Leider ist auch das Handelsblatt inzwischen mit Räuberpistolen-Berichterstattung auf dem miesen Niveau der Wirtschaftswoche angekommen. Noch vor vier Jahren konnte zumindest das Handelsblatt ganz anders, wie ein Artikel zum 80. Geburtstag von Robert Solow beweist, denn dort wird sehr gut aufgezeigt, wie wichtig es ist, zwischen Wachstum und Konjunktur zu differenzieren. Wer das nicht kann, kann mit Sicherheit Anleger keine Ratschläge machen und hat als Autor in einer Wirtschaftzeitung nicht zu suchen.
HANDELSBLATT, Montag, 23. August 2004, 08:32 Uhr
Robert M. Solow, Begründer der modernen Wachstumstheorie, wird am Montag 80 Jahre alt
Von Dietrich Creutzburg, Handelsblatt
Mit seiner Theorie über die Bedeutung des technischen Fortschritts für das Wirtschaftswachstum hat er etwas geschaffen, das heute zum Kern der Volkswirtschaftslehre gehört. Sie lieferte, ähnlich der keynesianischen Makroökonomik, nicht nur einen wichtigen Beitrag zum Fortschritt der Wissenschaft, sondern zudem gutes Anschauungsmaterial zur ökonomischen Theoriebildung. Solow hat mit seiner bereits 1956 entworfenen neoklassischen Wachstumstheorie gewissermaßen einen optimistischeren Zugang zur Analyse der wirtschaftlichen Entwicklung geschaffen, nimmt man die keynesianische Theorie zum Maßstab, die vor allem auf die akuten Krisenphänomene der „Great Depression“ zielte. Zwar steht auch Solow, ganz in Tradition des MIT, einer aktiven Konjunktursteuerung aufgeschlossen gegenüber. Doch konnte er mit ungeahnter Präzision zeigen, dass Konjunktur – sprich: Schwankung der Nachfrage – nicht alles ist, was die Wirtschaft bewegt.
Dass technischer Fortschritt überhaupt so stark ins Zentrum ökonomischer Forschung rückte, ist Solows Verdienst. Er zeigte bereits 1957 mit seinem neuen Modell, dass sieben Achtel des US-Wirtschaftswachstums seit der Jahrhundertwende eben darauf zurückzuführen seien. Somit ist der langfristige Wachstumspfad weniger durch bloße Kapital-Akkumulation (die in 11/II bei der Besprechung der Industrialisierung und der Theorien von Adam Smith und Karl Marx von uns noch stark in den Vordergrund gestellt wurde) bestimmt, die eigentliche Triebkraft für das Wachstum ist, folgt man den Untersuchungen Solows, die Verbesserung der Produktionstechnologie. Denn nur damit wird es möglich, dass dieselbe Zahl an Arbeitskräften durch mehr Kapitaleinsatz tatsächlich auf Dauer ein höheres Gesamteinkommen erzielt.
Die offene Flanke des Modells ist allerdings, dass es nicht erklärt, wie der technische Fortschritt in die Wirtschaft kommt – sein Segen ist quasi eine unerklärbare Restgröße des Wirtschaftswachstums, das sich statistisch messen lässt. Was dem Makroökonomen Solow Kopfzerbrechen bereitete, störte den Statistiker Solow freilich wenig. Dessen Hauptziel war erreicht: Das Modell ebnete den Weg für eine viel detailliertere Datenanalyse und damit für eine neue Fachdisziplin, das so genannte „growth accounting“. Im Übrigen mehrte sogar der scheinbare Mangel des Modells Solows Bekanntheit: Während die Theoretiker noch über Jahrzehnte an Lösungen tüftelten, setze sich ein fester Begriff für technischen Fortschritt als Restgröße durch: das „Solow-Residuum“.
Kurz bevor Solow 1987 den Nobelpreis erhielt, gelang dem heutigen Stanford-Ökonomen Paul Romer ein erster Durchbruch, wie man das technischen Fortschritt als „endogene Variable“ in das Modell integrieren kann. In der Konsequenz rücken die Bildungspolitik und, noch allgemeiner, die Qualität des staatlichen Ordnungsrahmens stärker ins Blickfeld als zuvor.
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