Hypothekenkrise reißt Börsen ins Minus
Die Börsen in New York und Frankfurt rutschen tief in die roten Zahlen. Analysten sprechen von panikartigen Verkäufen bei Finanzaktien. Die US-Hypothekenkrise schürt die Angst, dass bei vielen Banken erhebliche Risiken schlummern - befeuert durch Probleme bei Goldman Sachs und BNP Paribas.
New York/Frankfurt - Die US-Hypothekenkrise schlägt bei Banken und an den Finanzmärkten immer höhere Wellen. Die New Yorker Aktienmärkte brachen am Donnerstag auf breiter Front ein, vor allem Banken- und Finanztitel verbuchten Verluste von mehr als fünf Prozent. Auch sämtliche Finanzwerte in Europa sackten ab, vor allem die Aktien der deutschen Banken und Versicherer. Weil sich viele Geldhäuser wegen dem noch unklaren Ausmaß der Immobilienkrise mit Geld eindecken, um über genügend flüssige Mittel zu verfügen, zogen die Tagesgeldsätze kräftig an - sogar die Europäische Zentralbank (EZB) sah sich zum Eingreifen gezwungen und pumpte fast 95 Milliarden Euro an frischem Kapital in den Geldmarkt.
Der Dow-Jones-Index der Standardwerte fiel bis zum frühen New Yorker Nachmittagshandel um 1,5 Prozent, der breiter gefasste S&P-500-Index 1,9 Prozent, der Index der Technologiebörse Nasdaq 1,4 Prozent. Zuvor hatte schon der Dax in Frankfurt zwei Prozent tiefer geschlossen, gab im nachbörslichen Handel weiter nach. Der MDax verlor zeitweise sogar 3,6 Prozent an Wert.
"Wo Angst ist, da ist Panik - wo Panik ist, da wird verkauft"
"Es gibt Befürchtungen am Markt, dass weitere Risiken aus der US-Hypothekenkrise bei deutschen Banken schlummern und manche stärker betroffen sind, als man das erwartet", sagte Analyst Heino Ruland vom Brokerhaus Steubing. Ähnlich das Bild in den USA: "Die Angst geht um - und wo Angst ist, da ist Panik. Wo Panik herrscht, da wird verkauft", sagte Analyst Mike O'Hare von JP Morgan Chase.
Mehrere Banken waren wegen der Hypothekenkrise in Bedrängnis geraten. Die WestLB räumte am Donnerstag ein, ebenfalls von den Problemen in den USA betroffen zu sein. Die französische Großbank BNP Paribas Chart zeigen musste wegen massiver Wertverluste drei Fonds einfrieren. Sal. Oppenheim machte einen ABS-Fonds mit 750 Millionen Euro dicht.
Das "Wall Street Journal" berichtet, ein zweiter Hedgefonds von Goldman Sachs Chart zeigen sei in ernste Schwierigkeiten geraten. Der Fonds "North American Equity Opportunities" habe in diesem Jahr mehr als 15 Prozent verloren, allein im Juli summiere sich das Minus auf elf Prozent. Nun trenne sich der Fonds von einem Teil seiner Anlagen. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet mit Verweis auf Insider, dass auch der "Global Alpha"-Fonds seit Anfang des Jahres etwa 16 Prozent verloren hat. Goldman Sachs sprach dagegen von einem normalen Geschäft bei dem Fonds mit einem Volumen von zuletzt neun Milliarden Dollar.
Nach einem Bericht von "Fonds Professionell" musste außerdem Deutschlands größte Fondsgesellschaft, die Deutsche-Bank Chart zeigen-Tochter DWS, bei einem ihrer besonders von der Krise betroffenen Fonds im August Mittelabflüsse von einer halben Milliarde Euro hinnehmen. Schon zuvor hatten in den vergangenen Tagen mehrere Banken und Fondsgesellschaften ABS-Fonds vorübergehend geschlossen (mehr...).
Banken versuchen zu beschwichtigen
Aktien von Goldman Sachs fielen in New York um 4,7 Prozent, von Bear Stearns um rund 5,8 Prozent und der Citigroup Chart zeigen um mehr als vier Prozent. Die Aktien des weltgrößten Versicherers AIG Chart zeigen verloren 2,3 Prozent an Wert - obwohl das Unternehmen den Gewinn um gut ein Drittel steigern konnte, trotz Verlusten im Hypothekengeschäft. AIG warnte vor wachsenden Zahlungsausfällen auch bei besser besicherten Hypotheken.
