Das Fieber ist zurück
Neue Bekenntnisse eines Kleinanlegers. Und ewig lockt das Geld
Von Matthias Iken
Hamburg - Vielleicht sind das Aktienfieber und die Malaria doch verwandte Krankheiten. Monatelang waren wir fieberfrei - uns ging es recht gut, zumindest besser als unseren Aktiendepots. Zuerst taumelten wir noch mit den Kursen - erst im Freudentaumel über vermeintlich günstige Einstiegskurse, dann hilf- und orientierungslos den fallenden Notierungen hinterher. Irgendwann aber konnten die Kurse ohne uns taumeln - ja, sie konnten uns, Himmelherrgott noch mal, einfach mal gerne haben. Wir ließen von ihnen ab wie von einer verschmähten Liebe, von den seelenlosen Papieren, die uns Geld, Kraft und Hoffnung gekostet hatten. Trotzig entdeckten wir das Leben nach der Börse: Wir erkannten, dass es andere Dinge zu feiern gibt als Kursgewinne, dass es andere Frauen gibt als Carola Ferstl, ja, dass auch anderswo Tore fallen als an der Börse.
Und plötzlich ist wieder alles wie früher. Gerade hatten wir die Börse hassen gelernt - hatten Verschwörungstheorien entwickelt, Analysten verflucht, Vorstände verklagt und uns selbstzufrieden im Selbstmitleid gesuhlt. Und dann das: Die Kurse steigen, steigen, steigen. Völlig ohne Grund, einfach so. Wieder springen uns zweistellige Prozentzuwächse in die Augen, und ewig lockt das Geld.
Doch diesmal, dachten wir uns, sind wir klüger: Haha, triumphierten wir, in diese Bullenfalle tappen wir nicht noch mal. Wir haben schließlich unsere Lektionen gelernt. Und schauten den Kursen ungläubig hinterher. Und das nun schon seit Wochen. Langsam dünkt uns, dass wir schief liegen - wieder mal. Und langsam, ganz langsam, viel zu langsam werden wir rückfällig. Werfen unserer alten Liebe einen verschämten Blick hinterher. Zappen - natürlich rein zufällig - in der Telebörse vorbei, kaufen uns heimlich Aktien & Co., blicken verstohlen in den Kursteil der WELT. Sollte etwa . . ., ja könnte nicht, vielleicht zumindest . . .? Plötzlich kriecht die Gier, fast vergessen, wieder in uns hoch - dass Aktienfieber ist zurück. Vielleicht sind wir doch noch nicht geheilt, sondern waren nur monatelang frei von den Symptomen eines Fieberwahns?
Einige hat es schon voll erwischt, sie beginnen zu fantasieren: Der Besuch im Börsenchat zeigt, dass ganz durchgeknallte Typen wieder Blut geleckt haben. Wie in der guten alten Zeit wird Metabox zur Wunderkiste, Kerzencharts zu Sternen, die uns voranleuchten, und jeder Börsentag verspricht ein Paradies zu werden: "Elfmeter für die Bullen vor dem leeren Tor", jubiliert einer. Vermutlich werden auch wir wieder draufschießen - und vermutlich wird es wieder danebengehen. Aber dieses Mal soll keiner mehr sagen, er hätte es nicht gewusst.
www.welt.de
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Von Matthias Iken
Hamburg - Vielleicht sind das Aktienfieber und die Malaria doch verwandte Krankheiten. Monatelang waren wir fieberfrei - uns ging es recht gut, zumindest besser als unseren Aktiendepots. Zuerst taumelten wir noch mit den Kursen - erst im Freudentaumel über vermeintlich günstige Einstiegskurse, dann hilf- und orientierungslos den fallenden Notierungen hinterher. Irgendwann aber konnten die Kurse ohne uns taumeln - ja, sie konnten uns, Himmelherrgott noch mal, einfach mal gerne haben. Wir ließen von ihnen ab wie von einer verschmähten Liebe, von den seelenlosen Papieren, die uns Geld, Kraft und Hoffnung gekostet hatten. Trotzig entdeckten wir das Leben nach der Börse: Wir erkannten, dass es andere Dinge zu feiern gibt als Kursgewinne, dass es andere Frauen gibt als Carola Ferstl, ja, dass auch anderswo Tore fallen als an der Börse.
Und plötzlich ist wieder alles wie früher. Gerade hatten wir die Börse hassen gelernt - hatten Verschwörungstheorien entwickelt, Analysten verflucht, Vorstände verklagt und uns selbstzufrieden im Selbstmitleid gesuhlt. Und dann das: Die Kurse steigen, steigen, steigen. Völlig ohne Grund, einfach so. Wieder springen uns zweistellige Prozentzuwächse in die Augen, und ewig lockt das Geld.
Doch diesmal, dachten wir uns, sind wir klüger: Haha, triumphierten wir, in diese Bullenfalle tappen wir nicht noch mal. Wir haben schließlich unsere Lektionen gelernt. Und schauten den Kursen ungläubig hinterher. Und das nun schon seit Wochen. Langsam dünkt uns, dass wir schief liegen - wieder mal. Und langsam, ganz langsam, viel zu langsam werden wir rückfällig. Werfen unserer alten Liebe einen verschämten Blick hinterher. Zappen - natürlich rein zufällig - in der Telebörse vorbei, kaufen uns heimlich Aktien & Co., blicken verstohlen in den Kursteil der WELT. Sollte etwa . . ., ja könnte nicht, vielleicht zumindest . . .? Plötzlich kriecht die Gier, fast vergessen, wieder in uns hoch - dass Aktienfieber ist zurück. Vielleicht sind wir doch noch nicht geheilt, sondern waren nur monatelang frei von den Symptomen eines Fieberwahns?
Einige hat es schon voll erwischt, sie beginnen zu fantasieren: Der Besuch im Börsenchat zeigt, dass ganz durchgeknallte Typen wieder Blut geleckt haben. Wie in der guten alten Zeit wird Metabox zur Wunderkiste, Kerzencharts zu Sternen, die uns voranleuchten, und jeder Börsentag verspricht ein Paradies zu werden: "Elfmeter für die Bullen vor dem leeren Tor", jubiliert einer. Vermutlich werden auch wir wieder draufschießen - und vermutlich wird es wieder danebengehen. Aber dieses Mal soll keiner mehr sagen, er hätte es nicht gewusst.
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