Inflationsangst? Na, also ...
Liebe Leserinnen und Leser,
es kann sich auszahlen, zum Zahnarzt zu gehen. Denn so fiel mir der neue Focus-Artikel
über die drohende Inflation in die Hände, mit dem die Wochenzeitschrift momentan auch als
Aufmacher im Fernsehen wirbt. Nun pflege ich eher selten Meinungen anderer zu
kommentieren. Aber hierzu möchte ich doch meine Ansichten darlegen, denn ein solcher
Artikel hat natürlich eine immense Verbreitung – und schürt meiner Ansicht nach Ängste, die
in riskante Investitionen münden könnten.
Ich für meinen Teil habe das Thema Inflation momentan nicht auf dem Aufgabenzettel.
Alleine, weil es absolut keinen Sinn macht, hier und heute auf Szenarien zu setzen, die
irgendwann in der Zukunft entstehen könnten. Denn dass dieser Artikel eine starke
Geldentwertung in recht naher Zukunft sehr plakativ als ausgemachte Sache darstellt, basiert
auf einer Reihe von Annahmen, denen ich großenteils widerspreche. Und wenn sich dieses
erwartete Szenario nicht so entwickelt wie dargestellt, fallen diejenigen, die diese
Inflationskarte spielen, erneut auf die Nase – so wie bereits im Frühjahr/Sommer 2008, als
man mit Rohstoffinvestments, vorher als sicherer Hafen für das Ersparte allenthalben
gepriesen, mehr Verlust machte als einen die zeitweilige Geldentwertung, ja sogar ein
Verbleiben im Aktienmarkt, eingebracht hätte.
Der Blick in trübe Glaskugeln
Erster kritischer Punkt ist der Zeitpunkt einer wirtschaftlichen Erholung. Wie bei erschreckend
vielen Medienstimmen geht man auch hier davon aus, dass in gut einem Jahr eine
wirtschaftliche Belebung zu erwarten sei. Hier wird sich auf Personen bezogen, die es wissen
müssten/sollten. Nur ... bislang wussten die Volkswirte auch nicht, die Zukunft wirklich
zielgenau vorherzusagen. Wie auch. Das ist nun einmal ein hartes Brot. Es spielen
dermaßen viele Variablen in die kommende konjunkturelle Entwicklung mit hinein, die für
sich selbst allesamt nicht sicher voraussagbar sind, dass dergleichen Prognosen nie so recht
hinhauen können. Denn sie basieren darauf, dass man entsprechende Variable einfach
„annimmt“, d.h. eine Berechnung erfolgt unter der Prämisse, dass Euro/Dollar bei x, Rohöl
bei y und die Geldmenge bei z rangiert ... und so weiter. Dass das Ergebnis dann Quartal um
Quartal wieder der Realität angenähert und korrigiert werden muss, ist kein Wunder.
Wie also darf man dann als Basis für ein kommendendes Szenario unterstellen, wann die
Wirtschaft wieder anzieht? Wer will das sicher prognostizieren? Ich für meinen Teil erwarte
keineswegs, bereits im Sommer 2010 wieder nennenswerte Wachstumsraten zu sehen.
Denn das zweite Bein der Rezession wird erst ab diesem Sommer so richtig zum Tragen
kommen. Und dass aus einer solchen tiefen Schrumpfungsphase heraus so zügig wieder
kräftiges, volkswirtschaftlich relevantes Wachstum generiert werden kann, halte ich für eine
gewagte Annahme.
Doch genau dieses Wachstum wäre zwingend erforderlich, damit das Inflationsgespenst aus
der Kiste springen kann. Aber das ist noch keineswegs alles. Denn unterstellt wird zudem,
dass die dann plötzlich anspringende Nachfrage dazu führen wird, dass das Angebot nicht
hinterher kommt und deshalb die Preise steigen. Argumentiert wird hier, dass all die
geschlossenen Werke, die entlassenen Arbeiter so schnell nicht reaktiviert werden können,
wenn die Nachfrage plötzlich im nächsten Sommer 2010 anspringt. Das unterstellt, dass
dieser Nachfrageschub quasi über Nacht kommt und die Verantwortlichen der Unternehmen
dies nicht kommen sehen (im Gegensatz zum Rest der Welt, der eben über Nacht wieder
zackig konsumiert). Ist das eine realistische Annahme? Nun, urteilen Sie selbst.
Führen die „neuen“ Billionen wirklich zu Inflation?
Der zweite Aspekt, der zu dieser starken Geldentwertung führen soll, wird in den Billionen
aus dem Hut gezauberten Geldes gesehen, das momentan den Zusammenbruch der
Finanzmärkte verhindern soll. Viel Geld mehr = viel Inflation. Einfach, diese Überlegung ...
aber so einfach ist es eben nicht. Inflation geht nicht automatisch mit einem Anstieg der
Geldmenge einher. Inflation bedeutet, dass die Preise steigen. Und dazu muss entweder
mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf gelangen, das eine erhöhte Nachfrage generiert oder
das Warenangebot hinter der Nachfrage zurückbleiben. Zu letzterem siehe oben, zu
ersterem gilt:
Der Löwenanteil dieser unlängst aus diversen Regierungshüten gezauberten Milliarden wird
nie in den normalen Wirtschaftskreislauf gelangen, weil sie schlicht die Milliarden ersetzen,
die sich vorher durch geplatzte Kredite oder abgeschriebene „Bad Assets“ in Luft aufgelöst
hatten. Das ist Buchgeld, das zuvor vorhandenes und nun pulverisiertes Buchgeld ersetzt. Es
gibt keine kausale Basis dafür, dass diese Milliarden irgendwann den Preis des Warenkorbs
an Gütern steigen lassen würde, aus dem die Inflation berechnet wird. Und auch der Anteil
dieses Geldes, das zu deren Stützung direkt in die Wirtschaft fließt, stopft nur die Lücken, die
die Rezession vorher gerissen hat ... und das keineswegs vollständig, wie momentan klar
werden sollte.
