| HANDELSBLATT, Mittwoch, 29. November 2006, 13:17 Uhr |
Ablehnung im AuslandMoskaus Firmen gehen auf EinkaufstourVon Thomas WiedeRusslands Wirtschaft spannt die Muskeln an. Nie zuvor drängten russische Unternehmen mit einer solchen Macht und überaus selbstbewusst auf den Weltmarkt. Ihre Einkaufstour trifft im Ausland aber nicht immer auf Begeisterung.MOSKAU. Tony Thompson, Chef von KPMG in Russland, fragte bei seinem letzten Besuch in London seine Kollegen ganz unschuldig, wie sie aus der Distanz die russische Geschäftswelt charakterisieren würden. Die Antwort war eindeutig: „gefährlich, unvorhersehbar, seltsam“. Beim Gedanken an die russischen Unternehmen hätten die Berater ein sehr konkretes Bild im Kopf, berichtet Tony Thompson: „ein wütend durchs Gehölz preschendes Nashorn“. Dabei stehen Thompsons Londoner Kollegen mit dieser Einstellung nicht alleine. Als durchsickerte, dass der russische Mischkonzern Sistema eine Beteiligung an der Deutschen Telekom anpeilt, blieb die Reaktion auf deutscher Seite eisenhart. Aufsichtsratskreise ließen sich gar mit Äußerungen wie „Industrieimperialismus“ in der deutschen Presse zitieren. Der Fall Sistema steht für viele und zeigt zwei Trends auf: Die russische Wirtschaft läuft rund. Nie zuvor drängten russische Unternehmen mit einer solchen Macht und überaus selbstbewusst auf den Weltmarkt. Und: Sie treffen dort trotz der ihnen zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen auf eine zunehmend feindliche Stimmung – ihren eigenen Ambitionen und ihrer Heimat insgesamt gegenüber. Gerade letzteres gilt vor allem in Europa. Russland, schuldenfrei und mit Devisenreserven von 265 Milliarden Dollar im Rücken, spannt derzeit seine wirtschaftlichen und politischen Muskeln. Die Regierung fährt in der Außenpolitik einen Kurs, der stärker als bisher auf die eigenen Interessen ausgerichtet ist und setzt innenpolitisch unbeirrt durch Kritik aus dem Westen ihre Vorstellungen um – auch in der Wirtschaft, in der der Einfluss des Staates stetig gewachsen ist. Diese postsowjetische Industriepolitik hat bereits ihren Preis gefordert: In einer regelmäßig von der Weltbank erstellten Liste über den Stand von Wirtschaftsreformen ist Russland merklich zurückgefallen. Unter den 175 bewerteten Ländern liegt das Land derzeit auf Rang 96 – im Vorjahr konnte es noch auf Position 79 klettern. Dem Index zufolge ist erstmalig China an Russland vorbeigezogen. In den vergangenen zwei Jahren habe sich der Reformprozess in Russland eindeutig verlangsamt, urteilt Simeon Djankow, einer der Autoren der Studie. Auch die OECD äußert sich in ihrem Länderbericht ausgesprochen kritisch. (Siehe: "Der Wachstumsmarkt Russland lockt deutsche Unternehmen an") <!--nodist-->Lesen Sie weiter auf Seite 2: Auch in Russland selbst stoßen die Methoden der Konzerne auf ein geteiltes Echo. <!--/nodist-->Die seit Jahren in der Regierung andauernde Auseinandersetzung zwischen eher wirtschaftsliberal eingestellten Kabinettsmitgliedern und den Konservativen geht unvermittelt weiter: Nach wie vor gibt es keine Klarheit darüber, wie genau nun die als „strategisch bedeutend“ angesehenen Wirtschaftsektoren definiert sind und ob und in welchem Maße in diesen ausländische Investitionen möglich sein sollen. Die Unternehmen, so zum Beispiel die russische Fluglinie Aeroflot, leiden darunter, weil notwendige Investitionen ausbleiben. Immerhin: Presseberichte legen nahe, dass der Kreml noch in diesem Jahr zu einer Lösung finden will – auch im Licht der sich abzeichnenden Mitgliedschaft bei der Welthandelorganisation (WTO). Die ablehnende Haltung auf die globalen Ambitionen