der u.a. auch erläutert, warum der Goldpreis derzeit so hoch ist und wohl weiter steigen wird.
Im Gespräch: Marshall Auerback
„Der Goldpreis steigt aus Misstrauen in die Politik“
17. September 2010
Die Basel III-Beschlüsse werden kaum etwas am Status Quo der Banken ändern, statt sie stärker zu regulieren, erklärt Marshall Auerback. Der für den Hedge-Fonds RAB Capital und Pimco tätige Ökonom und Strategieberater rechnet mit weiteren Krisen.
Die bisherigen Regulierungsansätze adressierten die wirkliche Ursache der Finanzkrise nicht, nämlich Bilanzbetrug in den Finanzunternehmen. Die politischen Kräfte tendierten dazu, die wahren Probleme auf die lange Bank zu schieben, statt sie auf anzugehen. In diesem Sinne seien steigende Rohstoffpreise das Resultat zunehmenden Misstrauens in die Politik.
Nach monatelangem Tauziehen haben sich die weltweit wichtigsten Bankenaufseher unter dem Stichwort Basel III auf strengere Eigenkapitalvorschriften für die Kreditwirtschaft verständigt. Die Finanzmärkte nehmen's positiv. Wie kommt das?
Die Märkte reagieren sehr logisch und konsequent auf die Basel-III-Beschlüsse. Die Marktteilnehmer haben rasch realisiert, dass sich am Status Quo kaum etwas ändern wird, da die Kapitalanforderungen nicht sonderlich anspruchsvoll für die Banken sind. Die Basler Standards sind nicht gut, sondern furchtbar. Sie bringen kaum etwas, wenn es um die Vermeidung künftiger Krisen geht. Und die Deutschen scheinen an der Schwächung der Anforderungen maßgeblich beteiligt gewesen zu sein.
Wieso sind die Beschlüsse kein Fortschritt?
Wir brauchen weit höhere Kapitalstandards als bisher vorgesehen. Dieser Regulierungsansatz adressiert die wirkliche Ursache der Finanzkrise nicht, nämlich den weit verbreiteten Bilanzbetrug in den Finanzunternehmen. Faktisch sind die Kapitalforderungen gemäß Basel III sogar noch geringer als unter Basel II. Denn wir Amerikaner und ihr Europäer habt unkonventionelle Buchungsmethoden eingeführt auf deren Basis Banken über den wahren Wert ihrer Vermögenswerte lügen können, um massivste Verluste auf Krediten und Anlagen zu verstecken. Die sind der Kern der Krise.
Was müsste man ändern - und sehen sie jemanden, der das tun könnte?
Nein. Wahrscheinlich müssen wir bedauerlicherweise erst die nächste Krise abwarten, bevor es zu den notwendigen Veränderungen kommen wird. Die ganze Ideologie, die uns zu diesem Punkt gebracht hat, muss erst einmal vollständig diskreditiert werden. Das dürfte nicht von heute auf morgen möglich sein. Die politischen Kräfte der heutigen Zeit tendieren dazu, die wahren Probleme auf die lange Bank zu schieben, statt sie auf realistische Weise anzugehen.
Was heißt das für den Anleger?
Der Privatanleger befindet sich zumindest aus regulatorischen Sicht in einem Umfeld, das deutlich gegen seine Interessen gerichtet ist. Institutionelle dagegen dürften die Märkte weiterhin wie ein Kasino behandeln. Aus diesem Grund wird ihre theoretische Funktion, Kapital effizient auf produktive Bereiche der Realwirtschaft zu verteilen, weiter degenerieren. In meinen Augen haben wir schon lange keine freien Kapitalmärkte mehr. Die Politik scheut sich davor, die Banken mit ihren Betrügereien und miesen Verhalten zu konfrontieren.
Passen Strategien wie Hochfrequenzhandel in dieses Bild?
Ja sicher. Sie sind erlaubt, obwohl sie keinerlei sozialen Zweck haben. Niemand scheint in seriöser Weise untersuchen zu wollen, was zum Flashcrash vor wenigen Monaten führte.
Was war denn die Ursache?
