Interview mit Pfizer-Chef McKinnell (EuramS)
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EURO: Pfizer hat gerade für 58 Milliarden Dollar Pharmacia übernommen. Das war bereits die zweite Großfusion nach dem 120-Milliarden-Dollar-Zusammenschluss mit Warner-Lambert vor zweieinhalb Jahren. Ist Pfizers Akquisitionshunger jetzt gestillt?
MCKINNELL: Es ist einfach so, dass wir zu verschiedenen Zeiten verschiedene Strategien verfolgt haben. In den frühen 90er-Jahren brachten wir die Produkte auf den Markt, die heute unsere wichtigsten Umsatzquellen sind. Mitte der 90er sank unser Forschungs-Output, also haben wir verstärkt Produkte einlizenziert. Und Ende der 90er sahen wir einige Kaufgelegenheiten. Der nächste Zyklus wird sehr viel mehr von Partnerschaften mit Biotech-Unternehmen geprägt sein. Ich denke, da werden wir aktiver werden, mit Kooperationen und kleineren Übernahmen, aber nichts in der Dimension von Warner-Lambert.
EURO: Wie hoch sind eigentlich die prognostizierten Synergie-Effekte der Fusion mit Pharmacia?
MCKINNELL: Wir erwarten, über einen Zeitraum von drei Jahren 2,5 Milliarden Dollar einzusparen - hauptsächlich, indem wir doppelte Stellen und Abteilungen streichen, und durch bessere Konditionen bei Zulieferern. Aber auch in Forschung und Entwicklung kommen alle Projekte auf den Prüfstand.
EURO: Skeptiker behaupten, Pharmakonzerne wollten durch Fusionen und sich daraus ergebenden Einsparungen davon ablenken, dass ihre Entwicklungs-Pipelines nur spärlich gefüllt sind.
MCKINNELL: Das Problem mit den Pipelines ist, dass man sie immer nur im Nachhinein beurteilen kann. Wir wissen heute, dass die Pipelines vor fünf bis zehn Jahren schwach waren. Denn obwohl die Industrie im vergangenen Jahrzehnt drei bis vier Mal mehr investiert hat, ist die Zahl der Zulassungen gleich geblieben oder sogar gesunken. Das lag einerseits daran, dass der Fortschritt in der Biotechnologie uns sehr viele neue Werkzeuge und Ziele für die Medikamenten-Entwicklung geliefert hat. Man betrat neue Wege und scheiterte dementsprechend häufig. Andererseits hat die Zulassungsbehörde FDA ihre Hürden in puncto Sicherheit erhöht. Ich glaube aber, dass die Pipelines von heute wesentlich stärker sind. Man wird natürlich erst in fünf bis zehn Jahren sehen, ob ich Recht hatte. Aber was ich in unserer eigenen Forschung sehe und vom Wettbewerb höre, überzeugt mich, dass die Zahl der zugelassenen Medikamente stark steigen wird.
EURO: Nennen Sie doch mal ein Beispiel für die Mittel in Pfizers Pipeline.
MCKINNELL: Es ist schwer, ein oder zwei herauszupicken, denn wir wollen in den kommenden fünf Jahren 20 zur Zulassung einreichen. Unser Produkt mit dem vermutlich größten Potenzial erhöht den Spiegel an so genanntem guten HDL-Cholesterin. Studien haben gezeigt, dass Menschen mit genetisch bedingt hohem HDL-Spiegel fast nie einen Herzinfarkt bekommen. Das neue Produkt könnte also einen enormen Einfluss auf Herzerkrankungen haben, die heute Todesursache Nummer 1 in den Industrieländern sind.
EURO: Wie in der gesamten PharmaIndustrie droht auch bei Pfizer einigen Blockbustern durch Nachahmerprodukte, die so genannten Generika, Konkurrenz. Wie beurteilen Sie die zunehmende Aggressivität der Generika-Hersteller, die inzwischen mit schöner Regelmäßigkeit versuchen, Patente schon lange vor ihrem regulären Ablauf zu knacken?
MCKINNELL: Was mir ein bisschen Sorge macht, ist: Wenn Sie ein Bauteil erfinden, das die Autoscheinwerfer einschaltet, wenn es dunkel wird, gibt Ihnen die Gesellschaft 20 Jahre Zeit, um daraus Kapital zu schlagen. Wenn Sie aber ein Medikament gegen Krebs entdecken, haben Sie nur etwa zehn bis zwölf Jahre. Das ist schon relativ kurz, und wenn Generika-Hersteller die Patente zu Fall bringen, wird die Zeitspanne noch kürzer. Es ist aber nicht im Interesse der Gesellschaft, aus einem Geschäft mit hohem Risiko und hoher Rendite ein Geschäft mit hohem Risiko und niedriger Rendite zu machen. Denn das führt ganz klar zu weniger Investition und weniger Innovation.
