Ich denke, dass wir über diese Thematik eine sehr schöne und interessante Diskussion führen. Hoffentlich sprengt das jetzt nicht den Rahmen dieses Threads...
;)
Ich denke genau diese Punkte, die du auch ansprichst Hagen ("Wo soll man die breiten Bevölkerungsschichten (vor allem auch die weniger qualifizierten Kräfte) denn dauerhaft in Lohn und Brot bringen, wenn nicht im produzierenden Gewerbe ?"), das sind fundamentale & richtige Fragen... ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dies auch Thema in Thinktankstrategiebesprechungen ist. Man könnte fast schon zu dem Ergebnis kommen, dass diese Frage im Endeffekt so alt ist wie der Kapitalismus selber.
Wie du schon sehr schön gesagt hast, der öffentliche Dienst, Verwaltung, Gesundheitswesen (v.A. inkl. Pflege, ein ganz großes Zukunftsthema!!) sind wohl aus genau diesem Grund bereits jetzt schon so extrem aufgebläht.
Das unfassbare ist ja dabei, dass wir so dermaßen gigantisches Leerlaufpotential haben, dass wir uns das bislang und wohl auch noch eine absehbare Zeit lang so weiter leisten können, bzw. wie du schon gesagt hast: sogar leisten MÜSSEN!
Ich habe das Gefühl wir mutieren aus den von dir genannten Gründen parallel zur Wissensgesellschaft auch zu einer "Arbeitsbeschaffungsmaßnahmengesellschaft". Dabei kommt uns gerade sehr die "Greenwelle" zur Hilfe.
Es werden Beraterpositionen ohne Ende geschaffen, das ist einfach nur unfassbar.
Nach simplen Dingen wie Rechtsanwalt, TÜV, Steuerberater oder einfach nur Notar werden jetzt ganz andere Geschütze aufgefahren.
Die meisten dieser komplett neuen EU-verordneten Beraterriegen haben weder einen fassbaren Dienstleistungsnutzen, noch erst recht keinen Produktivitätsnutzen im klassischen Sinne des BIP. Man möchte meinen es wird ab sofort auf möglichst bürokratische Weise die Umwelt geschützt.
Das ist sooo herrlich, wenn man sich mal etwas umschaut:
Autos & Häuser bekommen Umweltplaketten (das ist erst der Anfang, ich denke Plaketten werden weiter komplexer und ausdifferenzierter werden als nur grün/gelb/rot!), Bürogebäude müssen nach diesen und jenen Kriterien bewertet & zertifiziert werden, wer heutzutage eine Produktionsstätte errichten möchte muss je nach Gewerbe quasi einen eigenen Zertifizierungsstab für Arbeitssicherheit, Hygiene, Abfallentsorgung, Energieverbauch und so weiter mitbezahlen. Komplette Branchen mit nicht unerheblicher "Wertschöpfung" wie z.B. chemische Analyselabore fußen auf dem Berater/Zerfifizierungsmodell.
Es entsteht gerade eine komplette "Greenzertifizierungsbranche": z.B. auf meinem PC-Netzteil steht das "80+Effizienz"-Logo, auf meinem Monitor ist auch sowas, mein Kühlschrank ist A++.... das ist eine komplette "Industrie" die gerade aus dem Nichts entsteht. Nur lass uns das mal -obwohl es das sicher nur teilweise verdient hat- als Teil der Wissensindustrie verstehen.
Es gibt inzwischen schon Grabenkämpfe um die Vorherrschaft verschiedener Green-Label.
Die Amis haben uns da leider sehr viel voraus, da sie Label (natürlich gegen Geld!!) anbieten, die bewusst so ausgehöhlt sind, dass sie fast jedes Produkt bekommt, aber die einfach dennoch so klingen als wäre viel dahinter.
Das sind interessante Trends und die Folgen für unsere Gesellschaft sind unabsehbar.
