Shell-Finanzchef Peter Voser zeigt sich überrascht vom starken Anstieg des Ölpreises in den vergangenen Wochen und Monaten. Im Interview mit dem Handelsblatt widerspricht der Top-Manager Stimmen, die den Höhenflug auf Spekulationen zurückführen und nennt die Faktoren, die den Ölpreis in die Höhe schießen lassen.Handelsblatt: Herr Voser, der Ölpreis eilt von Rekord zu Rekord. Halten Sie Prognosen, dass er in absehbarer Zeit auf 200 Dollar je Barrel steigen wird, für realistisch? Voser: Das ist mir zu spekulativ. 2004, als wir unsere langfristige Strategie vorgestellt haben, haben wir gesagt, dass die Öl- und Gaspreise mittel- und langfristig zunehmen werden und haben unser Portfolio darauf ausgerichtet. Den starken Anstieg der Preise in den zurückliegenden Wochen und Monaten haben wir so nicht vorausgesehen. Was sind denn die Faktoren, die den Ölpreis treiben, aus Ihrer Sicht? Zuerst einmal hat die Nachfrage enorm zugenommen, das treibt natürlich den Preis. Dann spielen Fragen der Sicherheit sowie politische Faktoren eine Rolle, in Nahost etwa oder in Nigeria. Die Volatilität in den Aktienmärkten treibt relativ viel Geld in die Rohstoffmärkte; das hat einen gewissen Preisdruck nach oben ausgelöst. Man kann das Spekulation nennen, ich nenne das einfach eine Umschichtung von Investitionen von einem Markt in den anderen. Welchen Ölpreis legen Sie heute ihren Investitionsentscheidungen zu Grunde? Früher war es so, dass wir einen Preis als Hauptplanungsgröße hatten. Heute arbeiten wir wegen der volatilen Preise mit drei Planungszahlen, mit einem Tiefpreisszenario, einem mittleren und einem Hochpreisszenario. Wie hoch ist denn das Hochpreisszenario? Das sagen wir nicht, um nicht zu viel kommerzielles Wissen preiszugeben. Bei den großen Ölkonzernen steigt die Produktion im Moment nur sehr langsam, wenn überhaupt. Warum kommen Sie trotz der Milliardeninvestitionen nicht rascher voran? Sie dürfen die Reaktionszeiten nicht vergessen. Ende der Neunzigerjahre kostete das Barrel Öl lediglich zehn Dollar, da haben alle ihre Investitionen drastisch zurückgefahren. In dieser Niedrigpreisphase haben wir acht Milliarden Dollar im Jahr investiert, heute sind es 30. Es dauert sechs bis acht Jahre, bis die Produktion nach einem Investitionsschub so richtig ins Rollen kommt. In den Neunzigerjahren haben die Konzerne massiv Personal abgebaut, vor allem auch im technischen Bereich. Das führt zu einer sinkenden Produktionskurve. Das zu korrigieren, benötigt Zeit. Hinzu kommt das Problem, dass der allergrößte Teil der globalen Öl- und Gasreserven in staatlichen Händen liegen. Die Ölmultis müssen Abermilliarden in immer schwerer zugängliche Quellen stecken, weil sie keinen Zugang zu relativ leicht zu fördernden Reserven zum Beispiel am Persischen Golf kriegen. Ist das nicht frustrierend? Wie definieren Sie denn schwer zugänglich? Shell steckt im Moment vier oder fünf Prozent der Investitionen in schwer zugängliche, unkonventionelle Reserven, 95 Prozent sind konventionelles Öl und Gas. 2015 werden unkonventionelle Energieformen etwa 15 Prozent ausmachen. Na ja, Tiefsee-Ölvorkommen oder arktisches Öl und Gas sind doch schwer zugänglich und teuer zu bergen, oder? Gehen Sie mal 30 Jahre zurück, in die Zeit nach dem ersten Ölpreisschock. Damals haben wir angefangen, Öl und Gas in der Nordsee zu fördern. Ich