Du hast mit vielem Recht, bewertungstechnisch überzeugt mich Deine Argumentation indes überhaupt nicht.
Warum?
Erstens ist Evotec genau wegen der notorischen Ertragsschwäche von 40 EUR auf 4 EUR abgeschmiert.
Die letzten zwei Jahre markierten den Beweis für das Scheitern eines auf unprofitablem Turbo-Umsatzwachstum aufgebauten Geschäftsmodells. Zweifellos getriggert durch Analysten, die bei 30% Umsatzwachstum feuchte Augen bekamen und die Kursziele trotz fehlender Profitabilität immer weiter nach oben schoben.
Dabei wurde vollends übersehen, dass Evotec als Auftragsfertiger für Big Pharma agiert und riesiges Umsatzwachstum nicht zwangsläufig irgendwann in riesigen Gewinnmargen endet, wie dies bei "normalen" Biotechs mit Eigenforschung wäre, wenn ein Forschungsprojekt den ultimativen Durchbruch erlebt und am Ende ein hochprofitables patentgeschütztes Medikament mit Milliardenumsatz wie Aspirin oder Eylea steht...
Auftragsforscher sind Routineunternehmen, die im Konzernverbund üblicherweise Verrechnungspreise in der Größenordnung von cost plus 5% erhalten...
Dementsprechend dürften bei Evotec für Projekte ohne Eigenforschungsanteil niemals laufende Verluste entstehen, da im Erfolgsfall keine die Verluste meilenweit überkompensierenden Gewinnanteile zu erwarten sind.
Bei Eigenforschung oder Erfolgsbeteiligungen über Umsatzprovisionen, Lizenzen o.ä. sieht die Kalkulation freilich anders aus. Hier erwirtschaftet Evotec wie jedes andere Biotech Unternehmen während der teilweise 10 oder 20-jährigen Entwicklungsphase stetig Verluste, in der Hoffnung, sich im Erfolgsfall mit Milliardengewinnen gesund zu stoßen.
Verluste der Vergangenheit können insoweit Indiz für die Größenordnung potenzieller Zukunftsgewinne sein... aus diesem Grund werden Biotechunternehmen an der Börse häufig umso höher bewertet, je krasser die Verluste während der Entwicklungsphase ausfallen...
Man blicke auf die GuV von Biontech, Moderna etc., wenn plötzlich keine Impfstoffmilliarden mehr fließen... aberwitzige Milliardenverluste bei völlig ungewissen Erfolgsaussichten... aber gigantischen Marktchancen, falls eines der Krebsforschungsprojekte tatsächlich durchkommt... wenn nicht, sind die Corona-Milliarden irgendwann aufgebraucht und es folgen Kapitalerhöhungen oder Insolvenz...
Evotec hat mit der Auftragsforschung ein deutlich risikoärmeres Geschäftsmodell gewählt, welches deutlich stetigere Zahlungsströme aufweist, allerdings auch weitaus niedrigere Gewinnchancen im Erfolgsfall... dennoch sind und bleiben es Zahlungsströme eines Biotechunternehmens, die eben erst bei Fertigstellung eines marktreifen Medikaments den großen Durchbruch erleben... wie aus Evotecs Präsentationen ersichtlich, gelangt der Großteil der aktuellen Entwicklungsprojekte frühestens Anfang der 30er Jahre zur Marktreife mit entsprechender Gewinnexplosion... der Kurs heute ist also kein Abbild der stetigen Fortschreibung der Cashflowentwicklung aus der Vergangenheit sondern eine Wette auf den Erfolg der überaus ansehnlichen Projektpipeline und des Beteiligungsportfolios, welches mit dem Exit von Blue Therapeutics Anfang 2026 - offensichtlich zur Überraschung aller Analysten - den proof of concept gerade erst erbracht hat, was in einem mitunter schwer dement erscheinenden Kapitalmarkt nach den Q4-Zahlen schon wieder gänzlich vergessen scheint...
Das zweite Argument für ein signifikantes Bewertungspotenzial sehe ich ausgerechnet in dem "mehrere 100 Mio schweren Covid-Sonderertrag", den du so leichtfertig vom Tisch wischen willst.
