Horst Köhler ist voller Zuversicht: Das Land, das jetzt frische Milliarden vom Internationalen Währungsfonds (IWF) bekommen soll, "hat ein starkes Engagement gezeigt", um seine Währung zu verteidigen und zu sparen, bis das Defizit besiegt ist.
Der Sanierungsplan, lobt Köhler, werde "sehr dabei helfen, die makroökonomische Lage zu stabilisieren und das Vertrauen zu stärken".
Kein halbes Jahr später meldet das Land sich leider zahlungsunfähig – entnervt und entkräftet durch die Dauerrezession, erschüttert durch einen Aufstand der Mittelschicht, zerrüttet von blutigen Straßenschlachten. Bankfilialen gehen in Flammen auf, fünf Präsidenten geben sich innerhalb von 14 Tagen die Klinke in die Hand. Es ist der größte Staatsbankrott seit dem Zweiten Weltkrieg.
Die Rede ist von Argentinien 2001, und Horst Köhler war damals noch nicht Bundespräsident, sondern der Chef des IWF. Doch das Drama von Buenos Aires ist bedrückend aktuell: Sovereign Default, Zahlungsausfall staatlicher Schuldner, ist das hässliche Wort, das ins Getuschel der Investoren hineingekrochen ist.
Erst ging es nur um Dubai oder Island, jetzt steht Griechenland auf der Kippe. Und die Sorge wächst, dass noch größere Adressen folgen könnten.
"Griechenland ist nur die Spitze des Eisbergs", urteilt Chinas Vizezentralbankchef Zhu Min. "Ich fürchte, dass viele Regierungen Probleme bekommen, wenn die Zinsen über alle Laufzeiten hinweg ansteigen", warnt EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark. Und Mohamed El-Erian, oberste Instanz des wohl einflussreichsten Bondinvestors der USA, spricht von einer "signifikanten Regimeveränderung" an den Märkten: "Was wir sehen, ist ein großer, mehrjähriger Schock für die Staatsfinanzen mehrerer Industrienationen." Dessen Folgen haben die Anleger immer noch nicht richtig verarbeitet, glaubt der Pimco-Chef.
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Regierungen leben lieber über als unter ihren finanziellen Möglichkeiten, in Berlin wie Washington. Das ist keine neue Erkenntnis. Auch die Anspruchslawine, die auf die Renten- und Krankenkassen der alternden Industrienationen zurollt, ist seit Langem bekannt. Jedes Kind weiß heute, dass daraus irgendwann einmal ein ernstes Problem entstehen kann.Neu und bedrohlich ist hingegen, dass dieses Irgendwann mit einem Schlag so nah gerückt ist. All die Puffer und Sicherheitsabstände, die es für die meisten Industrieländer bis vor Kurzem noch gab, hat die Krise heftig zerknautscht.
Angebahnt hat sich die Katastrophe so wie bereits viele Finanzkrisen zuvor: auf die ganz klassische Art. "Das Kennzeichen des Booms ist der Anstieg der privaten Verschuldung", hat der Ökonom Daniel Gros vom Brüsseler Thinktank CEPS analysiert. "Das Kennzeichen des folgenden Crashs ist der Anstieg der Staatsverschuldung, wenn private Schulden nicht mehr bedient werden."
Notgedrungen springt der Staat in dieser Lage als Retter ein. Erst indem er faule Altkredite in verschiedener Form auf seine Bücher nimmt. Dann indem er die Nachfrage stützt, obwohl seine eigenen Einnahmen kollabieren. Während die Privaten hektisch Ausgaben kürzen und Schuldenhebel abbauen, sammelt der neue Großschuldner Staat die entstehenden Sparüberschüsse auf und hält so die Konjunktur am Laufen.
Allein den Preis für den ersten Part, die heftig umkämpften Bankenbailouts, hat der IWF auf 13,2 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIPs) beziffert. Ein beträchtlicher Teil davon soll irgendwann in die Staatskassen zurückfließen.
Part zwei, der Stimulus und die anhaltenden Schleifspuren beim Steueraufkommen, ist erfahrungsgemäß um ein Mehrfaches teurer. Alles zusammenaddiert wächst der staatliche Schuldenberg rasant. In den ersten drei Jahren nach einer Bankenkrise steigt er im historischen Durchschnitt um 86 Prozent, haben die US-Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart errechnet. Ihre detailreiche Studie über die Geschichte von Finanzkrisen ("This Time is Different") ist bei Investoren längst Pflichtlektüre.
