"Wenn ich meine Stämme verkaufe, sind sie ja nicht weg..., es hat einfach (nur) ein anderer zugegriffen."Die Frage ist, ob sich dieses "Zugreifen" im Nachhinein als klug herausstellt oder nicht. Bei Fannie- und Freddie- Stammaktien ist das Zugreifen bei Kursen unter 1 $ zwar gewagt, aber tendenziell wohl immer noch eher klug, wenn man die Sondersituation der GSE betrachtet.
Hingegen wäre es z. B. bei AIG (echter Chapter-11-Fall) und bei GM (ebenfalls echte Ch.11-Pleite) ein Fehler gewesen, die vermeintlichen Schnäppchen aufzulesen, weil die Altaktien im Zuge der Restrukturierung (neuer Börsengang) auf Null fielen.
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Wie also sieht das Chancen/Risiko-Verhältnis bei den FnF-Stämmen und bei den JPS aus?1) Dass die Stämme auf Null fallen, ist sehr unwahrscheinlich. Im Zuge der anstehenden Restruktuierung dürfte das kaum passieren. Es würde allerdings dann drohen, wenn die US-Hauspreise erneut stark ins Trudeln geraten (ähnlich 2007 ff.), viele Kredite in den MBS faul würden und das Kapital der (Alt-)Aktionäre aufgebraucht würde, um die Kursverluste der MBS aufzufangen. Erst wenn der "Schutzpuffer aus Privatkapital" weg ist, greift die implizite Garantie der Regierung für die MBS. Die Stammaktien und auch die JPS würden in diesem Szenario wertlos. Der übervorsichtige FHFA-Ex-Direktor Mark Calabria hat das MBS-Portfolio allerdings extrem wetterfest gemacht (22 Mal wurden notleidende Kredite in den MBS verkauft). Deshalb ist auch der Banken-Stresstest bei FnF in 2020 und in 2021 positiv ausgefallen. Dieser Stresstest sieht allerdings keine extreme Housing-Krise vor wie in 2007.
2) Dass die Stämme nach der KE bei (äquivalenten) Kursen zwischen 10 und 50 Cents stehen werden, ist hingegen nicht ausgeschlossen und auch nicht sehr unwahrscheinlich. Auf 50 Cents würden die Stämme nach meiner Überschlagsrechnung fallen, wenn die Regierung ihre SPS-Aktien in Stammaktien umwandelt bzw. "swappt". Das ergibt eine Kursverwässerung um den Faktor 100. Würden zusätzlich die Warrants der Regierung ausgeübt (weitere Verwässerung um Faktor 5), läge für die Stämme das Kursziel nach KE bei lediglich 10 Cents. Das wäre dann von der finalen Wertlosigkeit der Altaktien - wie bei AIG und GM - nicht mehr weit entfernt. Ein möglicher SPS-Swap bleibt für die Stämme daher eine konkrete Bedrohung.
3) Sollte jetzt Michael Calhoun oder Susan Wachter FHFA-Direktor(in) werden - die offizielle Bestätigung für Calhoun steht noch aus -, wäre dies für die Stämme eine tendenziell positive Entwicklung. Beide Kandidaten sind Demokraten, die für finanzstarke GSE eintreten und auf Freilassung/KE noch unter Biden hinarbeiten dürften. Unter ihnen würden höchstwahrscheinlich per consent decree (= Einigung zwischen FHFA und Schatzamt gemäß HERA) die SPS-Aktien und die Liquidation Preference der Regierung gelöscht. Allerdings würden, wie Calhoun im Paper der Brookings Institution von Feb. 2021 bereits angedeutet hat, höchstwahrscheinlich die Warrants der Regierung ausgeübt. Die Zahl der FnF-Aktien stiege damit von jetzt 1,8 Mrd Stücken auf dann 9 Mrd. Stücke, wobei 7,2 Mrd. Stücke (via Ausübung) an die Regierung gehen. Das äquivalente Kursziel der alten Stammaktien liegt in diesem Szenario nach meiner Rechnung bei etwa 7 $ . Die Regierung würde über die Warrantsausübung ca. 50 Mrd. einnehmen. Sie will dieses Geld allerdings nicht in die eigene Tasche stecken, sondern damit "affordable housing" und finanzielle Unterstützung ethnisch benachteiligter Gruppen finanzieren, also für die Demokraten eher "ehrbare" Unterfangen. Die JPS würden in diesem Szenario vermutlich 1 zu 4 in Stammaktien umgewandelt, was ein Kursziel für die JPS von 28 Dollar ergibt (bei 1 zu 3,5 würden es 24,50 Dollar).
4) Dass die Regierung auf administrativem Wege die SPS löscht UND auf die Warrantsausübung verzichtet - das wäre für die alten Stammaktionäre sicherlich die fairste und gerechteste Lösung , mit (äquivalentem) Kursziel für die alten Stammaktien von ca. 35 $ -, ist leider so unwahrscheinlich, dass man diese Szenario nicht ernsthaft ins Kalkül ziehen kann. Gleichwohl sind diese 35 $ mMn das maximale Kursziel, das für die Stammaktien in diesem rosaroten Szenario druin wäre. Die JPS würden dann ebenfalls auf Nennwert (25 $) steigen; womöglich bekämen sie für das letzte Jahr auch noch nachträglich Zinsen (noch mal 2 $ extra).
5) Gerichtliche Entscheidungen lasse ich mal ganz außer acht, weil nach Scotus die Chance, dass sich die Regierung auf gerichtlichem Wege zu irgendetwas zwingen lässt, recht klein geworden ist (Eine Regierungskrähe hackt der anderen kein Auge raus...).
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FAZIT:
- Nur in dem sehr unwahrscheinlichen Szenario 4) schneiden die Stammaktien besser ab als die JPS.
- Das Risiko - siehe 2) - ist bei den Stämmen jedoch konkret vorhanden und nicht wegdiskutierbar. Selbst ab den jetzigen "Ausverkaufskursen" von 1 $ drohen noch deutliche Verluste von 50 bis 90 %.
- Im wahrscheinlichsten Szenario 3) gibt es für die Stämme ab jetzigen Kursen eine ansehnliche Ver-7-fachung, während die JPS im gleichen Szenario ab jetzigen Kursen etwa um das 11-fache steigen dürften. Wer letzte Woche beim Kursverhältnis von 1 (Stamme) zu 1,5 (JPS) von den Stämmen in die JPS umgeschichtet hat, dürfte sogar eine Ver-15-fachung erzielen.
Insgesamt gibt es für mich unter Chance/Risiko-Aspekten somit keine überzeugenden Gründe, die Stammaktien den JPS vorzuziehen. Da die Stammaktien allerdings kaum gestiegen sind seit letzter Woche, sind sie seitdem - relativ betrachtet - interessanter geworden (sofern man antizyklischer Fundie ist und kein Chartie).