Der tiefe Fall des Schuldenkönigs
Sie nannten ihn den Gott der Wall Street, seine Ranch und seine Yachten kosteten Millionen. WorldCom-Chef Bernie Ebbers hatte sich auf beispiellose Art aus der eigenen Unternehmenskasse bedient. Nun haben ihn die anderen Anteilseigner offenbar aus dem Amt gedrängt.
New York - WorldCom war einst eine der heißesten Aktien der Nasdaq. Im Juni 1999 erreichte der Kurs sein Allzeithoch von 64,50 Dollar. Davon ist nur noch wenig übrig: Am Montag brach die Aktie nochmals um knapp 30 Prozent ein und notierte zum Börsenschluss bei ganzen 2,35 Dollar.
Auch sonst ist die Welt bei dem Telekommunikationsriesen WorldCom überhaupt nicht mehr in Ordnung. Seit Wochen muss sich der Vorstand gegen Gerüchte wehren, dass ihnen in naher Zukunft die Insolvenz droht. Das Unternehmen beschäftigt weltweit rund 80.000 Mitarbeiter und schiebt einen Schuldenberg von 28 Milliarden Dollar vor sich her.
Damit nicht genug. Die amerikanische Börsenaufsicht SEC ermittelt mittlerweile gegen das Unternehmen. Die WorldCom-Chefs sollen den Umsatz des Unternehmens mit Bilanztricks künstlich erhöht haben. Angesichts der spektakulären Milliardenpleite von Enron reagieren Anleger und Analysten auf solche Meldungen mit Fluchtreflexen. Überdies musste WorldCom für 2001 einen Umsatzrückgang um zehn Prozent auf 35,2 Milliarden Dollar melden.
Bernie Ebbers, der WorldCom vom kleinen Telefon-Discounter zu einem der größten Telekommunikationsunternehmen der USA machte, trug auch entscheidend zum Gesichtsverlust des einstigen Börsenstars bei. Um sich die "Douglas Lake Ranch", die größte kanadische Privatranch, zu kaufen, genehmigte er sich einen ordentlichen Kredit bei der eigenen Firma. Mittlerweile steht Ebbers bei WorldCom mit 366 Millionen Dollar in der Kreide. Ob er diese gewaltige Summe je zurückzahlen kann, ist ungewiss, denn er bekommt "nur" ein Jahresgehalt von rund 11 Millionen Dollar. Nach dem aktuellen Kurs sind auch seine 28 Millionen WorldCom-Aktien nur noch knapp 66 Millionen Dollar wert.
AP
Lieblings-Accessoire: Ebbers mit Zigarre
Damit ist wieder ein amerikanischer Traum spektakulär geplatzt. Ebbers, der "Gott der Wall Street" ("Stern"), liebte große Töne. Seine millionenteure Yacht nannte er "Aquasition", um aller Welt zu zeigen, dass er rasend schnell neue Firmen kauft. Der heute 60-Jährige war die Inkarnation des amerikanischen Selfmade-Milliardärs. Zigarre rauchend und in Cowboy-Stiefeln gab er Kommentare ab wie: "Was mir persönlich geholfen hat, ist, dass ich nicht allzuviel davon verstehe, was in der Industrie vor sich geht" ("Süddeutsche Zeitung" vom 5. Oktober 1997). Als Mitte 2000 jedoch die Übernahme von Sprint scheiterte, fiel der Aktienkurs in sich zusammen, rund 10.000 Mitarbeiter mussten gehen.
In Zukunft könnte Ebbers in noch größere Finanznot geraten. Seinen Chefposten bei WorldCom soll er laut "Wall Street Journal" nämlich los sein. Bedrängt von anderen Anteilseignern soll er schon am Freitag seinen Rücktritt angeboten und diesen am Montag offiziell eingereicht haben. Seine Nachfolge soll der bisherige John Sidgmore antreten, der den Stabwechsel bereits kommentierte: "Ich denke, wir sehen das als Chance für einen Neubeginn", sagte er dem "WSJ" und beeilte sich, nochmals Gerüchte über einen möglichen Bankrott zu zerstreuen. "Wir sind eine echte Firma, die echtes Geld verdient". Außerdem versicherte Sidgmore, dass Ebbers die geliehenen Millionen an WorldCom zurückzahlen werde.
Carsten Matthäus