Quelle:news@orf.at
Dass ausgerechnet Deutschland mit seiner stabilen Wirtschaft nun über die Sinnhaftigkeit von Bruttoinlandsprodukt-(BIP)-Kennzahlen diskutiert, hat Signalwert: Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass das BIP nicht der Weisheit letzter Schluss ist, um Wohlstand und Wohlergehen abzubilden. Sogar die EU-Kommission steht offiziell dazu, dass das BIP überhaupt nichts darüber aussagt, wie gut es den Menschen in einem Land geht. Mit Alternativen dazu - etwa der Messung des „Bruttonationalglücks“ in Bhutan oder ähnlichen Vorgaben in Lateinamerika - tut man sich allerdings gerade in Europa schwer. Und in Österreich noch ein bisschen schwerer.
Die Angst vor dem G-Wort
Deutschland hat im Hinblick auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Zahlen, die sich andere in Europa nur wünschen können. Und doch beschäftigt die deutsche Politik gerade die Debatte, was man statt des BIP messen könnte. Denn darüber, dass das BIP nichts über den wirklichen Fortschritt eines Landes aussagt, ist man sich inzwischen einig.
Entzündet hat sich die Debatte in Deutschland an den Vorschlägen einer parlamentarischen Kommission zur „Entwicklung eines ganzheitlichen Wohlstands- beziehungsweise Fortschrittsindikators“, die nun nach zweijährigen Beratungen vorgelegt wurden. Ein Mix aus 20 Faktoren soll Deutschland demnach künftig als Messlatte dienen. Neben Wohlstand sollen auch ökologische und wirtschaftliche Nachhaltigkeit, soziale Ausgewogenheit sowie Bildung und Freiheit gemessen werden.
Deutscher „Wirrwarr“
Schon ab 2014 könnte der neue „Jahreswohlstandsbericht“ erscheinen - vorerst aber ist der Widerstand groß. Die deutschen Grünen und die Linkspartei kritisieren, dass das Messverfahren auf die Wünsche von SPD, CDU/CSU und FDP hingeschrieben worden sei. Wie die Grünen meinen aber auch Experten und NGOs, dass das Messverfahren mit seinem „Wirrwarr“ aus 20 verschiedenen Indikatoren so kompliziert sei, dass es am Ende aussagelos sein werde.
Tatsächlich scheint es so, als habe die deutsche Kommission alles unternommen, damit sie um das eine große Wort herumkommt: Glück. Dabei geht es genau darum, das Glück beziehungsweise die Lebenszufriedenheit der Menschen im Land zu messen: Verfolgt man den Trend der Abkehr vom BIP an seinen Anfang zurück, landet man beim Konzept des „Bruttonationalglücks“ als Staatsgrundlage für das Himalaya-Königreichs Bhutan. Ähnliche Staatsziele haben Ecuador und Bolivien formuliert.
Glück ist ein gutes Geschäft
Bhutans Bruttonationalglück-Konzept klingt weit esoterischer, als es in Wahrheit ist: Die Fragebögen, mit denen das Wohlbefinden der Bürger erhoben wird, würden auch jedem Test der ständig wachsenden und wissenschaftlich immer fundierter arbeitenden Disziplin der „Positiven Psychologie“ standhalten. Dass Regierungen ihre Bürger glücklich machen wollen, braucht dabei nicht einmal edle Motive: Zufriedene Menschen sind ein gutes Geschäft.
Nicht umsonst hält etwa der Glücksforscher Andrew Clark, auf dessen Expertise auch die OECD und die UNO vertrauen, derzeit einen Lehrstuhl an der Pariser Wirtschaftsuni. Er weist in seinen Studien nach, dass zufriedene Menschen mehr und nachhaltigeren Ertrag erwirtschaften. Was nach einer Binsenweisheit klingt, funktioniert auch bis in scheinbar paradoxe Details: Firmen können demnach Lohnkosten sparen und zugleich produktiver werden, wenn sie nur auf eine firmenintern faire Verteilung von Arbeitslast und Löhnen achten.
Was das BIP kann - und was nicht
Paradox ist damit eher, dass die bescheidenen Ansätze zur Glückssuche in Europa mit der Wirtschaftskrise de facto zum Erliegen gekommen sind: In Frankreich und Italien sind entsprechende Vorstöße der 2000er Jahre inzwischen eingeschlafen. In Großbritannien sperrte Premier David Cameron die „Sustainable Development Commission“ zu, die schon ziemlich in Richtung „Bruttonationalglück“ gegangen war. Stattdessen betreut nun das britische Statistikamt das „nationale Wohlergehen“.
Dass das BIP schlicht und einfach keine Aussage über die Entwicklung in einem Land gibt, ist indes inzwischen weithin anerkannt. Es beschreibt nur, welche Waren und Dienstleistungen in einem Land um Geld an Endverbraucher gelangen. Dabei fallen nicht nur ganze Wirtschaftszweige unter den Tisch, sondern vor allem bildet das BIP nicht ab, ob jemand etwas kaufen musste oder wollte, beziehungsweise ob oder welchen Nutzen das Gekaufte für sie oder ihn hatte.
Vergessliches Europa
Ein Umdenken braucht Europa dabei gar nicht - sondern nur die Erinnerung, dass man schon umgedacht hat: Bereits 2007 waren sich EU-Kommission und Rat einig, dass es gerade in der Rezession „umfassendere Indikatoren als den Anstieg des BIP“ brauche, um den richtigen Wirtschaftskurs zu steuern. Die EU-Bürger hätten nicht umsonst das Gefühl, „dass die statistischen Daten an ihrer Wirklichkeit vorbeigehen“. Und man darf hoffen: Den damaligen Plänen zufolge sollten heuer konkrete Gegenvorschläge zum BIP-Kult folgen.
Bereits seit eineinhalb Jahren steht auch die UNO zum Glück: In der Resolution 65/309 ist schriftlich niedergelegt, dass man „anerkennt, dass das BIP seiner Natur nach nicht geschaffen wurde, um das Glück und Wohlergehen von Menschen in einem Land abzubilden und das auch nicht tut“. Unterstützt wurde die Resolution vom überwiegenden Teil der EU-Staaten, von Frankreich und Deutschland abwärts. Österreich zählte nicht zu den Unterstützern der Resolution.
Lukas Zimmer, ORF.at