Übernahmen - Pharmakonzerne avancieren zu Börsenstars
Viele Patente laufen ab, die hohe Profite garantieren. Um der Konkurrenz mit Billiganbietern zu entgehen, greifen Arzneimittelkonzerne nach Rivalen und erobern neue Märkte. Die Unternehmen könnten zu Börsenlieblingen des Jahres werden.
Big Pharma muss sich neu erfinden. Die Konzerne nutzen ihre gigantischen Geldreserven für Fusionen und Zukäufe vor allem von Biotechfirmen, gern aber auch von Generikaproduzenten. Und sie machen sich in den Zukunftsmärkten der Emerging Markets breit, allen voran in China. Die ergriffenen Maßnahmen scheinen vielversprechend zu sein. Zahlreiche Investmenthäuser sehen 2010 sogar als das Jahr der Pharmaaktien.
Die Unsicherheiten, so die Argumentation, seien bereits in den Kursen enthalten, die Papiere aber stark unterbewertet. Aktuell hat die Pharmabranche einen Bewertungsabschlag von 33 Prozent: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des S&P 500 liegt bei 18, der Amex-Pharma-Index kommt auf ein KGV von zwölf. In der Erholungsphase des Vorjahrs blieben die Kurse der defensiven Pharmabranche zurück, die Investoren setzten da eher auf zyklische Aktien. Da diese Euphorie vorerst verflogen ist und das aktuelle Börsenjahr volatil werden dürfte, richtet sich jetzt das Interesse auf die finanzstarken Pharmawerte mit ordentlichen Dividendenrenditen.
Der Wandlungsprozess der Branche läuft: Giganten wie Pfizer, Roche oder Novartis haben noch immer enorme Liquidität - und die nutzen sie. Um in der neuen Pharmawelt zu den Gewinnern zu zählen, wendet die bedrohte Industrie verschiedene Strategien an. Einige Konzerne nehmen die Mrd., auf denen sie sitzen, und kaufen Rivalen. Pfizer etwa akquirierte für 68 Mrd. $ Wyeth. Merck&Co. kaufte sich für 41 Mrd. $ den Konkurrenten Schering-Plough. Einsparpotenzial: 3,5 Mrd. $ pro Jahr. Vor allem im Vertrieb und bei der Forschung sinken die Kosten. Die Patentproblematik ist durch das größere Portfolio zwar nicht gelöst, aber immerhin leichter verkraftbar.
Reichlich Kapital für Übernahmen
Die Konsolidierung in der Gesundheitsbranche hat es in sich. Allein zwischen Januar 2008 und Oktober 2009 summierte sich die Zahl der Übernahmen in der Pharma- und Biotechbranche auf mehr als 700 mit einem Gesamtvolumen von 321 Mrd. $. Die Chance, dass Aktionäre in Zukunft eine Aktie im Depot haben, deren Kurs durch ein Kaufangebot hochgetrieben wird, ist groß. Noch immer sitzen die Pharmakonzerne auf prall gefüllten Kassen. So kommt etwa der potenzielle Einkäufer Pfizer bis 2015 noch auf Nettocashflows von geschätzten 68 Mrd. $ - Finanzierungen sind damit kein Problem. Als mögliche Übernahmekandidaten unter den Pharmawerten gelten derzeit die US-Konzerne Lilly und Bristol-Myers Squibb sowie die Briten AstraZeneca und Shire.
Und bevor sie sich von der Generikakonkurrenz plattmachen lassen, kaufen einige Konzerne die lieber auf. Novartis avancierte mit der Akquisition von Hexal zum größten Generikaproduzenten. Andere Hersteller greifen gleich in den Wachstumsmärkten zu wie Sanofi-Aventis, der seine Poleposition in Brasilien mit dem Kauf des dort führenden Generikaherstellers Medley ausbaut. Auch Branchenprimus Pfizer will jetzt mit Macht ins Geschäft. Der US-Konzern schuf eine Sparte für "etablierte Produkte", sprich eigene Medikamente, die ihren Patentschutz verloren haben.
Nach der Übernahme von Ratiopharm durch den israelischen Generikakonzern Teva für 3,6 Mrd. Euro ist die deutsche Stada einer der letzten attraktiven Übernahmekandidaten. Als Käufer werden die isländische Generikafirma Actavis und der US-Pharmariese Pfizer gehandelt. Letzterer hatte bereits Interesse an der Übernahme von Ratiopharm, kam aber nicht zum Zug.
Auf den M&A-Listen ganz oben stehen auch Biotechunternehmen. Biologisch hergestellte Arzneimittel erzielen nicht nur hohe Preise, sondern sind durch längere Vermarktungsrechte und höhere Kosten in der Produktion besser vor Kopien geschützt. Kurios: Die führenden Unternehmen sitzen zwar in den USA. Ihre Erträge ernten aber meist europäische Konzerne: So griff Roche sich Genentech und sicherte sich für 47 Milliarden $ die ergiebigste Quelle an neuen Biotechmedikamenten. Auch andere Europäer langten zu: Novartis kaufte für fünf Mrd. $ Chiron. Und AstraZeneca, stark von Patentabläufen bedroht, zahlte für Medimmune 15 Mrd. $.
Mehr und mehr setzt die Pharmaindustrie auch auf die Emerging Markets. Während die Märkte in den Industrieländern gesättigt sind und kaum zulegen, wachsen die Gesundheitsausgaben in den Schwellenländern zweistellig. So auch in China. Dort sorgt der Aufbau einer allgemeinen Gesundheitsversorgung für hohe Zuwachsraten. 2010 könnte der Arzneimittelmarkt erstmals 170 Mrd. $ übertreffen. Bis 2012 soll die Volksrepublik vom fünften auf den dritten Platz unter den weltweiten Gesundheitsmärkten vorrücken.
capital.de, 12:03
© 2010 Financial Times Deutschland
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Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont. Konrad Adenauer