Schieflagen bei Krankenversicherungen


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Nassie:

Schieflagen bei Krankenversicherungen

 
02.11.03 17:17
Krankenversicherungen

Gruseliges Ergebnis

Fehlspekulationen an den Aktienmärkten bringen die privaten Krankenversicherer in Bedrängnis. Die Versicherten müssen sich auf drastische Beitragssteigerungen einstellen.


In der Mitgliederversammlung und im Aufsichtsrat der Freien Arzt- und Medizinkasse sitzt das geballte detektivische Wissen der hessischen Polizei. Zahlreiche Kriminaloberkommissare, Hauptbrandmeister und Polizeipräsidenten kontrollieren, dass bei dem privaten Krankenversicherer alles mit rechten Dingen zugeht.

In finanziellen Dingen fehlt den Polizisten offenbar der richtige Spürsinn. Denn die Wirren auf den Kapitalmärkten haben in der Bilanz des Versicherers für die Angehörigen der Berufsfeuerwehr und der Polizei im Jahr 2002 tiefe Spuren hinterlassen. Stille Lasten in Höhe von 6,3 Millionen Euro türmten sich am 31. Dezember in der Bilanz, weil die kleine Krankenkasse sich an den Börsen verspekuliert hat.

Dennoch versichert Peter Frerichs, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Kasse und im Hauptberuf Polizeipräsident in Wiesbaden: "Wir haben nach Auskunft des Vorstands keine Probleme." Tatsächlich jedoch stehen den stillen Lasten nur ausgewiesene stille Reserven in Höhe von 552 000 Euro und ein aufsichtsrechtliches Eigenkapital von 4,4 Millionen Euro gegenüber.


Die Freie Arzt- und Medizinkasse ist kein Einzelfall. Ähnlich wie die Lebenversicherer haben viele private Krankenversicherer an den Börsen kräftig danebengelangt. In den vergangenen beiden Jahren verloren sie nach Berechnung der Kölner Ratingagentur Assekurata insgesamt sieben Milliarden Euro an den Kapitalmärkten.

Die privaten Krankenkassen legen einen Teil ihrer Einnahmen zurück und am Kapitalmarkt an, um für das Alter ihrer Mitglieder vorzusorgen: Mit diesen gesetzlich vorgeschriebenen Rückstellungen sollen die Beiträge der acht Millionen Versicherten im Alter stabiler gehalten werden können, wenn die medizinische Versorgung richtig teuer wird.

So weit die Theorie, doch sie funktioniert nur, wenn die Versicherer das Geld ihrer Beitragszahler weitgehend krisensicher anlegen. Das Gegenteil geschah: Wie viele Lebensversicherer stockten auch zahlreiche Krankenversicherungen in den Jahren des Börsenbooms den Aktienanteil dieser Anlagen immer weiter auf. Dann brach die Börse ein - mit dramatischen Folgen für die Kapitalausstattung. Ende 2002 lagen bei 9 der 34 wichtigsten Krankenversicherer laut Assekurata die stillen Lasten über den stillen Reserven.

Marco Metzler von der Ratingagentur Fitch kommt zu einem noch gruseligeren Ergebnis. "Auf Basis von Marktwerten lag am 31. 12. 2002 bei sechs Krankenversicherern ein negatives Eigenkapital vor", sagt er. Will heißen: Die in der Branche üblicherweise äußerst knappe Eigenkapitaldecke reichte bei sechs Unternehmen nicht aus, die Differenz zwischen den tatsächlichen Marktwerten der Aktien und den höheren Buchwerten in der Bilanz auszugleichen.

Nun sind die Versicherer keine normale Branche. Der Gesetzgeber hat den Kranken- und Lebensversicherern erlaubt, für beschränkte Zeit mit den höheren Buchwerten zu bilanzieren. Den Gang zum Konkursrichter anzuordnen, den der Vorstand eines Industrieunternehmens bei einer solchen Überschuldung antreten müsste, ist der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) vorbehalten. Um keine unerwünschten Absetzbewegungen der Kunden loszutreten, schweigt die BaFin über die Problemkandidaten.

Im BaFin-Jahresbericht heißt es nur allgemein, dass ein knappes Drittel der Versicherer die übliche Verzinsung der Alterungsrückstellungen von 3,5 Prozent nicht aus den Kapitalanlagen erwirtschaftet hat.

Zu den Unternehmen, die mit den Rückstellungen für ihre Kunden negative Kapitalrenditen erwirtschaften, gehört laut Berechnungen von Experten die Inter Krankenversicherung. Die Versicherung mit Sitz in Mannheim ist auch für die Kapitalanlagen der Freien Arzt- und Medizinkasse verantwortlich und hat in ihrer Bilanz Ende 2002 stille Lasten von 170 Millionen Euro angesammelt. Nach Abzug der vorhandenen stillen Reserven blieb ein Minus von 136 Millionen Euro, dem nur ein Eigenkapital von rund 110 Millionen Euro gegenüberstand. Auch dem Schwesterunternehmen Inter Leben geht es schlecht.

