein. Plötzlich gibt es einen neuen, großen Referenzwert. Anleger können vergleichen: Technologie, Umsatz, Verluste, Kapitalausstattung, Eigentümerstruktur, staatliche Förderung und industrielle Anbindung. Und bei diesem Vergleich wirken manche der bisherigen Quantenlieblinge weniger einzigartig als noch vor wenigen Wochen.
Honeywell bringt Gewicht in den Markt
Quantinuum ist kein typisches Startup ohne industrielle Heimat. Das Unternehmen entstand 2021 aus der Zusammenlegung von Honeywells Quantencomputing-Sparte und Cambridge Quantum. Dieser Hintergrund verschafft Quantinuum einen anderen Anstrich als vielen spekulativen Quantenwerten, die in den vergangenen Jahren über SPACs an die Börse kamen.
Honeywell bleibt auch nach dem Börsengang ein zentraler Ankeraktionär. Damit bekommt Quantinuum eine industrielle Glaubwürdigkeit, die in einem noch jungen Markt wichtig ist. Hinzu kommen Forschung, Patente, Partnerschaften und die Erzählung eines Full-Stack-Anbieters: Quantinuum arbeitet nicht nur an der Hardware, sondern auch an der Software, Anwendungen und kommerziellen Einsatzfeldern.
Das klingt nach Substanz. Aber die Zahlen zeigen zugleich, wie früh diese Branche noch ist.
Hohe Bewertung, wenig Umsatz
Quantinuum erzielte 2025 einen Umsatz von 30,9 Millionen US-Dollar. Der Nettoverlust lag bei 192,6 Millionen US-Dollar. Im ersten Quartal 2026 kam das Unternehmen auf lediglich 5,2 Millionen US-Dollar Umsatz, während der Verlust auf 136,6 Millionen US-Dollar anschwoll.
Genau hier liegt der wunde Punkt der gesamten Quantenstory. Die Technologie kann langfristig revolutionär sein. Sie könnte Materialforschung, Pharmaentwicklung, Verschlüsselung, Optimierung, Finanzmodelle und künstliche Intelligenz verändern. Doch die aktuelle Geschäftsbasis ist gemessen an den Börsenbewertungen noch extrem klein.
Bei einer möglichen Bewertung von 14,3 Milliarden US-Dollar würde Quantinuum mit einem Vielfachen des aktuellen Umsatzes an die Börse gehen, das selbst für Wachstumswerte außergewöhnlich hoch ist. Investoren kaufen damit nicht die Gegenwart, sondern eine sehr weit in die Zukunft reichende Option.
Das muss nicht falsch sein. Aber es macht die Aktie und den gesamten Sektor anfällig für Enttäuschungen.
Warum Anleger jetzt bei anderen Quantenwerten Kasse machen
Der Rückgang bei Rigetti, D-Wave, IonQ und anderen Werten dürfte mehrere Gründe haben. Erstens nehmen Anleger vor dem großen IPO offenbar Risiko aus dem Sektor. Wer in den vergangenen Monaten stark gestiegene Quantenwerte gekauft hat, könnte Gewinne sichern, bevor Quantinuum als neuer Vergleichsmaßstab an die Börse kommt.
Zweitens kann der Börsengang Kapital umlenken. Institutionelle Investoren, die bisher nur begrenzte Möglichkeiten hatten, auf Quantencomputing zu setzen, bekommen mit Quantinuum einen neuen, liquiden Namen mit Honeywell-Hintergrund. Das kann Geld aus kleineren und spekulativeren Quantenwerten abziehen.
Drittens wirft die hohe Bewertung von Quantinuum eine unbequeme Frage auf: Wenn selbst ein industriell verankertes Unternehmen mit überschaubarem Umsatz und hohen Verlusten Milliarden wert sein soll, wie belastbar sind dann die Bewertungen der übrigen Branche?
Der Markt liebt Zukunftsfantasie. Aber er hasst es, wenn die Fantasie plötzlich messbar wird.