Aber ich denke wir dürfen nicht vergessen, woher diese Situation stammt: es ist ein Luxusproblem, weil wir einfach gerade durch die Verlagerung unserer Industrie ins Ausland so dermaßen wohlhabend geworden sind, dass uns sogar hochwertigere Arbeiten so extrem billig von ausländischen Arbeitern abgenommen werden, dass sich auch ein klagender Harz4-Empfänger sich materielle Dinge aus ausländischer Produktion leisten kann, die vor 10 Jahren unvorstellbar gewesen wären.
Was mich nur immer aufregt, ist dass es einfach niemand so sieht. Alle Welt ist mal wieder voll dabei ihren Heilsbringer ans Kreuz zu nageln. Jeder Arbeiter der hier zu den Stundenlöhnen arbeiten müsste, die woanders gängig sind, würde lieber krepieren, als so dermaßen zu versklaven. Aber sich dann beschweren, dass "keine Arbeit da ist". Würde sich der Arbeiter bereit erklären für 50Cent die Stunde zu arbeiten -so wie der im Ausland- würde er sich wundern, wieviel Arbeit er auf einmal hätte.
Er hat hier aber die freie Wahl und entscheidet sich dagegen -der im Ausland hat diese Wahl allerdings nicht.
Ich finde deine Einwände sehr gut und passend und stimme dir vollstens zu. Mir fällt aktuell keine passende Antwort hierfür ein. Sicherlich wird es in unserer immer vielschichtiger ausdiffenrenzerenden Produktwelt immer mehr Nischenlösungen und Produkte geben, für die sich eine Auftrennung von Entwicklung und Produktion schlicht nicht lohnt.
Solche Produkte werden sicher nur in den seltensten Fällen ins Ausland verlagert werden und in solchen Bereichen hätte auch hierzulande die Industrie noch eine Chance. Weiterhin gibt es natürlich die zunehmende Automatisierung, welche aber vom Arbeitsplatzaspekt zum selben Resultat führt wie eine Verlagerung ins Ausland.
Darüber hinaus darf man keinesfalls vernachlässigen wie stark der F&E-Bereich allgemein aufgliederbar und auch noch ausbaubar ist. Wenn man sich einfach nur die Pipeline für EIN einziges pharmazeutisches Medikament von der Grundlagenforschung über Studien bis zur Vermarktung anschaut, wenn man mal schaut, was alles nötig ist, nur ein einziges Medikament auf den Markt zu bringen, dann kann man letztendlich nur zu dem Schluss kommen, dass die industrielle Fertigung des Produktes selber nur der kleinste wenn auch unangenehmste Teil der Arbeit ist.
Auf 10 Dipl. Biologen kommen da 40 MTA, 1 Putzfrau, 1 Handwerker, 0,5 Admin, 1 Programmierer, etc.
Da sieht man, Wissensarbeit kommt auch nicht ohne "simple" Arbeiter vor Ort aus.
Zahlreiche Derivate des fertigen Medikaments wurden zuvor gleichzeitig nach allen erdenklichen Kriterien getestet und es wurden dabei Dienstleistungen und Produkte aus fast allen denkbaren lokalen Branchen angefordert.
Dies wird wohl noch eine ganze zeitlang weiterhin in Europa erfolgen und wenn die Resultate der Forschung letztendlich ins Ausland in die Produktion geschickt werden so ist das völlig i.O. und die erzielten Gewinne ermöglichen uns weiterhin den Luxus der allgemeinen Aufblähung ohne ernsthaften Systemzusammenbruch.
Als Fazit und vielleicht auch teilweise als Antwort vielleicht also dieser Haupttrend:
Produkte werden dermaßen komplex in der Planung, dass die Ausführung der Produktion künftig nur noch einen Bruchteil im Wertschöpfungprozess ausmacht.
Dadurch ist einerseits mal wieder viel unangenehme Arbeit ins billige Produktionsausland verlagert worden, der wahre Wertschöpfungsprozess geschieht aber hierzulande und er ist so komplex und bindet so viele Arbeiter, dass dabei auch genug unakademische Arbeit anfallen kann und er ist weiterhin zu komplex um von eigenständigen ausländischen Firmen einfach kopiert zu werden, da diesen hierfür einfach die akademische Infrastruktur und die gewachsenen Organisationsstrukturen fehlen.