Das Interview führte Julia Groß / Euro am Sonntag
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Pfizer - Riese im Sonderangebot (EuramS)
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Pfizer ist nach der Fusion mit Pharmacia der mit Abstand größte Pharmakonzern der Welt. Im Aktienkurs spiegelt sich diese Ausnahmestellung jedoch nicht wider. Warum Anleger die Situation zum Einstieg nutzen sollten.
Tatsache ist doch: Selbst wenn ein Glas sauberes Wasser am Tag Aids heilen würde, könnten wir die Krankheit im südlichen Afrika nicht ausrotten. Es gibt dort enorme Infrastrukturprobleme zu überwinden." Henry A. "Hank" McKinnell einmal von einer unbekannten Seite. Der Pfizer-Chef könnte stundenlang über das Thema "Medikamente für Entwicklungsländer" referieren. Wie Firmen Container voller gespendeter Arzneimittel verschicken und feststellen, dass diese den Flughafen Amsterdam nie verlassen haben, sondern gleich auf dem Schwarzmarkt gelandet sind. Wie er selbst zum damaligen Präsidenten Kenias, Daniel Arap Moi, sagte, er werde das Land nur in das Aids-Hilfsprogramm von Pfizer aufnehmen, wenn es keine Korruption gebe. Und wie Moi dann angestrengt die Wand anstarrte. Die Öffentlichkeit kennt den Boss des weltgrößten Pharmakonzerns anders: Als knallharten Kritiker europäischer Gesundheitspolitik. Als Boss eines höchst erfolgreichen, aggressiv expandierenden Unternehmens. Als der, der durch zwei Fusionen - im Jahr 2000 mit Warner-Lambert und jetzt mit Pharmacia - Pfizer zu dem gemacht hat, was es heute ist.
Und der Konzern kann sich durchaus sehen lassen: Gemessen am Börsenwert sind die Amerikaner locker doppelt so groß wie die Nummer 2 und 3 der Pharmabranche, Glaxo SmithKline und Merck & Co. Pfizer verfügt über zehn Blockbuster, also Arzneimittel, die mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz im Jahr erzielen. Fünf kommen sogar auf über zwei Milliarden, drei auf über drei Milliarden und der Cholesterinsenker Lipitor - der in Deutschland Sortis heißt - schaffte 2002 mehr als sieben Milliarden Dollar Umsatz weltweit. Von den zehn meistverkauften Medikamenten der Welt vermarktet Pfizer vier.
Auch die Finanzen beeindrucken. Im vergangenen Jahr kletterte der Umsatz um zwölf Prozent auf 32,4 Milliarden Dollar. Der Nettogewinn stieg um 17 Prozent auf 9,1 Milliarden Dollar. Im ersten Quartal 2003 verdoppelte sich der Gewinn auf Grund von Verkäufen, der Umsatz wuchs um zehn Prozent. Der Konzern hat die besten Bonitäts-Ratings und wird dieses Jahr für elf Milliarden Dollar eigene Aktien zurückkaufen.
Einen Ausblick will McKinnell im Juni geben: Nachdem sich der Vollzug der Pharmacia-Fusion wegen Untersuchungen der Wettbewerbsbehörden um mehr als drei Monate verzögert hat, muss noch viel gerechnet werden. Die ältere Prognose, in den kommenden drei Jahren den Umsatz um jeweils zehn Prozent zu steigern, steht. Doch an den Börsen machte sich zuletzt Skepsis breit: Das Wachstum, insbesondere das des Megasellers Lipitor, werde sich verlangsamen, einigen Blockbustern drohe Konkurrenz durch Nachahmerprodukte, und überhaupt sei zweifelhaft, ob ein Konzern dieser Größe die anvisierten Steigerungsraten halten könne - so die Bedenken. Dementsprechend entwickelte sich der Aktienkurs: Seit Mitte Juli 2002, als der Zusammenschluss mit Pharmacia bekannt gegeben wurde, sank der Kurs um vier Prozent. Mit einem 04er-KGV von 14,7 gehört Pfizer zu den günstigeren Pharma-Aktien, obwohl der Konzern eindeutiger Weltmarktführer ist.
