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EXPRO
Frisches Kapital stärkt die Branche gegenüber Pharmaunternehmen
Biotech-Industrie steht in USA vor Wachstumsschub
SIEGFRIED HOFMANN
Die Turbulenzen an den Wachstumsbörsen sind auch am Biotech-Sektor nicht vorbei gegangen. Operativ und finanziell geht es der Branche aber besser denn je. Experten rechnen mit einem Schub.
HANDELSBLATT, 16.11.2000 BERLIN. Die Biotech-Industrie wird in den kommenden Jahren eine neue Größenordnung erreichen und sich zu einem der dynamischsten Wirtschaftszweige entwickeln. Diese Erwartung äußerten Manager aus der Branche und Experten auf der Konferenz Bio-Europe in Berlin. Damit werde die Branche auch die starke Aufwertung rechtfertigen, die sie im ersten Halbjahr 2000 an der Börse erlebte.
Vor allem in Amerika dürfte sich die Expansion bereits in den kommenden Jahren in deutlich steigenden Umsätzen und Erträgen niederschlagen, schätzt Scott Morrison, der Leiter der Life Science Gruppe bei der Prüfungs- und Beratungs-Gruppe Ernst & Young. Er geht davon aus, dass die US-Biotech-Industrie als Ganzes in drei bis fünf Jahren die Gewinnschwelle erreichen kann. Bisher erwirtschaftet der Sektor sowohl in Europa als auch in den USA hohe Verluste.
Doch Fortschritte in der Forschung sowie enorme Zuflüsse an Finanzmitteln werden für den entscheidenden Schub sorgen. Über Börsengänge oder Kapitalerhöhungen sind nach Daten von Ernst & Young der Branche bis Ende September rund 27 Mrd. $ zugeflossen. Für das Gesamtjahr erwarten die Experten eine Summe von mehr als 30 Mrd. $ für die US-Biotech-Industrie. Das ist mehr als in den vergangenen fünf Jahren zusammen.
Die drastisch gesteigerte Finanzkraft versetzt die Unternehmen in die Lage, ihre Entwicklungsprojekte in weitaus stärkerem Maße in eigener Regie voranzutreiben und zu vermarkten. In der Vergangenheit waren Biotech-Unternehmen auf Grund ihrer Finanzknappheit darauf angewiesen, neue Pharmawirkstoffe an die großen Arzneimittelhersteller "auszulizenzieren". Dadurch sei das Umsatzwachstum stark gebremst worden, betont Morrison. Viele der wichtigsten Biotech-Medikamente werden bisher von etablierten Pharmafirmen vermarktet. Auch 1999 fiel das Umsatzplus der US-Biotechindustrie daher mit 10 % noch vergleichsweise bescheiden aus.
Dies dürfte sich in den kommenden Jahren jedoch drastisch ändern. Morrison schätzt, dass im Laufe der Dekade ein bis zwei Dutzend Unternehmen eine Größe erreichen werden, wie sie heute bereits die beiden Biotech-Pioniere Amgen und Genentech aufweisen. Zu den Kandidaten zählt er etwa Immunex oder Human Genome Sciences.
Gestützt wird diese Erwartung von der Zahl der Wirkstoffkandidaten. Laut Ernst & Young hat die US-Biotech-Industrie inzwischen rund 1 300 Produkte in der Entwicklung, davon rund 280 in fortgeschrittenen klinischen Prüfungen. Und dieses Produktportfolio wird in den kommenden Jahren dank der Genomforschung und anderer Technologien kontinuierlich größer. "Wir befinden uns an der Schwelle zu einer Explosion der Biotech-Pipeline", prognostiziert Morrison.
Gleichzeitig wächst die Branche über Pharma hinaus immer intensiver mit anderen Life-Science-Bereichen sowie mit der Informationstechnologie zusammen. Diese Entwicklung drängt insbesondere die etablierten Pharmahersteller in die Defensive. Denn die Kosten für den "Einkauf" neuer Produkte werden nach Erwartung von Biotech-Experten steigen. "Schnäppchen werden sie so leicht nicht mehr finden", so Morrison.
Mit der deutlich gestiegenen Finanzkraft im Rücken suchen Biotech-Unternehmen inzwischen verstärkt die Kooperation innerhalb der Branche. Auch Übernahmen und Fusionen zwischen Biotech-Unternehmen werden in den kommenden Jahren wieder stark zunehmen, erwartet Ernst & Young. Dieser Trend beeinflusst inzwischen auch die deutschen und europäischen Biotechunternehmen. Zuletzt erwarb zum Beispiel die Münchner Medigene AG die amerikanische Firma Neurovir. Mehr als ein Drittel der deutschen Biotech-Unternehmen strebten derzeit Partnerschaften oder Zukäufe im Ausland an, berichtet E&Y-Vorstandsmitglied Alfred Müller.
