Das Europäische Patentamt rechnet mit einem Ansturm der Nanotechnologie - und rüstet sich.
"Der Weltmarkt für Nanomaterialien liegt in diesem Jahr bei 5 Mrd. $." Der britische Nanoexperte macht eine kleine Pause. "Das ist so viel wie die Keksindustrie in Europa." Ehrliches Staunen im Publikum. Dass die so heiß gehandelte Schlüsseltechnologie der Zukunft zurzeit noch ein mickriger Wirtschaftszwerg ist, verblüfft selbst manchen Fachmann. Die bislang eher bescheidene Bedeutung der Nanotechnologie zeigt sich auch in der Zahl ihrer Patente: Keine zwei Prozent aller Anmeldungen haben etwas mit Nano zu tun - alles in allem rund 20.000 Patente.
Doch für die nächsten Jahre rechnen die Fachleute mit einem wahren Run auf die Welt der Nanoteilchen, jener Objekte, die kleiner als 100 Nanometer sind (ein Nanometer ist ein millionstel Millimeter). "Weltweit fließen jährlich mehr als 4 Mrd. $ in die Nanoforschung", sagt Manfred Scheu, Leiter der Nanotechnologie-Arbeitsgruppe am Europäischen Patentamt EPO. "Deshalb müssen wir in den nächsten Jahren mit sehr, sehr vielen Anmeldungen rechnen." Nur: Sind die Behörden für diesen Ansturm gewappnet?
Erschwerter Erfinderschutz
"Bereits heute haben wir bei den Nanoröhrchen lange Wartezeiten", klagt Wolfgang Hönlein vom Münchner Elektronikkonzern Infineon. Nanoröhrchen aus Kohlenstoff gelten als vielversprechende Bausteine für die Elektronik der Zukunft. "Es gibt einen exponentiellen Anstieg von Anmeldungen, und wir müssen zum Teil länger als zwei Jahre auf die Patenterteilung warten. Das ist einfach zu lang für so ein explodierendes Gebiet."
Doch die Lage könnte sich gar noch verschlimmern, wie die Experten in dieser Woche auf der Tagung "Nanotechnologie und Patente" im Europäischen Patentamt in Den Haag feststellten. Der Grund: Verglichen mit anderen Schlüsselbranchen zeigt die Nanotechnologie einige Besonderheiten, die den Erfinderschutz merklich erschweren. "Ein Problem ist, dass die Nanotechnologie eigentlich ein Sammelbecken für ganz verschiedene Technologien ist", sagt Scheu. "Hier verschwinden die Grenzen zwischen den klassischen Gebieten wie Biologie, Elektronik, Physik und Chemie."
Genau das kann einen Patentanwalt ganz schön ins Schwitzen bringen: Reicht ein Forscher eine Anmeldung für ein Molekül ein, das als "Transistor" fungiert, ist erst mal unklar, ob sich besser die Chemie- oder aber die Elektronikabteilung des Patentamts darum kümmert. Der Sachverständige muss von beidem Ahnung haben. Doch solche Multitalente sind bislang selten in Europas Patentstuben.
Nanotechnologie noch in Findungsphase
Das zweite Problem: Die Nanotechnologie steckt noch in ihrer Findungsphase. Weder Forscher noch Industriemanager wissen zurzeit, auf welchem Gebiet das große Geld zu machen ist und wo der Ansturm auf die Patentämter zu erwarten ist: Sind es neue, intelligente Materialien? Ist es die molekulare Elektronik, die Nanochemie oder die Nanomedizin? Den Fachleuten bleibt nichts anderes übrig, als genau zu beobachten, was sich in den Labors zusammenbraut und was die Märkte verlangen. "Zwischen 2000 und 2002 verzeichneten wir eine Steigerung der Nano-Patentanmeldungen von mehr als 60 Prozent", sagt Scheu. "Um des Anstiegs der Patentzahlen Herr zu werden, wollen wir rechtzeitig Spezialisten einstellen." Außerdem hat er vor, sämtliche Nanotechnologie-Patente in den Internetdatenbanken des EPO als solche zu kennzeichnen und dadurch die Suche zu vereinfachen.
