Cowboys in New York: Kontinuität der Geschichte


Thema
abonnieren
Beiträge: 8
Zugriffe: 431 / Heute: 2
Schnorrer:

Cowboys in New York: Kontinuität der Geschichte

 
24.03.02 10:40
gibt es wirklich: irgendwie kommt einem das alles ziemlich bekannt und schmutzig vor:



AUS DEM GEIST DES WILDEN WESTENS

Theodore Roosevelt wusste mit dem Kino umzugehen. Vor 100 Jahren wurde er US-Präsident

Der Kassenschlager des Frühjahrs 1898 im New Yorker Eden Musee war ein Film über die Passionsspiele von Oberammergau. Allerdings wurde er am vierten Mai desselben Jahres abgesetzt, da ein aktuelles Ereignis das ganze öffentliche Interesse in Anspruch nahm. Die größte Heldengeschichte aller Zeiten musste einer Heldengeschichte weichen, deren Protagonisten ganz real und noch dazu Amerikaner waren. Seit zwei Wochen befanden sich die USA im Krieg mit Spanien. Die Schlachtfelder jener Tage befanden sich auf Kuba. Schon seit 1895 unterstützen die USA die kubanische Unabhängigkeitsbewegung, die unter der Führung des Revolutionärs José Marti Krieg gegen das Mutterland Spanien führte.

Insbesondere die Berichte über Konzentrationslager, in denen der spanische General Valeriano Weyler kubanische Zivilisten interniert hatte, heizten die anti-spanische Stimmung in den USA an. Den endgültigen Anlass für den Kriegseintritt bildete ein Vorfall am 15. Februar 1898. Im Hafen von Havanna explodierte das amerikanische Schlachtschiff »Maine«, 266 Matrosen kamen dabei ums Leben. Von nun an erscholl im ganzen Land der Schlachtruf: »Remember the Maine - to Hell with Spain«. In Anlehnung an »Remember the Alamo« aus dem Krieg gegen Mexiko, traten die USA am 23. April auf Druck der öffentlichen Meinung in einen Krieg ein, der sich erstmals außerhalb der Grenzen des nordamerikanischen Kontinents abspielen sollte. Für die USA dauerte dieser Krieg 113 Tage, er endete mit der Niederlage Spaniens und der Unabhängigkeit Kubas. Für den amerikanischen Imperialismus des zwanzigsten Jahrhunderts bildete er allerdings einen Präzedenzfall und brachte unter maßgeblicher Beteiligung der Medien einen echten Helden hervor: Theodore, oder »Teddy«, Roosevelt, der drei Jahre später, am 14. September 1901, als sechsundzwanzigster Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt wurde.

Es ist noch nicht lange her, dass Roosevelts militärischer Beitrag zum Gewinn des Krieges von höchster Stelle gewürdigt wurde. Am 16. Januar dieses Jahres nahm Tweed Roosevelt anstelle seines Urgroßvaters von Bill Clinton die Medal of Honor und damit die höchste militärische Auszeichnung der USA, entgegen. Roosevelt ist der erste amerikanische Staatspräsident, dem diese Ehrung, wenn auch posthum, zuteil wurde. Die Tatsache, dass die Auszeichnung ausgerechnet in diesem Jahr vergeben wurde, lässt sich wohl nur mit dem hundertjährigen Präsidentschaftsjubiläum erklären. Und doch wird genau dieser Umstand in der Laudatio mit keinem Wort erwähnt. Die Medal of Honor richtet sich ausdrücklich an den Soldaten Roosevelt, nicht an den Präsidenten. Clinton lobte Roosevelt für seine militärischen Leistungen und insbesondere für die Tapferkeit, die er im Rahmen der Eroberung von San Juan Hill im spanisch-amerikanischen Krieg an den Tag gelegt habe. Unter völliger Vernachlässigung seiner eigenen Sicherheit habe Roosevelt seine Männer über freies Feld durch das offene Feuer der Spanier geführt, einen von ihnen persönlich mit der Pistole erschossen und schließlich als erster die feindlichen Stellungen erreicht. Allein seiner außerordentlichen Heldenhaftigkeit und seinem militärischen Pflichtbewusstsein sei der Sieg bei San Juan Hill zu verdanken.

