
Dr. Friedhelm Busch
Er ist einer der besten Kenner des Börsengeschehens, spricht täglich mit Händlern, Analysten und Unternehmensvorständen: Dr. Friedhelm Busch, Moderator des Nachrichtensenders n-tv.
Abhaken, so schnell vergessen, wie möglich. Das Börsenjahr 2001 hat den Anlegern weltweit wenig Grund zur Freude gebracht. Nach dem plötzlichen Ende der High-Tech-Euphorie war es der amerikanischen Wirtschaft trotz wiederholter Zinssenkungen der US-Notenbank bis zum Sommer nicht gelungen, wieder Tritt zu fassen. Die Hoffnungen Alan Greenspans auf eine weiche Landung der heimischen Konjunktur schienen vollends gescheitert, als am 11. September der mörderische Terror New York und Washington heimsuchte. Ohne die Zugkraft der amerikanischen Wirtschaft aber driftete auch die Konjunktur in Südamerika, Asien und Europa ins Abseits. Die Angst vor einer allgemeinen Rezession macht seither die Runde.
Konjunkturlokomotive USA
Doch gegen Ende des vergangenen Jahres wehte bereits wieder ein Hauch von Übermut an den internationalen Finanzmärkten, machte sich Zuversicht wieder auf den Weg zu alten Höhen. Weniger im tief verunsicherten Japan oder im politisch instabilen Südamerika, wohl aber an der Wall Street und den europäischen Börsen. Tatsächlich spricht vieles für eine kräftige Erholung der amerikanischen Wirtschaft, die wiederum ihren Kunden in aller Welt zu einem erneuten Aufschwung verhelfen könnte. Die erfahrene "Konjunkturlokomotive USA" scheint wieder Fahrt aufnehmen zu wollen, um sich und die anderen Industrienationen aus der Flaute zu ziehen.
In der Tat, fundamental sieht es zu Beginn dieses Jahres nicht schlecht aus für die Amerikaner. In den nächsten zehn Jahren wird die US-Regierung die amerikanischen Bürger und ihre Wirtschaft im Rahmen einer umfassenden Steuerreform mit finanziellen Zuwendungen beglücken, die das für deutsche Steuerzahler unvorstellbare Ausmaß von 1,35 Billionen Dollar erreichen werden. Doch damit nicht genug: Mehr als 130 Milliarden Dollar will Washington locker machen, um die wirtschaftlichen Folgen der Terroranschläge aufzufangen und abzufedern.
Zusätzlich hat die Notenbank unter Alan Greenspan die Finanzmärkte förmlich geflutet, um Konsumenten und Industrie trotz hoher Verschuldung in eine bessere Stimmung zu bringen. Und um allem die Krone aufzusetzen, dümpeln die Rohölpreise bei 19 bis 20 Dollar pro Barrel und ziehen die Energiekosten nach unten. Alles in allem Manna vom Himmel für die Finanzmärkte, die angesichts überquellender Liquidität offenbar kaum noch zu bremsen sind in ihrem Optimismus. Doch vor einer Kaufpanik möchte ich eindringlich warnen.
Verspätete Ankunft
Richtig, der Boden in den USA ist bereitet für einen Aufschwung, nur wird er später einsetzen als manche Börsianer vorschnell geglaubt haben. Üppige Finanzhilfen des Staates mögen die Saat sein für eine keimende und wachsende Konsumfreude, doch werden die Amerikaner zunächst wohl das Geld nutzen wollen, ihre hohen Schulden abzutragen. Die weiter steigende Arbeitslosigkeit gemahnt zur Vorsicht in Finanzfragen.
Ähnliches ist zu den Zinsen zu sagen. Solange die Lagerbestände noch nicht vollends abgebaut und die Kapazitäten nur zu 74 Prozent ausgelastet sind, wird sich jeder Unternehmer fragen müssen, warum er sich für neue Investitionen zusätzliche Schulden aufladen soll, nur weil die Zinsen gesunken sind. Zunächst müssen die Altlasten der allgemeinen High-Tech-Übertreibungen aus den Jahren 1999 und 2000 abgebaut worden sein, bevor der Motor wieder in Gang gesetzt werden kann.
Die ersten Anzeichen eines kommenden Aufschwungs sind bereits zu sehen, aber es wird wohl noch mehr als ein halbes Jahr dauern, ehe sich die Konjunktur zurück meldet. Die Börse täte also gut daran, mit gebremstem Schaum in das Jahr 2002 zu gehen.
Eine neue Bescheidenheit ist angesagt
Sicher, der Aufschwung wird kommen, aber er wird nach Meinung vieler Volkswirte längst nicht mehr die ungestüme Kraft des letzten Konjunkturbooms besitzen. Daraus folgt aber ein nur geringer Anstieg der künftigen Gewinne. Vorbei sind die Gewinnexplosionen um 50 oder 60 Prozent. Sollten es in diesem Jahr 15 oder gar 20 Prozent werden, könnte man schon zufrieden sein.
Angesichts dieser neuen Bescheidenheit aber sind die Aktienkurse in den USA zur Zeit nicht gerade niedrig, selbst wenn man die äußerst niedrigen Zinsen berücksichtigt. Die Dynamik der Wall Street wird mithin selbst im kommenden Aufschwung den alten Schwung vermissen lassen.
Daraus folgt aber auch, dass die von Pessimisten vorhergesagte Rückkehr der Inflation mit steigenden Zinsen zum Jahresende eher unwahrscheinlich ist, selbst wenn Alan Greenspan mit seinen übertriebenen Zinssenkungen vielleicht schon jetzt den Boden bereitet hat für künftige Übertreibungen an den Finanzmärkten.
Schöne Zukunftsmusik für Europas Börsen
Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Die Konjunkturerholung der Weltwirtschaft wird eindeutig von Amerika ausgehen und mit zeitlicher Verzögerung auf Asien und Europa übergreifen, daran kann es keinen Zweifel geben. Aber die Musik wird meines Erachtens an den europäischen Börsen spielen. Nicht weil Europa die bessere Politik macht - davon kann überhaupt nicht die Rede sein, sondern weil die Kurse an den europäischen Börsen über das größere Kurspotenzial verfügen.
Den übertriebenen Kursgewinnen bis zum Frühjahr 2000 folgten beispielsweise bei den deutschen High-Tech-Werten prompt die Übertreibungen nach unten. Mit dem Platzen der Spekulationsblase am Neuen Markt ist zwar die ungesunde Euphorie geschwunden, das bedeutet aber keineswegs das grundsätzliche Ende der Informations- und Biotechnologie. Daher halte ich die Standardwerte aus diesen Bereichen auf lange Sicht für kaufenswert.
Das gleiche gilt meines Erachtens für den Finanzsektor, also für Versicherungen, Banken oder andere Finanzdienstleister. Nach Abschluss der gegenwärtigen Umstrukturierungen werden diese Unternehmen in den nächsten Jahren erheblich von dem Aufbau einer betrieblichen und privaten Altersvorsorge profitieren.
Aber auch in Europa werden die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Dafür werden schon die Politiker und die Gewerkschaften sorgen, die mit ihrem mangelnden Reformwillen immer wieder das Interesse der internationalen Investoren für den europäischen Wirtschaftsraum ausbremsen. Dem Euro wird diese Kurzsichtigkeit eher schaden. Zumindest auf kurze Sicht ist das aber nicht gerade ein Nachteil für die deutsche Exportwirtschaft.