Die Börsen laufen - und die Gier kommt zurück
von Ulrich Machold
Als Yahoo in der vorvergangenen Woche das Ergebnis des dritten Quartals präsentierte, waren die Erwartungen gigantisch: Um 80 Prozent sollte der Gewinn des US-Internet-Unternehmens im Vergleich zum Vorquartal zulegen. Gleichsam im Vorgriff war die Aktie auf Jahressicht schon um 200 Prozent gestiegen. Yahoo präsentierte plus 100 Prozent Gewinn - und ging noch einmal durch die Decke. Mittlerweile hat das Papier ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 117 auf Basis der erwarteten Gewinne für das Jahr 2003 - und niemanden scheint es zu stören. Zum Vergleich: Daimler-Chrysler, immerhin einer der größten Konzerne der Welt, kommt gerade auf 15.
Die bösen alten Zeiten sind zurück - könnte man meinen. Mehr als 60 Prozent gewann der Dax seit seinem Tiefststand im März, fast 80 Prozent waren es beim TecDax. Dow Jones und Nasdaq vermelden fast wöchentlich neue Jahreshöchststände, Analysten kassieren still und heimlich ihre Kursziele, wenn sie vom Markt schon Monate vorher überholt werden. Und trotzdem will der Optimismus schier kein Ende nehmen. Die meisten Prognosen sehen den Deutschen Aktienindex Ende Dezember bei über 4000 Punkten. Das wäre noch einmal ein Plus von fast 15 Prozent.
Die Gier ist zurück an den Aktienmärkten. Mehr als drei Jahre nach dem Platzen der Internet-Blase, deren gar nicht glamouröse Nebenaspekte nun vor Gericht verhandelt werden, tauscht man in Kneipen zwar keine Börsentipps mehr und phantasiert über ein Leben ohne Job, aber bei denen, die dabeigeblieben sind, zeigen sich ähnliche Symptome. Erst in der vergangenen Woche meldeten amerikanische Broker einen sprunghaften Anstieg von Aufträgen "on the margin" - also auf Kredit.
"Die Bewertungen in Amerika sind jetzt schon wieder sehr hoch. Sie müssen durch nachhaltige Verbesserungen an der Konjunktur- und Unternehmensfront bestätigt werden, damit sie sich mittelfristig halten lassen", sagt Stefan Keitel, Aktienstratege und Leiter des Portfoliomanagements bei Credit Suisse. "Die Börsen bewegen sich in einem Hoffnungszyklus und nehmen einen Wirtschaftsaufschwung vorweg, der noch keineswegs stabil und dynamisch ist. Daher müssen in Zukunft die harten Fakten zeigen, dass er wirklich kommt."
Denn das Wirtschaftswachstum in Amerika, prognostizierte vier bis fünf Prozent in diesem Jahr, wird stark vom gigantischen Ausgabenprogramm der Regierung getragen. Rechnet man Steuererleichterungen und Rüstungsausgaben heraus, fallen die Zahlen in sich zusammen - und der Aufschwung sieht ebenso moderat aus wie in Europa. Beängstigende Parallelen drängen sich auf: Schien vor einigen Jahren die High-Tech-Revolution den Firmen auf nebulöse Art und Weise ein endloses Gewinnwachstum zu verheißen, so ist es jetzt anscheinend der kommende Aufschwung - irgendwie. Denn bislang sind die Ergebnisverbesserungen der meisten hauptsächlich auf Sparprogramme zurückzuführen. Von Substanz (noch) keine Spur. Die Aktien an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq weisen trotzdem ein durchschnittliches KGV von fast 50 auf.
In Deutschland ist die Lage nicht ganz so überspannt. Der Dax war nach dem Hoch vor drei Jahren so tief gefallen wie sonst kein anderer der großen Indices. Dementsprechend bewegt er sich nun auf einem Bewertungsniveau, das von den ehemaligen Phantasieständen noch weit entfernt ist. Und ebenso konsequent empfehlen die Banken deutsche Aktien deshalb zum Kauf.
"Der Dax hat sich durch die Rally der letzten Monate der Bewertung der anderen europäischen Indices angeglichen", sagt Ingo Schmitz von der Deutschen Bank. "aber er ist immer noch günstiger, ganz besonders als amerikanische Aktien. Deshalb sehen wir nach wie vor Potenzial, sogar mehr als in anderen Märkten - wenn Faktoren wie der Dollarkurs oder ein Fehlschlagen der Reformagenda dem keinen Strich durch die Rechnung machen."
Schade nur, dass sich die europäischen Börsen noch nie von der Wall Street abkoppeln konnten. Und schade auch, dass die meisten immer dann einsteigen, wenn die Party vorbei ist: Aus Finanzkreisen verlautet, dass viele Großinvestoren wie Fonds und Versicherungen in den letzten Wochen verstärkt Aktien kauften, um die Märkte nicht noch weiter davonlaufen zu lassen.
"Mittelfristig steigt das Risiko, vor allem in Amerika", sagt Stefan Keitel. "Aber auf kurze Sicht sehe ich - von einer weiteren, kleineren Korrektur abgesehen - noch keine Gefahr. Es gibt schon wieder viele, die jammern, dass sie die letzten massiven Kurssteigerungen verpasst haben, aber das ist nicht die Mehrheit. Man ist wieder optimistischer, aber gottlob noch nicht richtig gierig."