Dass Bill Clinton bei der Verlesung einer solchen Laudatio nicht die Schamesröte ins Gesicht stieg, ist erstaunlich. Denn spätestens heute müsste jedem historisch Halbgebildeten klar sein, dass es im Fall von San Juan Hill um ein Beispiel für mythische Geschichte handelt, also um ein Ereignis, dessen historische Realität längst durch Heldenerzählungen und stilisierte Bilder überformt ist. San Juan Hill gehört nämlich in die berühmte Reihe kolportierter Geschehnisse, die den Wilden Westen überhaupt erst als eine Epoche heroischer Kämpfe erzählbar machten: Alamo, Wounded Knee und Summit Springs. Doch um das Missverhältnis zwischen dem Mythos und den dahinterliegenden Ereignissen wusste man bereits 1898. Direkt nach der Explosion der Maine berichtete das New York Journal eine Woche lang täglich auf acht Seiten über dieses Ereignis, und der Verleger Hearst schickte den berühmten Zeichner, Maler und Bildhauer Frederic Remington auf seiner Privatyacht nach Kuba. Remington hatte sich bislang insbesondere als Illustrator von Wild-West-Motiven einen Namen gemacht und unter anderem mehrere Portraits von William Cody, der unter dem Künstlernamen »Buffalo Bill« eine überaus populäre Wild-West-Show leitete, fabriziert. Auf Remingtons Beschwerde, in Kuba gäbe es gar nichts zu sehen, was sich zu zeichnen lohne, soll Hearst tatsächlich jenen Satz entgegnet haben, den Orson Welles 1941 Charles Foster Kane in den Mund legte: »Sie liefern die Bilder, ich liefere den Krieg.«

Als Remington in Kuba erfuhr, dass die entsandten Kavallerieregimenter angesichts der Geländebeschaffenheit wohl oder übel zu Fuß in die Schlacht würden ziehen müssen, während die Pferde in Florida zurückblieben, war seine Empörung darüber so groß, dass er sich umgehend persönlich an den verantwortlichen Befehlshaber, General Miles, wandte. Dieser versicherte ihm, die Soldaten würden darauf brennen, überhaupt kämpfen zu dürfen. Doch ging Wild-West-Zeichner Remington mit einem unguten Gefühl aus dieser Unterredung: »It is a pity that our nation finds it necesarry to send cavalry to war on foot.« Eine unberittene Kavallerie warf ein Darstellungsproblem auf: Sollte der Kuba-Krieg als Fortsetzung der Indianerkriege im nationalen Bewusstsein verankert werden, konnte man auf die Figur des Reiters, die schließlich im imaginären Zentrum des Gedächtnisses vom Wilden Westen stand, nur schlecht verzichten.

Theodore Roosevelt machte sich weit skrupelloser an die Lösung dieses Problems. Die Soldaten, die er auf Kuba befehligte, firmierten als Rough Riders, einen Titel, den Roosevelt von William Cody entlehnt hatte, der seine Wild-West-Show zur gleichen Zeit als Rough Riders of the World in New York präsentierte. Dabei übertrug Roosevelt das Konzept einer Show, die den historischen Wilden Westen in einer Abfolge von Reiterkunststücken präsentierte, auf die Bedingungen eines realen Krieges. Die besondere Qualifikation Wild-West-erfahrener Männer sollte nun einem Kavallerieregiment zugute kommen. Roosevelt rekrutierte also tatsächlich ehemalige Cowboys, Sheriffs und Indianer, die durch die Teilnahme an Indianerkriegen biographisch zu diesem Einsatz prädestiniert erschienen. Auch Polizisten, die Roosevelt aus seiner Zeit als Polizeichef von New York kannte, wurden in das Regiment aufgenommen. Hinzu kamen ehemalige Kumpels aus dem College, Kongressangehörige, Senatoren und schließlich eine ganze Reihe prominenter Sportler, darunter der amerikanische Tennismeister Bob Wrenn. Auch wenn die meisten der Letztgenannten den sogenannten Wilden Westen eher aus Groschenromanen denn aus eigener Anschauung kannten, zweifelte Roosevelt nicht an der Tauglichkeit seiner Rekruten.