Zum jetzigen Zeitpunkt also keine schlechte Kaufgelegenheit. Denn vieles spricht dafür, dass der Pharmariese seine Versprechen einlösen kann. Bereits jetzt lässt sich in groben Zügen der neue Pfizer-Konzern erkennen: McKinnell konzentriert sich ganz auf Pharmazeutika, bereits verkauft wurden die Sparten Fischfutter, Süßigkeiten und Rasierer. Der Konzern soll verschlankt werden, auch Forschung und Entwicklung sind davon nicht ausgenommen.
Die Integration von Warner-Lambert war mustergültig: "Bereits 24 Stunden nach der offiziellen Übernahme von Warner-Lambert hatten sie bereits alle Anpassungen vollzogen - bis hin zu den Bildschirmschonern, auf denen dann Pfizer stand", meint ein amerikanischer Fondsmanager anerkennend. Es ist absehbar, dass es bei Pharmacia ähnlich rund läuft. Einige Experten erwarten, dass die Synergie-Effekte höher ausfallen könnten als angekündigt. Mit der Eingliederung von Warner-Lambert sparte Pfizer noch im vergangenen Jahr 1,8 Milliarden Dollar, 200 Millionen mehr als prognostiziert. Auch die Gefahr von Generika-Konkurrenz für die umsatzstärksten Medikamente ist bei Pfizer nicht so groß wie bei anderen in der Branche. Über Pharmacia kamen zwei weitere lukrative Arzneien - gegen Arthritis - ins Portfolio, deren Patentschutz noch lange läuft. Und die neuen Potenzpillen Cialis und Levitra der Konkurrenz dürften Pfizers Viagra-Umsatz (2002: 1,7 Milliarden Dollar) kaum ernsthaft schaden. Nicht einmal ein Viertel der betroffenen Männer lässt sich überhaupt behandeln. Der Markt ist also weit von einer Sättigung entfernt. Selbst Glaxo-SmithKline-Chef Jean-Pierre Garnier erklärte bereits, das Potenzial von Levitra, das wahrscheinlich noch dieses Jahr in den USA zugelassen wird, sehe er "vor allem bei Patienten, die Viagra nicht oder nur ein einziges Mal benutzt haben".
Pfizers eigene Forschung, aus der seit Jahren kein größeres Produkt mehr hervorgegangen ist, plant zudem 20 Zulassungsanträge in den kommenden fünf Jahren (siehe Interview). Zudem unterhält der Konzern mehr als 2000 Kooperationen mit Biotech- und anderen Pharma-Unternehmen. Nicht zuletzt dank der Größe und Schlagkraft seiner Vertriebsmannschaft gelang es dem Koloss in den vergangenen Jahren immer wieder, die Firmen mit den attraktivsten Produkten als Partner zu gewinnen - so zum Beispiel Serono mit dem Multiple- Sklerose-Mittel Rebif oder die Firma Neurocrine mit ihrem viel versprechenden Schlafmittel Indiplon, das in der letzten klinischen Testphase ist. Gute Voraussetzungen für eine Neubewertung der Aktie, die heute auf demselben Niveau wie 1998 notiert. Selbst beim knallharten Pfizer-Chef Hank McKinnell gibt es zweite Chancen: Mit Kenias neuem Präsident Mwai Kibaki verhandelt er wieder.
von Julia Groß / Euro am Sonntag
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Rückkehr der Latino-Bullen (EuramS)
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Lateinamerika ist bislang der Börsengewinner des Jahres. Die Region hat turbulente Zeiten hinter sich. Doch jetzt glauben die Experten an einen nachhaltigen Aufschwung. Mit welchen Fonds und Anleihen man dabei ist
Die Grillsaison ist eröffnet. Feinschmecker freuen sich schon auf ein saftiges argentinisches Steak. Auch die Börsianer sind wieder auf den Geschmack gekommen. Nach langer Zeit trifft man die argentinischen Bullen nicht nur in der Pampa, sondern auch wieder auf dem Parkett in Buenos Aires. Der argentinische Börsenindex Merval hat sich seit seinem Tief am 14. Juni 2002 bei 266 Punkten auf inzwischen über 600 Punkte mehr als verdoppelt. Auf diesem Niveau bewegte sich das Börsenbarometer zuletzt vor mehr als vier Jahren.
"Fundamental steht Argentinien eigentlich noch ganz am Anfang. Trotzdem haben wir wieder erste Positionen aufgebaut", sagt Rainer Vermehren, Fondsmanager des DWS Lateinamerika. Wie andere kann auch er sich der Kauflaune nicht entziehen.
