Trader Nick Rousse, einer der fünf von Goldman Sachs abkommandierten PPT-Stützungskäufer, ist eine Spielernatur. Schon als Kind hatte er sein Taschengeld gern in "einarmigen Banditen" versenkt - und oft auch gewonnen.
Beim routinemäßigen Blick auf den Monitor sieht er, wie sich der Dow langsam über die 12.000 schiebt. "Super", sagt Rousse. "Leute, das Ding ist gelaufen!". Die Sekretärinnen bringen Champagner und Sushis, alle stoßen an.
"Was meint ihr", ruft Rousse seinen vier Kollegen zu, "wollen wir in die Euphorie hinein mal eine kleine technische Korrektur zulassen? Wir sind nun schon drei Monate im Stück am Steigen, das sieht langsam ein wenig unglaubwürdig aus."
"Ok", erwidert Kollege Carl Cremer und stellt sein Champagnerglas auf den Schreibtisch. "Lass uns gleich mal damit loslegen."
Die fünf Trader setzen sich an ihre Computer und schalten zunächst vier der fünf Buy-Programme ab. Die Kurse fallen trotzdem nicht. "Ziemlich zähe bullische Stimmung", höhnt Cremer, "da kommen wir überhaupt nicht mehr gegenan!"
Sprach's und schaltete nun auch den fünften Computer ab. Wieder nichts. Erst nach einer Viertelstunde beginnen die Kurse zu sinken. Der DOW fällt auf 11960 - doch dann geht es wie von allein wieder los: Dip-Buyer aus aller Welt nutzen die Kaufgelegenheit, den Dow abermals auf 12.000 hochzutreiben.
"Shit", flucht Rousse, "die Bullen sind übergeschnappt." Nun verkauft er noch einige Tausend der Futures, die er auf dem Weg nach oben aufgelesen hat, "von Hand" in den Markt . Der DOW geht 35 Punkte runter, steigt aber gleich wieder um 7. Also schiebt Rousse noch einmal achttausend hinterher.
Zur gleichen Zeit sitzt Hedgefond-Manager Garry McIntyre in San Francisco vor seiner Trading-Workstation und sieht die 13000 Futures, die Rousse gerade auf den Markt wirft. "Die Indizes sind reichlich überkauft", stöhnt McIntyre. Das wird langsam gefährlich." Auch er hat auf dem Weg nach oben "das Boot mit Futures vollgeladen" - fast bis zum Anschlag, und nun ist sein Boot schon ziemlich voll. "Die letzten beißen die Hunde", grinst er, und schmeißt 18.000 Futures aus dem eigenen Bestand auf den Markt. Der DOW geht auf 11850 Punkte zurück.
Die gleiche Szene wiederholt sich ähnlich bei 150 anderen Hedgefonds in ganz USA - von der Ost- bis zu Westküste. Sie haben alle ziemlich viel SP-500-Futures im Boot, laut COT-Daten ist die Long-Positionierung der Hedgefonds auf einem 10-Jahreshoch. Angesichts der schnellen Indexrückgänge kommt plötzlich kollektive Risiko-Aversion auf. Nun möchte keiner der Letzte sein. Wie aus dem Nichts sackt der DOW weitere 300 Punkte ab und schließt am Tagestief.
Über Nacht legen die Japaner nach und schicken den Nikkei 830 Punkte gen Süden. Der Dax komplettiert am Morgen mit minus 380 Punkten das angeschlagene Bild.
Am nächsten Tag stehen die SP-500-Futures schon vor der Eröffnung 60 Punkte im Minus. Kein Dip-Buyer weit und breit zeigt Kaufinteresse. Das sieht auf GS-Stützungskäufer Rousse. "Verdammt, wir müssen was machen", schreit er. Seine Kollegen stimmen zu. Sie warten noch bis 8:30 h Ostküstenzeit. Da kommen die neuen Inflationszahlen, die Kernrate steigt wie erwartet um 0,2 %. Die Hausverkäufe aber brökeln. "Egal", sagt nun auch Cremer, "machen wir die Kisten wieder an".