Der Aufschwung an den Börsen in diesem Jahr hat das Blatt nicht wirklich wenden können. Nach Auskunft von Bernd Jansen, dem Vorstandsvorsitzenden der Inter, sind zurzeit allein bei der Krankenversicherung immer noch stille Lasten von 140 Millionen Euro vorhanden.

Doch eine Existenzgefährdung seiner Krankenversicherung will Jansen nicht sehen. "Wir haben eine Überdeckung beim Kapital von 170 Millionen Euro", sagt er. Neben einigen stillen Reserven bei Immobilien oder Beteiligungen rechnet er dabei allerdings auch die so genannten freien Rückstellungen für Beitragsrückerstattung in Höhe von gut 100 Millionen Euro mit ein.

Kleiner Schönheitsfehler: Diese Rückstellungen stehen den Versicherten der Inter Kranken zu, um beispielsweise Kostensteigerungen bei der medizinischen Versorgung aufzufangen. Sie zählen deshalb nach Auskunft des Versicherungsanalysten Metzler nicht zum Eigenkapital und können auch nicht zum Ausgleich der in Zukunft notwendigen Abschreibungen auf die Kapitalanlagen verwendet werden.

Immerhin, so argumentiert Jansen, könne mit Zustimmung der BaFin auf die Rückstellungen zugegriffen werden, wenn tatsächlich ein Notfall einträte. Er gibt sich allerdings optimistisch, dass die Inter und die von ihr gemanagte Polizei-Krankenkasse ohne größere Notoperationen über die Runden kommt. Die Aktienquote hat er von rund 22 Prozent Anfang des Jahres auf 14,5 Prozent abgesenkt und durch Sicherungsgeschäfte nach unten weiter abgefedert.

Für die Zukunft soll helfen, dass die auf Ärzte und Handwerker spezialisierte Inter mit ihrem aktuellen Tarif die Angebote der meisten Konkurrenten unterbietet. "Wir haben 35 Prozent Steigerung im Neugeschäft", freut sich Jansen. Da dies meist jüngere Menschen mit wenig Krankheiten sind, hilft das bei der Sanierung.

Ob die Neukunden trotz der günstigen Tarife auch in Zukunft ein gutes Geschäft machen, ist zweifelhaft. Versicherungsexperten rechnen vor, dass auf jeden der rund 145 000 Vollversicherten bei der Inter durch die verfehlte Anlagepolitik eine stille Last von beinahe 1000 Euro kommt.

Auch bei den Krankenversicherungen der Axa, der Arag und der Victoria überstiegen die stillen Lasten die Reserven. Die Mannheimer Krankenversicherung wurde nach der Fastpleite ihres Schwesterunternehmens Mannheimer Leben von der Continentalen übernommen. Selbst die Hallesche Krankenversicherung aus Stuttgart, die bei den Ärzten wegen ihrer generösen Erstattungspraxis einst den Ruf eines Mercedes unter den Krankenversicherern hatte, kämpft mit Fehlspekulationen.

Mit einem radikalen Schritt wurde nun die Aktienquote auf null gedrückt. Um die anstehenden Abschreibungen in der Bilanz zu bewältigen, will die Hallesche die Verzinsung der Alterungsrückstellungen deutlich unter die sonst üblichen 3,5 Prozent bringen. Das Geld wird fehlen, um die Beitragssteigerungen der Zukunft zu dämpfen.

Und die fallen auch ohne die Fehlspekulationen an den Aktienmärkten nicht zu knapp aus. "Wir rechnen für neue Verträge mit Beitragsanpassungen von durchschnittlich rund zehn Prozent für das kommende Jahr", sagt Reiner Will, der Geschäftsführer der Kölner Ratingagentur Assekurata.

In den nächsten Jahren drohen weitere Beitragssteigerungen. Da ist zunächst die höhere Lebenserwartung ihrer Kunden, die die Anbieter auf Veranlassung der BaFin in die Tarife einkalkulieren müssen.

Zurzeit rechnen die meisten Krankenversicherer noch mit veralteten Sterbetafeln. Doch inzwischen hat sich die Lebenserwartung insbesondere der Männer deutlich erhöht. Ein langjährig Versicherter 50-Jähriger wird voraussichtlich allein aus diesem Grund etwa sechs Prozent mehr zahlen müssen, bei einer gleichaltrigen Frau sind es etwa zwei Prozent.

Hinzu kommen die Preissteigerungen bei Arztrechnungen oder für das Krankenhaus. Auch hier wird mit einem Plus von zusätzlich rund fünf Prozent gerechnet, das letztlich über Beitragserhöhungen der Krankenversicherer refinanziert werden muss.

