Sonntag 3. Dezember 2000, 20:51 Uhr
Kirch übernimmt "lediglich" Sperrminorität bei EM.TV
Die Kirch-Gruppe wird EM.TV offenbar nicht mehrheitlich, sondern nur eine Sperrminoriotät übernehmen. Wie die Nachrichtenagentur Reuters aus Branchenkreisen erfahren haben will, wird der Konzern des Medienmoguls Leo Kirch zugleich immerhin für EM.TV-Schulden von "mehreren hundert Mio. Dollar geradestehen. Eine Überkreuzbeteiligung, in deren Rahmen ein Kirch-Aktienpaket an den Chef der am Neuen Markt notierten EM.TV, Thomas Haffa, gehen würde, ist demnach nicht geplant.
Was die Beteiligung Kirchs an den Formel-Eins-Aktivitäten der EM.TV betrifft, so scheinen die Spekulationen der vergangenen Woche zuzutreffen. Wie es hieß, werde Kirch einen "wesentlichen Anteil" an der SLEC des Rennzirkus-Veranstalters Bernie Ecclestone übernehmen. Zudem seien personelle Veränderungen im Vorstand von EM.TV vorgesehen, von denen Thomas Haffa aber voraussichtlich nicht betroffen sei.
Gang nach Canossa
Bevor Thomas Haffa (er und sein Bruder Florian halten 50 Prozent des Kapitals an EM.TV, der Rest befindet sich in Streubesitz) in den sicheren Hafen der Kirch-Gruppe einfahren kann, steht im noch ein schwieriger Termin bevor. Gemeinsam mit seinem Bruder Florian und dem neuen Finanzvorstand Rolf Rickmeyer wird Haffa, der einst bei Kirch angestellt war, am Montag zu der drastischen Korrektur der Ertragsprognosen Stellung beziehen müssen.
Am Freitag hatte dasUnternehmen Gerüchte bestätigt, wonach die angestrebten Ergebnisziele im laufenden Jahr bei weitem nicht erreicht würden. Der Gweinn vor Zinsen und Steuern werde voraussichtlich rund 50 Mio. DM betragen, hieß es nach Börsenschluss in einer Pflichtmitteilung. Dies sind rund 475 Mio. DM weniger als geplant - ursprünglich hatte der Filmrechtehändler mit einem Ergebnis von 525 Mio. DM gerechnet. Mit 1,38 Mrd. DM werde auch der Umsatz um rund 2,7 Prozent unter den Prognosen liegen.
Haffa bleibt in der Pflicht
Aus der unternehmerischen Verantwortung entlassen wäre Haffa nach einem solchen Schritt dennoch weniger denn je. Ein Einstieg Kirchs bewahrt Haffa zunächst einmal nur vor der Zahlungsunfähigkeit seines Unternehmens. Die hatte EM.TV zwar wiederholt abgestritten, aber bei einer Fehlkalkulation um eine halbe Mrd. DM kann die Luft schon dünner werden. Hinzu gekommen wäre möglicherweise die Ausübung einer Verkaufsoption durch Bernie Ecclestone. Hätte dieser die Ablösung weiterer Anteile seiner Holding (SLEC) durch EM.TV geltend gemacht, wären auf einen Schlag weitere 2,3 Mrd. DM fällig gewesen.
Vor weiteren Großakquisitionen seitens EM.TV stünde nun die Abstimmung mit dem neuen Anteilseigner, der zwar über ausgezeichnete Bankenkontakte verfügt, aber nicht dafür bekannt ist, das Geld zum Fenster hinauszuwerfen.