Die Maschinen schmeißen ihre Buy-Orders und kaufen in der Stunde bis zur Markteröffnung um 9:30 h fast alle verfügbaren Ask-Positionen auf. Der SP-500 schießt 35 Punkte nach oben. CBS Marketwatch bringt eine Kolumne, dass der Markt wegen der guten Inflationszahlen nun doch wieder Kaufinteressenten findet. Der Uptrend sei intakt, und der Rückschlag ist eine Einstiegsgelegenheit. Kleinanleger aus aller Welt platzieren zur Markteröffnung "Bestens"-Oders. Die Märkte steigen weiter, der DOW geht bis auf 11750 Punkte.
Eine Stunde später blickt Hedgefond-Manager McIntyre in San Franscisco von seinem Schirm auf und sagt seinen Kollegen: "Jungs, irgendwelche Deppen kaufen da wieder wie verrückt. Wir sollten mal ein paar mehr von unseren Futures in die Euphorie hinein abladen." Gesagt, getan.
Die Indizes geben leicht nach, finden aber immer noch Dip-Käufer. Doch nun kommen auch andere Hedgefonds auf die Idee, die momentane Euphorie zum Ausdünnen zu benutzen. Eh sie sich's versehen, ist der DOW weitere 350 Punkte unten. "Mann, das sieht aus wie ein Crash", stöhnt McIntyre. Es ist Freitag, 14:00 h. Die Börse hat noch eineinhalb Stunden geöffnet. "Wollen wir halten oder auch den Rest raushauen?"
"Also wenn Du mich fragst", antwortet sein Kollege, "müssen wir da jetzt raus. Die stochastischen Indikatoren sehen ziemlich mies aus. Wenn das so weiter fällt, gibt es Montag ein böses Erwachen." Ohne groß nachzudenken, werfen die Trader von McIntyre ihre gesamten Future-Longs auf den Markt. Sie machen einen kleinen Verlust, aber sicher ist sicher.
DOW und SP-500 schließen am Freitag auf dem Wochentief bei 11180 Punkten. Um 7 % sind die großen Indizes nun schon seit Anfang der Woche gefallen.
Am Wochenende schreibt der bekannte Permabär Stephen Roach ein Kolumne für das Wall-Street-Journal und äußert sich besorgt über die jüngsten Indexrückgänge. Das können nur wieder aufkeimende Inflationsängste sein. Die Fed hatte ja in letzter Zeit keine Gelegenheit ausgelassen, auf die zu hohe Teuerung von 2,9 % hinzuweisen. Und die Zahlen von Apple waren auch extrem schlecht. Außerdem sind durch den zweiten koreanischen Atom-Tests die Öl-Futures nun schon wieder auf 63 Dollar gestiegen - 5 Dollar höher als Anfang der Woche. In der New York Times schreibt Paul Krugman eine ähnliche Kolumne: "Die Zeiten der Euphorie scheinen erst mal vorbei. Der Markt ist technisch gefährlich angeschlagen."
Am Montag beginnt das Fiasko bereits in Tokio und Shanghai. Der Nikkei verliert 8 %, der Hang Seng 6,5 %. Der Dax gibt ebenfalls 9 % ab. Plötzlich stehen auch die SP-Futures im Minus, erst 50, dann 120 - und kurz vor der Börseneröffnung in NY schon um 300 Punkte.
"Verdammt, das Ding ist zum Selbstgänger geworden", flucht GS-Stützungskäufer Nick Rousse. Er nutzt noch einmal seine ganze Buying-Power, um dagegen zu halten, wird aber im Mahlstrom der großen Fonds platt gemacht. Die hatten am Wochenende 35.000 Faxe von Fondkunden erhalten, die "sofort" und "bestens" ihr Depot auflösen wollen, weil sie die furchterregenden Artikel im WSJ und in der NYT gelesen hatten.
Zur Börseneröffnung in New York machen Dow und SP-500 um 25 % tiefer auf. Der Crash, den niemand wollte, ist gekommen.
Hat sich ganz von allein aufgeschaukelt - und eigentlich nur, weil Nick Rousse eine Spielernatur ist. Das hatte er nun wirklich nicht gewollt...
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