Artikel im WSJ, wonach Europa eine Deflation japanischen Zuschnitts blüht. Mitursache ist die Überalterung der hiesigen Bevölkerungen. Das Durchschnittalter der Deutschen und Italiener liegt nur unwesentlich unter dem der Japaner.
Deflationserwartungen für Europa und USA hege ich bekanntlich schon länger. Die Gegenwette lautete, dass QE die Deflation verhindere. Daran zweifle ich bis heute.
Europas japanische Zukunft
Von ALEN MATTICH
Das Beispiel Japans in den vergangenen zwei Jahrzehnten spricht dafür, dass die Eurozone allmählich in die Deflation rutschen wird – unabhängig davon, was Mario Draghis Europäische Zentralbank auch tut.
www.wallstreetjournal.de/article/...7324266904578458641360254654.html
...Die Mehrheitsmeinung geht davon aus, dass Japan nach wie vor unter einer Nachfragelücke leidet, die durch die anhaltende Deflation ausgelöst wurde. Die Leute wollen heute schlicht kein Geld ausgeben, da sie wissen, dass die Güter zu einem späteren Zeitpunkt noch günstiger zu haben sein werden. Wenn nur die Japaner davon überzeugt werden könnten, dass die Inflation kommt, wird das Wachstum schon folgen. Und genau so handeln Japans Ministerpräsident Shino Abe und die Bank of Japan: Sie versuchen sich an einer Politik, die die Japaner davon überzeugen soll, dass die Inflation vor der Tür steht.
Man sollte davon ausgehen, dass dies nicht funktioniert, meint Edward Hugh, Volkswirt und Autor des Blogs Fistful of Euros. Oder zumindest nicht so, wie es von den Japanern beabsichtigt ist. Japans Problem sei nicht die Deflation an sich, argumentiert Hugh. Es sei die Demografie.
Japan hat eine alternde Bevölkerung. Das bedeutet, dass das Arbeitskräftepotenzial sinkt. Das wiederum hat dazu geführt, dass sich Japans Firmen mit Investitionen in zusätzliche Kapazitäten zurückhalten, da der Gütermarkt schrumpft und sie ein Überangebot vermeiden wollen. Als Folge bleibt die Sparquote der japanischen Unternehmen erheblich, was die gesamtwirtschaftliche Nachfrage dämpft. Das wiederum erzeugt Deflationsdruck (der noch erhöht würde, wenn Japans Firmen in eine Erweiterung ihrer Produktion investierten).
Der älteren Bevölkerung passt die Deflation allerdings in den Kram. Pensionäre, die auf Zinspapieren sitzen, haben die Gewissheit, dass sie sich morgen sogar noch mehr für ihr Geld werden kaufen können als heute.
Die Daten zur japanischen Produktion spiegeln dies wider: Eine genaue Analyse der Zahlen zeigt, dass das BIP-Wachstum insgesamt in den vergangenen 20 Jahren zwar schwach war. Das BIP pro Kopf entwickelte sich aber moderat, und das BIP je Arbeiter konnte sogar mit starken Volkswirtschaften wie der amerikanischen mithalten....
...Diese Erkenntnis macht das Experiment der „Abenomics", das auf einem Hochtreiben der Inflation aufbaut, so interessant – um nicht zu sagen entscheidend. Und zwar für Japan und für den Rest der Welt – und ganz besonders für die Eurozone.
Denn die demographische Struktur in der Eurozone ist letztlich die gleiche wie die Japans. Der Alters-Median in Japan liegt bei 44,6 Jahren. Der durchschnittliche Italiener ist 44,3 Jahre alt, der Deutsche 43,7 Jahre. ....In 1960 kamen auf jeden Rentner in Japan 4,8 Menschen im Arbeitsalter, in Europa lag der Wert bei 2,5. Jetzt ist das Verhältnis auf 1,5 bzw. 1,6 zusammengeschmolzen.
Und: Auch Europa rutscht in Richtung Deflation. Die jüngsten Daten aus der Eurozone zeigen, dass die Inflation auf Jahresbasis nur noch 1,2 Prozent beträgt. Vor Jahresfrist lag die Inflationsrate noch bei 2,6 Prozent.
Die Frage ist, was die Abenomics vermutlich bringen werden. Hugh von Fistful of Euro glaubt, dass sich Japans Wirtschaft in einem chronischen Deflations-Ungleichgewicht befindet. Der einzige alternative Ausgang der Wirtschaftspolitik des neuen Ministerpräsidenten wäre eine Yen-Krise, wenn Japans Sparer zu der Überzeugung gelangten, dass die Regierung auch künftig hohe Defizite erzeugen wird und dass die Bank of Japan diese für immer finanzieren wird.
Dass es so weit kommen wird, glaubt Tyler Cowen, Professor an der George Mason University, nicht. Stattdessen werde die japanische Regierung ihre Fiskalpolitik straffen. Das Ergebnis sei Nullwachstum und eine Rückkehr zur Deflation.
Keines dieser Resultate – chronische Deflation oder eine Währungskrise – dürfte die politischen Entscheider in der Eurozone sonderlich glücklich machen....