Hi Spieler83,
freut mich, dass wenigstens einer die Diskussion auffasst! Dein Text in "Anführungszeichen" meiner ohne. Viel Spaß! Hoffe du bist morgen fertig mit lesen habe schon wieder einen kleinen Roman geschrieben.
Wehe du liest das nicht.
"Grundsätzlich gebe ich dir recht, halte auch nicht allzuviel von Chartanalyse."
Soweit so gut!
"Allerdings ist sie auch nicht komplett zu vernachlässigen da eben viele, vor allem professionelle Anleger (die mit der dicken Kohle) sich danach richten. Diese Geldsäcke (Vermögensverwalter, Bankinstitute) drücken auch nicht selbst auf den Kauf-/Verkaufsknopf. Da sind Käufe/Verkäufe meistens automatisiert - werden also bei bestimmten Chartmarken computertechnisch ausgelöst. Somit kann man das nicht ganz vernachlässigen denn an der Börse sind nicht nur Fundamentaldaten wichtig sondern auch Angebot und Nachfrage... wenn jetzt viele verkaufen dann gehts eben runter auch wenn das Unternehmen grundsätzlich gut aufgestellt ist."
Gebe ich dir in soweit Recht, dass wenn der Gesamtmarkt fällt eben auch die Aktienkurse sinken, die zuvor stark waren. Paradoxerweise flüchten sich die Anleger dann haeufig in Aktienkurse, die zuvor nicht so gut gelaufen sind.
Und dennoch: Jede Investmentbank stützt sich zum großen Teil auf die Fundamentalanalyse. Ohne Fundamentalanalyse kann doch kein Anleger wissen, ob er gerade zu einem günstigen Kurs Microsoft gekauft hat oder nicht. Die Chartanalyse spiegelt lediglich das Verhalten der Anleger wider. Und jetzt der Knackpunkt anhand eines fiktiven Beispiels:
Privatanleger A hat 10.000 € gespart und überlegt nun ob er mit diesen 10.000 € Microsoft Aktien erwerben soll um sein Portfolio zu erweitern. Anleger A kennt sich nicht mit der Fundamentalanalyse aus und betrachtet deshalb lieber den Chart. Aus dem Chart liest er ab, dass die Microsoftaktie (fiktiv) in den letzten drei Monaten (Januar bis Maerz) insgesamt um 15% gesunken ist. Der Abwaertstrend ist genau nach der Veröffentlichung der letzten Quartalszahlen eingetreten, welche die Erwartungen der Börse unterschritten haben.
Viele Unterstützungslinien der Microsoftaktie wurden nach unten durchbrochen. Jedoch im Monat Maerz erkennt Anleger A, dass der Abwaertstrend deutlich abgebaut hat. Der Monat Maerz machte lediglich -1% des Aktienrückgangs von insgesamt -15% aus. Anleger A sieht dies als Anzeichen günstig an Microsoft Aktien zu gelangen und investiert die 10.000 €. Anleger A ist sich sicher, dass der Kurs wieder in Kürze um 15 % steigen wird.
Das tatsächliche Problem besteht darin, dass Anleger A gar nicht weiß, ob die Aktie momentan wirklich günstig bewertet ist oder ob sich der Unternehmenswert nachhaltig verringert hat. Das Prinzip: Was gefallen ist steigt auch wieder funktioniert so nicht.
"Außerdem kommt ein gewisser Anteil am BÖRSENKURS auch aus dem Segment: Zukunft, Phantasie, Hoffnung - GERADE bei Biotechs.
Aktuelles Beispiel Gilead - Supertolles Unternehmen. Aber Aktienkurs bricht gerade ein weil ein billigeres Konkurrenzprodukt auf den Markt kommt bei Heparitis C (Sovaldi) - Weil man in der Zukunft denkt, dass Gilead weniger Umsatz macht. Ist aber noch nicht eingetroffen. kann sein, muss nicht - was ist jetzt mit deiner Analyse???"
