Hans Bernecker: An der Grenze des erträglichen
Mails/Nachrichten vom 02.05.2002, Bernecker & Cie.
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Guten Morgen, meine Damen und Herren,
gestern ging New York an die Grenze des gerade noch erträglichen. Das ist sehr knapp, aber noch nicht verändert. Die markante Schwäche der wichtigsten Nasdaq-Titel ist nicht zu verwechseln mit der relativen Stärke der großen Qualitätsadressen. Neue Tiefstkurse für die Technologie-Titel wie Sun, Oracle, Siebel etc. und neue Höchstkurse für Coca Cola, Philip Morris, Procter & Gamble etc. Dabei wird es noch einige Zeit bleiben, aber es ist die Konsequenz, wenn man die Quartalszahlen überdenkt. Die Schwäche der Technik-Aktien hatte gestern eine ihrer Ursachen in mehreren Rücktritten führender Manager. Ich bin gerade anderer Ansicht: Diese Manager haben das zu vertreten, was inzwischen eingetreten ist. Das diese endlich die Bühne räumen, war überfällig. Wahrscheinlich haben sie vorher (wie üblich) via Optionen kräftig Kasse gemacht. Auch das ist eine Art Marktbereinigung, wenn auch in etwas unüblicher Form.
Die Kommentierung in den heutigen Medien-Berichten wie Bloomberg, Reuters und anderen ist ebenfalls typisch: Die Frustration hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Schließlich aber, und wohl am wichtigsten:
Man mag über die Hedge Funds denken, wie man will. Ich halte sie für einen strukturellen Schwachpunkt. Warum? In der jüngsten Schwäche der vergangenen 2 Wochen waren sie die entscheidenden Marktmacher. Nach meinen Informationen (statistisch nicht bewiesen) gingen rd. 80 % aller Verkäufe auf Leerverkäufe zurück. In Frankfurt schätzt man 60 - 70 %. Das läßt sich ableiten aus den Umsätzen, in Frankfurt speziell am letzten Donnerstag und Freitag. Diese Leerverkäufe sind eine Spekulation, aber haben mit Investments nichts zu tun.
Das Verhalten der Hedge Funds ist legitim. Sie werden von den Banken auch sehr gerne gesehen und natürlich öffentlich verteidigt. Die einzigen, die daran auch verdienen, sind die Banken selbst, und zwar doppelt: Als Verleiher der Stücke und in der Durchführung der Geschäfte. Das mag angehen, aber: Es muß eine tägliche Statistik der Leerverkäufe her. Wenn nicht, baut sich hier eine Marktmacht auf, die im umgekehrten Sinne letztlich das vollbringt, was die frühere Bewertungsblase nach oben produziert hat. Machen Sie sich darüber bitte ihre eigenen Gedanken.
Wall Street konkret: Die Markttechnik ist immer noch in Ordnung, divergiert aber zwischen NYSE und Nasdaq stärker als in den Vorwochen. Werden neue Tiefstkurse für die Technologie-Aktien erreicht, muß ich die Reißleine ziehen. Ich hatte bis vorige Woche geschrieben: Die Tiefstkurse vom September dürfen nicht unterschritten werden. Andernfalls hängt die Markttechnik jedes einzelnen Papieres in der Luft. Beispiel Sun Microsystems: Gestern 6,97 $. Das entspricht dem September-Tief bis auf 5 Cents. Hält diese Basis nicht, geht die Gefahr bis 5 $ und darunter. Bei Oracle sind 9 $ die Grenze. Schwankungsbreite dafür 50 Cents. Hält dieser Kurs nicht, lautet das Ziel 6 - 7 $. Gleiches gilt für Siebel und die anderen. Ich sehe noch keinen Grund, in diesen Titeln auf die Käuferseite zu treten.
Wichtiger sind indes die großen Technologie-Titel der Qualitätsklasse. IBM erreichte im Tief 81,20 $. Die Spanne liegt zwischen 78 und 81 $, wie berichtet. General Electric war im Tief 30,75 $ und hier liegt das September-Tief bei 28,65 $. Microsoft hat noch ein Risiko von 2 ½ $ gegenüber dem Tief von 50,50 $. Meine Ansicht ist: Erst wenn diese drei Titel die genannten Tiefstkurse erfolgreich getestet haben, ist ein Indiz für eine Wende gegeben. Möglich ist, daß dies auch dann der Fall ist, wenn der Dow Jones oder der S&P 500 vorher nach oben abdreht, und diese Kurse mit dem Index mitgehen. Jedenfalls:
Die extrem überverkaufte Marktlage in allen 3 Indizes läßt die Aussage unverändert zu, daß in der zweiten Mai-Woche ab Montag eine sehr große Chance für eine gute Rally besteht. Daran ändert sich nichts. Ich bleibe daher auf der Linie, die ich schon erläutert habe: Der Gesamtmarkt entwickelt sich gut, aber die Technologie-Seite bleibt ein Problem.
