Weil die Übertragung der Fußball-WM mitten in die Handelszeiten der Börse fällt, rechnen Händler mit einem spürbaren Rückgang der Umsätze. Die Broker wollen möglichst wenig Spiele verpassen - und zocken lieber mit Derivaten auf gelbe und rote Karten.
Die Infrastruktur für die Weltmeisterschaft steht. Zwölf Großbildschirme gibt es im neuen Frankfurter Handelszentrum von Dresdner Kleinwort Wasserstein, drei in jeder Ecke. Normalerweise versorgen die Geräte die Mitarbeiter der Handels- und Sales-Abteilungen mit Kursen und Nachrichten. Von Freitag an werden vier der Bildschirme für die Übertragung von Fußballspielen reserviert. So stellen sich das zumindest die Händler der Dresdner-Bank-Investmenttochter vor.
Auch die Kollegen der Deutschen Bank fiebern dem Sportereignis entgegen. "Im Handelsraum werden wir wahrscheinlich alle von ARD und ZDF ausgestrahlten Spiele auf einem Bildschirm sehen können", sagt ein Frankfurter Händler. "Wenn das nicht klappt, müssen wir wohl nach draußen gehen und uns die Spiele woanders anschauen."
Fußball gucken statt Aktien handeln - nichts fürchten die Führungskräfte in Deutschlands Banken derzeit mehr als dieses Szenario. Erstmals laufen viele Spiele wegen der Zeitverschiebung während der europäischen Handelszeiten live im Fernsehen: ab 7.30 Uhr morgens. Ein wahrlich ungünstiger Zeitpunkt. Eine halbe Stunde später startet der Handel am Rentenmarkt, das Gros der Aktienanalysten wertet zu dieser Stunde die Ad-hoc-Meldungen der Unternehmen aus und schreibt seine Aktienempfehlungen. Denn um neun Uhr öffnet die Frankfurter Börse.
Angst vor Umsatzeinbruch
Sollten die Herrschaften während jener Stunden also Tore bejubeln und Lattenschüsse verfluchen, würde der Börsenbetrieb arg in Mitleidenschaft gezogen. Ein vorzeitiges Ausscheiden der Deutschen würde daran wenig ändern. Das Interesse bliebe selbst dann noch "riesengroß", sagt Jo Groebel vom Europäischen Medieninstitut in Düsseldorf.
Die Geschäfte werden sehr viel ruhiger verlaufen als an normalen Tagen, so viel gilt in Händlerkreisen als sicher. Ein Wertpapierbroker rechnet mit einem Umsatzeinbruch von bis zu einem Drittel für sein Haus. Die Gefahr dabei: Bei dünnen Umsätzen kann es rasch zu hohen Kursausschlägen kommen, die Volatilität des Marktes nimmt zu.
Besonders kritisch ist die Lage in Großbritannien. Am 3. und 4. Juni feiert die Königin ihr 50-jähriges Jubiläum, viele Banker wollen die ganze Woche freinehmen. Wer nicht freikriegt, täuscht notfalls Unwohlsein vor. Einer Umfrage der Barclays Bank zufolge wollen 40 Prozent der über 15 Millionen britischen Fußballfans an den Tagen, an denen das englische Team spielt, krankfeiern.
Blaumachen statt Urlaub
Hier zu Lande unterminiert das Fußballfest die Arbeitsmoral ebenfalls. Eine Umfrage des Arbeitsvermittlers Monster.de hat ergeben, dass 33 Prozent der Deutschen wegen der WM keinen Urlaub nehmen wollen, aber vielleicht ein paar Tage blaumachen. 84 Prozent der Firmen, so eine Untersuchung der "Wirtschaftswoche", verbieten ihren Mitarbeitern, die Spiele zu verfolgen.
Dies legt den Schluss nahe, dass nicht nur bei den Banken weniger gearbeitet wird, sondern auch bei deren Kundschaft. "Während der Fußball-Europameisterschaft und der Olympischen Spiele gab es keine Beeinträchtigungen bei den Banken", beruhigt Thomas Schlüter vom Bundesverband Deutscher Banken. Bei der WM werde das nicht anders sein. Die Umsatzstatistik der Deutschen Börse gibt ebenfalls Grund, gelassen zu bleiben. Keines der vergangenen Sportereignisse hat den Handel beeinträchtigt. Allerdings hat sich ein Sportfest noch nie so umfassend über die Arbeitszeiten erstreckt wie diesmal.
Schon laufen die WM-Vorbereitungen in der Finanzbranche auf Hochtouren. In den Research-Abteilungen der Investmentbanken entstehen erste Analysen, die Händler schließen untereinander Wetten ab, und die Produktentwickler brüten über neuen Finanzinnovationen, die den Arbeitsalltag aufheitern sollen.
