Seit Wochen wirbt eine dubiose Gruppierung mit abgehalfterten Prominenten bundesweit für eine pseudoreligiöse Broschüre. Der TV-Spot wurde jetzt verboten. Wer steckt hinter dem sündhaft teuren Werbefeldzug?
Die Erleuchtung ist nah. Sie wartet auf den Anrufer der kostenpflichtigen Telefonnummer 01803-33 33 55 (neun Cent pro Minute) oder unter www.kraftzumleben.de. Auch dort können Heilssuchende ein Gratisexemplar der Broschüre bestellen, die ein erfüllteres Leben verspricht. Aktuelle Lieferzeit: vier bis sechs Wochen, Tendenz steigend - die Nachfrage ist groß. Gegenleistungen werden nicht erwartet. Spenden seien weder erwünscht noch werden sie akzeptiert, erfährt der Interessierte online. Die Website der neuen Heilsbringer ist aber nur ein Kanal der bundesweiten PR-Kampagne.
Der Werbefeldzug überzieht gegenwärtig die ganze Republik und soll nach Schätzungen von Branchenkennern einen zweistelligen Millionenbetrag verschlingen. Abgeklärt wirkende Prominente wie der Golfprofi Bernhard Langer oder Cliff Richard grinsen gelbstichig von Plakatwänden und verkünden ihre Botschaft via TV. Auch dabei: Andrea Zangemeister, Chefredakteurin der Illustrierten "Bild der Frau" (Axel Springer Verlag) und Philip Prinz von Preußen, seines Zeichens Ururenkel von Kaiser Wilhelm II.
Für wen geworben wird, bleibt unklar. Der Verfasser des offerierten Gratis-Exemplars bleibt im Verborgenen. Um eine Scientologen-Broschüre handelt es sich nicht, auch wenn die Aufmachung der Kampagne an die international operierende Sekte erinnert.
Philantrophische Gesellschaft?
Für die Unversehrtheit der persönlichen Daten zeichnet auf der Website die Arthur S. DeMoss-Foundation verantwortlich. Die aber ist in Deutschland nicht eingetragen. In Amerika dagegen ist die Stiftung wesentlich bekannter. Die nach eigenen Aussagen "philantrophische Gesellschaft" wirbt in den USA schon seit den 70er Jahren für den christlichen Glauben. Das Ziel sei zu zeigen, wie man Gott auf eine persönliche Art kennen lernen kann, heißt es in einer kurzen Pressenotiz.
Grundsätzlich gibt sich die Stiftung äußerst öffentlichkeitscheu. Laut einem Bericht der "Los Angeles Times" kam der Gründer Arthur S. DeMoss durch sein Versicherungsunternehmen National Liberty Life Insurance zu einem beträchtlichen Vermögen. Seit seinem Tod 1979 leitet seine Frau die Stiftung, die bereits 1955 gegründet wurde.
Verstoß gegen Verbot "ideeller" Werbung
Unterdessen hat die Interessenvertretung der Landesmedienanstalten den Fernsehspot für das 134-seitige Buch verboten. Der Vorsitzende der Gemeinsamen Stelle Werbung, Recht, Europa und Verwaltung, Wolfgang Thaenert, sagte am Dienstag, den zuständigen Medienaufsichtsbehörden sei empfohlen worden, die weitere Ausstrahlung zu unterbinden. Nach Ansicht der Medienwächter handelt es sich bei dem "Kraft zum Leben"-Filmchen um eine Missionierungskampagne. Und dergleichen verstößt hierzulande gegen das gesetzliche Verbot "ideeller" Werbung.
Auch die Kirche macht Front gegen die Kampagne. Der Sektenbeauftragte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, Thomas Gandow, sprach am Dienstag von dem "Versuch, eine Art von amerikanischer Religionskultur hier in Deutschland zu etablieren". Gandow wies darauf hin, dass die DeMoss-Stiftung zu den religiösen Rechten in den USA gehöre und solche Organisationen unterstütze.
Gegen Schwule und Abtreibung
In den USA erregte die religiöse Stiftung des ehemaligen Versicherungsvertreters 1993 mit einer 20 Millionen Dollar teuren TV-Kampagne gegen Abtreibung für Aufsehen. Ihre Ansichten zur Homosexualität und Abtreibung gelten generell als radikal. So zählt zu ihren bevorzugten Nutznießern das "Amerikanische Zentrum für Ordnung und Recht", das unter anderem gegen Schwulen-Ehen kämpft und Schulprediger fördert.
Der Widerstand von Medien und Kirche wird die christlichen Fundamentlisten nicht anfechten. Denn angesichts eines Vermögens von rund 450 Millionen Dollar zahlt die Stiftung die sündhaft teure Werbkampagne in Deutschland sicherlich aus der Portokasse.