Dabei hatten viele die Hoffnung auf steigende Kurse schon fast aufgegeben. Kein Wunder, positive Nachrichten aus Lateinamerika waren in den vergangenen Jahren Mangelware. Zahlungsausfall in Argentinien, Generalstreik in Venezuela, Währungsturbulenzen in Mexiko oder Bonitätsrückstufungen in Paraguay - solche Meldungen bestimmten die Großwetterlage. Doch seit einiger Zeit bleiben die Katastrophenmeldungen aus. "Ein Teil der Risiken ist überwunden", ist Vermehren zuversichtlich. "Die Anleger haben Lateinamerika wieder entdeckt."
"Die Region profitiert von der positiven Entwicklung in Brasilien", bestätigt Ralph Luther, Fondsmanager bei der Berenberg Bank. Verständlich: Läuft die Wirtschaft in Brasilien, sind die südamerikanischen Nachbarn die unmittelbaren Profiteure. Und in Brasilien macht sich Optimismus breit. Der im vergangenen Jahr gewählte Präsident Lula da Silva hat die Finanzwelt positiv überrascht. Zunächst als Schrecken aller Investoren verschrien, erklärte er schnell, sich an die Vorgaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu halten und die Marktwirtschaft konsequent zu fördern. "Er hat seine Kompetenz bewiesen", betont Luther, "indem er die wichtigsten Posten mit den richtige Leuten besetzt hat." Der Rohstoffreichtum hilft Brasilien ebenfalls. Zusammen mit Australien besitzt das Land am Zuckerhut die größten Eisenerzvorkommen der Welt und ist heute beispielsweise für China schon der wichtigste Lieferant von Eisenerz und Holz. Durch die jahrelang schwache Währung liegen die Arbeitskosten zudem so niedrig, dass Brasilien Stahl weltweit am billigsten anbieten kann. "Das Land hat sehr schnell Fortschritte gemacht", meint DWS-Manager Vermehren. "Noch vor einem Jahr musste der Staat für seine Kredite zwischen 20 und 30 Prozent Zinsen zahlen." Inzwischen könne die Regierung schon wieder Anleihen mit einer Verzinsung von weniger als zehn Prozent am Markt platzieren. Dadurch refinanziere das Land seine Schulden viel günstiger. Die Experten sind sich einig: Ein Ende der Zuckerhut-Rally ist nicht in Sicht. "Der brasilianische Markt ist immer noch sehr günstig bewertet", bestätigt Luther. Mit einem durchschnittlichen KGV von fünf sind die Aktien nach wie vor deutlich billiger als etwa mexikanische Papiere.
Auch Walter Murphy, Südamerika-Stratege von Merrill Lynch, ist optimistisch: "Wir rechnen damit, dass das Marktumfeld in den kommenden Monaten sein stabiles Niveau halten kann." Derzeit ist Brasilien im MSCI-Emerging-Markets-Index mit zehn Prozent schon stark vertreten. Luther und Murphy gehen aber davon aus, dass sich die Gewichtung des südamerikanischen Landes in den kommenden Monaten noch weiter erhöhen wird.
Mexiko und Chile sind bei Fondsmanagern ebenfalls beliebt: Neben brasilianischen Papieren liegen im Depot von Chris Palmer vor allem mexikanische Titel. Der Fondsmanager des Gartmore Latin America investiert fast 40 Prozent des Volumens im Land der Azteken, das neben Brasilien als zweite Säule wirtschaftlicher Stabilität in Lateinamerika gilt. Und zusammen mit Chile das einzige Land, das Investment-Grade-Status hat. Der Andenstaat Chile wiederum verfügt zwar nur über einen kleinen lokalen Markt, ist aber reich an Bodenschätzen. Die in Südamerika so seltene politische Stabilität und eine starke Wirtschaft machen das Land für ausländische Investoren interessant. "Das Land ist ein defensives Investment", sagt Lateinamerika-Experte Vermehren. Gerade wenn es in Brasilien oder Argentinien brenne, sei Chile als Risikopuffer sehr beliebt. Für Anleger, die in Latino-Aktien investieren möchten, eignen sich wegen der hohen Transaktionskosten beim direktkauf Fonds am besten. Deren Performance kann sich 2003 sehen lassen. So hat etwa der von David Manuel gemanagte Invesco GT Latin America bereits über 18 Prozent an Wert gewonnen. Wie viele seiner Kollegen setzt Manuel vorrangig auf Blue Chips aus Brasilien und Mexiko. Zu seinen Favoriten zählt Femsa: Die mexikanische Holding ist der größte Getränkekonzern des Landes. Das Unternehmen ist im Vergleich zur Konkurrenz günstig bewertet und weist bei geringer Verschuldung eine solide Bilanz auf. Der Threadneedle Latin America Growth bevorzugt Telekom-, Finanz- und Konsumwerte: Fondsmanager Dominic Rossi favorisiert etwa die mexikanische Telefonos oder die brasilianische Banco Itau.