Übrigens: Der Rückgang des ISM Einkäufer-Manager-Index war für Sie sicher keine Überraschung. Alles dazu ist bereits gesagt worden.
Frankfurt kann der New Yorker Tendenz nur mit einiger Mühe folgen. Es fehlt vorerst am Nachrichtenhintergrund. Stören Sie sich daran nicht. Der DAX folgt dem Dow Jones fast auf dem Fuß. Gleiche Markttechnik für beide Indizes lassen den gleichen Schluß zu. Auch hier gilt: Die deutsche Technologie macht es der amerikanischen nach, wie Sie den Epcos-Zahlen von heute morgen entnehmen können. Ein sehr schwaches erstes Quartal, aber Ansatz für eine deutliche Erholung im Jahresverlauf, wie der Auftragseingang zeigt. Das ändert nichts daran, daß die hohe Bewertung der Technologie-Aktien ein bleibendes Thema ist. Wenn Infineon den Marktanteil von 19 auf 20 $ ausweiten möchte, wie heute „verkündet“, so ist das einer der typischen Schumacher-Sprüche, die zwar von exzellentem Umgang mit der Öffentlichkeit zeugen, aber von fragwürdiger Seriösität.
Überzeugend sind die Erfolge der Autobauer im amerikanischen Geschäft, wie Sie den gestrigen und heutigen Zahlen entnehmen können. Chrysler beweist es mit der Besonderheit: Leichte Zunahme der Stückzahlen, aber deutlich verbesserter Gewinn je PKW. Das ist die entscheidende Größe für die Einschätzung der Chrysler-Seite im Daimler-Konzern.
Zum Dollar: Ich schließe nicht aus, daß er schon 91 Cents zum Wochenende erreicht. Potential reicht dann in mehreren Schritten bis 94/95 Cents. Rechnen Sie aber zwischenzeitlich mit größerer Volatilität im Umfang von 1 - 2 Cents.
Nicht vergessen: Das Sommerziel für den Goldpreis reicht nun bis 325/335 $ die Unze, und ich verweise auf die letzte AB, Seite 8.
Das wär’s für heute, bis morgen.
Herzlichst Ihr
Hans A. Bernecker
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Mails/Nachrichten vom 02.05.2002, Bernecker & Cie.
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Guten Morgen, meine Damen und Herren,
gestern ging New York an die Grenze des gerade noch erträglichen. Das ist sehr knapp, aber noch nicht verändert. Die markante Schwäche der wichtigsten Nasdaq-Titel ist nicht zu verwechseln mit der relativen Stärke der großen Qualitätsadressen. Neue Tiefstkurse für die Technologie-Titel wie Sun, Oracle, Siebel etc. und neue Höchstkurse für Coca Cola, Philip Morris, Procter & Gamble etc. Dabei wird es noch einige Zeit bleiben, aber es ist die Konsequenz, wenn man die Quartalszahlen überdenkt. Die Schwäche der Technik-Aktien hatte gestern eine ihrer Ursachen in mehreren Rücktritten führender Manager. Ich bin gerade anderer Ansicht: Diese Manager haben das zu vertreten, was inzwischen eingetreten ist. Das diese endlich die Bühne räumen, war überfällig. Wahrscheinlich haben sie vorher (wie üblich) via Optionen kräftig Kasse gemacht. Auch das ist eine Art Marktbereinigung, wenn auch in etwas unüblicher Form.
Die Kommentierung in den heutigen Medien-Berichten wie Bloomberg, Reuters und anderen ist ebenfalls typisch: Die Frustration hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Schließlich aber, und wohl am wichtigsten:
Man mag über die Hedge Funds denken, wie man will. Ich halte sie für einen strukturellen Schwachpunkt. Warum? In der jüngsten Schwäche der vergangenen 2 Wochen waren sie die entscheidenden Marktmacher. Nach meinen Informationen (statistisch nicht bewiesen) gingen rd. 80 % aller Verkäufe auf Leerverkäufe zurück. In Frankfurt schätzt man 60 - 70 %. Das läßt sich ableiten aus den Umsätzen, in Frankfurt speziell am letzten Donnerstag und Freitag. Diese Leerverkäufe sind eine Spekulation, aber haben mit Investments nichts zu tun.