Offenbar ging er davon aus, dass allein die Mitgliedschaft in einem Jagdclub, vor allem aber der bloße Wille zum rauhen Überlebenskampf im Freien, prinzipiell jeden Städter von der Ostküste zu einem guten Rough Rider machen könne. Besonderen Wert legte er dabei auf die Fähigkeiten im Umgang mit Pferden und das diesbezügliche Training. Gerade Indianer und Frontierkämpfer aus dem Westen besaßen darin exzellente Qualitäten. Über einen Cowboy aus Oklahoma schreibt Roosevelt: »Then there was little McGinty, the bronco-buster from Oklahoma, who never had walked a hundred yards if by any possibility he could ride.« Die historische Tatsache, dass die Rough Riders ihre Pferde schon vor der Verschiffung nach Kuba in Tampa, Florida, zurücklassen mussten, erwähnt der spätere Präsident in seiner 1899 erschienenen Schilderung des Krieges mit keinem Wort. Doch darauf kam es den Besuchern des Eden Musee auch gar nicht an. Die Frage, ob die Bilder, die sie daheim präsentiert bekamen, der Realität auf den fernen Schlachtfeldern auch nur ähnelten, stellte sich ihnen schlichtweg nicht. Zwar waren einige der Filme, etwa Wreck of the Battleship ‚Maine oder Morro Castle, Havanna Harbor tatsächlich in Kuba gefilmt worden, die meisten Szenen allerdings hatte man irgendwo in New Jersey mit Mitgliedern der National Guard nachgestellt. Wenn also The Battle of San Juan Hill oder Charge of the Rough Riders at El Caney über die Leinwand flimmerten, handelte es sich um ebenso fiktive Filme wie Passion Play, der ja auch nicht in Oberammergau gedreht worden war. Als die Rough Riders im September 1898 aus Kuba heimkehrten, statteten die meisten dem Eden Musee einen Besuch ab, so dass das Kino, wie eine Tageszeitung stolz verkündete, zu ihrem neuem Hauptquartier wurde. Die Kinobesucher bereiteten den Kriegshelden einen enthusiastischen Empfang und ließen sich mit Souvenirs aus Kuba versorgen. Als mit Joseph Wheeler sogar ein General in einer Vorführung erschien, blieb er nicht lange unerkannt und wurde vom Publikum und den anwesenden Soldaten frenetisch gefeiert.

Der Krieg von 1898 hatte seine Schlachtfelder längst auf die New Yorker Medienlandschaft verlagert. Auf dem Filmmarkt konkurrierten die Edison Company und Vitagraph und produzierten einen immensen Output an Kriegsfilmen, der das Interesse am noch jungen Medium derart steigerte, dass überall in den größeren Städten Lichtspielhäuser eröffnet wurden. Auf dem Zeitungsmarkt erlangten führende Blätter wie William Randolph Hearst´s New York Journal und Joseph Pulitzer´s New York Journal durch ihre Kriegsberichterstattung ungeahnt hohe Auflagen. In diesen Wochen entstand das Phänomen »Yellow Press«. Von früher Jugend an war Theodore Roosevelt Asthmatiker. Zeitlebens litt er unter schwacher Gesundheit, und trotzdem ging er als Rancher, Großwildjäger und Cowboy ins nationale Gedächtnis der Vereinigten Staaten ein. Offenbar kannte er sich gut aus mit der Wirkung von Bildern. Die Schilderung des kämpfenden Soldat, die Clinton in seiner Laudatio zur Verleihung der Medal of Honor vortrug, entspricht dem Bild, das sich die Öffentlichkeit schon zu Lebzeiten von Roosevelt gemacht hatte.