Es sind die Breite und die Wucht der Schuldenlawine, die einen Profianleger wie El-Erian diesmal alarmieren. Staatliche Haushaltslöcher von mehr als einem Zehntel des BIPs ließen sich früher allenfalls in ökonomischen Schmuddelecken finden. Heute sind sie in 40 Prozent der Weltwirtschaft business as usual.
In vier Jahren dürfte es im Kreis der G7 ganz normal sein, dass ein Staat mit mehr als seiner jährlichen Wirtschaftsleistung in der Kreide steht. Bis dahin werden laut IWF nicht mehr allein die alten Großschuldner Japan und Italien eine Staatsschuldenquote von über 100 Prozent des BIPs mit sich herumschleppen, sondern auch Frankreich, Großbritannien und die USA. .........
...Staaten sind robustere Schuldner als Privatleute oder Unternehmen, weil sie auf eine ganze Volkswirtschaft zugreifen und ihre Einnahmen und Ausgaben eigenmächtig festsetzen können. Ebendiese Souveränität ermöglicht es einer Regierung auch, notfalls einseitig Zahlungen auszusetzen. Ein Insolvenzrecht, das den Gläubigern Zugriff auf die Vermögenswerte eines zahlungsunfähigen Schuldners garantiert, existiert für Staaten nicht. Wer sollte das verbindlich durchsetzen?
.....Rein technisch gesehen kommt es für die Krisenopfer vor allem darauf an, den sogenannten Schneeballeffekt der Verschuldung zurückzudrängen. Der ergibt sich, wenn der auf den Schuldenberg zu zahlende Zins höher ist als das nominale Wirtschaftswachstum.Gelingt es künftig nicht, mit niedrigen Zinsen und hohem Nominalwachstum an alte Boomzeiten anzuknüpfen, bleibt nur der harte Weg. Stabilisieren oder gar senken lässt sich die Schuldenquote dann bloß, wenn der Etat vor Zinszahlungen ein deutliches Plus ausweist – im Prinzip also die Steuern der Bürger die regulären Staatsausgaben übersteigen.
....Wachsen Zweifel an der Sanierung und am Hilfswillen der Partner, drohen unmittelbar steigende Zinsen und neue Sparprogramme. Das verschärft die Krise zusätzlich, destabilisiert das Land politisch, treibt auch noch die letzten Investoren aus dem Land. Am Ende regiert die nackte Panik – das argentinische Szenario.
Das Unglück der Griechen: Sie schneiden bei fast jedem denkbaren Kriterium schlecht ab. Die aktuellen Wirtschaftsdaten sind desaströs, die historische Reputation der Finanzpolitik liegt in Trümmern. Wie einst in Argentinien drückt ein enges Währungskorsett, das Abwertung ausschließt. Und eine Geschichte der Schulden und Pleiten deutet auf schwache Institutionen und tiefe Zerrissenheit hin.....
Die nackte Arithmetik der Schulden und Leistungsbilanzdefizite sei "einfach gruselig", befand kürzlich der Ex-IWF-Chefvolkswirt Simon Johnson.Etliche Ökonomen rechnen über kurz oder lang mit einem Zahlungsausfall, falls die EU-Partner nicht einspringen. Ein solcher Default müsste nicht gleich der große Crash sein, es könnte auch eine Umschuldung geben, bei der die Gläubiger Verzicht leisten müssen.
Gemessen an den Griechen sehen die anderen Euro-Problemfälle und erst recht die G7nach wie vor solide aus. Selbst dort, wo die Fiskalkrisen auf den ersten Blick schwindlig machen, lässt sich bei genauerer Analyse auf die eine oder andere Stärke verweisen – sei es ein niedriger Schuldenstand (Spanien), stabile Primärüberschüsse (Italien), Exportkraft und politische Geschlossenheit (Irland), Wachstumspotenzial (USA), Niedrigstzinsen (Japan), langfristig finanzierte Altschulden (Großbritannien) oder schlicht die Glaubwürdigkeit vieler bewährter Institutionen.
Wer über eine eigene Notenpresse verfügt, wird lieber diese anwerfen, als eine offene Pleite zu riskieren. Inflation, nicht Zahlungsausfall zählt gegenwärtig zu den größten Risiken in Großbritannien und den USA.
Dennoch: Der Grat ist für alle gefährlich schmal geworden, schon kleine Politikfehler können sich rächen. ....
www.ftd.de/politik/europa/...griechische-grippe/50108209.html?