Solarworld: So ist die Lage! Bericht aus Bonn
von Michael Vaupel
Liebe Leserin, lieber Leser,
Thema Solarworld-Gläubigerversammlung.
Gestern war dann die Versammlung für die zweite Solarworld-Anleihe, Ihr Autor war erneut vor Ort.
Dort wurde zunächst ein gemeinsamer Gläubigervertreter gewählt - angesichts nur eines Kandidaten und einer Zustimmung im Bereich 99% fühlte ich mich zunächst an ehemalige Ostblock-Wahlen erinnert. Der Gläubigervertreter macht aber einen sehr guten Eindruck und wurde auch allseits (auch von der SdK) gelobt.
Dann stand die Zustimmung zum Schulden-Konzept Solarworlds an. Mindestens 50% der Anleihen hätten dazu vertreten sein müssen - es waren aber nur ca. 17% anwesend. Damit ist klar: Es wird einen neuen und dann entscheidenden Termin geben, voraussichtlich Anfang August.
Zum erneuten Termin werden 25% reich, sprich soviele Prozent der ausgegebenen Anleihen müssen anwesend bzw. vertreten sein. Von denen muss dann eine Mehrheit zustimmen. Wie gesagt: Am Montag waren ca. 22%, gestern ca. 17% da. Es ist also noch keineswegs sicher, dass die 25% erreicht werden. Allerdings sehe ich dafür durchaus gute Chancen, denn für die Termine gestern und vorgestern war es fast klar, dass die notwendige Quote nicht erreicht wird. Da dachten sich wohl einige Anleihenbesitzer, bleibe ich lieber direkt zu Hause, verzichte auf Kuchen und Bretzeln und darauf, im alten Deutschen Bundestag (denn da fanden die Versammlungen statt) auf den Abgeordnetensesseln zu sitzen und fahre lieber erst zum entscheidenden Termin im voraussichtlich August.
Dennoch hat mir der Termin einige Erkenntnisse gebracht.
So erfuhr ich im "private meeting" mit dem Finanzvorstand von Solarworld, dass das Unternehmen laut seinen Angaben die gleiche Kostenstruktur wie die chinesische Konkurrenz habe. Erfreulicherweise liegt der Lohnanteil bei den Gesamtkosten des Endprodukts nämlich vergleichsweise niedrig. Bei den Löhnen punkten die Chinesen natürlich, aber so groß ist dieser Anteil eben nicht. Zudem haben Module aus China meist höhere Transportkosten, weswegen für den europäischen Markt laut Aussage des Finanzvorstands "eigentlich" keine deutlich andere Kostenstruktur bei chinesischen und Solarworld-Modulen besteht.
Die chinesischen Konkurrenten würden eben "Dumping" betreiben, sprich Verkauf unter Herstellungskosten, um Marktanteile zu gewinnen. Zudem hätten sie Zugang zu einfacher Refinanzierung durch chinesische Banken, während Solarworld wie die gesamte Solarbranche wegen neuen Krediten bei europäischen Banken gar nicht erst zu fragen braucht.
Mit anderen Worten: Operativ ist Solarworld demzufolge keineswegs zwangsläufig in der Sackgasse. Es werden derzeit einige Kosten gesenkt, und wenn es im Handelsstreit mit China eine Lösung gibt (muss kein hoher Zoll sein, es würde auch reichen, wenn die chinesischen Produzenten z.B. eine gewisse Preisuntergrenze akzeptieren o.ä.), dann könnte Solarworld auch wieder den Sprung in den operativen Gewinn schaffen. Denn das zählt letztlich: Dass der Cash Flow wieder positiv wird.
Die Zeit dahin kann durch den vorgeschlagenen Plan überbrückt werden. Denn dadurch sinkt die Schuldenlast, und Schulden werden in Eigenkapital verwandelt. Das hat den schönen Nebeneffekt, dass dadurch die Eigenkapitalquote von Solarworld deutlich steigt, und das Unternehmend die "bankability" zurückerhalten würde, sprich Kreditwürdigkeit.
Einige Punkte gefallen mir nicht, z.B. die Tatsache, dass Firmengrüner Franz Asbeck von den neuen Aktien rund 20% zum Vorzugspreis erhält. Auf kritische Nachfrage hin erklärte er, die Gläubiger der Schuldscheine hätten gefordert, dass ein "Incentive-Programm" (Anreizsetzung) für den Vorstand umgesetzt werde.
Naja. Aber aufschnüren lässt sich das wohl nicht mehr, und wenn es ums Gesamtpaket geht, ist es als Besitzer von Solarworld-Anleihen nur sinnvoll, dem Plan zuzustimmen. Sonst stehen die Zeichen klar auf "Insolvenz", und es wurde eine Insolvenzquote von 7-8% genannt. Sprich: Bei einer Pleite gäbe es wohl nur 7 bis 8% der Forderung.
Bei Annahme des Angebots hingegen gäbe es schon durch die "Cash-Komponente" unmittelbar nach Durchführung der Umstrukturierung gut 5,7%. Dazu die neuen Anleihen im Volumen von ca. 44% der Forderung, wovon ein Teil innerhalb des ersten Jahres ebenfalls cashwirksam zurückgezahlt wird.
Mit anderen Worten: Die Annahme des Plans macht definitiv Sinn.
Und dann hat Solarworld auch die Zeit, um zu beweisen, dass wieder ein positiver Cash Flow erwirtschaftet werden kann. Nicht vergessen: Die Photovoltaik ist eine Wachstumsbranche! Es gibt diverse Regionen mit starkem Wachstum, z.B. Japan und die USA (auch da ist Solarworld vertreten und wurde gerade von einer staatlichen Behörde als entsprechender Lieferant angenommen.
Achja, noch ein Punkt: Im Zuge der Umstrukturierung sollen auch die Araber einsteigen (Qatar Solar Technologies). Die sollen rund 35 Millionen für einen knapp 30% Anteil an Solarworld zahlen. Das ist zwar auch ein gewisser Schnäppchenpreis...nicht vergessen, diese Aktien werden von den Anleihenbesitzern "zwangsverkauft" zum niedrigen Kurs...
Aber dafür kommt eben frisches Kapital herein, womit die Cash-Komponente für die Anleihen-Gläubiger bezahlt werden kann. Und, vielleicht noch wichtiger: Der Finanzvorstand erklärte mir, dass die Katarer die Finanzmittel dieses Emirates im Hintergrund hätten, gewissermaßen wie die Chinesen ihre halbstaatlichen Banken. Und Qatar Solar Technologies habe z.B. schon eine Kreditlinie über 50 Millionen Euro zugesagt. So etwas kann nicht schaden, und wenn das Unternehmen Großaktionär bei Solarworld ist, führt das tendenziell zu einem starken "Commitment", wie es auf Neudeutsch heißt. Sollte es zumindest. Insofern halte ich dies für einen guten strategischen Schritt, sowohl von Solarworld als auch von den Katarern (ist das so korrekt geschrieben? Erinnert mich gerade an die mittelalterlichen "Katharer").
Versendetermin naht - bis morgen!
Ihr
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M.A.
Chefredakteur Traders Daily