Mode war für Gernreich ein Massenmedium, und jede Bedeutungsänderung von Kleidungsstücken bzw. einzelnen Details ließ sich nicht über den Entwurf des Kleidungstückes selbst, sondern nur über dessen Mediatisierung bewirken. Diesem Programm folgten auch Gernreichs Entwürfe: Die vom ihm entwickelten Kleider zeichnen sich - wie gesagt - weder durch komplizierte Schnitte, noch durch aufwendige handwerkliche Verarbeitung aus; das Programm wandte sich auch gegen den überholten Begriff des Kleides als Statussymbol und Dekor. Weitaus zeitgemäßer erschien es Gernreich, über Bekleidung als "Ausrüstung" ("gear") zu sprechen, oder als "zweite Haut", die ihren Träger oder ihre Trägerin komplettiert und für die rauhen Bedingungen einer technisierten Zukunft ausstattet. Diese Ausrüstungen – inspiriert von der Technikfaszination seiner Zeit – waren zugleich Zeichen, die darauf hinweisen sollten, daß auch andere Lebensformen, andere soziale Wirklichkeiten und Beziehungsformen vor- und darstellbar sind. Wie jedes Genre von Science Fiction, ob Film oder Literatur, eine verständliche Kulisse für komplexe soziale und technische Entwicklungen bereitstellt, war auch Gernreichs Mode ein ästhetisches Szenarium, um sozialen Wandel vorwegzunehmen und zugleich in Bewegung zu bringen. Gernreichs futuristische Entwürfe sind als Innovationen markant und als sozial verstandene Visionen lesbar; dennoch sind es nicht vereinheitlichende Raumanzüge, die jeden, der in ihnen steckt, zum anonymen Benutzer eines gleichermaßen anonymen Technik-Systems werden lassen. Rudi Gernreichs "Uniformen" betonen weder Gleichheit noch Hierarchie, kristallisieren nicht jenen Anteil unserer Persönlichkeit, der davon bestimmt ist, vorweggenommene Erwartungen bedeutsamer Anderer zu erfüllen. Gernreichs Mode sollte Voraussetzung für jene Autonomie sein, die außerhalb aller Rollenzwänge zu individuell verantworteten Entscheidungen und Selbstentwürfen führen soll. Seine Modelle dekonstruieren nicht, üben keine exklusive Kritik an einem effizienzorientierten Realitätsverständnis, sondern verweisen auf einen utopischen Raum, worin die alten Muster nicht neu arrangiert werden, sondern neue soziale Szenarien stattfinden sollen. Gernreichs Ausrüstungen für die Zukunft beziehen Form und Oberfläche des Körpers als ästhetisches Moment mit ein, ersetzen beispielsweise Nähte durch technische Bestandteile wie Türfedern oder Reißverschlüsse oder auch funktionale Schmuckstücke, an denen Kleider befestigt werden. Gernreich kombiniert dabei ungewohnte Farbstellungen sowie Materialien und Kunststoffe, die bis dahin im Möbeldesign benutzt wurden, zieht keine Trennung mehr zwischen formeller und legerer Kleidung, unterscheidet selbstbewußte Nacktheit von verschämter Blöße und beschränkt sich nicht auf die Zelebration von nur einem schönen Geschlecht.
Gernreichs Badeanzüge aus den 50er Jahren waren an den Bademode-Kollektionen der amerikanischen Modeschöpferin Claire McCardell orientiert, die in ihren Entwürfen schon auf Verstärkungen und Miedereinsätze verzichtet hatte. Doch Gernreichs Anspruch, Kleidung für moderne Körper zu schaffen, wollte sich nicht auf einige gut gepflegte Socialites beschränken, die mühelos das Pariser Cocktailkleid mit dem informellen Badeanzug amerikanischer Provenienz vertauschten, um so Stilsicherheit zu demonstrieren. Während Claire McCardells Bademode an sportlich gebräunten Amerikanerinnen drapiert wurde (die sportliche Amerikanerin galt als neues modisches Ideal gegenüber der nächtlich bleichen europäischen Salondame), vertrat Gernreich eine andere Position: Seine Badeanzüge sollten nicht auf das Beach life in Malibu, auf eine luxuriöse Privatheit, beschränkt bleiben und auch nicht Sportswear zur amerikanischen Domäne in der internationalen Modewelt erheben. Der Badeanzug wurde als Ausdruck eines veränderten Körperbewußtseins konzipiert, das sich nicht auf einen – immerwährenden – Urlaub beschränken sollte. Gernreich ergänzte seine Badeanzüge später mit Visieren, Overknee-Stiefeln oder Beinkleidern, um das, was ursprünglich auf den privaten Kreis beschränkt geblieben war, öffentlichkeitstauglich zu machen. So bequem, körpernah und offenherzig seine Badeanzüge auch waren, wurde der Körper dabei dennoch abstrahiert – wurde er zum formalen Element des Entwurfs. Nicht das Kleid legte den Körper frei, sondern der Körper vervollständigte und komplettierte das Kleidungsstück. Nicht das Flair oder die Logo-Aura des einzelnen Kleidungsstücks beanspruchte, eine Trägerin mit Selbstbewußtsein auszustatten – denn Individualität sollte aus der Sicht einer Person, die "Gernreich" trägt, nicht mehr auf Kleidung zurückzuführen sein. Bereits diese Badeanzüge stießen an die Grenzen ihrer Vermittlung, der Darstellbarkeit in der Presse. Die Models trugen Büstenhalter und nachträglich eingesetzte Körbchen, um einen offensichtlich gefährdeten Anstand zu wahren. Sowenig Kleidung auf abgezirkelte gesellschaftliche Räume beschränkt bleiben sollte, sowenig war sie nach Ansicht Gernreichs eine weibliche Domäne. Die erwähnten Badeanzüge ziehen eine Frau an – nicht aus. Zudem zitiert Gernreich schon in seinen ersten Badeanzügen Elemente klassischer Herrenbekleidung, sei es eine doppelreihige Knopfleiste, eine falsche Stecktuchtasche oder ein Nadelstreifmuster. Bereits mit diesen Entwürfen ironisiert Gernreich jede vorauseilende Zuordnung von Kleidungsstücken. Die vorgegebenen Modelle von Sexualität und Erotik, die mit den üblichen Dress codes verdeutlicht wurden, hatten mit wirklichen Empfindungen wenig zu tun, und Gernreich hatte die grausame Unterdrückung von Homosexuellen am eigenen Leib erfahren müssen >> vgl. dazu das Interview mit Harry Hay, worin dieser seine Liebesbeziehung zu Rudi Gernreich schildert und beschreibt, wie gefährlich Gernreichs Engagement für die Belange der Schwulenbewegung wirklich war. 2 > vgl. dazu das Interview mit Peter Weibel, der beschreibt, wie Gernreich von der österreichischen Kunstszene wahrgenommen wurde. 3 > vgl. den biographischen Beitrag von Layne Nielson, einem langjährigen Mitarbeiter Gernreichs, der ausführlich den familiären Hintergrund und die Wiener Kindheit und Jugend beschreibt. 4 > vgl. dazu Layne Nielsons Beschreibung der ungewöhnlichen Gernreich-Kombinationen 5 > Johannes Porsch und Tanja Widmann versammeln in ihrem Beitrag wichtige Aussagen von und zu Rudi Gernreich 6