nel hat 2021 jede Menge Potential versprochen.
Ich habe die bloß allgemein optimistischen Aussagen von damals weggelassen und mich auf Prognosen konzentriert, deren Ergebnis heute ziemlich eindeutig beurteilt werden kann. Dabei ergibt sich ein erstaunlich geschlossenes Bild: Fast die gesamte kaufmännische Wirkungskette, die Nel 2021 beschrieben hat, funktionierte nicht.
1. Grüner Wasserstoff sollte 2025 fossilen Wasserstoff unterbieten
Aussage 2021
Der damalige CEO erklärte, Nel wolle bereits 2025 Technologie anbieten, mit der grüner Wasserstoff für 1,50 US-Dollar je Kilogramm hergestellt werden könne. Damit sollte erneuerbarer Wasserstoff günstiger werden als fossil erzeugter Wasserstoff. Das war ausdrücklich als konkreter Meilenstein für 2025 formuliert.
Realität 2026
Nel hat bis heute keine kommerzielle Kundenanlage veröffentlicht, die nachweislich grünen Wasserstoff für 1,50 US-Dollar je Kilogramm produziert. Stattdessen führte das Unternehmen erst im Mai 2026 seine neue druckbasierte Alkaline-Plattform kommerziell vor, die zukünftig die Investitionskosten senken soll. Das spricht nicht dafür, dass das Kostenziel bereits 2025 mit der bisherigen Technik erreicht worden wäre.
Auch der Gesamtmarkt liegt weit daneben: Die Internationale Energieagentur stellte 2026 fest, dass erneuerbarer Wasserstoff in den meisten Regionen weiterhin teurer ist als Wasserstoff aus fossilen Energieträgern. Ohne staatliche Unterstützung liegt der wirtschaftlich akzeptable Wasserstoffpreis für die meisten Anwendungen unter zwei US-Dollar je Kilogramm – ein Niveau, das erneuerbarer Wasserstoff überwiegend nicht erreicht.
Urteil: Das wichtigste und konkreteste Ziel des Berichts wurde nicht nur verfehlt, sondern von Nel anschließend praktisch stillschweigend aufgegeben.
2. Innerhalb weniger Jahre sollten 200- bis 800-MW-Projekte zum Normalfall werden
Aussage 2021
Nel erwartete für die erste Hälfte des Jahrzehnts Anlagen mit 200 bis 800 MW und darüber hinaus. Das Unternehmen erklärte, bereits Konzepte für 20, 50, 100 und 200 MW anbieten zu können und sogar eine vollständige 800-MW-Anlage für einen Kunden entworfen zu haben.
Realität 2026
Der gesamte feste Auftragsbestand von Nel liegt heute bei 1,213 Milliarden NOK. Im besonders für große Projekte vorgesehenen Alkaline-Geschäft beträgt der Auftragsbestand aber nur noch 224 Millionen NOK und liegt damit 73 Prozent unter dem Vorjahreswert. Der Auftragseingang des Bereichs belief sich im zweiten Quartal 2026 auf gerade einmal 8 Millionen NOK.
Bei Projekten oberhalb von 100 MW berichtet Nel derzeit lediglich über bezahlte Machbarkeits- und Entwicklungsstudien. Das Unternehmen schreibt ausdrücklich, dass diese Studien erst die Grundlage für mögliche spätere feste Anlagenaufträge bilden sollen. Ein 800-MW-Festauftrag ist daraus bisher nicht entstanden.
Zum Vergleich: Bereits Ende 2021 betrug der Auftragsbestand des Elektrolyseurgeschäfts 937 Millionen NOK. Viereinhalb Jahre später liegt der gesamte Elektrolyseur-Auftragsbestand nominal nur rund 29 Prozent darüber – trotz der damals angekündigten Vervielfachung der Projektgrößen.
Urteil: Die groß angekündigte 800-MW-Zukunft ist für Nel bis heute überwiegend eine Planungs- und Studienzukunft geblieben.
3. Die Herøya-Fabrik sollte die „beschleunigte Nachfrage“ bedienen
Aussage 2021
Nel baute in Heroya eine vollautomatisierte 500-MW-Fertigung auf. Im Ausblick hieß es, man wolle genügend flexible Kapazität schaffen, um Aufträge im Umfang von mehreren Milliarden NOK abzuwickeln und die beschleunigte weltweite Nachfrage zu bedienen.
Realität 2025/2026
Die Nachfrage beschleunigte sich nicht ausreichend. Nel musste die Herøya-Produktion 2025 zeitweise stilllegen, die Belegschaft reduzieren und die Kapazität an die schwächeren Marktbedingungen anpassen.
Ende 2025 schrieb Nel 361 Millionen NOK auf Teile der Alkaline-Produktionsanlagen ab. Das Unternehmen erklärte selbst, dass ungenutzte Produktionskapazität weiterhin Fixkosten verursacht und die Ergebnisse belastet.
Im zweiten Quartal 2026 wiederholte Nel, dass nicht ausgelastete Produktions- und Organisationskapazitäten das Ergebnis weiter negativ beeinflussen werden, bis mehr Aufträge gewonnen werden. Gleichzeitig lag der Alkaline-Auftragsbestand bei lediglich 224 Millionen NOK – gegenüber einer aufgebauten beziehungsweise erneut geplanten Gigawattkapazität.
Urteil: Man baute die Fabrik für die erwarteten Milliardenaufträge. Stattdessen kamen Unterauslastung, Stillstand, Personalabbau und Abschreibungen.