Fehlspekulationen bei der Kapitalanlage dürfen dagegen nicht als Begründung für eine Erhöhung der Beiträge herangezogen werden. Doch stillschweigend wird genau das passieren, da sind sich die meisten Versicherungsexperten einig.

Außerdem steht noch der Medicator bereit, der Pleitekandidaten unter den Krankenversicherern auffangen soll. Der wurde Mitte des Jahres auf Veranlassung der BaFin gegründet. Vorbild ist die Auffanggesellschaft Protektor bei den Lebensversicherern, die zurzeit ein erstes von Pleite bedrohtes Unternehmen, die Mannheimer Leben, abwickelt.

Doch inwieweit die chronisch eigenkapitalschwache Branche im Ernstfall tatsächlich fähig ist, mit frischen Geldern einem maladen Unternehmen unter die Arme zu greifen, muss sich erst zeigen.

CHRISTOPH PAULY






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© DER SPIEGEL 45/2003
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NextLevel:

.

 
02.11.03 17:39
Schieflagen bei Krankenversicherungen 1243222

Grüße

NL
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glotz:

weiß jemand

 
03.11.03 23:03
wie es da bei der Bayerischen Beamtenkrankenkasse (BBK) aussieht? Ist die in diesem Zusammenhanhg in Erscheinung getreten?
Antworten
glotz:

mist

 
03.11.03 23:05
das sollte eigentlich ins talkforum
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hjw2:

versicherungen

 
22.11.03 16:16
Berater sehen Europas Assekuranz unter Druck


Das Konsolidierungstempo auf dem europäischen Versicherungsmarkt wird nach Einschätzung der Unternehmensberatung Boston Consulting (BC) deutlich zunehmen. Hauptthema sei derzeit die Flurbereinigung bei unprofitablen Auslandsengagements.


cd FRANKFURT/M. „Die Expansionsstrategie vieler Gesellschaften in den 90er Jahren hat sich nicht ausgezahlt“, sagte gestern BC-Vizepräsident Gunther Schwarz. Viele Häuser hätten sich bei ihren Auslandsaktivitäten „verzettelt“.

BC hat die europäischen Topversicherer und deren Töchter – insgesamt 964 Gesellschaften – unter die Lupe genommen. Fazit: Die stillen Reserven der führenden europäischen Versicherer sind zwischen 2002 und 2003 um 71 % gesunken. „Doch die negative Entwicklung am Kapitalmarkt war lediglich Auslöser der aktuellen Misere bei den Versicherern“, sagt Schwarz. Der eigentliche Grund für die verheerende Situation sei die mangelnde Gesamtrentabilität der zahlreichen Aktivitäten im In- und Ausland.

BC legt die Messlatte für wirkliche Größenvorteile bei fünf Prozent Anteil an jeweils einem nationalen Markt an. Diese Größe erreichten derzeit aber nur 22 % der untersuchten Lebensversicherer in Europa, in Deutschland sogar nur acht Prozent. „Ein Flickenteppich von Auslandsaktivitäten macht keinen Sinn“, sagt daher Thomas Luitpold, Vizepräsident bei Boston Consulting, und verweist beispielsweise auf die Zurich oder die Münchener-Rück-Tochter Ergo. Letztere sei ein „nationaler Platzhirsch“, sie spiele auf europäischen Auslandsmärkten aber nur eine Nebenrolle. Tatsächlich durchforstet Ergo derzeit alle Auslandsaktivitäten auf Profitabilität, erste Resultate sind der Abschied aus dem niederländischen Krankenversicherungs- und dem belgischen Schadengeschäft. Als europäische „Platzhirsche“, welche eine Chance haben, dauerhaft profitabel die gesamte Versicherungspalette von Leben- sowie Schaden- und Unfallversicherungen anzubieten, sieht BC maximal fünf Anbieter, darunter Allianz, Generali und Winterthur. Größe sei aber nicht automatisch mit Effizienz gleichzusetzen, viele Erstversicherungsgruppen hätten mögliche Vorteile in der Datenverarbeitung oder der Kapitalanlage noch gar nicht realisiert.



Gute Überlebenschancen hätten kleinere Gesellschaften, die sich klar auf das Leben- oder das Schaden und Unfallgeschäft fokussierten und ihr Policensortiment durch Zukauf abrundeten. „Viele Gesellschaften werden sich auf ihre traditionellen Kernkompetenzen besinnen“, sagt Schwarz. Ein Paradebeispiel für spezialisierte Anbieter sei die auf das Kfz-Geschäft fokussierte HUK Coburg. Deren Kostenquote liege bei zehn Prozent, während beispielsweise die des Multianbieters Allianz mehr als 25 % betrage.

Eine zentrale Rolle werden Banken als Vertriebskanal für Versicherer spielen. „Man kann jeder Versicherung einen Bankenvertriebskanal nur wünschen“, meint Schwarz. Auf gutem Wege sei die Sparkassen-Gruppe mit den Fusionen ihrer öffentlichen Versicherer.

aus handelsblatt
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