russischer Konzerne stößt auch im Land selbst auf ein geteiltes Echo: Dort stehen zum einen Politiker oder Unternehmer wie der Chef der Alfa-Bank Pjotr Awen, die nach Revange dürsten: Wie du mir so ich dir. In dem Maße, in dem russischen Unternehmen im Ausland die Türe vor der Nase zugeschlagen werde, in dem Maße solle im Gegenzug auch ausländischen Firmen in Russland der Zugang verwehrt werden, fordert Awen öffentlich. Genau das macht der Kreml in vielen Bereichen, vor allem in der Energiewirtschaft: Ölkonzerne wie Royal Dutch Shell, Total oder das britisch-russische Gemeinschaftsunternehmen TNK-BP sehen sich einem zunehmenden Druck ausgesetzt, weil die Regierung mit in den neunziger Jahren getroffenen Verträgen nicht mehr einverstanden ist und auf eine größere Teilhabe drängt. Der halbstaatliche Monopolist Gazprom kann dagegen seine Position weiter ausbauen – obwohl er als ineffizient und schlecht geführt gilt. Doch gibt es in Moskau auch nachdenklichere Stimmen: Viele russische Unternehmen hätten in ihrem Drang nach draußen Fehler gemacht, meint der Multimilliardär und Chef der Sputnik-Gruppe Boris Jordan. Als ein Beispiel gelte der Stahlhersteller Severstal: Bei seinem Versuch im Frühjahr eine Fusion mit Arcelor einzugehen, habe das Unternehmen jegliche professionelle Informationspolitik vermissen lassen und so westliche Anleger verunsichert. In Teilen der Regierung ist dies angekommen: Damit die Firmen bei ihren zunehmenden Auslandsaktivitäten einen leichteren Stand hätten, müssten sie grundlegend transparenter werden, glaubt Vize-Wirtschaftsminister Andrej Scharonow. <!--nodist-->Lesen Sie weiter auf Seite 3: Trotz aller Kritik sind auch Fortschritte in der russischen Politik und Wirtschaft zu erkennen. <!--/nodist-->Das Ministerium feilt daher an einer Gesetzgebung zur Corporate Gouvernance, die es auch zügig umsetzen möchte. Sollte ihr dies gelingen, würde sich auch das Investitionsklima im Land nachhaltig verbessern und mehr Vertrauen gegenüber Russland erzeugt, erwartet Scharonow. Sicher ist: Der Strom von Firmen, die trotz des nachlassenden Reformeifers des Kremls in den vergangenen vier Jahren nach Russland kommen, wird nicht schwächer – im Gegenteil. Beobachter wie der Moskauer Anwalt Thomas Mundry von der Kanzlei Nörr, Stiefenhofer, Lutz sehen vor allem aus Deutschland einen immer länger werdenden Zug von mittelständischen Unternehmen. Obwohl das Wirtschaftswachstum großteils auf dem Export von Rohstoffen oder Metallen beruht und in erster Linie Firmen aus dem Sektor wie Gazprom, Rosneft, Severstal oder die Alu-Konzerne Rusal und Sual international auftrumpfen, brummt in Russland inzwischen auch die Nachfrage im Inland. Bei aller Kritik an der überbordenden Korruption und der meist schwachen Exekutive erkennt Mundry klare Fortschritte – so hat Russland kürzlich sein restriktives Devisenrecht abgeschafft. Sei Oktober gilt zudem ein neues Wettbewerbsrecht, das ausländischen Investoren den Erwerb von Unternehmen erleichtert. „Russland ist kein bösartiges Land“, sagt Mundry. Der Staat reagiere aber hauptsächlich auf Missbräuche und versuche diese zu stoppen, was jedoch oftmals dazu führe, dass er wirtschaftliche Aktivität behindere. KPMG-Russland-Chef Thompson rät den Russen vor allem eines: Sie sollten sich vom Misstrauen im Westen nicht provozieren lassen. Es reiche, wenn die Unternehmen ihre Stärken ausspielten und Erfolg hätten. „Sie verfügen über Mittel, Ehrgeiz, Erfahrung in Wachstumsmärkten und die Fähigkeit, schnell zu entscheiden“, sagt Thompson. Grundsätzlich werde es daher schwierig sein, sie zu stoppen. <!-- ISI_LISTEN_STOP --> |