Banker sind Sportfans
Betroffen von der Fußball-Euphorie sind praktisch alle Investmenthäuser. Viele Banker sind sportbegeistert, und in kaum einer anderen Branche konzentrieren sich so viele verschiedene Nationalitäten. In den Handelsräumen der Brokerfirmen und Investmentbanken findet sich für jedes der an der WM teilnehmenden Teams eine Fangemeinde.
Die meisten Vorrundenspiele laufen hier zu Lande ebenso wie in anderen europäischen Ländern im Bezahlfernsehen. Englands Banker werden das Gekicke ihrer Mannschaft vornehmlich in den Pubs verfolgen. "Wir können die Spiele auf unseren Fernsehern in den Handelsräumen nicht empfangen", rechtfertigt sich ein Händler bei UBS Warburg in London. Das Gros der rund 1000 Kollegen in den Handelssälen würde sich die Spiele deshalb draußen angucken. "Am Finsbury Square werden fünf Großbildschirme installiert - da gehe ich hin."
Viele Pubs, die üblicherweise erst zur Mittagszeit öffnen, gewähren für die Dauer der WM bereits am frühen Morgen Einlass. Bei einigen England-Spielen ist der Anstoß um 7.30 Uhr Londoner Zeit.
Großbildschirme in Frankfurt
Auch in Frankfurt bereitet sich die Gastronomie auf die zahlungskräftigen Fußballfans aus den Geldetagen vor. Am Main gibt es mehr als 300 Banken - so viele wie in keiner anderen Stadt. Das Irish Pub am Hauptbahnhof stellt gleich mehrere Großbildschirme auf und überträgt alle Spiele auf Premiere. Wer es gerne gemütlich hat, kann einen separaten Raum mieten, Catering-Service inklusive. Einer ausgedehnten Mittagspause steht dann nichts mehr im Wege, viele Spiele beginnen um 13.30 Uhr. Da bleibt nur noch wenig Zeit fürs Geschäft.
Zumal während sportlicher Großereignisse ein Geschäft ganz anderer Natur aufblüht: der Handel unter Kollegen - mit Futures und Optionen auf Spielergebnisse, Verletzungen, Verlängerungen, gelbe und rote Karten. Wie kreativ die Investmentbanker bei der Entwicklung neuer Instrumente und Produkte sein können, haben sie in der Vergangenheit zur Genüge bewiesen.
Bei der Fußball-WM 1998 in Frankreich reagierten die Händler der Bankgesellschaft Berlin auf das harte Durchgreifen der Schiedsrichter mit der Emission von Optionen auf gelbe und rote Karten. Dabei variierten nicht nur die Basispreise (Anzahl der Karten), sondern auch die Laufzeiten (Zeitfenster, in denen die Karten gezeigt wurden). Aus dem Spiel der Berliner entwickelte sich ein regelrechter Interbankenhandel, an dem sich fußballbegeisterte Händler anderer Institute beteiligten.
Beliebte Spread-Produkte
Bei den Olympischen Sommerspielen vor zwei Jahren erfreuten sich so genannte Spread-Produkte großer Beliebtheit. Solch derivative Finanzinstrumente werden normalerweise im Zinsbereich angewandt, wo auf weitere oder engere Renditedifferenzen (Spreads) gesetzt wird. Bei den Olympischen Spielen wetteten die Banker hingegen auf Spread-Bewegungen im Medaillenspiegel.
Ein heißer Kandidat bei der WM in Japan und Südkorea könnten Optionen auf Verletzungen deutscher Spieler sein. Noch kursieren nur wenige solcher Derivate. Wegen der nach wie vor herrschenden Arbeitsplatzangst im Investmentbanking schließen die Banker ihre Wetten lieber still und heimlich ab. "Man will nicht auffallen", sagt ein Händler von der DZ Bank. "Die Euphorie" , glaubt sein Kollege von der deutschen Bank, "kommt wahrscheinlich erst mit Beginn der WM."
Bis dahin wird vor allem auf traditionelle Weise gewettet: Wer wird Weltmeister? Wie gehen die deutschen Spiele aus? Wie weit kommt das Team von Rudi Völler?
Dass die Fußballbegeisterung - zumindest auf lange Sicht - ökonomisch durchaus Vorteile bringen kann, hat die US-Investmentbank Goldman Sachs herausgefunden. "In Europa und Lateinamerika zählen die erfolgreichsten Fußballnationen zu den wohlhabendsten Ländern", schreibt Jim O’Neill in seiner Studie zur Fußball-WM. Und eine Analyse der Investmentbank HSBC hat ergeben, dass die Aktienmärkte der Industrieländer, die seit 1966 eine WM gewonnen haben, globale Börsenindizes um neun Prozent geschlagen haben.
