MOSKAU - Raus aus Russland? (EurAmS)
Bärenstimmung in Moskau. Ölmagnaten Michail Chodorkowski wurde kalt gestellt und damit die lange Party an Russlands Börse jäh beendet. Experten fürchten um Putins marktwirtschaftlichen Reformkurs. Der Aufschwung ist in ernster Gefahr.
von Jörg Billina, Euro am Sonntag 44/03
Die internationale Finanzwelt diskutiert derzeit vor allem ein Thema: die Verhaftung Michail Borisowitsch Chodorkowskis und deren Folgen. Vor einer Woche wurde der Chef von Yukos, dem viertgrößten Erdölkonzern der Welt, vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB festgenommen.
Die Staatsanwaltschaft wirft dem reichsten Mann des Landes - geschätztes Privatvermögen: acht Milliarden Dollar - Betrug, Diebstahl und Steuerhinterziehung in Milliardenhöhe vor. Sollte es zur Anklage kommen und Chodorkowski schuldig gesprochen werden, drohen ihm zehn Jahre Haft.
Der tiefe Fall des ehemaligen Sow-jet-Funktionärs, der in nur wenigen Jahren den Staatsbetrieb in einen Weltkonzern nach westlichem Vorbild transformierte, riss den russischen Aktienmarkt in die Tiefe. Der RTS, Leit-Index der Moskauer Börse, verlor am ersten Handelstag nach Chodorkowskis Verhaftung in der Spitze bis zu 14 Prozent - der größte Tagesverlust seit drei Jahren. Die Yukos-Aktie sackte um mehr als 20 Prozent ab. Auch bei Sibneft - Yukos fusioniert mit dem Konkurrenten im Dezember - ging es zweistellig bergab.
Anleger, die den Abschwung zum Einstieg nutzten, griffen ins fallende Messer. Denn am Donnerstag erschütterte eine weitere Horrornachricht den Markt: Die russische Justiz zog 44 Prozent der Yukos-Papiere ein. Tags darauf Erleichterung. Das Aktienpaket sei nicht konfisziert, sondern eingefroren worden. Chodorkowskis Stimm- und Dividendenrechte blieben erhalten. Im Lauf des Tages wurde ein Teil der Papiere freigegeben - und Mutige stiegen daraufhin wieder ein.
Trotzdem: Unter Investoren ist die Unsicherheit groß. Ihre bange Frage lautet: Bleibt die Aktion der Staatsanwaltschaft auf Chodorkowski beschränkt oder droht die Wiederverstaatlichung der Anfang der 90er-Jahre privatisierten Unternehmen? Die Aussage von Innenminister Boris Gryslow lässt Schlimmes befürchten. "Die Rohstoffe Russlands gehören weder bestimmten Firmen noch Personen, sondern dem russischen Volk. Wenn sich eine Firma mit der Ausbeutung von Rohstoffen befasst, so heißt das nicht, dass sie auch unsere Profite daraus privatisieren darf." Eberhard Schneider von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin glaubt, dass in Russland die Uhren wieder zurückgestellt werden: "Chodorkowski wurde aus politischen Gründen verhaftet."
Tatsächlich liegen die Tatbestände, die dem Yukos-Chef zur Last gelegt werden, weit zurück und sind schon lange bekannt. Den Kreml störten kurz vor den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen vielmehr seine persönlichen Ambitionen und seine Zukunftspläne für Yukos. So unterstützte Chodorkowski die beiden liberalen Oppositionsparteien Union der Rechten Kräfte und Jabloko. Die Präsident Wladimir Putin nahe stehende Gruppierung Einiges Russland ging dagegen leer aus.
Zudem prangerte der Yukos-Vorstand immer wieder die aus seiner Sicht bestehenden Mängel des Systems Putin an. Chodorkowskis Überzeugung: In Russland funktioniert Marktwirtschaft nur, wenn Rechtsstaatlichkeit und demokratische Freiheiten verwirklicht sind und garantiert bleiben. Als der Ölbaron auch noch ankündigte, er werde in vier Jahren seinen Vorstandsposten bei Yukos aufgeben, war für viele klar: Der Mann will sich 2008 zum Nachfolger Putins wählen lassen. Für die Machthaber im Kreml eine durchaus ernsthafte Bedrohung.
Und noch ein Punkt traf ihre Interessen empfindlich. Chodorkowski führte mit den US-Ölkonzernen Exxon und Chevron intensive Gespräche über einen möglichen Zusammenschluss mit Yukos. Wäre die Fusion über die Bühne gegangen, hätte der Staat jegliche Einflussmöglichkeit auf das Unternehmen, und damit auch auf die Verwendung der Gewinne, verloren. Nun hat der Kreml sein Ziel erreicht - Exxon und Chevron haben inzwischen offenbar ihr Interesse an Yukos verloren.