Um es zusammen zu fassen: Dass nun scheinbar mehr Geld existiert bedeutet nicht, dass
zwingend dessen Kaufkraft sinkt. Der in dem Artikel sehr hoch gehängte Vergleich zur
Hyperinflation der 20er Jahre hinkt, denn damals ging das Geld andere Wege, die Strukturen
waren anders und die Erfahrungen mit dergleichen Szenarien gering. Davon abgesehen,
dass selbst die Billionen, die nun aus dem Nichts entstanden sind, keinen vergleichbar hohen
Anteil an der existierenden Geldmenge ausmachen wie die Geldmengenexplosion der 20er.
Wir könnten nur dann ein vergleichbares Szenario erleben, wenn diese momentane Politik
der „Geldpumpe“ zügellos weiter betrieben wird, weil sich der Abstieg der Weltwirtschaft
nicht stoppen lässt. Damals agierte man nach der Devise „viel hilft viel“ und landete auf der
Nase. Realistischerweise sollte man davon ausgehen, dass man nicht genau den selben
Fehler noch einmal macht.
In meinen Augen birgt dieser Artikel das Risiko, dass die Mehrheit der Leser, die sich nicht
mir wirtschaftlichen Zusammenhängen befasst haben, die dortige Argumentation als klare
Voraussage zukünftiger Entwicklungen sehen und dementsprechend reagieren, indem sie
erneut die Tipps befolgen, die so viele vor einem Jahr so viel ihrer Ersparnisse gekostet hat.
Meine Ansicht dazu:
Überlegen Sie genau, ob Sie sich auf ein Szenario festlegen wollen!
Es ist zweifellos kein Fehler, einen kleineren Teil seines Vermögens in Edelmetallen zu
halten. Aber es ist einfach nur waghalsig, diesen Anteil aufgrund der Erwartung baldiger
Hyperinflation zu weit auszudehnen.
Es ist nie – in keiner Phase – ein Fehler, im eigenen und vor allem bezahlten Haus zu
wohnen. Es kann aber böse, ja sehr böse ausgehen, wenn man sich nun darauf verlässt, das
die kommende Inflation einem die Hypothek von alleine bezahlt!
Es ist richtig, dass die Industriemetalle oder die Energierohstoffe bei einer Belebung der
Wirtschaft wieder im Kurs zulegen werden und letztlich bei starker Inflation die Chance für
einen tauglichen Werterhalt bieten. Das gilt ebenso für solide Standardwerte aus
konservativen Bereichen wie Pharma oder Energie. Aber wer heute in der sicheren
Erwartung dort einsteigt, dass er dort in einem Jahr gute Gewinne erzielen wird, statt sein
Geld durch Inflation zu verlieren, setzt darauf, dass dieses Szenario auch so eintrifft. Ich
halte das, wie gesagt, für fragwürdig. Bleibt die Inflation ebenso aus wie die
Konjunkturwende im Sommer 2010, kann man mit solchen Investments leicht mit Zitronen
gehandelt haben. Das in diesem Artikel aufgeführte Argument, dass die Kurse der Rohstoffe
nun ja schon wieder ansteigen, ist, das weiß jeder einigermaßen erfahrene Investor, kein
Beleg dafür, dass sich die Annahmen derer, die diese Kurssteigerungen hervorgerufen
haben, auch verwirklichen. Fragt sich, ob das all denen bewusst ist, die diesen Artikel
gelesen haben und nicht über die nötige Erfahrung verfügen.
Ich kann nicht ausschließen, dass wir nicht doch irgendwann in den kommenden Jahren eine
stärkere Inflation bekommen werden, keine Frage. Aber ich halte die Wahrscheinlichkeit für
nahe Null, dass sie auch nur ansatzweise mit der aus den 20er Jahren vergleichbar wäre.
Und ich halte es für höchst zweifelhaft, dass nennenswerte Preissteigerungen über fünf
Prozent auf Jahresbasis bereits im kommenden Jahr auftreten. Und ich denke, dass
diejenigen, die hier und heute trotz der Unberechenbarkeit des kommenden wirtschaftlichen
Kurses auf ein solches Szenario setzen, Gefahr laufen, den falschen Mond anzuheulen.
Das ist meine Sicht der Dinge. Die Autoren des Focus-Artikels vertreten eine andere. Ich
kann die Zukunft nicht vorhersagen, sondern nur mit Erfahrungen und Erkenntnissen
arbeiten, die aus 20 Jahren Börse und einem BWL-Studium stammen. Und ich habe das
„recht haben“ keineswegs gepachtet. Aber ich bitte Sie, die Argumente abzuwägen und
genau zu überlegen, bevor Sie bereits jetzt auf eine Erwartung hin Investitionen tätigen, die
eventuell in einem Jahr oder etwas später Platz greifen soll.
Wer vermochte vor genau einem Jahr vorherzusagen, wohin die Rohölpreise noch steigen ...
und wie tief sie dann fallen würden? Wer wusste vor einem Jahr, in welcher Gefahr die
Kapitalmärkte in wenigen Monaten geraten würden und wo sie heute stehen? Diese Liste ist
beliebig verlängerbar und kaum eine der Annahmen vor einem Jahr darüber, wo wir heute
stehen, traf ein. Also: Wer muss sich denn heute durch Investments auf etwas festlegen, das
so wenig vorhersagbar ist? Ich für meinen Teil muss es nicht.
Verweis
Ihr Ronald Gehrt
(www.system22.de)