Welt.de
von Ulrich Machold
Als Yahoo in der vorvergangenen Woche das Ergebnis des dritten Quartals präsentierte, waren die Erwartungen gigantisch: Um 80 Prozent sollte der Gewinn des US-Internet-Unternehmens im Vergleich zum Vorquartal zulegen. Gleichsam im Vorgriff war die Aktie auf Jahressicht schon um 200 Prozent gestiegen. Yahoo präsentierte plus 100 Prozent Gewinn - und ging noch einmal durch die Decke. Mittlerweile hat das Papier ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 117 auf Basis der erwarteten Gewinne für das Jahr 2003 - und niemanden scheint es zu stören. Zum Vergleich: Daimler-Chrysler, immerhin einer der größten Konzerne der Welt, kommt gerade auf 15.
Die bösen alten Zeiten sind zurück - könnte man meinen. Mehr als 60 Prozent gewann der Dax seit seinem Tiefststand im März, fast 80 Prozent waren es beim TecDax. Dow Jones und Nasdaq vermelden fast wöchentlich neue Jahreshöchststände, Analysten kassieren still und heimlich ihre Kursziele, wenn sie vom Markt schon Monate vorher überholt werden. Und trotzdem will der Optimismus schier kein Ende nehmen. Die meisten Prognosen sehen den Deutschen Aktienindex Ende Dezember bei über 4000 Punkten. Das wäre noch einmal ein Plus von fast 15 Prozent.
Die Gier ist zurück an den Aktienmärkten. Mehr als drei Jahre nach dem Platzen der Internet-Blase, deren gar nicht glamouröse Nebenaspekte nun vor Gericht verhandelt werden, tauscht man in Kneipen zwar keine Börsentipps mehr und phantasiert über ein Leben ohne Job, aber bei denen, die dabeigeblieben sind, zeigen sich ähnliche Symptome. Erst in der vergangenen Woche meldeten amerikanische Broker einen sprunghaften Anstieg von Aufträgen "on the margin" - also auf Kredit.
"Die Bewertungen in Amerika sind jetzt schon wieder sehr hoch. Sie müssen durch nachhaltige Verbesserungen an der Konjunktur- und Unternehmensfront bestätigt werden, damit sie sich mittelfristig halten lassen", sagt Stefan Keitel, Aktienstratege und Leiter des Portfoliomanagements bei Credit Suisse. "Die Börsen bewegen sich in einem Hoffnungszyklus und nehmen einen Wirtschaftsaufschwung vorweg, der noch keineswegs stabil und dynamisch ist. Daher müssen in Zukunft die harten Fakten zeigen, dass er wirklich kommt."
Denn das Wirtschaftswachstum in Amerika, prognostizierte vier bis fünf Prozent in diesem Jahr, wird stark vom gigantischen Ausgabenprogramm der Regierung getragen. Rechnet man Steuererleichterungen und Rüstungsausgaben heraus, fallen die Zahlen in sich zusammen - und der Aufschwung sieht ebenso moderat aus wie in Europa. Beängstigende Parallelen drängen sich auf: Schien vor einigen Jahren die High-Tech-Revolution den Firmen auf nebulöse Art und Weise ein endloses Gewinnwachstum zu verheißen, so ist es jetzt anscheinend der kommende Aufschwung - irgendwie. Denn bislang sind die Ergebnisverbesserungen der meisten hauptsächlich auf Sparprogramme zurückzuführen. Von Substanz (noch) keine Spur. Die Aktien an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq weisen trotzdem ein durchschnittliches KGV von fast 50 auf.
In Deutschland ist die Lage nicht ganz so überspannt. Der Dax war nach dem Hoch vor drei Jahren so tief gefallen wie sonst kein anderer der großen Indices. Dementsprechend bewegt er sich nun auf einem Bewertungsniveau, das von den ehemaligen Phantasieständen noch weit entfernt ist. Und ebenso konsequent empfehlen die Banken deutsche Aktien deshalb zum Kauf.
"Der Dax hat sich durch die Rally der letzten Monate der Bewertung der anderen europäischen Indices angeglichen", sagt Ingo Schmitz von der Deutschen Bank. "aber er ist immer noch günstiger, ganz besonders als amerikanische Aktien. Deshalb sehen wir nach wie vor Potenzial, sogar mehr als in anderen Märkten - wenn Faktoren wie der Dollarkurs oder ein Fehlschlagen der Reformagenda dem keinen Strich durch die Rechnung machen."
Schade nur, dass sich die europäischen Börsen noch nie von der Wall Street abkoppeln konnten. Und schade auch, dass die meisten immer dann einsteigen, wenn die Party vorbei ist: Aus Finanzkreisen verlautet, dass viele Großinvestoren wie Fonds und Versicherungen in den letzten Wochen verstärkt Aktien kauften, um die Märkte nicht noch weiter davonlaufen zu lassen.
"Mittelfristig steigt das Risiko, vor allem in Amerika", sagt Stefan Keitel. "Aber auf kurze Sicht sehe ich - von einer weiteren, kleineren Korrektur abgesehen - noch keine Gefahr. Es gibt schon wieder viele, die jammern, dass sie die letzten massiven Kurssteigerungen verpasst haben, aber das ist nicht die Mehrheit. Man ist wieder optimistischer, aber gottlob noch nicht richtig gierig."
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