In Deutschland verloren die Commerzbank Chart zeigen (4,31 Prozent), die Deutsche Bank (3,94 Prozent) und die Hypo Real Estate Chart zeigen(minus 3,80 Prozent) mit am stärksten.
Die Banken versuchen dringend, die Anleger zu beruhigen. Die WestLB betonte, ihr Engagement im US-Immobilienmarkt halte sich in engen Grenzen. Damit trat sie Berichten entgegen, das Institut habe sich mit seiner Tochter Brightwater in den USA angeblich heftig verspekuliert und drohe wie die Düsseldorfer IKB Chart zeigen in eine Schieflage zu geraten. Die Situation der WestLB sei nicht mit der der IKB zu vergleichen, sagte ein Sprecher der Landesbank. Von Liquiditätsengpässen bei Brightwater könne außerdem keine Rede sein. Nur sieben Prozent des US-Engagements seien mit schwachen Bonitätsnoten bewertet. Die IKB hatte sich mit einem Fonds am US-Hypothekenmarkt für zweitklassige Darlehen verspekuliert und musste kürzlich von der KfW mit einer milliardenschweren Bürgschaft gestützt werden, schon damals brachen die Börsenkurse ein.
EZB-Intervention als Bestätigung des Problems aufgefasst
Commerzbank-Finanzchef Eric Strutz hatte heute Mühe, den Blick der Investoren auf den Rekordgewinn der Bank im ersten Halbjahr zu lenken. "Die Subprime-Krise ist kein großes Thema für uns", sagte er in einer Telefonkonferenz mit Analysten mehrfach.
Auch BNP Paribas führte die Schließungen ihrer drei Fonds auf nervöse Anleger zurück. In nur zehn Tagen verloren die Fonds knapp ein Viertel ihres Wertes - das teilte die zweitgrößte Bank der Euro-Zone mit. Der echte Wert der insgesamt 1,6 Milliarden Euro schweren Fonds könne derzeit wegen der geringen Liquidität in einigen Marktsegmenten nicht mehr berechnet werden. Sobald die Umsätze an den Finanzmärkten wieder stiegen, werde die Bank die Anteilsberechnung für die Fonds Parvest Dynamic ABS, BNP Paribas ABS Euribor und BNP Paribas ABS Eonia wieder aufnehmen.
Die EZB hatte wegen der Hypothekenkrise heute erstmals seit den Terroranschlägen am 11. September 2001 mit einem sogenannten Schnelltender frisches Geld in die Märkte gepumpt, um unerwartete Liquiditätsschwankungen rasch ausgleichen. Die Intervention beruhigte die Märkte allerdings nicht, sondern wurde eher als Bestätigung der Probleme aufgefasst. Die EZB wollte sich heute nach ihrer Intervention nicht dazu äußern, ob sie wegen der Krise Kontakt mit anderen Notenbanken aufgenommen hat. Die kanadische Notenbank hält nach eigenen Angaben Kontakt mit anderen Zentralbanken wegen der Liquiditätsknappheit.
Bush beschwichtigt: "Genug Liquidität vorhanden"
US-Präsident George W. Bush versuchte die Lage zu beruhigen. Die Krise auf dem US-Immobilienmarkt habe bisher keine ernsthaften Spuren in der weltgrößten Volkswirtschaft hinterlassen, die Fundamentaldaten seien gut, sagte er, ohne näher auf die jüngsten Turbulenzen einzugehen. "Man hat mir gesagt, dass im System genügend Liquidität vorhanden ist, um eine Marktkorrektur zu ermöglichen."
An den Märkten führte die zunehmende Verunsicherung vieler Anleger zur Flucht in festverzinsliche Wertpapiere, die als vergleichsweise sichere Geldanlage gelten. Der Bund-Future, der als Gradmesser für die europäischen Staatsanleihen gilt, stieg in der Spitze um fast 70 Ticks. An den Rohstoffmärkten ergriffen die Investoren hingegen ebenfalls die Flucht. Selbst Gold, das in unsicheren Zeiten oft anderen Investitionen vorgezogen wird, verbilligte sich.
plö/Reuters/AP
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