Bei der Fundamentalanalyse können die Zukunftsaussichten z. B. durch die Discounted Cashflow-Methode (DCF-Verfahren) angepasst werden. Genauer wird auf Basis der vergangenen Jahre und der Zukunftsaussichten (Im Lagebericht und im Anhang des Jahresabschlusses bzw. im Quartals- Bericht aber auch durch seriöse Ad-Hoc-Berichte finden sich immer detaillierte Angaben über die Chancen und Risiken des Unternehmens) die zukünftigen Free Cash Flows (FCF) berechnet und abgezinst. Dazu sind nur wenige Umformungen der Kapitalflussrechnung (Im Jahres- bzw. Quartalsbericht) notwendig. Der Umsatz ist nur bedingt aussagefähig. Auch bei einem größeren Umsatzrückgang kann der Unternehmenswert steigen indem z. B. die Kapitalkosten gesenkt werden. Durch neue Investitionen kann dann dem Umsatzrückgang entgegengetreten werden. Es ist immer nur die Frage, wie das Management reagiert und das sieht man nicht im Chart sondern in der Fundamentalanalyse 4 x jährlich. Zwischenzeitlich können Ad-Hoc-Berichte wichtige Informationen liefern, die in die Fundamentalanalyse eingearbeitet werden können.
Hoffnung gehört meiner Meinung nach nicht in ein Anlagekonzept an der Börse. Hoffnung ist etwas für Träumer. Und trotzdem hast du Recht, dass diese Hoffnung sich immer wieder in den Aktienkursen wiederfindet. Und genau deshalb ist es doch so wichtig für Privatanleger zu wissen, ob es sich bei einem Börsenunternehmen um eine Aktie handelt, deren Marktkapitalisierung in der Höhe berechtigt ist oder ob der Kurs zu 80% aus Hoffnung besteht. Der reine Chartanalyst hat NULL Kenntnisse davon. Er verlässt sich auf die Mehrheit der Anleger die sich im Chart wiederfindet. Aber die Mehrheit der Anleger an der Börse gewinnt langfristig nie.
Ich tausche außerdem dein Wort "Phantasie" gegen "Innovationen durch Investitionen". Ich denke das meinst du damit. Phantasie hat genauso wenig an der Börse zu suchen wie Hoffnung. Das waere pures zocken. Klar kann man das mal mit einer kleinen Aktienposition tun aber jmd der sich sein ganzes Portfolio damit zu ballert ist ein Spieler und kann genauso gut Roulette im Casino zocken. Innovationen hingegen sind wichtig und diese werden durch den Mittelfluss aus Investitionen angegeben (Teil der zuvor erwähnten Kapitalflussrechnung). Besonders wichtig sind die Investitionen (auch Kosten) für Forschung und Entwicklung. Erwirtschaftet das Unternehmen dauerhaft genug um eine jährl. Dividende zu zahlen, Schulden zu tilgen und Investitionen zu tätigen ist dies i. d. R. ein gutes Zeichen und wird sich in der Zukunft auszahlen.
"Der Markt ist viel komplexer als deine "Fundamentalanalyse" gerade bei biotechs... Da kannst du deine Analyse sowieso Kübeln. 1 erfolgreiches Medikament, das auf den Markt kommt und deine Analyse ist für den A****. Ein Fail in der Phase 3 und ab in den Keller mit den Kurs... Fund.Anal. hin oder her.
Weil eben viel Zukunft im Kurs liegt."
Aber so ist es doch in jeder Branche. Guck dir mal an was z. B. aus Blackberry geworden ist, als Smartphones auf den Markt kamen. Und warum ist Blackberry damals von 150 auf 5 gesunken? Weil nicht genügend Innovationskraft vorhanden war bzw. nicht ausreichend bzw. falsch investiert wurde. Das Management hat versagt. Das kannst du genauestens aus den Fundamentaldaten ablesen. Auch Fundamentaldaten dürfen natürlich nicht statisch gesehen werden. Erhöht sich das Unternehmensrisiko plötzlich (wie in deinem Bsp. von Gilead), muss natürlich auch die Fundamentalanalyse entsprechend angepasst werden, indem z. B. die Wachstumsraten der zuvor erwähnten FCF für die kommenden Jahre wieder geringer eingestuft werden.