Fast die Hälfte aller Nanotech-Patente kommt aus den USA, 25 Prozent stammen aus Japan, nur 18 Prozent aus den EPO-Mitgliedsstaaten. Das Frappierende: Die Zahl der in Europa ersonnenen Nano-Erfindungen stagniert auf niedrigem Niveau. Allein Deutschland verzeichnet in den vergangenen Jahren einen deutlichen Zuwachs.
Höchste Zeit für besseres Anmeldeverfahren
Auf jeden Fall sollten die Patentanwälte findige Zeitgenossen wie Peter Dobson von der Universität Oxford im Auge behalten. Mit seiner Firma Oxonica bringt er es gleich auf mehrere vielversprechende Nano-Patente: So entwickelte er eine Sonnenschutzcreme auf Nano-Basis, die die gesundheitsschädlichen Präparate der 90er Jahre im nächsten Sommer ablösen soll: Winzige Kügelchen aus Titandioxid, nur 40 Nanometer groß, würzten die Briten mit etwas Mangan und verhindern dadurch, dass sich gefährliche freie Radikale bilden.
Schon im Dezember will Oxonica ein Nano-Additiv für Dieseltreibstoff unter die Leute bringen. Auf eine Tankfüllung kommt ein Schnapsglas mit Nanoteilchen aus Ceroxid. "Damit können wir die Dieselabgase vor allem bei alten Lkw und Bussen sauberer machen", sagt Dobson. "Feldtests haben gezeigt, dass die Motoren im Schnitt zehn Prozent weniger Treibstoff verbrauchen und entsprechend weniger Rußpartikel und Stickoxide ausstoßen. Und es sieht so aus, als würde der Motor auch runder laufen."
Höchste Zeit, dass auch die Anmeldeverfahren für die Nano-Patente besser ablaufen. "Bringen Sie bei einer Nanotechnologie-Anmeldung auch künftig mehr Zeit mit als bei einem anderen Patent", rät Laszlo Ürge von Comgenex aus Budapest. "Große Konzerne können sich lange und teure Verfahren vielleicht leisten", meint Patrick Lundström von Obducat aus Malmö. "Für Startups ist das oft zu teuer und behindert den Fortschritt."
"Der Weltmarkt für Nanomaterialien liegt in diesem Jahr bei 5 Mrd. $." Der britische Nanoexperte macht eine kleine Pause. "Das ist so viel wie die Keksindustrie in Europa." Ehrliches Staunen im Publikum. Dass die so heiß gehandelte Schlüsseltechnologie der Zukunft zurzeit noch ein mickriger Wirtschaftszwerg ist, verblüfft selbst manchen Fachmann. Die bislang eher bescheidene Bedeutung der Nanotechnologie zeigt sich auch in der Zahl ihrer Patente: Keine zwei Prozent aller Anmeldungen haben etwas mit Nano zu tun - alles in allem rund 20.000 Patente.
Doch für die nächsten Jahre rechnen die Fachleute mit einem wahren Run auf die Welt der Nanoteilchen, jener Objekte, die kleiner als 100 Nanometer sind (ein Nanometer ist ein millionstel Millimeter). "Weltweit fließen jährlich mehr als 4 Mrd. $ in die Nanoforschung", sagt Manfred Scheu, Leiter der Nanotechnologie-Arbeitsgruppe am Europäischen Patentamt EPO. "Deshalb müssen wir in den nächsten Jahren mit sehr, sehr vielen Anmeldungen rechnen." Nur: Sind die Behörden für diesen Ansturm gewappnet?
Erschwerter Erfinderschutz
"Bereits heute haben wir bei den Nanoröhrchen lange Wartezeiten", klagt Wolfgang Hönlein vom Münchner Elektronikkonzern Infineon. Nanoröhrchen aus Kohlenstoff gelten als vielversprechende Bausteine für die Elektronik der Zukunft. "Es gibt einen exponentiellen Anstieg von Anmeldungen, und wir müssen zum Teil länger als zwei Jahre auf die Patenterteilung warten. Das ist einfach zu lang für so ein explodierendes Gebiet."
