Die Geschichte der Kapitalerhöhung von Deutschlands zweitgrößter Bank sollte eigentlich die einer Trendwende sein: Weg von der Staatsabhängigkeit, hin zu Kapitalstärke und Eigenständigkeit. Stattdessen markiert die Kapitalerhöhung einen weiteren Tiefschlag in der jüngeren Historie der Commerzbank CBK.XE -3,85% .
Mit einem Preis nahe der Schmerzgrenze setzten sich die großen Investoren durch, allen voran der Staat. Das Ergebnis: Ein rekordtiefer Preis von 4,50 Euro je Aktie. Die Anzahl der Aktien wird nahezu verdoppelt, der Anteil der Altaktionäre stark verwässert
Der Abschlag auf den derzeitigen Aktienkurs liegt, selbst um den Wert des Bezugsrechts bereinigt, immer noch bei knapp 40 Prozent. Wieder einmal sind die Aktionäre die Leidtragenden, die seit dem Amtsantritt von Martin Blessing als Vorstandschef bereits einen Kursverlust von mehr als 95 Prozent verkraften mussten.
Doch wie konnte es zu einer Kapitalerhöhung zum Schleuderpreis kommen? Mit dem Gedanken an eine Kapitalerhöhung spielte die Bank bereits im Dezember, als die Aktie anfing, sich von der jüngsten Talfahrt zu erholen. Und die Voraussetzungen schienen gut, als sich die Jahresendrally im neuen Jahr fortsetzte. Im Hoch lag der Kurs bei fast 1,70 Euro.
Doch schon im Februar kam der Abwärtsknick. Als die Commerzbank im März die Kapitalerhöhung offiziell ankündigte, beschleunigte sich die Talfahrt rasant. Inzwischen kostet eine Aktie 9,80 Euro. Ohne die Kapitalzusammenlegung im Verhältnis 10:1, die Blessing wohlweislich zeitgleich eingeleitet hatte, wäre das Papier inzwischen ein Pennystock – und eine Kapitalerhöhung damit laut Statuten gar nicht erst möglich.
Blessings Eile sorgt für Unverständnis
Zu Ende ist der Kursrutsch noch lange nicht. Wenn die Kapitalerhöhung abgeschlossen ist, wird die Aktie vermutlich irgendwo bei rund 7 Euro neu starten. Zurück bleibt ein tiefes Misstrauen: "Der Abschlag ist gewaltig. Daran sieht man, dass der Markt nur begrenzt bereit ist, für neue Commerzbank Aktien zu bezahlen", sagt Jürgen Kurz von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz DSW.
Für einen höheren Bezugspreis fehlten Blessing offenbar auch die Argumente. Nach wie vor ringt die Commerzbank um eine tragfähige Zukunftsstrategie. Und so löblich das Ziel, mit der Kapitalerhöhung die stillen Einlagen des Bundes und der Allianz zurückzuzahlen und das Eigenkapital zu stärken, auch sein mag – das Timing wirft weitere Fragen auf.
„Vielen Investoren war wohl der Grund für die Kapitalerhöhung zum jetzigen Zeitpunkt nicht klar", sagte ein Investmentbanker eines großen ausländischen Instituts. Seiner Meinung nach hätte die Commerzbank durchaus mehr Zeit gehabt, die Eigenkapitalquote durch den Abbau weiterer Risiken zu steigern.
„Auch die Ersparnis auf die stille Einlage ist nicht so hoch", sagt der Banker – will sagen: Unter Zeitdruck war Blessing eigentlich nicht. Durch die Rückzahlung entfallen Kuponzahlungen von jährlich 200 Millionen Euro. Das ist zwar viel Geld für die Commerzbank, die seit Ende 2012 wieder rote Zahlen schreibt. Im Vergleich zum Volumen der Kapitalerhöhung ist der Betrag aber tatsächlich gering.
Doch Blessing wollte nicht noch mehr Zeit verlieren. Er wollte die Rückzahlung der Stillen Einlagen „so schnell wie möglich". Auf der Hauptversammlung bereitete er die Aktionäre auf die neuen Schmerzen vor: „Von Anfang an war klar: Die Stillen Einlagen sind eine temporäre Unterstützung. Das bedeutet, die noch ausstehende Summe muss durch hartes Kernkapital ersetzt werden", sagte der Vorstandschef. Ganz gleichgültig, ob aus erwirtschafteten Gewinnen oder im Rahmen einer Kapitalerhöhung: Es wird stets um Mittel gehen, auf die der Aktionär in der einen oder anderen Weise verzichten muss."
Komplette Fehleinschätzung des Börsenumfelds
Doch offenbar verschätzte sich die Commerzbank bei der Einschätzung des Marktumfelds gewaltig. Die Kauflaune an den Aktienbörsen bedeutet nicht, dass die Anleger ihr Gespür für Risiken verloren haben. Und der Sinn für außergewöhnliche Gelegenheiten funktioniert ebenfalls. Als die Commerzbank ihre Kapitalerhöhung ankündigte, witterten nicht nur einige Hedgefonds gute Geschäfte.
Auch die Großinvestoren erkannten die Dringlichkeit, mit der die Commerzbank ihr Vorhaben vorantrieb und nutzten dies aus, um den Preis zu drücken. Das gilt allen voran für den notorisch klammen Staat. Dieser habe die Commerzbank zwar einst gedrängt, die Dresdner Bank zu übernehmen und trage daher eine Mitschuld an der Schieflage, sagen Beobachter. Bei der Kapitalerhöhung aber sei es ihm vor allem darum gegangenen, nicht zu viel für die neuen Aktien zu bezahlen. Lieber nahm er eine Verwässerung in Kauf. „Der Abschlag, den die Commerzbank dem Staat anbieten musste, sorgte für weiteren Preisdruck", erklärte eine mit der Sache vertraute Person.
Dabei war der Preisdruck angesichts des Kursverfalls ohnehin schon stark. Und ein Zurück gab es für die Commerzbank nach der offiziellen Ankündigung nicht mehr.
Leidtragende sind die Kleinaktionäre. Diejenigen, die der Commerzbank bis heute die Treue halten, müssen fast schon zeichnen, damit ihr Anteil nicht noch weiter schrumpft.
Neben dem Staat und den Kleinanlegern werden auch eine Reihe Hedgefonds bei der Kapitalerhöhung mitziehen – und damit kräftig Gewinne machen. In den vergangenen Wochen haben zahlreiche spekulative Investoren Commerzbank-Aktien leerverkauft, in der Hoffnung, sich bei der Kapitalerhöhung günstig mit neuen Papieren eindecken zu können. Dieses Kalkül ist mit dem jetzt veröffentlichten Schleuderpreis mehr als aufgegangen.