Was war geschehen: Im Gegensatz zum deutschen Marktführer Bayer, der mit der Entwicklung und Fertigung eines Covid-Impfstoffs offenbar vollkommen überfordert war, waren Evotec und Dermapharm in der Lage, Biontech bei der Impfstoffentwicklung (-> Evos patentierte Entwicklungsplattform!) zu unterstützen und haben anschließend einen wesentlichen Teil der Impfstoffproduktion hierzulande übernommen, was in den auf Pfizer fokussierten Medien weitgehend unterbelichtet blieb. Evos Beitrag zum Covid-Impfstoffentwicklung war der Beweis für die herausragende Expertise und Skalierbarkeit der Evo-Plattform.
Aus Bewertersicht ist besagter Sonderertrag der unumstößliche Beweis für einen Milliardenwert der Technologieplattform, die im bilanzierten EK allenfalls teilweise (aktivierte Entwicklungskosten) sichtbar ist (-> stille Reserven!).
Drittes Argument: Just-Evo
Evo hat Just Bio für einen Milliardenwert GEKAUFT und den Umsatz des Geschäftsbereichs JUST seither vervielfacht, während die Gewinnmarge bislang noch sehr überschaubar war.
Mit der Umstellung des Europa-Geschäfts auf ein Lizenzmodell wird JUST ab 2026 deutlich profitabler und weitaus besser als zuvor monetarisiert. Gegenüber dem Zeitpunkt der JUST-Übernahme ist der JUST-Umsatz zuletzt förmlich explodiert. Zugleich zeigen eine Vielzahl an US-Staatsaufträgen die unbestreitbaren Produktionsvorteile der von JUST entwickelten JPOD-Technologie.
Ich gehe davon aus, dass der Wert der JUST-Beteiligung sich seit der Übernahme mindestens VERDOPPELT hat. Würde Evo die 100% JUST-US-Beteiligung verkaufen, entstünde mutmaßlich ein Milliardengewinn, den der Kapitalmarkt aktuell offenbar nicht sehen will.
Fazit:
Evo verfügt heute über zwei weitgehend unabhängige Geschäftsbereiche.
Der wegen chronischer Renditeschwäche in Restrukturierung befindliche Auftragsforschungsbereich verfügt über eine hochwertige Projektpipeline, deren fair value sich vss. erst bei Marktreife Anfang der 30er Jahre in millionenschweren Umsatzbeteiligungen und Lizenzeinnahmen richtig zeigen wird.
Der "Covid-Sonderertrag" könnte Anlegern einen kleinen Vorgeschmack darauf geben, was bei Evo im Erfolgsfall diverser Entwicklungsprojekte möglich ist...
Der zweite Geschäftsbereich JUST zeigte bis Ende 2025 starkes Umsatzwachstum, war wegen Vorlaufkosten der im Hochlauf befindlichen Toulouse-Produktion aber zuletzt sehr margenschwach.
Mit Verkauf des Europageschäfts und Lizensierung der JPOD-Technologie an Sandoz wird JUST ab 2026 signifikant profitabler, hat indes wegen des Wegfalls der Toulouse-Umsätze sowie der beim US-JPOD mit Sandoz erzielten Umsatzvolumina (-> Inhouse-Verlagerung nach Toulouse) in 2026 zunächst einen negativen Basiseffekt (-> Sandow-Deal bedingter Umsatzeinbruch) zu verkraften, der von offensichtlich an Fakten weitgehend desinteressierten Analysten als "enttäuschender" Umsatzeinbruch gewertet wird, bei realistischer Betrachtung des Sandoz-Deals hingegen hätte antizipiert werden MÜSSEN!
Die nicht mit Sandoz getätigten US-JPOD-Umsätze wachsen lt. jüngster Evo-Verlautbarung 2026 vss. weiterhin mit der aus 2025 bekannten 30%-Rate... man ist also weit entfernt von einem Ende der JUST-Wachstumsstory... allerdings haben augenscheinlich einige Analysten die JUST-Umsätze 2025 einfach linear in der Umsatzplanung 2026 fortgeschrieben und den Sandoz-Deal komplett ignoriert...
