Bushs riskanter Flirt mit der Atombombe
Die neuen Atombomben-Pläne von Präsident Bush versetzen die Welt in Aufregung. Politiker und Abrüstungsexperten fürchten eine neue atomare Rüstungsspirale. Für das Pentagon werden Nuklearwaffen zur Option im Anti-Terror-Krieg.
Washington - Diplomatische Feinheiten waren noch nie die Sache des amerikanischen Präsidenten George W. Bush. Mal erklärte er Russland zum Feind, obwohl kaum ein Kreml-Herrscher den Amerikanern so wohlgesonnen ist wie Präsident Putin. Dann benannte er den Iran, trotz sichtbarer Fortschritte der dortigen Reform-Politiker, kurzerhand als Mitglied der Achse des Bösen.
Doch was am Samstag bekannt wurde, toppt alles bisher da Gewesene. In einem 56 Seiten langen Geheimbericht hatten Bushs Militärs weitreichende Pläne für einen künftigen Nuklearkrieg ausgearbeitet. Mit neuartigen Mini-Atombomben wollen die Generäle auch in begrenzten Konflikten - etwa in einem Nahostkrieg - die Gegner vernichten. Nukleare Bunker-Bomben sollen helfen, unterirdische Kommandostände und Militärlager zu zerstören, die mittlerweile laut Pentagon von über 70 Staaten angelegt wurden. Sieben Staaten werden kurzerhand zu Atom-Feinden erklärt, ihnen droht im Kriegsfall nukleare Vernichtung. Darunter auch Russland und China, die den US-Präsidenten gerade während des Afghanistan-Krieges unterstützt hatten. Die neuen Pläne, am Samstag durch eine Veröffentlichung der "Los Angeles Times" aufgeflogen und mittlerweile vom Pentagon bestätigt, sorgen mittlerweile in der ganzen Welt für Unruhe. Trotz Versuchen Washingtons, Besorgnisse zu zerstreuen, warnten Abrüstungsexperten am Sonntag vor den Gefahren der neuen Pläne.
"USA will Vorherrschaft in der ganzen Welt"
Der einflussreiche iranische Ex-Präsident Akbar Haschemi Rafsandschani warf den USA am Sonntag vor, eine Politik der Einschüchterung zu betreiben. Auch iranische Zeitungen verurteilten die US-Pläne. Sie zeigten, dass die USA ihre Hegemonie in der Welt durchsetzen wollten, hieß es in der Zeitung "Teheran News".
Auf der Liste von insgesamt sieben Staaten, die mögliche Ziele atomarer Angriffe sein sollen, befinden sich neben Russland und China Länder, die nach US-Auffassung den Terrorismus unterstützen: Nordkorea, Iran, Irak, Syrien und Libyen. Außerdem werden in den Pentagon-Plänen die Einsatzsituationen von bisher einer auf drei erweitert. So sollen sie außer als Vergeltung für einen Angriff mit atomaren, chemischen oder biologischen Waffen, wo dies auch bisher schon geplant war, auch gegen Ziele eingesetzt werden, denen mit konventionellen Waffen nicht beizukommen ist. Daneben wird der Einsatz auch im Fall "überraschender militärischer Entwicklungen" erwogen.
Richtige Antwort auf Bedrohungen des 21.Jahrhunderts
Das US-Verteidigungsministerium suchte am Wochenende Sorgen zu zerstreuen, dass die neuen Pläne die Gefahr von Atomschlägen vermehrten. "Das Verteidigungsministerium arbeitet an Plänen für eine ganze Reihe von Szenarien und unvorhergesehenen Bedrohungen gegen die USA und ihre Verbündeten. Wir tun dies zur Abschreckung solcher Angriffe", erklärte das Pentagon: "Diese Regierung strebt eine mehr differenzierte Breite von Optionen an, um mit Abschreckung gegen die Bedrohung mit Massenvernichtungswaffen vorzugehen". Eine Kombination von "offensiven und defensiven, nuklearen und nicht-nuklearen" Waffen sei notwendig, um mit den Bedrohungen des 21. Jahrhunderts fertig zu werden.