Seine eigentliche Stärke lag hingegen in einem virtuosen Umgang mit den Medien. Durch Film und Presse gelang es Roosevelt, die Tradition eines virilen Amerika mitsamt seiner Mythen ins zwanzigste Jahrhundert zu überführen. Er etablierte einen Legitimationszusammenhang, der die Geburt der künftigen Außenpolitik aus dem Geist der Traditionen des Wilden Westens ermöglichte. Insofern war Roosevelt Traditionalist und Modernisierer in einer Person. Im Rahmen seiner Präsidentschaft war er in mehr als einer Hinsicht ein Erneuerer: Kein Präsident vor ihm war in einem Flugzeug geflogen, in einem Auto gefahren oder in einem U-Boot getaucht. Keiner vor ihm hatte ein Telefon zu Hause. Roosevelt war es aber auch, der die politischen Regeln der Regierungskunst für das Washington des 20. Jahrhunderts erfand. Als erster Präsident unternahm er eine Dienstreise ins Ausland, lud einen Afroamerikaner ins Weiße Haus ein und wandte sich an den internationalen Gerichtshof. Es ist also an der Zeit, die Laudatio auf den ersten, wenn auch nicht einzigen Cowboy-Präsidenten in der Geschichte der Vereinigten Staaten noch einmal zu überarbeiten.

Antworten
Schnorrer:

US-Imperialismus und Vasallentum

 
24.03.02 10:53
Der nachstehende Artikel und der Auszug daraus ist vom 30. April 2001. Bemerkenswert daran ist aus heutiger Sicht, daß die USA den Druck offenbar so hoch angesetzt haben, daß keiner mehr "nein" sagen kann. Deshalb glaube ich auch an weitere "Terroranschläge" demnächst, v. a. in deutschland und Frankreich. Man muß die mürrischen Brüder auf Linie zwingen. In UK ist das Thema gegessen: die riskieren offenbar den Staatsbankrott.


www.spiegel.de/spiegel/vor50/0,1518,130633,00.html


"Dann drohte er den Amerikanern und den Engländern. Den Amerikanern: "Das Aufrüstungsprogramm der USA ist für den Westen so ungeheuerlich, daß die Grundlagen der politischen Freiheit und der parlamentarischen Demokratie nicht imstande sein werden, den Schlag auszuhalten." Den Engländern: "ich sage deshalb, daß das 4,7 Milliarden-Pfund-Aufrüstungsprogramm bereits tot ist. Es kann nicht verwirklicht werden, ohne der Wirtschaft Großbritanniens und der Welt unheilbaren Schaden zu tun.""

Antworten
Schnorrer:

Noch ein interessanter Link zum Verständnis

 
24.03.02 11:05
der rücksichtslosen US-Außenpolitik: ich denke mal, die riskieren auch den "Verlust" eines Drittels der Menschheit. Auszug vorab:


Ein amerikanischer Ökonom, C.Fred Bergsten, schrieb z.B. in Foreign Affairs : "Die Einführung des Euro eröffnet die Aussicht auf eine neue, bipolare internationale Wirtschaftsordnung, welche die seit dem Zweiten Weltkrieg bestehende amerikanische Hegemonie ablösen könnte... Der Euro wird aller Wahrscheinlichkeit nach die internationale finanzielle Dominanz des Dollar herausfordern."1 Und ein deutscher Kollege bemerkte in einer Publikation der Friedrich Ebert Stiftung, die Europäische Währungsunion sei "die potentiell gravierendste Herausforderung für die künftige Suprematie der USA: Mit dem Euro erwächst dem Dollar erstmals seit siebzig Jahren ein ernsthafter Konkurrent."2

Das US-Kapital ist nicht bereit, diese Herausforderung passiv hinzunehmen. Es benutzt seine militärische Überlegenheit, um der Bedrohung seiner wirtschaftlichen Dominanz entgegenzuwirken. Das ist die tiefere Logik hinter den Eruptionen des amerikanischen Militarismus, die sich während der vergangenen zehn Jahre stets gesteigert und im Afghanistankrieg ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden haben. Wir können hier die Keime eines Konflikts sehen, der die zukünftige politische Entwicklung zunehmend dominieren wird. Von den Grundtatsachen der Weltwirtschaft her betrachtet ist ein Zusammenstoß amerikanischer und europäischer Interessen absolut unvermeidlich - auch wenn dies momentan nur wenige Politiker oder Kommentatoren offen eingestehen. Und der Kampf um geopolitischen Einfluss und wirtschaftliche Interessen wird vermehrt offen militaristische Formen annehmen. Wir können nicht voraussagen, welche Formen diese Konflikte annehmen werden - ein Bündnis aller europäischen Mächte, mit oder ohne Russland, gegen Amerika; ein erneutes Auseinanderbrechen Europas unter dem Druck Amerikas; ein Bündnis Europas mit Amerika gegen China, Russland oder Indien... Aber wir können mit Sicherheit sagen, dass es keine friedliche Lösung dieser Konflikte geben wird.