HANDELSBLATT, Donnerstag, 16. November 2000
EXPRO
Frisches Kapital stärkt die Branche gegenüber Pharmaunternehmen
Biotech-Industrie steht in USA vor Wachstumsschub
SIEGFRIED HOFMANN
Die Turbulenzen an den Wachstumsbörsen sind auch am Biotech-Sektor nicht vorbei gegangen. Operativ und finanziell geht es der Branche aber besser denn je. Experten rechnen mit einem Schub.
HANDELSBLATT, 16.11.2000 BERLIN. Die Biotech-Industrie wird in den kommenden Jahren eine neue Größenordnung erreichen und sich zu einem der dynamischsten Wirtschaftszweige entwickeln. Diese Erwartung äußerten Manager aus der Branche und Experten auf der Konferenz Bio-Europe in Berlin. Damit werde die Branche auch die starke Aufwertung rechtfertigen, die sie im ersten Halbjahr 2000 an der Börse erlebte.
Vor allem in Amerika dürfte sich die Expansion bereits in den kommenden Jahren in deutlich steigenden Umsätzen und Erträgen niederschlagen, schätzt Scott Morrison, der Leiter der Life Science Gruppe bei der Prüfungs- und Beratungs-Gruppe Ernst & Young. Er geht davon aus, dass die US-Biotech-Industrie als Ganzes in drei bis fünf Jahren die Gewinnschwelle erreichen kann. Bisher erwirtschaftet der Sektor sowohl in Europa als auch in den USA hohe Verluste.
Doch Fortschritte in der Forschung sowie enorme Zuflüsse an Finanzmitteln werden für den entscheidenden Schub sorgen. Über Börsengänge oder Kapitalerhöhungen sind nach Daten von Ernst & Young der Branche bis Ende September rund 27 Mrd. $ zugeflossen. Für das Gesamtjahr erwarten die Experten eine Summe von mehr als 30 Mrd. $ für die US-Biotech-Industrie. Das ist mehr als in den vergangenen fünf Jahren zusammen.
Die drastisch gesteigerte Finanzkraft versetzt die Unternehmen in die Lage, ihre Entwicklungsprojekte in weitaus stärkerem Maße in eigener Regie voranzutreiben und zu vermarkten. In der Vergangenheit waren Biotech-Unternehmen auf Grund ihrer Finanzknappheit darauf angewiesen, neue Pharmawirkstoffe an die großen Arzneimittelhersteller "auszulizenzieren". Dadurch sei das Umsatzwachstum stark gebremst worden, betont Morrison. Viele der wichtigsten Biotech-Medikamente werden bisher von etablierten Pharmafirmen vermarktet. Auch 1999 fiel das Umsatzplus der US-Biotechindustrie daher mit 10 % noch vergleichsweise bescheiden aus.
Dies dürfte sich in den kommenden Jahren jedoch drastisch ändern. Morrison schätzt, dass im Laufe der Dekade ein bis zwei Dutzend Unternehmen eine Größe erreichen werden, wie sie heute bereits die beiden Biotech-Pioniere Amgen und Genentech aufweisen. Zu den Kandidaten zählt er etwa Immunex oder Human Genome Sciences.
Gestützt wird diese Erwartung von der Zahl der Wirkstoffkandidaten. Laut Ernst & Young hat die US-Biotech-Industrie inzwischen rund 1 300 Produkte in der Entwicklung, davon rund 280 in fortgeschrittenen klinischen Prüfungen. Und dieses Produktportfolio wird in den kommenden Jahren dank der Genomforschung und anderer Technologien kontinuierlich größer. "Wir befinden uns an der Schwelle zu einer Explosion der Biotech-Pipeline", prognostiziert Morrison.
Gleichzeitig wächst die Branche über Pharma hinaus immer intensiver mit anderen Life-Science-Bereichen sowie mit der Informationstechnologie zusammen. Diese Entwicklung drängt insbesondere die etablierten Pharmahersteller in die Defensive. Denn die Kosten für den "Einkauf" neuer Produkte werden nach Erwartung von Biotech-Experten steigen. "Schnäppchen werden sie so leicht nicht mehr finden", so Morrison.
Mit der deutlich gestiegenen Finanzkraft im Rücken suchen Biotech-Unternehmen inzwischen verstärkt die Kooperation innerhalb der Branche. Auch Übernahmen und Fusionen zwischen Biotech-Unternehmen werden in den kommenden Jahren wieder stark zunehmen, erwartet Ernst & Young. Dieser Trend beeinflusst inzwischen auch die deutschen und europäischen Biotechunternehmen. Zuletzt erwarb zum Beispiel die Münchner Medigene AG die amerikanische Firma Neurovir. Mehr als ein Drittel der deutschen Biotech-Unternehmen strebten derzeit Partnerschaften oder Zukäufe im Ausland an, berichtet E&Y-Vorstandsmitglied Alfred Müller.
HANDELSBLATT, Donnerstag, 16. November 2000