kann ihnen die Artikel noch zeigen, die beschrieben, wie teuer und schwierig das sei. Heute ist das das Normalste. Die Technologie entwickelt sich halt fort. Man muss den richtigen Ausblick haben und bereit sein, zu investieren. Ich kann nicht erkennen, dass wir nun nicht mehr den Zugriff auf Reserven haben. Shell hat mehr als genug Projekte, und die höchsten Investitionen in der Industrie. Ein großer Teil davon geht allerdings für die galoppierende Kosteninflation drauf. Höhere Öl- und Gaspreise treiben die Kosten hoch, das ist klar. Das trifft auch für andere Rohstoffe zu. So sind wir beispielsweise von den hohen Stahlpreisen betroffen. Die Kosteninflation wird dazu führen, dass sich die Renditen in der Industrie wieder der durchschnittlichen historischen Bandbreite annähern werden. Ein Kostentreiber sind ja die mangelnden Kapazitäten in der Zulieferindustrie. Hat sie sich allmählich der steigenden Nachfrage angepasst? Das ist unterschiedlich. Wir sehen in gewissen Bereichen, dass die Preise für Bohrausrüstungen abflachen oder wieder leicht zurückgehen, zum Beispiel in Teilen der USA. Tiefsee-Bohrplattformen steigen aber – nicht zuletzt wegen der Funde vor der Küste Brasiliens und anderswo – noch immer stark im Preis. Wir nutzen unsere globale Einkaufsmacht, um die Inflation zu mildern. 2005 haben wir für vier Jahre Bohrkapazitäten gekauft, was uns nun Jahr für Jahr mehrere hundert Millionen Dollar spart. Die Kosteninflation auf dem Markt beträgt im Moment rund 20 Prozent, wir schaffen es dank unserer Größe, sie zu halbieren. Das ist ein Beleg für die Vorteile, die eine weitere Konsolidierung der Branche bringen könnte. Plant Shell große Übernahmen? Wir haben ganz klar eine organische Wachstumsstrategie, das zeigen unsere Investitionen von brutto rund 30 Milliarden Dollar im Jahr. Wir haben immer gesagt, dass wir uns auch Akquisitionen anschauen, wenn sie langfristig sinnvoll sind. Zum Beispiel haben wir die anderen Aktionäre bei Shell Canada herausgekauft. Aber jeder Zukauf muss konkurrenzfähig sein gegenüber unseren vielen organischen Wachstumsprojekten. Eine kurzfristige Optimierung durch Übernahmen ist nicht Bestandteil unserer Strategie. Sehen Sie denn generell eine neue Fusionswelle auf die Branche zurollen? Die Öl- und Gasindustrie hat immer von Zeit zu Zeit konsolidiert, zuletzt in den Neunzigerjahren. Das wird auch weiterhin der Fall sein. Sprechen wir doch einmal darüber, wo zusätzliches Öl und Gas in den nächsten Jahren herkommen könnte. Russland bedrängt derzeit die westlichen Ölkonzerne. Ist das für Sie noch ein guter Standort? Wir haben zwei erfolgreiche Joint-Ventures in Russland, mit denen wir sehr zufrieden sind. Ich glaube, langfristig wird Russland die Balance finden zwischen steuerlicher Belastung und langfristigen Investitionen. Wir können uns gut vorstellen, dort in weitere Projekte zu investieren. Zum Beispiel? Wir sind an verschiedenen Projekten dran. Konkreter kann ich im Moment leider nicht sein. Dort bekommen Sie aber nur Minderheitsbeteiligungen. Das ist in vielen Ländern der Welt nicht anders. Wir sind vielfach der Betreiber von Ölfeldern, halten aber nur 25 oder 30 Prozent der Kapitalanteile. Das ist für uns kein Problem. Wichtig ist, dass die Rahmenbedingungen stabil bleiben. Wenn man für 40 Jahre investiert, will man nicht, dass nach drei