www.wsws.org/de/2002/mar2002/ps1-m22.shtml

PS: In US spricht man nicht von Tragödien oder Katastrophen. Es heißt lapidar: "Sir, wir müssen Ihnen Verluste melden"

Antworten
idid:

o. T.

 
24.03.02 11:07


Antworten
Schnorrer:

"Demokratie" gibt es nicht in der US-Verfassung

 
24.03.02 11:31
Die USA verdanken ihre relative Position zur EU der Dummheit der Europäer, die ihr Reichtum im 1. und 2. WK vernichtet haben. Bei ca. 28% des BSP der Welt ziehen die USA einen enormen Nutzen daraus, dass der Dollar in ca. 80% der Transaktionen der Welt als die Weltwährung dient - sie drucken ihren Dollar und bezahlen ihre Importe ohne Risiko einer Inflation in der Rate des Wachstums der Weltwirtschaft. Jeder möchte es so haben, ohne arbeiten zu müssen. Bei 278 Mio. Einwohner wäre es verwunderlich, wenn es dabei nicht grosse kulturelle und wissenschaftliche Errungenschaften gäbe - genauer betrachtet ist in der Glückssträhne der USA nichts besonderes. Schön für die Amerikaner, die EU-Bürger sollen und können sich auch Ideen einfallen lassen.
       

Ich komme aus Polen und bin sonst jedem Volk, freilich auch der USA, freundlich eingestellt. Ich kann jedoch gewisse Realitäten der USA nicht übersehen. So schreibt der Kolumnist der Boston Herald Don Feder am 19.06.91[in: "Asking an impertinent question: How free has democracy made us?",] am 19.06.91: "The founding fathers - being... much wiser then we - understood democracy´s inherent flaws and believed it would begin by attacking men of accomplishment and end in despotism." Weiter schreibt er mit Bejahung, dass der 2. US-Präsident Adams meinte: "Democracy will envy all, contend with all, endeavor to pull all down, and when by chance it happens to get the upper hand for a short time, it will be revengeful, bloody, and cruel." Der andere "father of the American democracy" Thomas Jefferson pflegte die US-Bürger als Pöbel zu sehen ("swinish masses"). Das Wort "Demokratie" erscheint in der deutschen Verfassung mehrmals (ä. sonst in der EU), es kommt aber kein einziges Mal in der US-Unabhängigkeitserklärung oder in der US-Verfassung vor.
       Ausser dem falschen Beispiel, dass Hitler "eine Kreatur des demokratischen Prozesses" gewesen wäre u.ä. wirft er der Demokratie zu kleine Einkommensunterschiede zwischen den Bürgern und gleiches Wahlrecht für jeden vor. Es scheint mir, dass der US-Scepticism der Europäer durch und durch begründet ist: 20% der US-Bürger (und kein einziger Europäer) denkt, dass die Mondlandung nie stattgefunden hätte und nur ein Trick ihrer Regierung wäre (Spiegel TV Doku auf VOX, Fr., 27.07.01). Nur 16% der Deutschen hat keine Ausbildung aber 46% der US-Bürger. Entsprechendes gilt für die Einkommensunterschiede in der EU und in den USA. Es wundert dann nicht, wenn die US-Studien belegen, dass die US-Abgeordneten sich von der Wirtschaft regelmässig kaufen lassen, und die Armen als ohne Lobby nicht einmal zur Wahl gehen - es ist ein geschlossener Kreis der vernachlässigten Bildungsreformen und des Verfalls der US-Demokratie.
       In Konsequenz steigt die Wahrscheinlichkeit der Fehler in der US-Politik enorm. War es etwa nicht ein strategischer Fehler, dass die US-Bürger Jahrzehnte lang die übrigen NATO-Bürger ohrfeigten, indem sie ihre UNO-Beiträge nicht zahlten, sich der UNO mithin nicht unterordneten, aber stets auf UNO-Legitimität ihrer Aktionen beriefen? Ist es nicht ein wiederlicher Fehler, für die US-Bürger aber nur Selbstverständlichkeit, die Welt vor die Altenative "wer nicht für uns ist, der ist gegen uns" zu stellen, anstatt um die Unterstützung zu bitten?