"Die Initiative gegen Chodorkowski geht jedoch nicht von Putin aus", sagt Schneider. Der Präsident wisse nur zu gut, wie negativ der Fall Yukos bei internationalen Investoren, russischen Unternehmern und ausländischen Politikern ankomme. Aber: "Putin ist nicht mehr Herr des Verfahrens", glaubt der Experte. Hinter der Aktion gegen Chodorkowski steht seiner Meinung nach die aus Mitgliedern des Geheimdienstes, des Militärs und der Generalstaatsanwaltschaft bestehende Kreml-Fraktion. Deren Ziele: ein autoritäres Staatssystem und die Verfügung über die Rohstoffeinnahmen.
Schneiders wenig zuversichtlich stimmende Analyse: "Die Verhaftung Chodorkowskis hat den Charakter eines versteckten Staatsstreichs. Er gefährdet die politische Stabilität und den marktwirtschaftlichen Reformprozess." Der Berliner Politikexperte will nicht ausschließen, dass nach Yukos weitere Unternehmen der staatlichen Kontrolle unterworfen werden.
Für Russlands Wirtschaft wären die Folgen dramatisch. Nicht nur, dass die Kapitalflucht wieder drastisch ansteigen dürfte. Sondern es ist auch zu befürchten, dass ausländische Unternehmen ihre Direktinvestitionen zurückfahren werden. Diese wären aber notwendig, um die hohe Abhängigkeit von den Öleinnahmen zu reduzieren und den Wirtschaftsaufschwung auf eine breitere Basis zu stellen.
Schon gibt es neben Exxon und Chevron die Absage eines weiteren westlichen Konzerns. Der französische Lebensmittelgigant Danone hat die geplante 900 Millionen Dollar schwere Übernahme des russischen Konkurrenten Wimm-Bill-Dann auf unbestimmte Zeit verschoben.
Die Märkte sind verunsichert - und Fondsmanager steigen ein. Marc Robinson, Ko-Manager des Fleming- Russia-Fonds, beurteilt die Lage in Moskau nach dem Treffen Putins mit Investmentbankern weniger dramatisch. Seiner Meinung nach bleibt Yukos ein isolierter Einzelfall, zu weiteren Verstaatlichungen oder Enteignungen werde es nicht kommen. Das würde einen Großteil dessen, was der Staatspräsident über die letzten Jahre erreicht habe, zerstören. Den gegenwärtigen Abschwung nutzt Robinson, um zuzukaufen.
Auch Angelika Millendorfer, Fondsmanagerin des Raiffeisen Osteuropa, steigt ein. Ihr Motto: Aktien muss man kaufen, wenn sie billig sind. So hat Millendorfer ihr Engagement in Russland erhöht, unter anderem bei der Sberbank und bei Lukoil.
Obwohl auch sie glaubt, das der russische Aktienmarkt in den nächsten Tagen weiterhin sehr volatil bleiben wird, sieht sie keine größeren Risiken: "Die Wirtschaft Russlands wächst weiter stark, der Ölpreis ist hoch, und auch der Inlandskonsum steigt." Sie geht davon aus, dass Putin das Heft weiter in der Hand hält und die Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr gewinnen wird. Zudem sei es zu begrüßen, wenn die Oligarchen von der Politik ferngehalten würden.
Jürgen Kirsch, Fondsmanager des Griffin Eastern Europe, rät den Anlegern sogar, die Entwicklung langfristig positiv zu sehen. "Das ist nicht das Ende der Russland-Story, sondern der Anfang der zweiten Amtsperiode von Putin, in welcher der Reformprozess weitergeführt wird. Und das mit einer stärkeren Betonung von Recht und Ordnung."
Es bleibt aber abzuwarten, ob sich der Optimismus der Fondsmanager bestätigt und sich ihre Risikobereitschaft auszahlt. Vorsichtige Investoren beobachten die künftige Entwicklung lieber sehr genau. Die Verhaftung eines weiteren Managers - als besonders gefährdet gilt derzeit der 35-jährige Oligarch Oleg Deripaska, Chef der Holding Basowi Element - wäre ein Beleg dafür, dass sich in Moskau aus Börsianersicht die Dinge doch zum Schlechten wenden.
Vor allem aber ist der Ausgang des Falls Chodorkowski entscheidend. Sollte die Generalstaatsanwaltschaft die restlichen Yukos-Anteile nicht nur vorübergehend einfrieren, sondern auf Dauer behalten, bleibt den Investoren nur eine Wahl: raus aus Russland. Denn mit freier Marktwirtschaft und Rechtsstaatlichkeit hätte ein solches Handeln nichts mehr zu tun.
red / -red-