oder vier Jahren die Steuern oder andere gesetzliche Bestimmungen geändert werden. Man sieht immer wieder, dass die Investitionen sofort zurückgehen, wenn so etwas passiert. Die Regierungen lernen also nicht dazu? Es ist halt oft so, dass die Politik und die Wirtschaft nicht den gleichen Zeithorizont haben. Wir kennen das aus unserer mehr als 100-jährigen Geschichte. Es gibt einige Länder, in denen wir in der Vergangenheit verstaatlicht wurden, insofern ist dies nichts Neues für uns. Die Öl- und Gasindustrie verändert sich immer dann, wenn es rasche Preisbewegungen gibt. Diesmal sind die Probleme der Ölmultis aber struktureller Art. Sind Konzerne wie Shell nicht prächtige Dinosaurier, die den Keim ihres Verderbens bereits in sich tragen? Shell ist gute 100 Jahre alt und hat schon alles mögliche erlebt: Weltkriege, Rezessionen, tiefe und hohe Ölpreise, Nationalisierungen, technische Herausforderungen. Wir haben 100 Jahre gut überlebt und werden auch die nächsten hundert gut überleben. Hat Shell mittelfristig eine Chance gegen staatliche Firmen, wie die russische Gazprom? Ich glaube, man muss Partnerschaften eingehen. In mehr als 20 Ländern machen wir das, und es werden noch mehr werden. Dazu müssen wir sicherstellen, dass sich Shell von anderen Konkurrenten abhebt. Das wird über Technologie und Know-how laufen. Zielgröße ist aber, langfristig über 60 Prozent unseres Cash-flows in Gebieten zu erwirtschaften, wo unser Risiko tief bis sehr tief eingeschätzt wird. Sprich: konventionelle und unkonventionelle Ressourcen in OECD-Ländern. Die größten Reserven liegen allerdings außerhalb davon, zum Beispiel im Irak. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass von dort bald mehr Öl auf den Weltmarkt fließt? Es ist nur eine Frage der Zeit, wann wieder mehr irakisches Öl in den Markt kommt. Der wichtigste Faktor ist im Augenblick noch die Sicherheit der Menschen, die dort arbeiten müssen. Es gibt aber auch noch einige offene Fragen auf rechtlichem und fiskalischem Gebiet. Shell hat sechs verschiedene Projekte im Irak laufen. Wir haben eine starke historische Verbindung zu dem Land. Welche Rolle werden Öl und Gas in Jahrzehnten noch spielen? Wie wird der Energie-Mix der Zukunft aussehen? Wir schätzen, dass 2025 die weltweite Nachfrage rund 50 Prozent höher sein wird als jetzt. Rund 80 Prozent der Energie werden weiterhin aus fossilen Quellen kommen. Bis 2050 wird sich die Nachfrage sogar verdoppeln, und auch dann werden noch zwei Drittel der Energie aus fossilen Brennstoffen stammen, der Rest aus erneuerbaren Energien. Im Geschäft mit erneuerbaren Energien fuhr Shell zuletzt Zickzack. Der Ausstieg aus dem weltgrößten Offshore-Windpark "London Array" in der Themsemündung hat Ihnen harsche Kritik eingetragen. Warum gefährden sie dieses Projekt? Fakt ist: Wir bauen unser Windkraft-Geschäft weiter aus. Wir sind gegenwärtig in elf Projekte involviert. Das sind rund 1 100 Megawatt Leistung und wir haben 50 Prozent Anteil an den Kapazitäten. Neun der Windparks sind in den USA; das ist unser Hauptmarkt. Aber genauso wie in unserem Kerngeschäft mit Öl und Gas schauen wir auch in der Windkraft auf effizienten Kapitaleinsatz und auf die Rentabilität. Das bedeutet, dass wir auch schon mal Projekte fallen lassen. Immerhin ist „London Array“ zweieinhalb Mal teurer als ein entsprechender