Doch Daryl Kimball, Direktor der Rüstungskontrollvereinigung, erklärte am Samstag, mit der Bedrohung von sieben Staaten, von denen einige neu auf der Liste seien, werde die Möglichkeit des Gebrauchs von Atomwaffen nicht vermindert sondern erhöht.
"Trotz ihrer Ankündigungen, das Nuklear-Arsenal abzubauen, stärkt die Bush-Administration die Nuklear-Schlagkraft sowie den riesigen Rüstungs- und Forschungskomplex für dieses Programm", kritisiert auch Robert Norris, ein Atomwaffenexperte des amerikanischen Natural Resources Defense Council: "Und es sieht so aus, als ob die Bush-Regierung eine neue Rolle für Atomwaffen im Kampf gegen die Achse des Bösen will."
Schwelle für die atomare Verwüstung gefährlich herabgesetzt
Auch der Präsident der Vereinigung Rat für eine lebenswerte Welt, John Isaacs, gab sich besorgt: 56 Jahre lang habe die Welt den Atomwaffengebrauch trotz ernster internationaler Krisen vermieden, sagte er, nun habe die Regierung von Präsident George W. Bush die Schwelle für die atomare Verwüstung gefährlich herabgesetzt.
Nach Angaben des Kongresses wurde den zuständigen Ausschüssen bereits im Januar, wie in den vergangenen Jahren auch, der Nuklearbericht des Pentagons vorgelegt. In Regierungskreisen wurde dazu betont, bei dem Bericht handele es sich lediglich um strategische Überlegungen. Er reflektiere keinesfalls eine geänderte Politik oder mache den Einsatz von Atomwaffen wahrscheinlicher.
Der Vorsitzende des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten im russischen Parlament, Dmitri Rogosin, erklärte, Moskau müsse sich darüber im Klaren sein, dass ein bedeutender Teil der US-Atomwaffen auf russische Ziele gerichtet sei. "Wir müssen unsere eigenen strategischen Schlüsse daraus ziehen", sagte er dem Sender NTW.
© SPIEGEL ONLINE 2002
Die neuen Atombomben-Pläne von Präsident Bush versetzen die Welt in Aufregung. Politiker und Abrüstungsexperten fürchten eine neue atomare Rüstungsspirale. Für das Pentagon werden Nuklearwaffen zur Option im Anti-Terror-Krieg.
Washington - Diplomatische Feinheiten waren noch nie die Sache des amerikanischen Präsidenten George W. Bush. Mal erklärte er Russland zum Feind, obwohl kaum ein Kreml-Herrscher den Amerikanern so wohlgesonnen ist wie Präsident Putin. Dann benannte er den Iran, trotz sichtbarer Fortschritte der dortigen Reform-Politiker, kurzerhand als Mitglied der Achse des Bösen.
Doch was am Samstag bekannt wurde, toppt alles bisher da Gewesene. In einem 56 Seiten langen Geheimbericht hatten Bushs Militärs weitreichende Pläne für einen künftigen Nuklearkrieg ausgearbeitet. Mit neuartigen Mini-Atombomben wollen die Generäle auch in begrenzten Konflikten - etwa in einem Nahostkrieg - die Gegner vernichten. Nukleare Bunker-Bomben sollen helfen, unterirdische Kommandostände und Militärlager zu zerstören, die mittlerweile laut Pentagon von über 70 Staaten angelegt wurden. Sieben Staaten werden kurzerhand zu Atom-Feinden erklärt, ihnen droht im Kriegsfall nukleare Vernichtung. Darunter auch Russland und China, die den US-Präsidenten gerade während des Afghanistan-Krieges unterstützt hatten. Die neuen Pläne, am Samstag durch eine Veröffentlichung der "Los Angeles Times" aufgeflogen und mittlerweile vom Pentagon bestätigt, sorgen mittlerweile in der ganzen Welt für Unruhe. Trotz Versuchen Washingtons, Besorgnisse zu zerstreuen, warnten Abrüstungsexperten am Sonntag vor den Gefahren der neuen Pläne.