Das was Herr Henryk M. Broder - www.spiegel.de/spiegel/0,1518,168272,00.html - als Anti-Amerikanismus bezeichnet, ist wohl zu einem grossen Teil ein Unbehagen darüber, dass die Irrtümer der US-Politik bis an die Zähne bewaffnet sind. Die EU-Bürger, die Deutschen wissen aus der eigenen Erfahrung, dass dies zu grossen Problemen früher oder später führen muss.
       So, noch relativ harmlos, zitiert Neue Revue während des Kosovo-Krieges einen Finanzexperten: "Der Kosovo-Krieg ist auch ein Krieg gegen den EURO". Den Golf-Krieg liessen sich die US-Bürger zu 88% von den Allierten bezahlen. In diesem Sinne exportieren die US-Bürger ihre im Afghanistan eingesetzte Militärtechnik auch nach ihrem Nato-Partner Deutschland.
       Wenn der Verbot des Folters, die freie Wahl des eigenen Anwalts, Primat der Gerichte über die Willkür der Exekutive u.a. in der US-Verfassung gerecht sind, dann sind sie gerecht unabhängig davon, an wen dieses gerechte Recht angewandt wird. Nach den US-Konservativen ist die US-Verfassung nur ein Schönwetter-Recht, sie verkörpert nur eine Schönwetter-Gerechtigkeit, daher gilt diese Gerechtigket auch nur für die US-Untertanen, nicht aber für die verdächtigten Ausländer.[ Der US-Präsident bringt als Wächter des Rechts seine Gefangene mit Absicht dorthin, wo er meint, das US-Recht nicht gilt - um sie wohl vor vom Recht seines Staates zu schützen? Kann man als Präsident der USA die USA noch mehr lächerlich machen und sogar der internationaler Verachtung aussetzen? Dabei weigert sich der Chef von Enron vor US-Kongress, mit Berufung auf die US-Konstitution, die die Aussageverweigerung als Recht zum Schutz der Unschuldigen definiert, in einer Sache der vermuteten politischen Korruption des Präsidenten Bush und der Geldwäsche-Muster, die auch von Terroristen genutzt werden könnten, auszusagen. Was sind die armen Schlucker von Taliban im Vergleich? Nichts! Dennoch spricht kein US-Recht-Professor von Folter, von den berühmten "sterilen Nadeln" unter den Fingernägel der noch lebenden Enron-Manager. ] Dieser Gerechtigkeitsgedanke ist nicht neu: Nach dem amerikanischen Price Anderson Act von 1961, wenn die Amerikaner, bspw. durch Absturz der nuklearen Weltraumsonde Cassini, Schaden erleiden würden, so würden sie maximal 8,9 Mrd. Dollar Entschädigung bekommen dürfen. Für die Nicht-Amerikaner sind gesetzlich nur höchstens 100 Mio. Dollar vorgesehen.
       Werden jetzt die Spanier bombardiert, da sie sich weigern, die (mutmässlichen?) Terroristen an die "Ein Volk, ein Führer"-Amerikanern auszuliefern, um sie vor dem Folter und der Todesstrafe zu schützen?

Antworten
Schnorrer:

"Selbstlosigkeit" wird belohnt in US. Wer

 
24.03.02 11:49
Verantwortung zeigt, muß ins Gras beißen, frei nach dem alten Motto:

Die alten Zähne wurden schlecht,
man begann, sie auszureissen.
Die neuen kamen gerade recht,
um damit ins Gras zu beißen.