Onshore-Windpark in den USA. Was sind denn ihre Renditeanforderungen für Windkraft, die gleichen wie für Öl- und Gasprojekte? Auch im Öl- und Gasgeschäft bringen nicht alle Geschäfte gleich hohe Renditen. Wenn sie ein Offshore-Projekt im Golf von Mexiko nehmen und ein Projekt an Land in Nigeria, dann sind das zwei vollkommen verschiedene paar Schuhe. Ersteres bringt uns mehr als 20 Dollar Nettomarge, das andere nur zwei bis vier. Wir investieren in langfristiges Wachstum bei erneuerbaren Energien. Wir wollen ein Geschäft aufbauen, das groß genug ist, um kommerziell zu bestehen. Dafür sind viele Faktoren wichtig, nicht nur Rentabilität. Auch politische und geografische Aspekte spielen eine Rolle. Hat die britische Regierung bei Ihnen protestiert, als Sie aus dem „London Array“ ausgestiegen sind? Wir haben das offen mit allen Interessenten besprochen, also auch mit der Politik. Es ist ganz normal, dass wir informieren, wenn wir bestimmte Projekte nicht weiter führen. Und wie war die Reaktion? Ich gehe da nicht in die Details, aber wir gehen mal davon aus, dass das für uns keine Auswirkungen hat. Ich bin im Übrigen optimistisch, dass andere Investoren unseren Platz in dem Offshore-Projekt einnehmen werden und London Array somit fortgeführt wird.
Finden Sie nicht, dass ein Konzern wie Shell auch gesellschaftliche Verantwortung hat, zur Verringerung des CO2-Ausstoßes beizutragen? Das ist doch ganz klar. Darum haben wir uns schon vor vielen Jahren entschieden, in erneuerbare Energien einzusteigen. Wir wollen die nachhaltige Entwicklung fördern und investieren hier relativ viel in Forschung und Entwicklung. In letzter Zeit drängt sich der Eindruck auf, dass für Shell und andere Energiekonzerne eine neue Phase im Umgang mit alternativen Energien begonnen hat. Die Zeit des Ausprobierens ist vorbei, nun sollen die erneuerbare Energien richtig Geld verdienen. Trifft das zu? Erneuerbare Energien sind für uns ein fester Teil der Strategie. Unsere Zukunftsszenarien zeigen, dass wir in den nächsten Jahrzehnten einen weitaus höheren Energiebedarf in der Welt abdecken müssen. Das kann aber nur zum Teil durch erneuerbare Energie geschehen. Welche erneuerbaren Energien bleiben für Sie interessant? Unser Augenmerk richtet sich auf Windenergie, Biokraftstoffe der zweiten Generation, Solar und Wasserstoff. Für uns muss eine erneuerbare Energie eine gewisse Größe haben, damit wir das als globale Firma vorantreiben können. Wenn wir sehen, dass eine Technologie für uns keine langfristige, globale Entwicklung ermöglicht, dann kann es durchaus sein, dass wir aussteigen und stattdessen vielleicht in neuere Techniken investieren. So haben wir uns etwa von der konventionellen Solartechnologie abgewandt und verfolgen nun die Dünnschichttechnologie weiter. Es wird immer wieder Portfoliobewegungen geben. Umweltschützer haben den Ölmultis lange Zeit vorgeworfen, dass ihre Investitionen in alternative Energien vor allem der Imageverbesserung dienen. Was sagen Sie dazu? Das stimmt nicht. Unsere Szenarien zeigen, dass wir in der Zukunft alle Energieformen brauchen werden. Wir müssen sowohl in fossile als auch in erneuerbare Energien investieren, um sie weiterzuentwickeln. Das ist für uns kein PR-Effekt, sondern Teil der längerfristigen Strategie eines globalen Energiekonzerns. Die Fragen stellte Dirk Heilmann. |