Lufthansa-Vorstand Ralf Teckentrup über Billigflieger, das Tarifsystem der Fluggesellschaft und den Streit mit dem Bundeskartellamt
Herr Teckentrup, British Airways, Germania und Ryanair greifen die Lufthansa mit Billigtarifen an. Macht Sie das nervös?
Warum sollte es? Lufthansa beobachtet den Markt sehr genau und reagiert auf alle Herausforderungen. Zur Zeit gibt es keinen Anlass zu Aktionismus. Bei den sogenannten Low-Cost Carriern erscheint mir derzeit jedoch das öffentliche Interesse stärker zu sein als deren reale Marktpräsenz.
Der Markt für solche Billig-Flüge wächst jährlich um 30 Prozent. Das wollen Sie der Konkurrenz allein überlassen?
Wir haben nie gesagt, dass wir nicht einsteigen, wir haben aber auch nicht gesagt, dass wir einsteigen. Wenn wir uns entschließen sollten, dieses Geschäft selbst zu betreiben, ginge das nur über die Gründung einer völlig unabhängigen Tochtergesellschaft. So wie das British Airways mit "Go" gemacht hat. Das ist aber zurzeit nicht geplant.
Sind Sie schon mit Germania geflogen?
Nein. Ich bevorzuge Qualitätsairlines wie Lufthansa. Ich habe allerdings schon mal versucht, über das Internet einen Flug bei Germania zu buchen.
Ergebnis?
Es ging nicht. Das bestätigte meine Vermutung, dass Germania nicht ernsthaft langfristig Linienflüge betreiben will.
Sie meinen, weil das Tourismus-Geschäft derzeit nicht läuft, macht Germania nur vorübergehend der Lufthansa im Linienverkehr Konkurrenz?
Das könnte so sein.
Die Lufthansa reagiert sehr empfindlich auf die Billig-Konkurrenz. Ärgert Sie das Image des Goliath, der von David angegriffen wird?
Wir sind nicht empfindlich. Ich kann damit leben, den Goliath auf einer einzigen Strecke in Deutschland abzugeben. Fliegen ist jedoch ein internationales Geschäft. Im weltweiten Maßstab sind wir selbst nur ein David. Mit den großen US-Fluggesellschaften können wir uns kaum vergleichen.
Warum ziehen Sie sofort vor Gericht, wenn die Werbung der Neuen mal frech ist?
Wenn man als Abzocker tituliert wird, ist das gar nicht mehr lustig. Und wenn in der Werbung unser teuerster Business-Class-Preis mit einem Super-Sonder-Schnäppchenpreis verglichen wird, ist das schlicht unfair. Nur weil Ryanair gerade David gegen Goliath spielt, sind nicht gleich alle Wettbewerbsregeln außer Kraft gesetzt.
Die Tarife von Lufthansa und den Billigfliegern sind also nicht vergleichbar?
Wir bieten jeden Tag ein Netz mit 30 000 Reisewegen, Service in der Luft und am Boden, Tickets, die man schnell und überall kaufen kann und wir kümmern uns um unsere Passagiere, wenn es mal Verspätungen oder Probleme gibt. Mit Ryanair fliegen wir außerdem auf keiner einzigen Strecke in direkter Konkurrenz. Warum unsere Verbindung Frankfurt-London immer mit Hahn-Stansted verglichen wird, verstehe ich nicht. Der Flughafen Hahn liegt 100 Kilometer von Frankfurt, der Flughafen Stansted 50 Kilometer von London entfernt. Die Kunden haben dadurch ganz andere Reisezeiten. Wer wirtschaftlich denkt, wird sich für unser Angebot entscheiden.
Ryanair-Chef Michael O'Leary beherrscht die PR-Klaviatur perfekt. Da könnten Sie noch etwas lernen.
O'Leary muss nur zwei Dinge kommunizieren: Seinen Firmennamen und seine Preise. Das macht jeder Low-Cost-Carrier so. Außerdem bricht O'Leary so viele Regeln, dass er andere Airlines zwingt, zu klagen. Ergebnis: Die Sympathie der Öffentlichkeit ist auf Seiten des kleinen David, der gegen den Goliath Lufthansa antritt.
Vielleicht sollte die Lufthansa ihr kompliziertes Tarifsystem vereinfachen und sich besser verkaufen?