In diesem Sinne:

Der zurückgetretene Enron-Chef Kenneth Lay muss sich in Zukunft keine finanziellen Sorgen machen - zumindest auf dem Papier. Lay stehe laut Arbeitsvertrag eine Abfindung in Höhe von rund 80 Mio. Dollar zu, berichtete der n-tv Partnersender CNN. Voraussetzung sei allerdings, dass er gekündigt wird oder "aus gutem Grund" freiwillig den Konzern verlässt.

Und einen guten Grund hatte der Chef des bankrotten Energiekonzerns schließlich bei seinem Rücktritt angegeben. Die Ermittlungen der Behörden ließen ihm zu wenig Zeit für die Umstrukturierung und Führung des Unternehmens, hatte der 59-Jährige erklärt. Er wolle Enron überleben sehen, und dafür brauche der Konzern jemanden an der Spitze, der sich 100-prozentig auf die Anstrengungen zur Umstrukturierung der Firma konzentrieren könne. Soviel Selbstlosigkeit muss natürlich belohnt werden.

Sollte Lay die Abfindung erhalten, wäre dies ein Schlag ins Gesicht für viele Anleger, die ihre nun wertlosen Enron-Aktien nicht mehr los werden. Doch Experten zufolge ist die Auszahlung der Abfindung keineswegs sicher, denn erst muss abgewartet werden, ob Enron überhaupt zahlen kann. Lay müsse sich in der lange Reihe der Enron-Gläubiger hinten anstellen, hieß es.

Nach gescheiterten Übernahmeverhandlungen mit Dynegy hatte Enron am 2. Dezember Konkurs angemeldet. Im November vergangenen Jahres räumte das Unternehmen ein, dass der Gewinn in den vergangenen vier Jahren um rund 20 Prozent zu hoch angegeben worden war und ein Großteil der Schulden von 15 Mrd. Dollar nicht in den Bilanzen ausgewiesen wurde.

Die größte Pleite in der US-Wirtschaftsgeschichte zieht ihre Kreise bis in die Politik. Enron hatte enge Verbindungen zur Regierung von George W. Bush. Zudem galten Bush und Lay als befreundet. Auch wenn jetzt das Weiße Haus sich beeilte zu erklären, dass sich die beiden nicht sehr nahe gestanden hätten, bezeichnete Bush "Kenny Boy" früher immerhin als seinen Förderer. Im Verlauf seiner politischen Karriere erhielt Bush rund 550.000 Dollar Spenden von Enron.

Andersen-Partner verweigert Aussage

In den Strudel der Ereignisse gerieten auch die Wirtschaftsprüfer von Arthur Andersen. Der Gesellschaft wird vorgeworfen, schon im August 2001 von den Problemen bei Enron gewusst zu haben. Nachdem bekannt wurde, das Andersen-Mitarbeiter Dokumente vernichtet hatten, wurde der zuständige Manager, David Duncan entlassen.

Am Donnerstag nahm der Untersuchungsausschuss des US-Kongresses seine Ermittlungen auf. Mit dem Enron-Fall betraute Manager wiesen alle Schuld von sich und versuchten ihren ehemaligen Kollegen Duncan zu belasten. Duncan habe die Anweisungen zur Aktenvernichtung gegeben, als die Untersuchung gegen Enron eingeleitet wurden, hieß es. Dieser machte indes wie erwartet von seinem Recht Gebrauch, seine Aussage zu verweigern.

Einen traurigen Höhepunkt erreichte der Enron-Skandal am Freitag. Der ehemalige Vice-Chairman des Konzerns, J.Clifford Baxter, beging Selbstmord. Er wurde in Texas in einem Auto aufgefunden
Antworten
Schnorrer:

Enron meldet Konkurs an, und die Nerven liegen

 
24.03.02 12:09
blank. Auszug (USA ist ein einziger Fake, wer wird der "Narr" sein, der auf des Kaisers neue Kleider zeigt?):

Dynegy hatte Mitte November angekündigt, Enron für 8,4 Mrd. Dollar (9,5 Mrd. Euro/18,6 Mrd. Mark) zu kaufen. Dynegy hatte das Angebot aber zurückgezogen, weil Enrons Kreditwürdigkeit von den Banken immer weiter heruntergestuft wurde. In der Klageschrift wirft Enron dem Konkurrenten wegen der geplatzten Übernahme Vertragsbruch vor. Das texanische Unternehmen verlangt von Dynegy zehn Milliarden Dollar Schadenersatz.

