Eurokrise Vertrauen der Märkte in Politik schwindet
Italien rutscht immer tiefer in den Sog der Schuldenkrise. Die Investoren gehen auf Distanz. Der Bericht von den internationalen Finanzmärkten.
Von Bettina Schulz, London
http://www.faz.net/aktuell/finanzen/...olitik-schwindet-11519799.htmlPolitische Eskapaden sind Gift für die Finanzmärkte. In Athen mögen sich die Parteien nun zu einer Übergangsregierung zusammenraufen, damit das Parlament die Bedingungen für das europäische Rettungspaket billigen kann, bevor es Neuwahlen gibt. Aber die vergangene Woche hat drei Dinge gezeigt: Die Fähigkeit der Regierungen der beiden am höchsten verschuldeten Länder in der Währungsunion, Griechenland und Italien, die gravierenden Sparanstrengungen und Strukturreformen durchzusetzen, überzeugt nicht mehr. Die Geduld der Helferstaaten ist überstrapaziert, wie die öffentlichen Bemerkungen über einen etwaigen Austritt Griechenlands aus der Währungsunion signalisiert haben.
Gleichzeitig verschlechtern sich die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen, denn auf die sich abzeichnende Winterrezession reagierte die Europäische Zentralbank (EZB) gar mit einer überraschenden Senkung des Hauptrefinanzierungssatzes auf 1,25 Prozent. Die Risikoaversion internationaler Anleger gegenüber der Währungsunion hat sich daher verschärft: Banken horten ihre Liquidität bei der EZB, und der Wechselkurs des Euro gab unter starken Schwankungen bis auf 1,36 Dollar nach. Die Aktienmärkte schlugen wieder den Rückwärtsgang ein: Der deutsche Dax-Index schloss mit 5966,16 Punkten die Woche wieder unter der Marke von 6000 Punkten.
Von der Krisenpolitik überschattet
Athen kann seinen Zahlungen noch bis Anfang Dezember nachkommen. Dies gibt der Troika von EZB, IWF und EU etwas Zeit, die sechste Tranche des ersten Hilfspaketes über 8 Milliarden Euro an Griechenland so lange zurückzuhalten, bis absehbar ist, dass - wer immer in Athen die Macht hält - die Bedingungen des zweiten Rettungspaketes akzeptiert. Auch das heutige Treffen der Euro-Gruppe und das Treffen des Ecofin-Rates am Dienstag werden daher von der Krisenpolitik überschattet sein.
Die Erkenntnis an den Märkten, dass Gläubiger einen Schuldenschnitt von 50 Prozent auf griechische Anleihen hinnehmen sollen, ein „ungeordneter“ Zahlungsausfall droht und sogar ein Austritt Griechenlands aus der Währungsunion im Gespräch ist, hat die Rendite italienischer Staatsanleihen im Zehnjahresbereich auf 6,404 Prozent schnellen lassen. Die Zehnjahresrendite für Bundesanleihen ist indessen auf 1,74 Prozent eingebrochen.
„Ohne Käufe der EZB wäre Rendite noch höher“
„Das Kernproblem ist, dass eine Rendite von 5 Prozent, die für Griechenland langfristig tragbar wäre, den Marktteilnehmern keine ausreichende Risikoprämie für einen Zahlungsausfall garantiert“, warnt Barclays Capital. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Mit höherem Risiko pochen die Marktteilnehmer auf eine höhere Rendite, die gleichzeitig aber bedeutet, dass sich Italien seine Schuldenlast immer weniger leisten kann. Da Italien Zeit für Reformen braucht, kauft die EZB mittlerweile fast täglich italienische Staatsanleihen, damit die Rendite eben nicht auf ein zu hohes Niveau klettert. „Ohne die Käufe der EZB wäre die Rendite sogar noch höher“, warnt die Commerzbank. Weil aber die Anleihegläubiger für das Ausfallrisiko nicht mehr ausreichend entschädigt werden, verkaufen sie italienische Staatspapiere oder sichern ihre Positionen komplett ab. Dies haben die Quartalsberichte der französischen, britischen und deutschen Banken vergangene Woche gezeigt.
Die Marktteilnehmer warten nun darauf, ob und wie sich in Athen eine Übergangsregierung bildet und ob der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi die Verabschiedung des Reformpaketes im Parlament diese Woche übersteht. Berlusconi hat kurzfristig eine Kontrollbeobachtung der italienischen Fiskalpolitik durch den IWF akzeptiert, was die Tür für etwaige Hilfskredite in der Zukunft öffnet. Nach Berechnungen der Commerzbank müsste Italien vor Abzug der Zinszahlungen einen Haushaltsüberschuss von 5,25 Prozent des Bruttoinlandsproduktes erzielen, um seinen Schuldenstand bis 2030 auf tragbare 90 Prozent zu reduzieren. Gegenwärtig liegt der Primärsaldo bei null.
Die Währungsunion gleitet in eine Rezession
Nicht nur das: Die Währungsunion gleitet in eine Rezession. Die Daten zur deutschen Industrieproduktion erscheinen am Montag. Eine Rezession bedeutet aber, dass die Prognosen von Haushaltsüberschüssen und Schuldenabbau von Italien, Spanien, Portugal, Belgien und Irland nach Einschätzung von JP Morgan deutlich verfehlt werden und die Schuldenquoten der meisten Länder noch im Jahr 2014 steigen werden. Die irische Regierung wollte sich am Wochenende mit einem weiteren fiskalpolitischen Sparprogramm von Griechenland und Italien abgrenzen.
Auch andere Länder werden möglicherweise mit fiskalpolitischer Strenge reagieren. Dies wird das Wirtschaftswachstum aber zunächst weiter belasten, bevor sich die Situation bessert. „Auf absehbare Zukunft werden Griechenland, Irland und Portugal daher nicht an den Kapitalmarkt zurückkehren können“, warnt JP Morgan. „Es kann sogar sein, dass Italien und Spanien ihren Marktzugang verlieren und gestützt werden müssen.“ Spaniens Zehnjahresrendite kletterte vergangene Woche auf 5,58 Prozent. „Die Anleger werden wohl erst die Früchte der Konsolidierungsanstrengungen sehen wollen, bevor sie Italien wieder Geld zu tragbaren Zinsen leihen“, warnt die Commerzbank. Kurzfristig müsse also die EZB weiter Anleihen kaufen, um einen weiteren Anstieg der Renditen zu verhindern. Vergangene Woche unterstrich der neue Präsident der EZB, Mario Draghi, allerdings noch die bisher reservierte Haltung der Zentralbank gegenüber den Anleihekäufen.
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