Inwiefern der Erfolg eines Teams davon abhängt, wie viele Broker es am Bildschirm lautstark unterstützen, konnte bislang nicht ermittelt werden.
ftd.de
Gruß
Happy End
Die Infrastruktur für die Weltmeisterschaft steht. Zwölf Großbildschirme gibt es im neuen Frankfurter Handelszentrum von Dresdner Kleinwort Wasserstein, drei in jeder Ecke. Normalerweise versorgen die Geräte die Mitarbeiter der Handels- und Sales-Abteilungen mit Kursen und Nachrichten. Von Freitag an werden vier der Bildschirme für die Übertragung von Fußballspielen reserviert. So stellen sich das zumindest die Händler der Dresdner-Bank-Investmenttochter vor.
Auch die Kollegen der Deutschen Bank fiebern dem Sportereignis entgegen. "Im Handelsraum werden wir wahrscheinlich alle von ARD und ZDF ausgestrahlten Spiele auf einem Bildschirm sehen können", sagt ein Frankfurter Händler. "Wenn das nicht klappt, müssen wir wohl nach draußen gehen und uns die Spiele woanders anschauen."
Fußball gucken statt Aktien handeln - nichts fürchten die Führungskräfte in Deutschlands Banken derzeit mehr als dieses Szenario. Erstmals laufen viele Spiele wegen der Zeitverschiebung während der europäischen Handelszeiten live im Fernsehen: ab 7.30 Uhr morgens. Ein wahrlich ungünstiger Zeitpunkt. Eine halbe Stunde später startet der Handel am Rentenmarkt, das Gros der Aktienanalysten wertet zu dieser Stunde die Ad-hoc-Meldungen der Unternehmen aus und schreibt seine Aktienempfehlungen. Denn um neun Uhr öffnet die Frankfurter Börse.
Angst vor Umsatzeinbruch
Sollten die Herrschaften während jener Stunden also Tore bejubeln und Lattenschüsse verfluchen, würde der Börsenbetrieb arg in Mitleidenschaft gezogen. Ein vorzeitiges Ausscheiden der Deutschen würde daran wenig ändern. Das Interesse bliebe selbst dann noch "riesengroß", sagt Jo Groebel vom Europäischen Medieninstitut in Düsseldorf.
Die Geschäfte werden sehr viel ruhiger verlaufen als an normalen Tagen, so viel gilt in Händlerkreisen als sicher. Ein Wertpapierbroker rechnet mit einem Umsatzeinbruch von bis zu einem Drittel für sein Haus. Die Gefahr dabei: Bei dünnen Umsätzen kann es rasch zu hohen Kursausschlägen kommen, die Volatilität des Marktes nimmt zu.
Besonders kritisch ist die Lage in Großbritannien. Am 3. und 4. Juni feiert die Königin ihr 50-jähriges Jubiläum, viele Banker wollen die ganze Woche freinehmen. Wer nicht freikriegt, täuscht notfalls Unwohlsein vor. Einer Umfrage der Barclays Bank zufolge wollen 40 Prozent der über 15 Millionen britischen Fußballfans an den Tagen, an denen das englische Team spielt, krankfeiern.
Blaumachen statt Urlaub
Hier zu Lande unterminiert das Fußballfest die Arbeitsmoral ebenfalls. Eine Umfrage des Arbeitsvermittlers Monster.de hat ergeben, dass 33 Prozent der Deutschen wegen der WM keinen Urlaub nehmen wollen, aber vielleicht ein paar Tage blaumachen. 84 Prozent der Firmen, so eine Untersuchung der "Wirtschaftswoche", verbieten ihren Mitarbeitern, die Spiele zu verfolgen.
Dies legt den Schluss nahe, dass nicht nur bei den Banken weniger gearbeitet wird, sondern auch bei deren Kundschaft. "Während der Fußball-Europameisterschaft und der Olympischen Spiele gab es keine Beeinträchtigungen bei den Banken", beruhigt Thomas Schlüter vom Bundesverband Deutscher Banken. Bei der WM werde das nicht anders sein. Die Umsatzstatistik der Deutschen Börse gibt ebenfalls Grund, gelassen zu bleiben. Keines der vergangenen Sportereignisse hat den Handel beeinträchtigt. Allerdings hat sich ein Sportfest noch nie so umfassend über die Arbeitszeiten erstreckt wie diesmal.
Schon laufen die WM-Vorbereitungen in der Finanzbranche auf Hochtouren. In den Research-Abteilungen der Investmentbanken entstehen erste Analysen, die Händler schließen untereinander Wetten ab, und die Produktentwickler brüten über neuen Finanzinnovationen, die den Arbeitsalltag aufheitern sollen.