Germanias Ein-Preis-Strategie wird das Unternehmen auf Dauer nicht verkraften. Alle Low-Cost-Carrier der Welt haben ein mindestens ebenso differenziertes Tarifsystem wie etablierte Linienfluggesellschaften. Das übereinstimmende Prinzip: Je näher der Buchungs- an den Flugtermin heranrückt, desto teurer werden die Tickets. Im übrigen sind wir mit unserem, an jeden Tag buchbaren Tarif von 143 Euro auf jeder deutschen Strecke für Hin- und Rückflug absolut konkurrenzfähig. Wenn wir mit Neun-Euro-Tickets wie Ryanair auf den Markt kämen, würde uns die Öffentlichkeit zu Recht Dumping vorwerfen. Und versuchen Sie doch mal, solche Super-Billig-Tarife am Freitagnachmittag zu buchen.
Das ändert aber nichts daran, dass bei potenziellen Kunden ankommt: Germania, Ryanair und Co sind preiswert, die Lufthansa teuer.
Unsere Preisstrategie steht nicht zur Disposition. Unser qualitativ hochwertiges Produkt rechtfertigt einen deutlichen Abstand zu den Billig-Airlines. Auf innerdeutschen Flügen verdienen wir uns ohnehin keine goldene Nase. 30 Prozent der Ticketkosten gehen an die Flughäfen. Dann kommen da noch Steuern und die Vertriebskosten drauf. Ich gebe zu, in der Werbung könnten wir offensiver sein. Nicht einmal ich habe alle günstigen Flugtarife immer parat.
Wer fliegt überhaupt noch zu Normaltarifen?
Das sind etwa 35 Prozent unserer Passagiere im europäischen Verkehr.
Und wie viele sind Umsteiger, die Ihr weltweites Netz nutzen?
Bei den Interkontinentalflügen haben wir 40 bis 65 Prozent Umsteiger. Auf den Strecken von und nach unseren Drehkreuzen Frankfurt oder München etwa 50 Prozent.
Prognosen sagen, dass die Billiganbieter in Europa bald 30 Prozent Marktanteil wie in Amerika erreichen werden.
Das ist völlig übertrieben. Southwest in den USA hat nach 20 Jahren gerade mal 16 Prozent. Die Low-Cost-Airlines wachsen auch nur so lange, wie sie auf Monopolstrecken fliegen können. Ich bin schon jetzt auf den Tag gespannt, wenn diese Airlines in Europa beginnen, sich gegenseitig anzugreifen. Fünf Billig-Airlines werden jedenfalls in Europa nicht überleben.
Noch ist die Lufthansa innerhalb Deutschlands selbst Monopolist.
Wir sind kein Monopolist. Auf der Strecke Frankfurt-Berlin reisen etwa 20 Prozent der Menschen mit dem Flugzeug, 50 Prozent benutzen die Bahn, 25 Prozent benutzen die Straße und selbst mit Bussen reisen circa fünf Prozent. Wo sehen Sie da ein Monopol? Es gibt in der Luft einige wenige Strecken, die wir ohne Konkurrenz von anderen Airlines fliegen. Aber unsere Konkurrenten heißen Inter-City-Express, Pkw und Bus.
Das sieht das Kartellamt ganz anders. Die Wettbewerbshüter gehen davon aus, dass Sie Germania mit Kampfpreisen aus dem Markt drängen wollen, um dann wieder allein den Luftraum zu beherrschen.
Das begreife ich nicht. Wie kann man denn Kraft Amtes einen Luft-Markt für die Strecke Berlin-Frankfurt definieren? Und wenn da einer rein will, sagt das Bundeskartellamt, dann bauen wir dem für zwei Jahre noch einen Schutzzaun. Erklären Sie mir mal, warum ich für 143 Euro diese Strecke hin und zurück fliegen darf, nicht aber für 205 Euro. Ich glaube nicht, dass das Kartellamt als Preisregulierungsbehörde auftreten darf. Es soll den Wettbewerb schützen.
Genau das will das Amt mit seiner Schützenhilfe für Germania doch bezwecken.
In Europa erleben wir eine ganz intensive Phase des Wettbewerbs. Die belgische Sabena ist in Konkurs gegangen, die Swiss Air überlebt nur mit einer Milliarden-Spritze. Die Low-Cost-Carrier wachsen wie verrückt. Da kann doch keiner behaupten, dass der Wettbewerb nicht funktioniert. Und dann bekommen wir vorgeschrieben, die Flugpreise auf der Berlin-Route um 35 Euro anzuheben. Das ist lächerlich.
Wenn Sie vor Gericht verlieren, werden Sie sich dann dem Kartellamt beugen?
Wir rechnen damit, dass das Oberlandesgericht Düsseldorf unserer Argumentation folgt und die sofortige Vollziehbarkeit der Anordnung aufhebt. Den Rest klären wir dann in einem ordentlichen Verfahren.