"Weiß auch nicht genau was du uns mit deinem nicht nach den Markt richten sagen willst. Ich verkaufe lieber bei einem Überproportionalen Kursanstieg - auch wenn ich ein paar Prozente verpasse. Was bringt mir die besten Fundamentaldaten wenn gerade eine Bank crashed und die Börse kollabiert?? Ich sag dir was es dir/mir bringt: ein fettes MINUS im Portfolio. Da kannst due Fund.daten verbrennen."
Damit will ich nur sagen: Setze nicht blindlings auf Aktien ohne ihren tatsächlichen Wert zu kennen. Nutze die Fundamentalanalyse zu deinem Vorteil. Suche deine Investments gut aus. Kauf sie, wenn sie fundamental günstig bewertet sind und verkauf sie, wenn der Wert fundamental nachhaltig gesunken ist und lass die Finger von Müll-Aktien wie Zalando.
Bin mal gespannt wieviel neues Kapital im nächsten Quartal verbrannt wird.
Bei ALLEN Kursrückgängen kannst du dich LANGFRISTIG gesehen entspannt zurücklehnen, wenn du den Fundamentalwert deiner Aktien kennst und dieser nicht aktuell gefährdet ist. Denn es gibt keinen rationalen Grund, warum deine Aktien sinken. Panikmacherei.
Bei einem wirklichen Börsencrash wird es natürlich trotzdem eine zeitlang dauern bis die Kurse wieder steigen. Deine Aktien werden sich aber am schnellsten erholen, weil sie die wertvollsten sind. In solchen Zeiten trennt sich meist die Streu vom Weizen und fundamentalschwache Unternehmen sinken sehr viel staerker und schneller. Denke wie ein Bänker bzw. Investmentbänker. Wenn sich ein Unternehmen Geld von einer Bank leiht reicht es der Bank auch nicht aus lediglich die Umsatzkurve der letzten 5 Jahre zu sehen. Die wollen auch die Jahresabschlüsse und Zwischenjahresberichte einsehen um das Risiko abzuschätzen die Kohle wieder zu erhalten. Das gilt natürlich auch für nicht börsennotierte Unternehmen. Gesellschafter (Eigenkapitalgeber) müssen noch kritischer auf die Zahlen schauen, da sie eine höhere Rendite als den Marktzins erwarten (Tragen höheres Risiko). Dies sind neben den potentiellen Kursgewinnen die jährlichen Dividendenausschüttungen. Die Fundamentalanalyse ist Pflicht.
Gewinne sollte man von Zeit zu Zeit mitnehmen da gebe ich dir Recht. Dazu nehme gerne Trailing-Stop-Orders, welche die Stop-Limit/Loss automatisch nachziehen wenn der Kurs steigt. So kann man immer sicher sein nach vorherigen Kurssprüngen, nicht vom Markt ausgestoppt zu werden und am Ende den Gewinn wieder verloren zu haben.
"Außerdem kannst DU keine richtige Analyse anstellen, das behaupte ich mal. Du siehst immer nur vergangenheitsbezogene Daten (bilanz). Du hast nur wenig Einsicht in die Zukunft. Das Unternehmen kann auch einiges verschleiern - du kannst nicht alles aus einer Bilanz lesen. Da gibts viele Tricks die wir/du nie und nimmer herauslesen können."
Doch kann ich und es ist nicht schwer. In der Regel geht es lediglich um die Bilanzierung und Gestaltung des Jahresabschlusses nach IFRS bzw. USGAAP. Dies sind internationale Rechnungslegungsstandards die geschaffen wurden, um eine höhere Vergleichbarkeit börsennotierter Unternehmen zu gewährleisten. Trotzdem, da hast du auch Recht, können sich die Berechnungsmethoden der Kennzahlen im Jahresabschluss voneinander unterscheiden. Wie genau sie berechnet werden ist im Anhang des Jahresabschlusses erklärt. Es ist aber nicht notwendig alle Positionen so umzuformen, dass sie dem Standard entsprechen. Es gibt mehrere Möglichkeiten den Unternehmenswert zu berechnen. Das ist alles kein Hexenwerk und kann auch ohne BWL-Studium erlernt werden. Zwei-Drei gute Bücher reichen dafür aus um den Gesamtzusammenhang zu verstehen. Bei Bedarf kann ich gerne Top-Literatur empfehlen.