IonQ bleibt der Platzhirsch – aber der Abstand schrumpft
IonQ gilt bisher als einer der prominentesten börsennotierten Quantenwerte. Das Unternehmen ist deutlich bekannter als viele Rivalen und hat sich über Zukäufe und Partnerschaften breiter aufgestellt. Mit dem Quantinuum-Börsengang bekommt IonQ nun jedoch ernsthafte Konkurrenz im Kampf um die Rolle als führender börsennotierter Quantenwert.
Das ist für Anleger doppelt spannend. Einerseits könnte Quantinuum den gesamten Sektor aufwerten und mehr institutionelles Kapital in Quantenaktien ziehen. Andererseits könnte der Börsengang zeigen, dass Investoren sehr genau unterscheiden: zwischen Unternehmen mit industriellem Rückhalt, realen Aufträgen und tiefer Forschung und solchen, die vor allem von der Hoffnung auf den großen Durchbruch leben.
Für kleinere Werte wie Rigetti, D-Wave oder Quantum Computing wird der Markt damit härter. Sie müssen stärker beweisen, dass ihre Technologie nicht nur wissenschaftlich interessant ist, sondern auch kommerziell skalieren kann.
Der Quantenmarkt bleibt eine Wette auf Jahre
Quantencomputer sind keine kurzfristige Konsumstory. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob die Technologie faszinierend ist – das ist sie. Die Frage lautet, wann daraus ein breiter, profitabler Markt entsteht.
Noch sind viele Anwendungen experimentell. Noch ist die Zahl wirklich kommerzieller Kunden begrenzt. Noch kämpfen die Unternehmen mit hohen Forschungs- und Entwicklungskosten, komplexer Hardware, Fachkräftemangel und langen Entwicklungszyklen. Anleger müssen deshalb zwischen technologischer Vision und investierbarer Realität unterscheiden.
Der Quantinuum-IPO ist genau deshalb so wichtig. Er zwingt den Markt, die Quantenfantasie mit konkreten Zahlen zu konfrontieren. 14,3 Milliarden US-Dollar Bewertung bei 30,9 Millionen US-Dollar Jahresumsatz sind ein mutiger Preis für eine große Zukunft. Wer hier investiert, setzt auf einen Technologiesprung – nicht auf klassische Fundamentaldaten.
Honeywell als indirekter Gewinner
Für Honeywell ist der Börsengang strategisch interessant. Der Industriekonzern kann einen Teil des Wertes seiner Quantensparte sichtbar machen, bleibt aber weiter eng mit Quantinuum verbunden. Für Honeywell-Aktionäre wird damit ein bislang schwer greifbarer Zukunftsbereich transparenter.
Sollte Quantinuum erfolgreich starten, könnte das auch die Wahrnehmung von Honeywell verändern. Der Konzern wäre dann nicht nur ein traditioneller Industriewert, sondern hätte einen sichtbaren Hebel auf einen der spekulativsten Technologiemärkte der kommenden Jahre.
Allerdings gilt auch hier: Der Quantinuum-Wert ist an hohe Erwartungen geknüpft. Ein starker Börsenstart wäre ein Signal. Ein schwacher Start oder schnelle Gewinnmitnahmen könnten dagegen den gesamten Sektor belasten.
Der Hype bekommt ein nächstes Preisschild
Der Börsengang von Quantinuum ist ein Meilenstein für die Quantenbranche. Er bringt Größe, Aufmerksamkeit und institutionelle Relevanz. Gleichzeitig macht er die Risiken sichtbarer als je zuvor.
Die Kursverluste bei anderen Quantenwerten zeigen, dass Anleger nicht blind feiern. Sie fragen sich, ob die Bewertungen im Sektor noch zur kommerziellen Realität passen. Quantinuum kommt mit Honeywell-Rückhalt, hoher Aufmerksamkeit und großer IPO-Nachfrage an die Börse. Aber auch dieses Unternehmen steht noch am Anfang der Kommerzialisierung und schreibt hohe Verluste.
Für Anleger ist der Sektor damit kein klassisches Investment in laufende Gewinne, sondern eine Hochrisiko-Wette auf einen technologischen Durchbruch. Wer Quantenaktien kauft, kauft Zukunft. Der Quantinuum-IPO zeigt nun, wie teuer diese Zukunft bereits geworden ist.
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