Dynegy reagierte empört. Die Klage sei ein Beispiel dafür, dass Enron sich weigere, die Verantwortung für seinen Niedergang zu übernehmen, erklärte das Unternehmen. Dynegy habe Enron 1,5 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt. Trotz der Zusicherung, dass sich die finanzielle Situation Enrons stabilisiert habe, sei das Geld in weniger als drei Wochen verbraucht gewesen, und Enron habe Probleme gehabt nachzuweisen, wohin es geflossen sei, kritisierte Dynegy.




www.handelsblatt.com/hbiwwwangebot/fn/...,482631/SH/0/depot/0/

Antworten
Schnorrer:

Wir leben in der "Last Exit Brooklyn"-Economy.

 
24.03.02 12:22
Ich werde mich auf jeden Fall bis zum Hals verschulden demnächst und erst mal Urlaub machen. Auszug und Link:


Während den neuökonomischen Visionen finaler Krisenüberwindung eher assoziative, ebenso theorie- wie gedächtnislose Verknüpfungen von Momenten des US-Booms der 90er Jahre zugrunde liegen (Scherrer 2001; Evans 2001), gründet Chesnais’ entgegengesetzte Prognose auf der Annahme, dass dem Kapital nunmehr die dauerhafte Etablierung eines auf Finanzanlagen beschränkten, gleichsam kurzgeschlossenen Verwertungszyklus gelungen sei, der ohne den Umweg über produktive Investitionen auskomme und dabei auch noch höhere Renditen abwerfe, begünstigt durch eine autonom wachsende, allgemeine Staatsverschuldung. Im Zeichen einer so begründete "Diktatur der Kreditgeber" (Chesnais 1997, 63) flössen immer weniger Investitionsmittel in ein immer schmaleres Segment der Ökonomie. Demgegenüber stehen bei regulationstheoretischen Autoren wie Boyer und Aglietta und bei Froud u.a. als Vertretern der Neuen Politischen Ökonomie die Auswirkungen der sich verändernden Altersstruktur spätkapitalistischer Industriegesellschaften auf Einkommensverwendung und Ersparnisbildung und die damit verbundenen Kreislaufeffekte im Vordergrund. Während Boyer und Aglietta Tragfähigkeit und Realisierungsbedingungen eines neuen Akkumulationsregimes auszuloten trachten, in dessen Rahmen Einkünfte aus Finanzanlagen anstelle von Arbeitseinkommen zur primären Quelle der Massenkaufkraft avancieren würden (Boyer 1999, Aglietta 2000), stellen Froud u.a. auf die Verselbständigung der sekundären Finanzmärkte für Aktien und Kreditpapiere als "Coupon-Pool" ab, dessen Eigenlogik das Verhalten von Firmen und Haushalten maßgeblich beeinflusse statt - wie ehedem - nur zwischen diesen zu vermitteln (Froud u.a. 2001). Erscheinen im ersten Fall die in mathematische Modelle umgesetzten Abstraktionen reichlich kühn und die Annahmen über Finanzeinkommen als primäre Grundlage der Massenkaufkraft, angesichts der tatsächlichen Verteilung von Finanzanlagen selbst in den USA und Großbritannien (Froud u.a. 2001, 72-79), etwas wirklichkeitsfern, so bleibt bei Froud u.a. der Wirkungsmechanismus undeutlich, über den die neue Regulierungsfunktion des Coupon-Pools letztlich zum Tragen kommen soll.


www.gwdg.de/sofi/frames/publik/mitt29/kaedtler-sperling.htm


Antworten
Auf neue Beiträge prüfen
Es gibt keine neuen Beiträge.


Börsen-Forum - Gesamtforum - Antwort einfügen - zum ersten Beitrag springen
--button_text--