"Unser Depot weißt nach nur zwölf Monaten einen Gewinn von über 2000 Prozent auf", heißt es auf der Homepage eines bekannten Börsenbriefs. Zwei Seiten weiter findet man die Abo-Preise mit Bestellmöglichkeit. Ist das nicht, wovon Sie immer geträumt haben? Sie bestellen sich einen Börsenbrief für ein paar Hundert Mark im Monat und verdienen damit Millionen.
Kurze Rechnung: Wenn Sie mit 10.000 Mark starten, haben Sie bei einer Performance von 2000 Prozent nach einem Jahr 200.000 Mark, nach zwei Jahren 4.000.000 Mark und nach einigen Jahren reichen mit Sicherheit die Stellen auf dem Kontoauszug nicht mehr. Die übliche Frage, die bei solchen Rechnungen aufkommt, zielt meist darauf ab, warum denn der so clevere Briefeschreiber sein Know How nicht einfach an der Börse nutzt, anstatt für ein paar hundert Mark pro Abonnent Briefe zu schreiben.
Es geht uns an dieser Stelle nicht darum, die Realitätsnähe der angegebenen Wertzuwächse näher zu beleuchten. Mit entsprechend spekulativen Instrumenten (zum Beispiel kurzlaufenden Optionsscheinen) und halsbrecherischen MoneyManagement (zum Beispiel 90 bis 100 Prozent Investitionsquote, Reinvestition aller Gewinne, wenig Streuung) sind solche Gewinne durchaus zu erzielen.
Vielmehr stellen wir uns die Frage, welchen Wert sie für den Durchschnittsanleger haben. Hier muss man durchaus differenzieren. Börsenbriefe der Marke "kaufen Sie Aktien xy jetzt", die oft auf Kaufbegründungen und nähere Erläuterungen verzichten, halten wir für wertlos bis gefährlich. Der Anleger folgt hier blind der Strategie eines angeblichen Profis und hat keinerlei eigene Einstellung zu den Investments.
Wie in vielen anderen Lebensbereichen sind gerade Fehler und die Erkenntnisse daraus ein wichtiger Grundstein für künftigen Erfolg. Doch welche Lehre zieht man aus einem Fehler, den man eigentlich nicht selbst begangen hat und dessen Grundlage - eine Kaufentscheidung - man auch nicht nachvollziehen kann?
Es gibt natürlich auch Börsenbriefe, die sehr viel Wert darauf legen, dass die Leser verstehen, warum eine Aktie gekauft oder verkauft wird. Leider ist das noch lange kein Qualitätskriterium, denn auch hier werden oft halsbrecherische Strategien verfolgt. Allerdings kommen diese Briefe unserer Philosophie von Nutzen eines solchen Mediums wesentlich näher. Der Anleger hat die Möglichkeit, eine Stratgie über einen längeren Zeitraum nachzuvollziehen, zu verstehen und dann für sich selbst zu entscheiden, wie brauchbar sie ist.
Wie findet man nun einen halbwegs brauchbaren Börsenbrief?
Kosten: Noch ist das Angebot an kostenlosen Börsenbriefen im Internet so groß, dass man aus unserer Sicht für diese Dienstleistung keine hohen Beträge (über 200 Mark pro Jahr) bezahlen sollte.
Performance: Hier sollte man sich nicht auf die Suche nach dem reißerischsten Versprechen begeben. Die erfolgreichen Börsenbriefe haben es nicht nötig, mit utopischen Performanceangaben auf Abonenntenfang zu gehen.
Historie: Wenn man für einen Brief bezahlt, sollte dieser zumindest auf eine aussagekräftige Historie verweisen können. Bei guten Briefen kann man oft Ausgaben aus der Vergangenheit kostenlos bekommen, um sich ein Bild von der Qualität machen zu können.
Offenheit: Briefe, die ihre Strategie als "super-geheim" preisen und ihnen deshalb keine Details über den Inhalt verraten, sollten Sie skeptisch machen. Sie haben das Recht, vorher zu erfahren, wofür sie künftig Geld bezahlen sollen.
Strategie: Sie sollten genau hinterfragen, ob in dem Brief eine durchgängige Strategie verfolgt wird und ob diese auch für den Leser verständlich und nachvollziehbar vermittelt wird.
Fazit: Wir halten nichts vom blinden "nachtraden" der Entscheidungen eines Börsenbriefs. Ein Börsenbrief kann jedoch zur Ausbildung eines Börsianers beitragen, in dem er Strategien oder Elemente daraus vorstellt, die für das eigene Handel übernommen oder adaptiert werden können.
Quelle: www.finanzburg.de/es_brief.html