Die Margenerhöhung aus der 25 Mio USD Lizenzzahlung hatte man offenbar berücksichtigt, den veräußerungsbedingten Wegfall der Toulouse-Umsätze sowie die aus Sandoz-Sicht betriebswirtschaftlich logisch erscheinende Inhouse-Verlagerung der US-JPOD-Umsätze nach Toulouse (-> Erhöhung der Auslastung -> gewinnmaximale Optimierung der Skalierungseffekte) aber augenscheinlich nicht bedacht und mithin nicht nur weit überhöhte JUST-Umsätze sondern auch noch die darauf entfallenden EBITDA-Beiträge fehlerhaft in der 2026er Prognose berücksichtigt.
Die darauf unweigerlich folgende Verfehlung des Analystenkonsens muss man mindestens teilweise der völlig unzureichenden Kommunikation des Sandoz-Deals und dessen finanzieller Folgen durch das Management anlasten. Indes hätte der durch den Deal verursachte JUST-Umsatzrückgang 2026 m.E. einen versierten Analysten nicht überraschen dürfen...
Für die Zukunftsaussichten des Evo-Geschäftsmodells hat die Verfehlung eines realitätsfernen Analystenkonsens 2026 m.E. kaum Relevanz. Die Publikation eines den Markt "überraschenden" Restrukturierungsprogramms "Horizon" schon eher, wenn dieser Markt sich denn mal Gedanken gemacht hätte, wie man die Gewinnmarge mit den vorhandenen Überkapazitäten realistisch auf das 2028er 20%-EBITDA-Ziel steigern will... auch das hat Analysten / Kapitalmarkt offensichtlich null interessiert... und man wurde erneut "überrascht"...
Die Kommunikation des Managements empfand ich ebenfalls als katastrophal... den Fakt, dass man den für jedermann ersichtlichen Personal-Überbestand nun - endlich - radikal abbauen wird, um die Gewinnschwelle - wie hier im Forum seit Jahren gefordert - auf ein signifikant niedrigeres Umsatzlevel zu senken, bewerte ich 100% positiv und sehe die Chancen, das Gewinnziel 2028 tatsächlich zu ERREICHEN, signifikant gestärkt.
Das Management kommuniziert seit zwei Jahren unentwegt katastrophal schlecht und intransparent... die zuletzt ergriffenen Maßnahmen, angefangen mit dem priority Reset, gefolgt vom Toulouse Verkauf zwecks Umstellung auf ein lizenzbasiertes asset light Modell für JUST, und zuletzt dem umfassenden Rückbau von Überkapazitäten im Geschäftsbereich Auftragsforschung, beurteile ich als betriebswirtschaftlich sinnvoll und aus Shareholder Value Sicht überfällig.
Dass die Restrukturierung eines 20 Jahre lang in die falsche Richtung laufenden Umsatzmaximierungsmodells nicht in 12 oder 24 Monaten vollständig umsetzbar ist, hätte man managementseitig von Anfang an deutlich kommunizieren müssen, um Ungeduld und Enttäuschungen bestmöglich zu vermeiden.
Ich selbst war hinsichtlich der Restrukturierungsdauer und des Umfangs im Naschhinein auch zu optimistisch und sitze dank zu früher und vor allem zu umfangreicher Nachkäufe aktuell auf einer fetten Verlustposition, die ich mir trotz durchaus schöner vorangegangener Handelsgewinne nicht schönreden kann. Da heißt es jetzt Augen zu und durch... oder Exit und Verlustrealisation...
In meinem Langfristdepot bleibt Evo unverändert, solange die Restrukturierungsstory für mich glaubhaft voranschreitet... im Tradingdepot habe ich etwa ein Drittel der Verluste realisiert, um Gewinnchancen in anderen, kurzfristig aussichtsreicheren Aktien zu suchen...
Die Zukunft wird zeigen, ob der Markt meine Unterbewertungsthese letztlich stützt.
In der aktuellen Krisensituation wäre ich ehrlich gesagt schon froh, wenn sich die Aktie auf dem aktuellen Kursniveau stabilisieren kann und nicht bei Publikation des Geschäftsberichts nochmal 30% abschmiert... Irgendwann ist dann auch bei mir mal eine Schmerzgrenze erreicht...