Irrtümer kommen immer dann vor, wenn menschliche Wesen involviert sind. Sie werden durch die hoch technisierten Handelsmaschinen potenziert und können die Wertpapiermärkte völlig verzerren. Ihre Zulassung ist so, als ob man Kinder mit Semtex (Plastiksprengstoff ) spielen lassen würde.
Können Privatanleger diesen Märkten trauen?
Das ist schwierig. Sie müssen auf jeden Fall akzeptieren, dass die Märkte sehr schwankungsanfällig werden können. Es gibt zwar viele ehrenwerte Marktteilnehmer, allerdings gehen sie in der Masser der von elektronischen Systemen getätigten Transaktionen unter. Man muss als Privatanlager seine Chancen eben suchen, da die Regulatoren ihre Aufgaben nicht ernst nehmen.
Was würden Sie kaufen? Aktien, Anleihen … oder Gold?
Immer mehr Leute investieren in Gold. Das ist in meinen Augen auch sehr rational. Der Preisanstieg wird nicht ausgelöst von ökonomischen Faktoren wie Deflations- oder Inflationssorgen. Sondern er spiegelt das Misstrauen in den offiziellen Sektor wider, das immer weiter zunimmt. Die Leute verlieren das Vertrauen in die Problemlösungsfähigkeit der Politik.. Der zunehmende Zweifel an die konventionelle Bewertung von Aktien, Währungen et cetera treibt sie immer mehr in alternative Anlagen. Ich denke, der Goldpreis wird noch viel weiter steigen. Bei Anleihen dagegen ist das Verhältnis zwischen Risiko und Ertrag unattraktiv.
Was, wenn ich behaupten würde, es handle sich um die nächste Preisblase?
Der Goldmarkt könnte sich durchaus zur nächsten Blase entwickeln. Ich denke, es ist noch nicht so weit. Aber grundsätzlich kann der gesamte Rohstoffbereich zu einer Blasenbildung neigen, da er immer mehr von finanziellen Überlegungen beeinflusst wird. Mehr und mehr Markteilnehmer steigen in diese Märkte ein. Die Preisentwicklung wird zunehmend von ihren Portfolioüberlegungen bestimmt und nicht von den realwirtschaftlichen Endnachfragern.
So besteht die Gefahr, dass sich diese Märkte von der Realwirtschaft abkoppeln.
Früher oder später dürfte es genau dazu kommen.
Das kann dramatisch werden für die Bevölkerung Afrikas oder die kleinen Leute in Mexiko, die Mais für ihre Tortillas teuer kaufen müssen …
… Afrika hat zynischerweise bisher den Vorteil, noch nicht zu stark in den Welthandel eingebunden und unter den Einfluss der Wall Street geraten zu seine. Die kleinen Leute jedoch werde auf's Kreuz gelegt. Aber war das nicht schon immer so? Gerade in den vergangen zwei, drei Jahren gab es die größte Vermögensverteilung der Geschichte zu Gunsten obersten fünf Prozent der Bevölkerung, obwohl genau die für die Krise verantwortlich waren.
Hatten Personen wie Paul Volcker zu wenig Power, um dagegen vorzugehen?
Seine Reformvorschläge gingen sowieso nicht weit genug, da sie auf veralteten Vorstellungen des Finanzsystems basierten. Vor der Krise kamen 75 Prozent der Kredite aus Verbriefungen und nur etwa 25 Prozent aus der traditionellen Kreditvergabe der Banken. Es gibt zu viel Kreditintermediation und zu wenige normale Kredite. Auch dieses Problem ist noch nicht gelöst.
Da sich Banken, Hedge-Fonds und andere genauso zu verhalten scheinen, wie vor der Krise - ist die nächste nur eine Frage der Zeit?
Ja, unbedingt. Viele sind etwas vorsichtiger geworden. Es gibt im Moment weniger Verbriefungen als vor der Krise und viele andere Exzesse sind reduziert worden, da die Banken noch ihre Wunden lecken. Es gibt allerdings keinerlei gesetzliche oder strukturelle Vorkehrungen, um eine Wiederholung in der Zukunft auszuschließen.
Ist das Wirtschaftswachstum robust?