Das Verhalten der Hedge Funds ist legitim. Sie werden von den Banken auch sehr gerne gesehen und natürlich öffentlich verteidigt. Die einzigen, die daran auch verdienen, sind die Banken selbst, und zwar doppelt: Als Verleiher der Stücke und in der Durchführung der Geschäfte. Das mag angehen, aber: Es muß eine tägliche Statistik der Leerverkäufe her. Wenn nicht, baut sich hier eine Marktmacht auf, die im umgekehrten Sinne letztlich das vollbringt, was die frühere Bewertungsblase nach oben produziert hat. Machen Sie sich darüber bitte ihre eigenen Gedanken.
Wall Street konkret: Die Markttechnik ist immer noch in Ordnung, divergiert aber zwischen NYSE und Nasdaq stärker als in den Vorwochen. Werden neue Tiefstkurse für die Technologie-Aktien erreicht, muß ich die Reißleine ziehen. Ich hatte bis vorige Woche geschrieben: Die Tiefstkurse vom September dürfen nicht unterschritten werden. Andernfalls hängt die Markttechnik jedes einzelnen Papieres in der Luft. Beispiel Sun Microsystems: Gestern 6,97 $. Das entspricht dem September-Tief bis auf 5 Cents. Hält diese Basis nicht, geht die Gefahr bis 5 $ und darunter. Bei Oracle sind 9 $ die Grenze. Schwankungsbreite dafür 50 Cents. Hält dieser Kurs nicht, lautet das Ziel 6 - 7 $. Gleiches gilt für Siebel und die anderen. Ich sehe noch keinen Grund, in diesen Titeln auf die Käuferseite zu treten.
Wichtiger sind indes die großen Technologie-Titel der Qualitätsklasse. IBM erreichte im Tief 81,20 $. Die Spanne liegt zwischen 78 und 81 $, wie berichtet. General Electric war im Tief 30,75 $ und hier liegt das September-Tief bei 28,65 $. Microsoft hat noch ein Risiko von 2 ½ $ gegenüber dem Tief von 50,50 $. Meine Ansicht ist: Erst wenn diese drei Titel die genannten Tiefstkurse erfolgreich getestet haben, ist ein Indiz für eine Wende gegeben. Möglich ist, daß dies auch dann der Fall ist, wenn der Dow Jones oder der S&P 500 vorher nach oben abdreht, und diese Kurse mit dem Index mitgehen. Jedenfalls:
Die extrem überverkaufte Marktlage in allen 3 Indizes läßt die Aussage unverändert zu, daß in der zweiten Mai-Woche ab Montag eine sehr große Chance für eine gute Rally besteht. Daran ändert sich nichts. Ich bleibe daher auf der Linie, die ich schon erläutert habe: Der Gesamtmarkt entwickelt sich gut, aber die Technologie-Seite bleibt ein Problem.
Übrigens: Der Rückgang des ISM Einkäufer-Manager-Index war für Sie sicher keine Überraschung. Alles dazu ist bereits gesagt worden.
Frankfurt kann der New Yorker Tendenz nur mit einiger Mühe folgen. Es fehlt vorerst am Nachrichtenhintergrund. Stören Sie sich daran nicht. Der DAX folgt dem Dow Jones fast auf dem Fuß. Gleiche Markttechnik für beide Indizes lassen den gleichen Schluß zu. Auch hier gilt: Die deutsche Technologie macht es der amerikanischen nach, wie Sie den Epcos-Zahlen von heute morgen entnehmen können. Ein sehr schwaches erstes Quartal, aber Ansatz für eine deutliche Erholung im Jahresverlauf, wie der Auftragseingang zeigt. Das ändert nichts daran, daß die hohe Bewertung der Technologie-Aktien ein bleibendes Thema ist. Wenn Infineon den Marktanteil von 19 auf 20 $ ausweiten möchte, wie heute „verkündet“, so ist das einer der typischen Schumacher-Sprüche, die zwar von exzellentem Umgang mit der Öffentlichkeit zeugen, aber von fragwürdiger Seriösität.
Überzeugend sind die Erfolge der Autobauer im amerikanischen Geschäft, wie Sie den gestrigen und heutigen Zahlen entnehmen können. Chrysler beweist es mit der Besonderheit: Leichte Zunahme der Stückzahlen, aber deutlich verbesserter Gewinn je PKW. Das ist die entscheidende Größe für die Einschätzung der Chrysler-Seite im Daimler-Konzern.
Zum Dollar: Ich schließe nicht aus, daß er schon 91 Cents zum Wochenende erreicht. Potential reicht dann in mehreren Schritten bis 94/95 Cents. Rechnen Sie aber zwischenzeitlich mit größerer Volatilität im Umfang von 1 - 2 Cents.
Nicht vergessen: Das Sommerziel für den Goldpreis reicht nun bis 325/335 $ die Unze, und ich verweise auf die letzte AB, Seite 8.
Das wär’s für heute, bis morgen.
Herzlichst Ihr
Hans A. Bernecker
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