Interview
13.06.2002
Erziehungswissenschaftler Peter Struck zu PISA und den Folgen
Als Konsequenz aus dem schlechten Abschneiden der deutschen Schüler bei der PISA-Studie will die Politik nun gegensteuern. Die Ministerpräsidenten treffen sich heute mit dem Bundeskanzler, um Maßnahmen zu beraten. Schröder wird außerdem im Bundestag eine Regierungserklärung zum Thema Bildung abgeben. Das Thema hat, nicht zu letzt auch nach Erfurt, zweifelsohne Konjunktur. Quer durch die Parteien entdeckt man nun die Familien und Bildungspolitik. Professor Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Uni Hamburg.
NDR Info: Herr Struck, alles redet durcheinander in Sachen Bildungspolitik. Welche der vielen Vorschläge, die nun in Reaktion auf Pisa gemacht werden, halten Sie für sinnvoll, bezogen auf die Schulform, in der ja alles beginnt, auf die Grundschule?
Struck: Also, man muss wahrscheinlich früher mit der Grundschule beginnen. Also die Einschulung, das ist auch europäische Tendenz, muss sich wohl etwas früher ereignen. Wir müssen also vom sechsten Lebensjahr wohl auf das fünfte herunter. Auch weil Kinder, je jünger sie sind, um so besser lernen. Der zweite richtige Vorschlag ist, dass man für nicht gut deutsch sprechende, kleine Kinder im Vorschul- und Kindergartenbereich Deutsch-Kurse anbietet bzw. sie sprachlich heranführt an einem Standard, mit dem sie dann auch in der ersten Klasse bestehen können. Ein dritter, richtiger Vorschlag, der allerdings ziemlich selten gemacht wird, ist die Grundschule zu verlängern, denn Deutschland hat von all diesen vermessenen OECD-Ländern die kürzeste Grundschulzeit, nur vier Jahre. Alle Länder die oben stehen haben neun-, zehn- oder zwölfjährige Schulen. Deshalb hat Brandenburg, die Brandenburger SPD ja auch die Einführung der neunjährigen Grundschule beschlossen, dazu wird es natürlich nicht kommen, weil die in einer großen Koalition sind.
NDR Info: Sind auch Pläne in der Diskussion, die Sie für weniger geeignet halten?
Struck: Na ja, im Moment ist es eigentlich bundesweit so, dass die Hälfte der Kultusminister sagt, wir müssen zurück in die 50iger Jahre des letzten Jahrhunderts. Deshalb sagt Frau Schavan, Baden Württembergische Kultusministerin, wir müssen die Leistungskultur an den Schulen erhöhen. Dann kämen wir etwa dahin, wo Singapur, Südkorea und Japan stehen. Die also autoritäre Paukschulen haben und damit auch die höchsten Schülersuizidraten der Welt. Also wir müssten dann die Angst beim Lernen erhöhen, dann kriegen wir tatsächlich bessere Ergebnisse. Oder, wir machen es anders. Wir gehen 20 Jahre in die Zukunft, dann kriegen wir die skandinavischen Länder und Kanada, die ebenfalls bei PISA oben stehen. Die haben aber längst die Belehrungsanstalt Schule zu einer Lernwerkstatt umgebaut. Also keine Noten bis zur Klasse 7 und vor allem, dass die Schule sich auf jeden einzelnen Schüler einstellt und nicht mehr wir bei uns versucht, schwierige oder schlechte Schüler loszuwerden. Also in die Richtung zu gehen, Schule braucht eine andere Lernkultur, statt einer anderen Leistungskultur.
NDR Info: Der Kanzler gibt nun heute eine Regierungserklärung zu diesem Thema ab. Welchen Sinn macht das so kurz vor Ende der Legislaturperiode?
Struck: Ja, das ist nun mal etwas positives. Erstmal ist ja ohnehin positiv, dass Deutschland bei PISA so schlecht abgeschnitten hat, weil damit die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Schule gelenkt wird und weil damit vielleicht verhindert wird, dass die Finanzminister noch mehr im Bereich Schule sparen. Insofern können wir also glücklich sein, dass wir so schlecht abgeschnitten haben. Ansonsten ist es gut, wenn Bildung, wie auch Familie zu einem Thema für den Bundestagswahlkampf wird. Das finde ich schon gut. Zumal vor dem Hintergrund, dass es überhaupt immer weniger Kinder in unserem Lande gibt und damit die Gefahr bestand, dass Bildung und Erziehung ganz herausfallen aus der allgemeinen Politik.
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