Wahrscheinlich nicht, da wir zu viele der verfügbaren fiskalpolitischen Ressourcen zur Rettung von Finanzunternehmen verschwendet haben, statt für Einkommenswachstum und Arbeitsplätze zu sorgen. Tiefe Zinsen und Renditen mögen kurzfristig günstig sein für die Wertentwicklung von Finanzvermögen. So lange die Realwirtschaft jedoch nicht auf die Füße kommt, können wir kein robustes Wachstum erwarten.
Was würden Sie ändern, wenn Sie das Sagen hätten?
Ich würde mehr Ressourcen für eine fiskalpolitische Expansion verwenden, um Jobs zu schaffen, statt Banken mit Garantien zu versehen. Ich würde hart mit China umspringen, da das Land eine große destabilisierende Kraft in der Weltwirtschaft ausstrahlt.
Wieso ist gut, wenn Japan gegen den Yen interveniert, während Chinas Wechselkurspolitik schlecht ist?
Japans Wirtschaftsentwicklung ist deutlich schwächer als die Chinas. Zudem reagiert Japan in meinen Augen nur auf Impulse, die in Wirklichkeit von China ausgehen. China weigert sich, seine Währung aufzuwerten und exportiert auf diese Weise Deflation in den Rest der Welt.
Auf der anderen Seite haben sie viele amerikanische Staatsanleihen gekauft…
Solche Käufe sind nur eine logische Folge ihrer Handelspolitik. Wenn sie wirklich etwas für die Weltwirtschaft tun wollten, sollten sie mehr amerikanische Produkte kaufen, statt amerikanische Anleihen.
Sie werden jedoch zugeben, dass die amerikanische Wirtschaft effizienter werden muss. Wie wollen sie das erreichen?
Erstens würde ich das Finanzsystem deutlich strikter regulieren. Zweitens würde ich die Finanzmittel effizienter verwenden als bisher, indem ich etwa Gelder vom Militärhaushalt in produktivere Bereiche der Wirtschaft umleiten würde, wie man das in anderen Staaten auch tut. Staatsausgaben sind grundsätzlich nicht schlecht., es kommt allerdings darauf an, was man damit macht. Es ergibt keinen Sinn, Abermilliarden Dollar in die Banken zu stecken, aber kein vernünftig funktionierendes Gesundheits- und Bildungssystem zu haben.
Manche jedoch erklären, TARP und ähnliche Programme seien erfolgreich und die Regierung erziele letztlich sogar einen Gewinn damit.
Das ist Propaganda und eine schwere Lüge. Man kann nicht behaupten, die Banken hätten diese Geld zurückgezahlt und subventioniert auf der anderen Seite die laufenden Aktivitäten aufs heftigste. Die Rückzahlungen fanden nur auf Basis der von Bilanztricks verzerrten Gewinnausweise statt. Gleichzeitig werden die verlängerten Garantien und die massiven, indirekten Subventionen nicht berücksichtigt, die ihnen über Fannie Mae und Freddie Mac zufließen.
Wieso gehen eigentlich die Leute nicht auf die Straße und protestieren gegen diese Politik?
Die Amerikaner sind empört. Es gibt Proteste, wie etwa von Seiten der politisch rechts anzusiedelnden, und nur bedingt wichtigen Tea Party. Auch von linker Seite wird es einer Gegenbewegung kommen. In Zukunft dürften wir größere politische Veränderungen sehen, spätesten bei den Wahlen.
Wieso befinden sich die Verantwortlichen für die Krise nicht längst im Kittchen?
Viele stellen sich genau diese Frage. Die einzig wirklichen Proteste sehen wir in Ländern wie Irland oder Griechenland, wo die Leute direkt und hart getroffen werden. Aber ich habe das Gefühl, das wird sich bald ändern und zu einer Explosion führen.
Wieso und in welcher Form?
Spätestens die nächste Krise wird zu sehr intensiven Protesten führen.
Rechnen Sie mit zunehmenden Protektionismus?
Ja. Ich fürchte, er wird sich in erster Linie gegen China richten. Davon werden die Gläubigernationen Asiens am stärksten betroffen werden.