DAX - Der Markt will nach oben (EurAmS)
Trotz des hohen Ölpreises und eher mäßiger Konjunkturdaten steigt der DAX seit Ende August kontinuierlich. Sogar schwache US-Börsen können die Rally nicht aufhalten
von Jens Castner und Petra Maier, Euro am Sonntag 41/04
Der Crash, sagt ein altes Börsianersprichwort, kommt immer dann, wenn keiner damit rechnet. Das gilt auch für den Aufschwung. Obwohl derzeit kaum etwas für steigende Kurse spricht, hat der DAX nach seinem Durchhänger im Sommer die psychologisch wichtige Marke von 4000 Punkten zurückerobert.
Aus charttechnischer Sicht ist die Gefahr eines neuerlichen Abwärtstrends damit zunächst gebannt, institutionelle Investoren fassen trotz des hohen Ölpreises und widersprüchlicher Konjunktursignale wieder Mut. Eine Blitzumfrage von EURO am Sonntag unter 13 Banken ergab: Die Mehrheit traut dem DAX sogar den Ausbruch über sein bisheriges Jahreshoch bei 4175 Punkten zu. Im Schnitt sehen die Banker den deutschen Leitindex am Jahresende bei 4200 Punkten. Nur drei der befragten Häuser erwarten, daß der Index bis Silvester leicht nachgibt, zehn glauben an einen Schlußstand oberhalb des aktuellen Niveaus.
Daß die europäischen Märkte schlechte Nachrichten wie schwaches US-Verbrauchervertrauen, mäßige Arbeitsmarktdaten oder rückläufige Auftragseingänge der deutschen Industrie ohne größere Rückschläge wegstecken, heißt vor allem eines: Aktien sind derzeit im Vergleich zu anderen Anlageformen so billig, daß es keinen Grund gibt zu verkaufen.
Auf Basis der aktuellen Analystenschätzungen für 2005 liegt das durchschnittliche Kurs/Gewinn-Verhältnis im DAX zwischen zwölf und 13, während das Renten-KGV derzeit etwa doppelt so hoch liegt. Da im Durchschnitt ein Markt-KGV für Blue Chips zwischen 15 und 17 durchaus als angemessen gilt, stehen die Chancen auf eine Jahresendrally nicht schlecht.
Auch der Durchschnittswert von 4200 Punkten, den die Banken fürs Jahresende erwarten, ist nur die halbe Wahrheit: Gelingt dem DAX tatsächlich der Ausbruch aus der bisherigen Tradingrange zwischen 3600 und 4175 Punkten, sind weitere Kurssteigerungen programmiert. Da viele Fondsmanager auf die Charttechnik vertrauen und somit befürchten müßten, die Rally zu verpassen, wenn sie denn kommt, werden spätestens bei 4200 Punkten die Kaufprogramme der Institutionellen anrollen. Sogar das Kursziel von 4500 Punkten des Bankhauses Lampe – mit Abstand das optimistischste aller von EURO befragten Institute – ist deshalb keineswegs utopisch: "Wenn der Durchbruch kommt, kann’s schnell gehen", sagt Lampe-Analyst Christoph Schlienkamp. "Zehn Prozent vom heutigen Niveau aus sind nicht zu hoch gegriffen."
Was Schlienkamp zuversichtlich stimmt: "Die Unternehmen haben ihre Hausaufgaben gemacht. Gravierende Gewinnwarnungen sind in nächster Zeit nicht zu erwarten. Da sich die Gewinnsituation 2005 weiter verbessern dürfte und der Markt im Dezember ohnehin schon aufs nächste Jahr schaut, steht einem Schlußspurt nichts im Wege".
Daß die Gewinne der deutschen Unternehmen 2005 weitersteigen, halten die meisten Experten für wahrscheinlich. Obwohl die am Mittwoch veröffentlichten Auftragseingänge im August mit einem Rückgang um 1,5 Prozent gegenüber Juli deutlich unter den Erwartungen (minus 0,5 Prozent) lagen, überwiegt dank des Wachstumstreibers Export die Zuversicht. Im Gesamtjahr 2004, so prognostiziert der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), werden die Exporte gegenüber dem Vorjahr um neun Prozent ansteigen. Zwar soll sich das Wachstum in 2005 leicht auf sechs Prozent abschwächen, doch so lange unterm Strich ein Plus steht, werden auch die Unternehmensgewinne weiter zulegen.
Ein noch entscheidenderes Argument, jetzt in Aktien zu investieren: Das Risiko nach unten erscheint sogar den Skeptikern begrenzt: Selbst wenn die pessimistischste Prognose aller befragten Banken eintreten sollte, wäre das kein Beinbruch: 3900 Punkte, wie sie die Bayerische Landesbank prognostiziert, sind schließlich kein Crash, sondern eine normale Schwankung innerhalb der bisherigen Bandbreite zwischen 3600 und 4175 Punkten.