"USA will Vorherrschaft in der ganzen Welt"
Der einflussreiche iranische Ex-Präsident Akbar Haschemi Rafsandschani warf den USA am Sonntag vor, eine Politik der Einschüchterung zu betreiben. Auch iranische Zeitungen verurteilten die US-Pläne. Sie zeigten, dass die USA ihre Hegemonie in der Welt durchsetzen wollten, hieß es in der Zeitung "Teheran News".
Auf der Liste von insgesamt sieben Staaten, die mögliche Ziele atomarer Angriffe sein sollen, befinden sich neben Russland und China Länder, die nach US-Auffassung den Terrorismus unterstützen: Nordkorea, Iran, Irak, Syrien und Libyen. Außerdem werden in den Pentagon-Plänen die Einsatzsituationen von bisher einer auf drei erweitert. So sollen sie außer als Vergeltung für einen Angriff mit atomaren, chemischen oder biologischen Waffen, wo dies auch bisher schon geplant war, auch gegen Ziele eingesetzt werden, denen mit konventionellen Waffen nicht beizukommen ist. Daneben wird der Einsatz auch im Fall "überraschender militärischer Entwicklungen" erwogen.
Richtige Antwort auf Bedrohungen des 21.Jahrhunderts
Das US-Verteidigungsministerium suchte am Wochenende Sorgen zu zerstreuen, dass die neuen Pläne die Gefahr von Atomschlägen vermehrten. "Das Verteidigungsministerium arbeitet an Plänen für eine ganze Reihe von Szenarien und unvorhergesehenen Bedrohungen gegen die USA und ihre Verbündeten. Wir tun dies zur Abschreckung solcher Angriffe", erklärte das Pentagon: "Diese Regierung strebt eine mehr differenzierte Breite von Optionen an, um mit Abschreckung gegen die Bedrohung mit Massenvernichtungswaffen vorzugehen". Eine Kombination von "offensiven und defensiven, nuklearen und nicht-nuklearen" Waffen sei notwendig, um mit den Bedrohungen des 21. Jahrhunderts fertig zu werden.
Doch Daryl Kimball, Direktor der Rüstungskontrollvereinigung, erklärte am Samstag, mit der Bedrohung von sieben Staaten, von denen einige neu auf der Liste seien, werde die Möglichkeit des Gebrauchs von Atomwaffen nicht vermindert sondern erhöht.
"Trotz ihrer Ankündigungen, das Nuklear-Arsenal abzubauen, stärkt die Bush-Administration die Nuklear-Schlagkraft sowie den riesigen Rüstungs- und Forschungskomplex für dieses Programm", kritisiert auch Robert Norris, ein Atomwaffenexperte des amerikanischen Natural Resources Defense Council: "Und es sieht so aus, als ob die Bush-Regierung eine neue Rolle für Atomwaffen im Kampf gegen die Achse des Bösen will."
Schwelle für die atomare Verwüstung gefährlich herabgesetzt
Auch der Präsident der Vereinigung Rat für eine lebenswerte Welt, John Isaacs, gab sich besorgt: 56 Jahre lang habe die Welt den Atomwaffengebrauch trotz ernster internationaler Krisen vermieden, sagte er, nun habe die Regierung von Präsident George W. Bush die Schwelle für die atomare Verwüstung gefährlich herabgesetzt.
Nach Angaben des Kongresses wurde den zuständigen Ausschüssen bereits im Januar, wie in den vergangenen Jahren auch, der Nuklearbericht des Pentagons vorgelegt. In Regierungskreisen wurde dazu betont, bei dem Bericht handele es sich lediglich um strategische Überlegungen. Er reflektiere keinesfalls eine geänderte Politik oder mache den Einsatz von Atomwaffen wahrscheinlicher.
Der Vorsitzende des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten im russischen Parlament, Dmitri Rogosin, erklärte, Moskau müsse sich darüber im Klaren sein, dass ein bedeutender Teil der US-Atomwaffen auf russische Ziele gerichtet sei. "Wir müssen unsere eigenen strategischen Schlüsse daraus ziehen", sagte er dem Sender NTW.
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