Doch die Lage könnte sich gar noch verschlimmern, wie die Experten in dieser Woche auf der Tagung "Nanotechnologie und Patente" im Europäischen Patentamt in Den Haag feststellten. Der Grund: Verglichen mit anderen Schlüsselbranchen zeigt die Nanotechnologie einige Besonderheiten, die den Erfinderschutz merklich erschweren. "Ein Problem ist, dass die Nanotechnologie eigentlich ein Sammelbecken für ganz verschiedene Technologien ist", sagt Scheu. "Hier verschwinden die Grenzen zwischen den klassischen Gebieten wie Biologie, Elektronik, Physik und Chemie."
Genau das kann einen Patentanwalt ganz schön ins Schwitzen bringen: Reicht ein Forscher eine Anmeldung für ein Molekül ein, das als "Transistor" fungiert, ist erst mal unklar, ob sich besser die Chemie- oder aber die Elektronikabteilung des Patentamts darum kümmert. Der Sachverständige muss von beidem Ahnung haben. Doch solche Multitalente sind bislang selten in Europas Patentstuben.
Nanotechnologie noch in Findungsphase
Das zweite Problem: Die Nanotechnologie steckt noch in ihrer Findungsphase. Weder Forscher noch Industriemanager wissen zurzeit, auf welchem Gebiet das große Geld zu machen ist und wo der Ansturm auf die Patentämter zu erwarten ist: Sind es neue, intelligente Materialien? Ist es die molekulare Elektronik, die Nanochemie oder die Nanomedizin? Den Fachleuten bleibt nichts anderes übrig, als genau zu beobachten, was sich in den Labors zusammenbraut und was die Märkte verlangen. "Zwischen 2000 und 2002 verzeichneten wir eine Steigerung der Nano-Patentanmeldungen von mehr als 60 Prozent", sagt Scheu. "Um des Anstiegs der Patentzahlen Herr zu werden, wollen wir rechtzeitig Spezialisten einstellen." Außerdem hat er vor, sämtliche Nanotechnologie-Patente in den Internetdatenbanken des EPO als solche zu kennzeichnen und dadurch die Suche zu vereinfachen.
Fast die Hälfte aller Nanotech-Patente kommt aus den USA, 25 Prozent stammen aus Japan, nur 18 Prozent aus den EPO-Mitgliedsstaaten. Das Frappierende: Die Zahl der in Europa ersonnenen Nano-Erfindungen stagniert auf niedrigem Niveau. Allein Deutschland verzeichnet in den vergangenen Jahren einen deutlichen Zuwachs.
Höchste Zeit für besseres Anmeldeverfahren
Auf jeden Fall sollten die Patentanwälte findige Zeitgenossen wie Peter Dobson von der Universität Oxford im Auge behalten. Mit seiner Firma Oxonica bringt er es gleich auf mehrere vielversprechende Nano-Patente: So entwickelte er eine Sonnenschutzcreme auf Nano-Basis, die die gesundheitsschädlichen Präparate der 90er Jahre im nächsten Sommer ablösen soll: Winzige Kügelchen aus Titandioxid, nur 40 Nanometer groß, würzten die Briten mit etwas Mangan und verhindern dadurch, dass sich gefährliche freie Radikale bilden.
Schon im Dezember will Oxonica ein Nano-Additiv für Dieseltreibstoff unter die Leute bringen. Auf eine Tankfüllung kommt ein Schnapsglas mit Nanoteilchen aus Ceroxid. "Damit können wir die Dieselabgase vor allem bei alten Lkw und Bussen sauberer machen", sagt Dobson. "Feldtests haben gezeigt, dass die Motoren im Schnitt zehn Prozent weniger Treibstoff verbrauchen und entsprechend weniger Rußpartikel und Stickoxide ausstoßen. Und es sieht so aus, als würde der Motor auch runder laufen."
Höchste Zeit, dass auch die Anmeldeverfahren für die Nano-Patente besser ablaufen. "Bringen Sie bei einer Nanotechnologie-Anmeldung auch künftig mehr Zeit mit als bei einem anderen Patent", rät Laszlo Ürge von Comgenex aus Budapest. "Große Konzerne können sich lange und teure Verfahren vielleicht leisten", meint Patrick Lundström von Obducat aus Malmö. "Für Startups ist das oft zu teuer und behindert den Fortschritt."