Die Schreie wird sie nie vergessen
Hunde-Attacke hat Spuren hinterlassen
Humpelnd legt Sonja Thiem die kaum mehr als 300 Meter von ihrem Haus in Klausdorf zu der Stelle zurück, wo gestern ein entlaufener Bullterrier über sie und ihre achtjährige Tochter herfiel. Und am Ort des schrecklichen Geschehnisse laufen der 34-jährigen Frau die Tränen die Wangen hinunter: Ich werde das schreckliche Bild und die Schreie nie vergessen." Es war ein ganz normaler Dienstagmorgen in dem weißen Einfamilienhaus in der Klingenbergstraße kurz hinter der Klausdorfer Ortsgrenze: Sonja Thiem machte ihre achtjährige Tochter Jennifer für die Schule fertig und kümmerte sich um ihre Zwillinge (4). Wie üblich brachte sie ihre Tochter die paar hundert Meter bis zu einem Nachbarn, der Jennifer und sein Kind im Auto immer zur Astrid-Lindgren-Schule in Klausdorf bringt. "Jennifer hat sich sogar gefreut auf die Schule. Sie sollte einen Aufsatz schreiben, und sie konnte es gut", erinnert sich Sonja Thiem.
Alles, was danach kommt, würden die Mutter, Jennifer und ihr Mann Ingo wohl am liebsten aus ihrem Gedächtnis ausradieren. Denn als Mutter und Tochter auf der Feldseite der Klingenbergstraße in Richtung Klausdorf marschierten, bemerkte Sonja Thiem den offensichtlich herrenlosen Bullterrier, der aus einer Einfahrt auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu kommen schien. Als der Hund zu den Thiems herüberkam, wechselten diese auch die Seite: "Ich begegne solchen Hunden nicht gerne." Auch der weiße Vierbeiner wechselte noch einmal die Straßenseite, und wieder wichen Mutter und Tochter aus.
Kurz vor dem Ziel stürmte der Bullterrier dann ohne Vorwarnung über die belebte Straße, sprang das Mädchen an und biss ihr durch die Oberlippe. An alles, was nun geschah, erinnert sich Sonja Thiem nur noch schemenhaft. Ereignisse, die in ihrer Erinnerung endlos erschienen und wohl doch nur ein paar – wenn auch sehr folgenschwere – Momente dauerten. Der Hund attackierte das gestürzte und wild schreiende Mädchen am linken Oberarm und am Brustkorb. Die folge sind tiefe Bisswunden, bis auf den Knochen herunter. Mutter Sonja versucht das Tier wegzureißen und gleichzeitig Hals und Gesicht des Kindes zu schützen. Wie sie es schaffte das kräftige Tier weg zu bekommen, ist ihr bis heute ein Rätsel.
Als sie das geschafft hatte, verbiss sich der Hund in ihrem Oberschenkel. Erst ein Radfahrer und ein weiterer Passant halfen der Mutter und befreiten sie. Einer der Helfer bezahlte seinen Einsatz mit schwersten Verletzungen an den Unterarmen, mit denen er sich das wildgewordene Tier vom Hals fernhielt. "Es sind so viele Autos einfach vorbei gefahren", ist Sonja Thiem immer noch fassungslos. Als die 34-Jährige den Hund mit blutiger Schnauze angeleint vor einem Grundstück sitzen sieht, fragt sie sich nur noch: "Warum lebt der noch?" Ganz energisch wird sie bei der Vermutung, ihre Tochter habe Angst gezeigt oder sich falsch verhalten. Die Thiems haben zwei Hunde: einen Pudel und einen kanadischen Schäferhund. Mit Hunden ist Jennifer vertraut.
Nachbarn kümmerten sich um Mutter und Tochter, leisteten erste Hilfe. Einem Tierarzt gelang es, den Bullterrier anzuleinen. Ingo Thiem raste von seiner Arbeitsstelle nach Hause und kümmerte sich auch um die Zwillinge, die – wie immer – auf die Rückkehr ihrer Mutter warteten. Wenn Thiem an die Geschehnisse denkt, steigt eine Wut in ihm hoch. Eine Wut gegen Politiker, die endlich eine gesetzliche Regelung schaffen helfen, die Menschen vor solchen Tieren schützen. Oder die dafür sorgt, dass Hunde nicht zu solchen Bestien werden. "Die sollten die Abgeordneten mal mit solchen Bullterriern in ein Zimmer sperren", schlägt der Vater vor. Doch gleich hat er sich wieder beruhigt: "Ich bin so froh, dass meine Frau dabei war. Sonst wäre meine Tochter tot gewesen!" In ihrem Schmerz hat Sonja Thiem nicht die vergessen, die ihr und ihrer Tochter selbstlos geholfen haben: ein Lkw-Fahrer, der anhielt, der Fahrradfahrer und der Passant, der so schwer verletzt wurde: "Ich möchte ihnen allen unbedingt danken."
Tim Holborn