Bei aller Euphorie bleibt abzuwarten, ob die steigenden Kurse von längerer Dauer sind. "Die Hoffnung der Anleger auf eine langfristige Lateinamerika-Hausse wurde schon mehr als einmal enttäuscht", betont Felix Schleicher, Lateinamerika-Experte der Vermögensverwaltung Fiduka. "Investoren müssen auch künftig mit einer hohen Volatilität leben." Denn Länder wie Brasilien oder Argentinien haben eine extrem hohe Staatsverschuldung. Folge: Die Volkswirtschaften sind anfälliger für politische oder konjunkturelle Einflüsse und können so schneller in Schwierigkeiten geraten als die Emerging Markets in Asien oder Osteuropa.
Die Rahmenbedingungen aber sind positiv, die Mittelzuflüsse steigen. Einer der Gründe: die Probleme der asiatischen Länder mit dem SARS-Virus. "Wenn SARS weiter ein Thema bleibt, wird Lateinamerika davon profitieren", ist sich Fiduka-Mann Schleicher sicher. "Denn irgendwo müssen die Investoren mit ihrem Geld ja hin." Genügend Futter also, um die Latino-Bullen bei Laune zu halten. «
Chancen und Risken für Bonds
Carlos Menem oder Nestor Kirchner? Am 18. Mai wählen die Bürger Argentiniens einen neuen Präsidenten. Der künftige Mann an der Spitze muss das Land mit seinen 36 Millionen Einwohneren aus einer schweren Krise führen. Die Industrie ist kaum wettbewerbsfähig, das politische System ineffizient. Vor allem aber fehlt nach der Erklärung der Zahlungsunfähigkeit das Vertrauen der Investoren. Kein Wunder, dass Argentinien-Bonds lange Zeit nur noch bei rund 20 Prozent notierten. Seit einigen Wochen erholen sich die Kurse dank des Einstiegs risikobereiter Anleger jedoch. Sie setzen darauf, dass der neue Präsident den Schuldendienst wieder aufnimmt. Dann, so ihre Überlegung, dürfte das für die Ankurbelung der Konjunktur so notwendige Kapital wieder ins Land fließen. Jedoch: "Bislang hat noch kein Kandidat ein überzeugendes Restrukturierungsprogramm vorgelegt", sagt Elke Speidel-Walz von der Deutschen Bank. Zudem müsse Argentinien in diesem Jahr rund zehn Milliarden Dollar an den Internationalen Währungsfonds (IWF) und an die Weltbank überweisen. "Für private Gläubiger bleibt da nicht mehr viel übrig", warnt die Expertin.
Auch Michael Discher-Remmlinger, Fondsmanager des DIT Emerging Market Bond, sieht trotz der jüngsten Rendite-Einengungen keinen Anlass, sich in Argentinien zu engagieren. "Das Rückschlagpotenzial ist einfach zu hoch." Seiner Meinung nach wird die neue Regierung ausländischen Investoren einen Schuldenverzicht von 50 Prozent anbieten müssen. "Alles was darunter liegt, ist nicht zu bezahlen."
Gute Perspektiven dagegen in Brasilien. Die Ängste der Investoren vor Lula da Silva haben sich aufgelöst. "Der Präsident lässt keinen Zweifel an seinem marktwirtschaftlichen Kurs", sagt Discher-Remmlinger. So wurde vor kurzem die Unabhängigkeit der Zentralbank garantiert. Zudem macht sich Lula für eine Begrenzung der Staatsausgaben stark. Diese Politik stößt auf Zustimmung des IWF. Der Währungsfonds unterstützt das Land mit Krediten. Auch die Rating-Agentur Fitch sieht Brasilien auf einem guten Weg. Sie stufte den Ausblick von negativ auf stabil herauf. Jüngstes Beispiel für das wachsende Vertrauen: In der vergangenen Woche platzierte Brasilien problemlos eine neue Anleihe in Höhe von 750 Millionen Dollar. Noch vor einem Jahr war für die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas der Zugang zum Kapitalmarkt versperrt. "Die Weichen für einen Aufschwung sind zwar gestellt", sagt Speidel-Walz. Entscheidend sei jetzt aber, ob es Lula tatsächlich gelingt, das Steuer- und Sozialversicherungssystem zu refomieren. Sollten jedoch die Widerstände in Lulas Arbeiterpartei stärker werden und es nicht gelingen, das vom IWF geforderte Ziel eines Überschusses im Haushalt von vier Prozent (ohne Zinszahlungen) zu erzielen, dürften die Anleihekurse wieder unter Druck geraten.