Peter Worel, Abteilungsleiter Aktienresearch bei der Bayerischen Landesbank, begründet seine Skepsis vor allem mit der Unsicherheit, die der hohe Ölpreis am Markt auslöst: "Da auch Stahl und andere Rohstoffe teuer sind, werden über kurz oder lang auch die Unternehmensgewinne leiden. Es ist derzeit nicht möglich, die gestiegenen Materialkosten eins zu eins an die Verbraucher weiterzugeben." Er rät Anlegern zu defensiven Werten mit hohen Dividendenrenditen. "Versorger zum Beispiel können sich als stabilisierendes Element im Depot erweisen."
Trotz seiner eher pessimistischen Einschätzung sieht auch Landesbanker Worel langfristig neue Perspektiven für Aktien: "Angesichts der in Europa und Deutschland vorherrschenden relativ günstigen Bewertung besteht die Chance über das Jahresende hinaus, die 4000er Marke beim DAX hinter sich zulassen."
Das ausgezeichnete Chance/Risiko-Verhältnis hat bereits zu leicht steigenden Handelsumsätzen geführt – und zu einem ersten Emanzipationsversuch der europäischen Börsen gegenüber dem US-Markt: Nicht mal ein Rückschlag um über ein Prozent an Wall Street wie am vergangenen Donnerstag führte auf dem alten Kontinent zuletzt zu nenneswerten Kursabschlägen. Während DAX und Euro Stoxx ihre kurzfristigen Abwärtstrends längst verlassen haben, ist es für Dow Jones und Nasdaq noch zu früh, Entwarnung zu geben. Doch auch davon lassen sich internationale Großinvestoren die Laune nicht vermiesen.
Selbst der stockkonservativ gemanagte Templeton Growth Fund hat seine Aktienquote mittlerweile auf 90 Prozent hochgefahren. "Bei so günstigen Kursen war die Reduzierung der Cashquote für den Value-Klassiker fast zwangsläufig", urteilt der unabhängige Vermögensverwalter Gerd Bennewirtz.
Auffällig allerdings: Mit derzeit 23 Prozent hat der Templeton Growth den Heimatmarkt USA im Vergleich zum MSCI-World-Index (53 Prozent) klar untergewichtet. Europäische Aktien machen dagegen über 50 Prozent des Portfolios aus.
Ungemach droht allenfalls aus den USA. Obwohl Präsidentschaftswahljahre in den USA gemeinhin als gute Börsenjahre gelten, sollten Anleger bei amerikanischen Aktien Vorsicht walten lassen: "Haushalts- und Leistungsbilanzdefizit könnten zu einer weiteren, empfindlichen Abwertung des Dollar führen", warnt Sharon Bentley-Hayes von der Vermögensverwaltung Walter Scott, die für American Express einen europäischen Small- und Mid-Caps-Fonds managt. Bentley-Hayes weiter: "Angesehene Experten bescheinigen dem Dollar bis zu 30 Prozent Abwärtspotential. Anleger sollten deshalb auch bei europäischen Werten darauf achten, daß der US-Anteil am Gesamtumsatz nicht zu hoch ist."
Bei den Favoriten der deutschen Banker ist das nicht der Fall: Weder ThyssenKrupp, mit sechs Nennungen der Top-Kandidat für die Jahresendrally, noch BASF (siehe S. 14), Deutsche Telekom oder Allianz sind auf Gedeih und Verderb vom US-Geschäft abhängig.
Ähnliches gilt für die Branchen, die nach Ansicht der befragten Banken am aussichtsreichsten sind: Das Gros der Experten bescheinigt vor allem Telekommunikationswerten und Versicherern Nachholpotenzial. Die Blue Chips dieser Wirtschaftszweige agieren zwar weltweit, die Kernmärkte liegen aber in Europa. Allenfalls die Chemiewerte, von den Experten ebenfalls als aussichtsreich eingestuft, könnten unter einer weiteren Abwertung des Dollar leiden. Aber die wird nicht von heute auf morgen kommen, sondern ist, so Fondsmanagerin Bentley-Hayes, "eher ein langfristiger, schleichender Prozeß".
Die positiven Aussichten bis zum Jahresende werden deshalb weder vom schwachen Dollar noch von der anhaltenden Rekordfahrt des Ölpreises entscheidend eingetrübt werden.