4. Technologieführerschaft sollte automatisch mehr Aufträge bringen
Aussage 2021
Nel argumentierte, seine Produkt- und Technologieführerschaft werde dazu führen, dass das Unternehmen zusätzliche Verträge sowohl in bestehenden als auch in neuen Märkten gewinnt. Die Projektpipeline sei stark gewachsen und solle in neue Aufträge umgewandelt werden.
Realität 2025/2026
Der Umsatz fiel 2025 um 31 Prozent von 1,390 Milliarden auf 963 Millionen NOK. Im ersten Halbjahr 2026 sank er nochmals um 8 Prozent. Der Auftragseingang im ersten Halbjahr 2026 lag 18 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum.
Im Alkaline-Bereich war die Entwicklung noch deutlicher:
Umsatz 2025: minus 44 Prozent
Auftragseingang 2025: minus 83 Prozent
Auftragsbestand Ende 2025: minus 66 Prozent
Auftragsbestand Q2 2026: nochmals minus 73 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal.
Im aktuellen Ausblick spricht Nel nicht mehr von beschleunigter Nachfrage. Das Unternehmen berichtet stattdessen von verzögerten und gestrichenen Förderprogrammen, höheren Projektkosten, verschobenen Investitionsentscheidungen und stornierten Projekten. Man wolle zur Wachstumsstrategie zurückkehren, „wenn der Markt zurückkehrt“.
Urteil: Aus der angeblich rasch wachsenden Pipeline wurde kein entsprechend wachsendes Geschäft. Nel wartet heute darauf, dass der Markt zurückkommt, der laut Bericht 2021 bereits unmittelbar vor dem Durchbruch stand.
5. Steigende Umsätze und Skaleneffekte sollten zur Profitabilität führen
Aussage 2021
Nel erklärte, steigende Umsätze sollten Kostensenkungen und Skaleneffekte ermöglichen und damit letztlich zur Profitabilität führen. Die Logik war einfach:
mehr Aufträge höhere Auslastung niedrigere Stückkosten Gewinne.
Realität 2025/2026
Im Jahr 2025 erzielte Nel:
Umsatz: 963 Millionen NOK
EBITDA: minus 275 Millionen NOK
Nettoverlust: minus 1,265 Milliarden NOK
operativer Cashflow: minus 253 Millionen NOK.
Im ersten Halbjahr 2026 folgten:
Umsatz: 302 Millionen NOK
EBITDA: minus 255 Millionen NOK
Nettoverlust: minus 332 Millionen NOK
operativer Cashflow: minus 164 Millionen NOK.
Der heutige Ausblick enthält keinen konkreten Break-even-Termin mehr. Nel erwartet Profitabilität erst, wenn sich der Markt zu einem „robusten Wachstum“ entwickelt. Damit hängt die Profitabilität nun von einem zukünftigen Marktaufschwung ab, für den weder ein Zeitpunkt noch eine notwendige Umsatzhöhe genannt wird.
Urteil: Die angekündigte Wirkungskette lief rückwärts: sinkende Umsätze, schlechte Auslastung, Abschreibungen und weiterhin hohe Verluste.
6. Das Tankstellengeschäft sollte vom schnellen Durchbruch schwerer Nutzfahrzeuge profitieren
Aussage 2021
Nel erklärte, der Markt für schwere Nutzfahrzeuge bewege sich schnell in Richtung Wasserstoff. Deshalb sollte erheblich in neue Tankstellentechnik für Lastwagen investiert und die Stellung als weltweit führender beziehungsweise bevorzugter Lieferant ausgebaut werden.
Realität 2024–2026
Nel gliederte das gesamte Tankstellengeschäft 2024 als Cavendish Hydrogen aus. Aus einem der beiden strategischen Kernbereiche von Nel wurde damit ein eigenständiges Unternehmen.
Cavendish erzielte 2025 nur 15,3 Millionen Euro Umsatz, nach 31 Millionen Euro im Vorjahr. Das EBITDA lag bei minus 19,9 Millionen Euro. Im ersten Quartal 2026 erzielte Cavendish 2,8 Millionen Euro Umsatz und ein EBITDA von minus 4 Millionen Euro. Die liquiden Mittel hatten sich gegenüber dem Vorjahresquartal mehr als halbiert.
Zusätzlich kostete der Vergleich mit dem ehemaligen Tankstellenkunden Iwatani Nel im zweiten Quartal 2026 noch einmal 70 Millionen NOK.
Urteil: Der erwartete schnell wachsende strategische Kernbereich wurde aus Nel herausgelöst, blieb massiv verlustreich und verursachte später noch zusätzliche Vergleichskosten.
Gesamtfazit
Die Geschichte von 2021 lautete:
billiger Wasserstoff riesige Projekte Milliardenaufträge volle Gigawattfabriken Skaleneffekte Profitabilität.
Die Realität bis Mitte 2026 lautet:
Wasserstoff weiterhin zu teuer Projekte verzögert oder gestrichen schwacher Auftragseingang ungenutzte Fabriken Abschreibungen und Personalabbau anhaltende Verluste.
Einzelne technische Leistungen wurden durchaus erbracht: automatisierte Fertigung, größere Elektrolyseurkonzepte und neue Produktgenerationen. Aber die kaufmännische Gesamterzählung des Geschäftsberichts 2021 ist nahezu vollständig gescheitert. Besonders bemerkenswert ist, dass Nel 2026 mit der neuen druckbasierten Alkaline-Technologie im Grunde erneut jene Kosten-, Größen- und Skalierungsversprechen abgibt, die mit der vorherigen Plattform bereits hätten erfüllt werden sollen.
Quellen zu diesen Aussagen:
https://mb.cision.com/Public/115/4374557/96afc9701633c3dd.pdfhttps://nelhydrogen.com/wp-content/uploads/2022/...nnual-Report-1.pdf