Wachstum in Kolumbien. DIT-Fondsmanager Discher- Remmlinger beurteilt die Reformpolitik von Präsident Alvaro Uribe positiv. Sie dürfte dieses Jahr dazu führen, dass die Wirtschaft Kolumbiens um zwei Prozent zulegt. Zudem bemüht sich Uribe verstärkt um die Senkung des Haushaltsdefizits. Entscheidend für die Zukunft ist es jedoch, ob es dem Präsidenten gelingt, den Terror erfolgreich zu bekämpfen.
Chaos in Caracas. Obwohl nach der Beendigung des Streiks die Ölproduktion fast wieder auf vollen Touren läuft, kauft Discher-Remmlinger keine Venezula-Bonds. Seine Begründung für die Zurückhaltung: "Die innenpolitischen Spannungen sind zu groß, und in der Wirtschaftspolitik ist derzeit kein klares Konzept zu erkennen."
von Nando Sommerfeldt / Euro am Sonntag
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Luftholen für die nächste Rallye (EuramS)
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Trotz der trüben Konjunktur hat der DAX in den vergangenen Wochen deutlich zugelegt. Viele Anleger haben der Rally aber nur zugesehen. Doch noch ist es nicht zu spät: Die Gewinnerwartungen der Unternehmen steigen, der DAX kann sich über der Marke von 3000 Punkten festsetzen.
von Jens Castner
Regel Nummer 1: Kaufen, wenn die Kanonen donnern. Regel Nummer 2: Sell in May and go away. Klingt recht simpel. Und zumindest die erste der beiden Uralt-Weisheiten wurde in den vergangenen Wochen eindrucksvoll bestätigt. Gut 30 Prozent hat der DAX seit dem ersten Bombardement auf Bagdad zugelegt. Ist nach drei Jahren Talfahrt im DAX damit endlich die Trendwende eingeläutet? Oder gilt jetzt die Verkaufe-im-Mai-Regel? Diese Handlungsanweisung resultiert aus der jahrzehntelangen Beobachtung, dass sich die Kurssteigerungen eines Jahres in schöner Regelmäßigkeit in den ersten vier bis fünf Monaten abspielen. Über den Sommer stagnieren die Märkte häufig, der Herbst wird nicht selten von heftigen Börsengewittern begleitet. Auch im vergangenen Jahr erreichten die Kurse ihren vorläufigen Tiefpunkt im Oktober, dem gefürchtetsten aller Börsenmonate. Erst im November und Dezember erholen sich die Märkte nach dem Jahreszeiten-Muster wieder.
Doch 2003 dürfte kein "normales" Börsenjahr werden. Denn vor dem Krieg waren die Aktienkurse im eigentlich Gewinn bringenden Frühjahr eingebrochen. Das jahreszeitliche Muster der Kursverläufe wurde durcheinander gewirbelt. Deshalb könnte sich die Erholung durchaus noch fortsetzen. Charttechnisch zumindest stehen die Ampeln weiter auf Grün.
"An unserem mittelfristig positiven Szenario hat sich nichts geändert", erklärt Uwe Wagner, Technischer Analyst der Deutschen Bank. Auch wenn er ein Nachlassen der Aufwärtsdynamik erwartet, weil die nach durch das Kriegsende ausgelösten Rally ins Stocken geraten ist, traut er dem DAX kurzfristig den Sprung über die 3000er-Marke zu. Zunächst könnte es allerdings zu einer kurzen Konsolidierungsphase kommen, die noch maximal ein bis zwei Wochen dauern dürfte.
Fundamental untermauert wird der mögliche Anstieg der Märkte nicht zuletzt durch den fallenden Ölpreis. Als das "gigantischste Konjunkturprogramm der Welt" apostrophierte Wagner kürzlich das Szenario rapide zurückgehender Energiekosten (vgl. EURO 13/03). Und genau das ist eingetreten. Dabei sprechen die tagesaktuellen Konjunkturdaten in Deutschland noch nicht für eine Trendwende. Der Ifo-Geschäftsklima-Index vom vergangenen Montag lag deutlich unter den Erwartungen, und auch der am Freitag veröffentlichte Reuters- Einkaufsmanager-Index deutet auf eine noch leicht schrumpfende Wirtschaftsleistung in Deutschland und der Eurozone hin.