Wo die Börsen richtig laufen
Die teuren Rohstoffe sorgen in der westlichen Welt für Sorgen. Vielen Schwellenländer bescheren sie blendende Geschäft. Wo der Einstieg noch lohnt.
von Klaus Schachinger
Emilio Azcárraga (36) zeigt wenig Respekt vor mächtigen Verhandlungspartnern, vor allem aus den USA. Zunächst wurde Azcárraga, der im Alter von 29 Jahren als Vorstands-Chef des einflußreichen, mexikanischen Medienkonzerns Grupo Televisa das Erbe seiner Familie antrat, unterschätzt. Bis er den stolzen Vermarktern der US-amerikanischen Football-Liga NFL klarmachte, daß Grupo Televisa für die Übertragungsrechte der NFL-Spiele in Mexiko zu viel bezahlt. Der Mexikaner verzichtete auf die Übertragung von Football-Spielen inklusive des lukrativen Superbowl-Endspiels. Nach 35 Jahren mußten die Amerikaner erstmals für ein volles Jahr ohne Spiele-Einnahmen aus Mexiko auskommen. Das hat sie weichgekocht. Azcárraga ist mit den neuen Vertragsbedingungen zufrieden.
Das zeigt: Selbst wenn sich Mexikos Wirtschaft auf absehbare Zeit nicht aus der starken Abhängigkeit des großen Bruders USA befreien wird, gibt es mexikanische Unternehmen die der US-Konkurrenz Paroli bieten. Hinzu kommt, daß institutionelle Anleger wegen des anhaltend starken Wirtschaftswachstums in Lateinamerika mehr Kapital an den dortigen Börsen investieren. Das Bruttosozialprodukt in Mexiko, Chile und Brasilien soll in den Jahren 2004 und 2005 um jeweils mehr als vier Prozent zulegen.
Was in New York, London und Frankfurt die Stimmung drückt, nämlich die stark gestiegenen Preise für Öl und Rohstoffe, sorgt an den Börsen aus der zweiten Reihe weiter für Optimismus. Anleger, die vor allem auf Aktien aus Deutschland und großen Aktienmärkten gesetzt haben, bietet sich die Chance, die Leistung ihres Depots mit Werten aus den wirtschaftlich aufstrebenden Regionen abzurunden. "Wir haben Südamerika und Osteuropa in unseren Dachfonds mit zusammen zwölf Prozent gewichtet und dazu noch Rohstoffe mit 15 Prozent", sagt Activest- Fondsmanager Hans Holzbauer. Das Momentum in diesen Märkten sei weiterhin stark, begründet der Fondsmanager die Strategie.
Im Ölförderland Mexiko gehört die Börse mit plus 23 Prozent seit Jahresanfang zu den internationalen Favoriten. Aber auch Brasilien, wo der Index um 8,40 Prozent zulegte, hat noch erhebliches Potential. Die Wirtschaft brummt. Das Bruttosozialprodukt legte im zweiten Quartal um 5,7 Prozent zu. Das ist die höchste Wachstumsrate in den vergangenen acht Jahren. Gleichzeitig steigt auch die Nachfrage nach Krediten in Brasilien. Während das Darlehensgeschäft in der Industrie bis Ende August um mehr als sieben Prozent zulegte, ist das Wachstum bei Privatkrediten doppelt so hoch.
Obwohl der brasilianische Bovespa-Index 2003 um mehr als 100 Prozent zugelegt hat, ist das Potential der brasilianischen Börse noch lange nicht ausgeschöpft. "Mit einem 2005er-KGV von durchschnittlich 7,5 sind viele Aktien unterbewertet", weiß Threadneedle-Fondsmanager Jules Mort. Bis auf wenige große Werte können die meisten Aktien von Unternehmen aus wirtschaftlich aufstrebenden Regionen hierzulande nicht als Einzelwerte gehandelt werden. Zertifikate und Fonds sind für Privatanleger damit meistens die einzige Chance, um von der Kursphantasie in diesen Märkten zu profitieren. Mit dem Vorteil, daß das Risiko breiter gestreut ist als beim Kauf von Einzeltiteln. Das gilt auch für die meisten osteuropäischen Märkte. Für Polen änderte die Ratingagentur Standard & Poors vergangene Woche ihren Ausblick von Negativ auf Stabil. Das Wachstum in diesen Ländern soll 2004 und 2005 zum Teil über fünf Prozent liegen.
Die Öl- und Rohstoffpreise bringen osteuropäischen Börsen eine Sonderkonjunktur. Denn angelockt von höheren Profiten der Firmen, die in Osteuropa gut aufgestellt sind, parken institutionelle Anleger ihr Geld vor allem an der Wiener Börse. Der ATX-Index hat allein in diesem Jahr um 37 Prozent zugelegt. Wer statt in Fonds und Zertifikate auch in Einzelwerte investieren will, sollte sich die Aktie der Ersten Bank ansehen. Zwar ist der Titel bereits gut gelaufen, die starke Position als Marktführer im Privatkundengeschäft der neuen EU-Länder sowie die Strategie, osteuropäische Banken günstig einzukaufen, spricht für ein langfristiges Investment in die Aktie.
red / -red-