Banker sind Sportfans
Betroffen von der Fußball-Euphorie sind praktisch alle Investmenthäuser. Viele Banker sind sportbegeistert, und in kaum einer anderen Branche konzentrieren sich so viele verschiedene Nationalitäten. In den Handelsräumen der Brokerfirmen und Investmentbanken findet sich für jedes der an der WM teilnehmenden Teams eine Fangemeinde.
Die meisten Vorrundenspiele laufen hier zu Lande ebenso wie in anderen europäischen Ländern im Bezahlfernsehen. Englands Banker werden das Gekicke ihrer Mannschaft vornehmlich in den Pubs verfolgen. "Wir können die Spiele auf unseren Fernsehern in den Handelsräumen nicht empfangen", rechtfertigt sich ein Händler bei UBS Warburg in London. Das Gros der rund 1000 Kollegen in den Handelssälen würde sich die Spiele deshalb draußen angucken. "Am Finsbury Square werden fünf Großbildschirme installiert - da gehe ich hin."
Viele Pubs, die üblicherweise erst zur Mittagszeit öffnen, gewähren für die Dauer der WM bereits am frühen Morgen Einlass. Bei einigen England-Spielen ist der Anstoß um 7.30 Uhr Londoner Zeit.
Großbildschirme in Frankfurt
Auch in Frankfurt bereitet sich die Gastronomie auf die zahlungskräftigen Fußballfans aus den Geldetagen vor. Am Main gibt es mehr als 300 Banken - so viele wie in keiner anderen Stadt. Das Irish Pub am Hauptbahnhof stellt gleich mehrere Großbildschirme auf und überträgt alle Spiele auf Premiere. Wer es gerne gemütlich hat, kann einen separaten Raum mieten, Catering-Service inklusive. Einer ausgedehnten Mittagspause steht dann nichts mehr im Wege, viele Spiele beginnen um 13.30 Uhr. Da bleibt nur noch wenig Zeit fürs Geschäft.
Zumal während sportlicher Großereignisse ein Geschäft ganz anderer Natur aufblüht: der Handel unter Kollegen - mit Futures und Optionen auf Spielergebnisse, Verletzungen, Verlängerungen, gelbe und rote Karten. Wie kreativ die Investmentbanker bei der Entwicklung neuer Instrumente und Produkte sein können, haben sie in der Vergangenheit zur Genüge bewiesen.
Bei der Fußball-WM 1998 in Frankreich reagierten die Händler der Bankgesellschaft Berlin auf das harte Durchgreifen der Schiedsrichter mit der Emission von Optionen auf gelbe und rote Karten. Dabei variierten nicht nur die Basispreise (Anzahl der Karten), sondern auch die Laufzeiten (Zeitfenster, in denen die Karten gezeigt wurden). Aus dem Spiel der Berliner entwickelte sich ein regelrechter Interbankenhandel, an dem sich fußballbegeisterte Händler anderer Institute beteiligten.
Beliebte Spread-Produkte
Bei den Olympischen Sommerspielen vor zwei Jahren erfreuten sich so genannte Spread-Produkte großer Beliebtheit. Solch derivative Finanzinstrumente werden normalerweise im Zinsbereich angewandt, wo auf weitere oder engere Renditedifferenzen (Spreads) gesetzt wird. Bei den Olympischen Spielen wetteten die Banker hingegen auf Spread-Bewegungen im Medaillenspiegel.
Ein heißer Kandidat bei der WM in Japan und Südkorea könnten Optionen auf Verletzungen deutscher Spieler sein. Noch kursieren nur wenige solcher Derivate. Wegen der nach wie vor herrschenden Arbeitsplatzangst im Investmentbanking schließen die Banker ihre Wetten lieber still und heimlich ab. "Man will nicht auffallen", sagt ein Händler von der DZ Bank. "Die Euphorie" , glaubt sein Kollege von der deutschen Bank, "kommt wahrscheinlich erst mit Beginn der WM."
Bis dahin wird vor allem auf traditionelle Weise gewettet: Wer wird Weltmeister? Wie gehen die deutschen Spiele aus? Wie weit kommt das Team von Rudi Völler?
Dass die Fußballbegeisterung - zumindest auf lange Sicht - ökonomisch durchaus Vorteile bringen kann, hat die US-Investmentbank Goldman Sachs herausgefunden. "In Europa und Lateinamerika zählen die erfolgreichsten Fußballnationen zu den wohlhabendsten Ländern", schreibt Jim O’Neill in seiner Studie zur Fußball-WM. Und eine Analyse der Investmentbank HSBC hat ergeben, dass die Aktienmärkte der Industrieländer, die seit 1966 eine WM gewonnen haben, globale Börsenindizes um neun Prozent geschlagen haben.
Inwiefern der Erfolg eines Teams davon abhängt, wie viele Broker es am Bildschirm lautstark unterstützen, konnte bislang nicht ermittelt werden.
ftd.de
Gruß
Happy End