Dennoch beurteilen Experten inzwischen die Zukunft und die Gewinnaussichten der meisten Unternehmen wieder positiver. Die Analysten der Landesbank Rheinland-Pfalz etwa überarbeiteten vergangene Woche ihre Gewinnprognosen für sämtliche DAX-Unternehmen für das Jahr 2004 - und hoben sie im Schnitt sogar um vier Prozent an. Seit dem Ende des Börsenbooms im März 2000 hat sich das kaum jemand getraut. Steffen Neumann, Marktstratege der Landesbank, ist überzeugt, "dass der Markt erst begonnen hat, das Gewinnerholungspotenzial in die Kurse einzuarbeiten".
Sollte sich diese Theorie bewahrheiten, könnten sich vor allem Frühzykliker wie Stahl- und Chemie-Werte als lohnende Investition erweisen. Die Aktie von ThyssenKrupp etwa nahm in der Vergangenheit konjunkturelle Erholungen stets vorweg. Für ein Engagement spricht auch, dass die Wandlung vom Stahlgiganten zum diversifizierten Technologiekonzern bisher von der Börse ignoriert wurde. Auch BASF dürfte schon beim ersten Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung zu den Favoriten der Fondsmanager zählen. Nach einem überraschend starken ersten Quartal enttäuschte das Unternehmen zwar mit einem relativ verhaltenen Ausblick, aber der war eben Folge der konjunkturellen Unwägbarkeiten. Sollte Licht am Ende des Tunnels sichtbar werden, wird auch das Management des Ludwigshafener Chemie-Konzerns wieder etwas optimistischer in die Zukunft blicken. Und bei BASF hat selbst der Sinkflug des Dollar Gewinn steigernde Effekte. Da Rohstoffe meist in Dollar abgerechnet werden, spart das Unternehmen beim Einkauf und kann so die Währungsverluste, die beim Export nach Übersee entstehen, abfedern.
Der Charme der Schering-Aktie hingegen liegt in der günstigen Bewertung. Mit einem Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) von 14,2 für das Jahr 2004, ist das Pharma-Unternehmen kaum teurer als BASF (12,9). Da die Pharma-branche im Gegensatz zur Chemie aber nicht als zyklisch gilt, sehen Experten Aufschläge als gerechtfertigt an. Vergleichbare US-Unternehmen wie Johnson & Johnson und Eli Lilly werden mit KGVs um die 20 gehandelt, was für Schering langfristig rund 50 Prozent Aufholpotenzial bedeutete.
Aber die hohen US-Kurse könnten ein Risiko für die DAX-Kurse sein. Kommt es nämlich auf breiter Front zum Abbau von Überbewertungen bei US-Titeln, würde auch eine Kurserholung hier zu Lande dadurch gebremst werden. Denn deutsche Börsianer neigen dazu, den Richtungsvorgaben der Wall Street eng zu folgen. Obwohl die laufende Berichtsaison der US-Unternehmen fürs erste Quartal mehr positive als negative Überraschungen brachte, liegt das durchschnittliche Kurs/Gewinn-Verhältnis im marktbreiten S&P-500-Index immer noch bei stolzen 27. Im langfristigen Durchschnitt sind die Unternehmen aber nur mit dem 15Fachen ihres Jahresgewinns bewertet.
Das Ausmaß der Überbewertung ist auch durch die aktuell niedrigen Zinsen kaum zu rechtfertigen. Zwar erwarten Experten wegen der relativ hohen Dividendenrenditen nicht, dass es in nächster Zeit zu Einbrüchen des US-Marktes kommt, zumal auch der sonst eher pessimistische Notenbankchef Alan Greenspan vergangenen Mittwoch vor dem Repräsentantenhaus erklärte, er erwarte eine Erholung der Konjunktur. Aber das Gros der Analysten sieht das Aufwärtspotenzial als begrenzt an. "Wir haben US-Aktien deshalb derzeit deutlich untergewichtet", verrät Uwe Zöllner, Fondsmanager der Investmentgesellschaft Franklin Templeton. Auch sein Kollege Frank Lingohr von der Vermögensverwaltung Lingohr & Partner räumt europäischen Aktien derzeit mehr Chancen ein. Und weil Deutschland im europäischen Vergleich noch mal unterbewertet ist, können Anleger durchaus die Chancen der hiesigen Märkte nutzen.
Kurzfristig seien wegen der konjunkturellen Unsicherheit zwar noch Rückschläge drin, "wer einige Jahre Geduld mitbringt, dürfte aber belohnt werden", sagt Templeton-Fondsmanager Zöllner. Ein Problem, das den Aufschwung der Märkte hier zu Lande vorerst verhindern könnte, ist die Lungenseuche SARS. Die Krankheit droht sich zu einer echten Konjunkturbremse in Asien auszuweiten. Reihenweise senkten Investmentbanken in den vergangenen Wochen ihre Wachstumsprognosen für China und andere asiatische Märkte. In Deutschland sind davon nicht nur Unternehmen betroffen, die - wie etwa VW - große Hoffnungen auf den chinesischen Markt setzen, sondern auch Konzerne wie Lufthansa und TUI, die unter der gedämpften Reiselust in Richtung Asien leiden.
"Bleibt zu hoffen, dass SARS ein regional begrenztes Problem bleibt", sagt DWS-Fondsmanager Markus Kohlenbach, der den Optimismus vieler seiner Kollegen ohnehin nicht teilen will. "Asien war - abgesehen von Japan - die einzige Region, wo es konjunkturell gut lief. Mit SARS ist auch das nun ins Stocken geraten. Wir werden uns wohl mit einem weltweit geringen Wirtschaftswachstum abfinden müssen."
Und was bedeutet das für die Aktienmärkte? Können sie ohne Konjunkturaufschwung Fahrt aufnehmen? Zumindest für Deutschland und Europa gibt es Hoffnung. "Wenn der Dollar weiter schwächelt", sagt Tobias Klein, Chef der Frankfurter Investmentgesellschaft First Private, "wird die Europäische Zentralbank die Zinsen nochmals senken können. Wir sollten aber nicht vergessen, dass die deutsche und europäische Exportwirtschaft fast in den ganzen zehn Jahren vor der Euro-Einführung mit einem noch schwächeren Dollar zu leben hatte." Ein Zinsschritt der EZB würde Aktien nochmals attraktiver machen. Da mehr als drei Prozent Rendite auch mit Anleihen nur durch Risiko erkauft werden können, ist nicht ausgeschlossen, dass Anleger sich wegen der aktuell historisch hohen Ausschüttungssummen verstärkt den Dividendenpapieren zuwenden.
Geld zum Anlegen ist im Überfluss vorhanden. Klein sorgt sich beispielsweise um den hohen Liquiditätszufluss der Immobilienfonds, der der Situation der Aktienmärkte Ende der 90er-Jahre immer ähnlicher werde. Vor allem bei den Gewerbe-Immobilien gebe es als Folge der Wirtschaftsflaute "erschreckend viele Leerstände", die nur über niedrigere Mieten - und damit fallende Bewertungen für den Bestand der Immobilienfonds - abgebaut werden könnten. Nicht auszuschließen, dass Geld nicht nur vom Rentenmarkt, sondern auch vom Immobilienmarkt zurück in die Aktien fließt. Wobei eine Gefahr nicht ganz wegzudiskutieren ist: "Auch Banken und Versicherungen sind stark im Immobilienmarkt engagiert. Wenn hier die Preise fallen, stehen den Wertberichtigungen auf die Aktienbestände geringere Immobilienreserven gegenüber", so Klein. Die Titel aus der Finanzbranche sind also mit Vorsicht zu genießen. Mit einer Ausnahme: die Deutsche Börse selbst. Das Unternehmen hat kein Immobilienproblem - und in den vergangenen drei Jahren bewiesen, dass es auch in fallenden Märkten Geld verdient. Eine Erholung der Indizes könnte die ohnehin eindrucksvolle Gewinndynamik noch beschleunigen.
Trotzdem sollten Anleger noch vorsichtig agieren. Denn langfristig gesehen befinden sich die Märkte trotz der jüngsten Erholung immer noch in einem Abwärtstrend. Und weil die Erfahrung der vergangenen drei Jahre gezeigt hat, "dass Trends länger dauern, als die meisten erwarten", so DWS-Fondsmanager Kohlenbach, kann von einer Wende noch keine Rede sein.
Der DAX müsste über 3300 Punkte steigen, um eine Wendeformation einzuleiten. Erst mit dem Überschreiten der Schwelle von 4000 Punkten wäre die Baisse endgültig überwunden. Wann das passieren wird, wagt aus heutiger Sicht kaum ein Experte zu prognostizieren. Für Charttechniker Uwe Wagner von der Deutschen Bank zum Beispiel sind zunächst 3150 Punkte eine realistische Marke. "Sollte dieser Widerstand überwunden werden, muss man weiter sehen. Darüber hinausgehende Prognosen wären unseriös", warnt der Experte. Um das Risko nach unten zu begrenzen, empfiehlt Wagner, die Marke von 2800 Punkten im Auge zu behalten: "Die kurzfristigen Aufwärtstrends im DAX verlaufen bei 2824 und 2814 Punkten. Ein Abrutschen unter die Marke von 2800 Punkten würde das Ende des aktuell gültigen Positiv-Szenarios bedeuten."